Das geheime Frankreich von Nils Minkmar

Nils Minkmar hat einen unschlagbaren Vorteil für dieses Buch – er kennt beide Seiten, die deutsche und die französische. Immer wieder verknüpft er eigene Geschichte und die seiner Familie mit seiner Schilderung von Französinnen und Franzosen. So schafft er einen Einblick in die nationale Identität unserer westlichen Nachbarn, ohne dass es in die eine oder andere Richtung chauvinistisch wird. Die Art und Weise, wie man in Frankreich miteinander kommuniziert, öffentlich oder privat, hat, so Nils Minkmar, eine lange Tradition. Das ist nicht immer gut. Aber es geht nicht einfach weg. Wandel vollzieht sich langsam – sprachlich und mental.

Was genau erzählt Nils Minkmar?

Ins Einzelne zu gehen, ist schwierig, denn Nils Minkmar erzählt sehr assoziativ. Er erzählt vom Alltag, vom Essen, von Politik und Literatur, von der Stellung der Frau und dem Geschlechterverhältnis – eigentlich streift er alle aktuellen Themen. Dabei macht er deutlich warum Entscheidungsfindungen oder Entwicklungen in Frankreich so verlaufen, wie sie es nun einmal tun. Dabei ist er sehr anschaulich, oft konkret und – ich sag das mit gebotener Vorsicht, weil ich selbst nicht so drin bin – sehr informiert. Die fünf Kapitel seines Buches kommen wie assoziative Plaudereien daher. In Erinnerung bleiben mir die Seiten über das Restaurant-Buch seines Großvaters: ein Adressbuch mit Hinweisen auf Restaurants, die er teils gar nicht besucht hatte, die aber eine kulinarische Reise durch ein Frankreich ermöglichen (oder ermöglicht haben, wer weiß, welche Lokale noch da sind …), in dem gutes Essen mehr bedeutet, als satt zu werden. Hinter guter Küche, bodenständig wie auch anders, steht eine Einstellung zum Leben und den Zutaten, die eben genau das ist: französisch..

Der Untertitel „Geschichten aus einem freien Land“ zeigt die Stoßrichtung dieser Essays; Nils Minkmar deckt die Regeln in der französischen Gesellschaft auf mitsamt den Möglichkeiten, von ihnen abzuweichen. Frankreich als Land der Freiheit, das ist sein Tenor.

In dem Kapitel über die Rolle der Frauen kommt Niels Minkmar auch auf die beiden großen Symbolgestalten Frankreichs zu sprechen:

Frankreich hat gleich zwei weibliche Symbolfiguen: Jeanne d’Arc, also Johanna von Orléans, und Marianne. Eine Kriegerin zu Pferd und eine Barrikadenkämpferin – doch in Fleisch und Blut sind solche Anführerin, Wortführerrinnen, die prägenden Figuren einer Generation immer nur die Ausnahme gewesen, wenn beim überhaupt welche einfallen. […]

Der Clou der Figuren ist verloren gegangen: Marianne kämpft an der Seite der Männer und natürlich anderer Frauen, war eine von vielen. Die kalte Büste in den Rathäusern ist aber ein Star von entrückter Schönheit, an dem vor allem das Dekolletée fasziniert. Die Gemeinsamkeit im Kampf um die Freiheit wurde ersetzt durch ein Verhältnis einseitiger Bewunderung – und darin ist schon das ganze Problem der Geschlechterbeziehungen in Frankreich abzulesen. (S. 138-139)

MariannedeTheodoreDoriot

Diese Büste der Marianne im französischen Senat hat mit der Barrikadenkämpferin nicht mehr viel gemeinsam. Super sapin. Photo personnelle prise au Sénat., MariannedeTheodoreDoriot, CC BY-SA 3.0


Nils Minkmar hat ein unterhaltsames und informatives Porträt eines seiner Vaterländer geschaffen. Ich habs mit Genuss gelesen.

Nils Minkmar. Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2017, ISBN: 9783103972955

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