Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben.

Das Besondere ist nun, wie Graham Swift Janes Gedanken folgt – assoziativ reihen sie sich aneinander. Immer wieder rekurrieren sie auf ihr späteres Leben, auf ihr hohes Alter, das sie erreichen wird. Einerseits haben wir da eine erzählende Instanz – und die bringt in manchen Stellen die Idylle im Zimmer, an einem Märztag, der warm wie ein Junitag war, ins Taumeln. Ziemlich genau in der Mitte erfahre ich als Leserin, die ich mir Gedanken gemacht habe, wie es mit Paul und Jane weiter geht, etwas, von dem Jane an diesem Mothering Sunday 1924 noch keine Ahnung hat – und damit wird meine Aufmerksamtkeit gegenüber den assoziativen Gedankenreihen völlig verändert, ja, ich möchte unter diesem neuen Aspekt die erste Hälfte gleich noch mal lesen und schauen, wo da Informationen für die spätere Sicht auf das Geschehen versteckt sind. Tu ich aber nicht – erst muss ich wissen, wie es weitergeht.

Bei aller Sinnlichkeit, bei aller Detailfreude am Erotischen, an der Spannung, unausgesprochen zwischen zwei Menschen, die gerade miteinander geschlafen haben, ist die Beobachtungsgabe von Jane von Anfang an bemerkenswert. Sie bertrachtet den nackten jungen Mann und sich selber, neue Wörter fallen ihr ein, Wörter, die nicht zu einem einfachen Dienstmädchen passen, wie “seine Augen an etwas weiden” (S. 11). Die bewusste Parallelsetzung von Körper und Landschaft in derselben Szene:

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, nackt, von einem Paar billiger Ohrringe, ihrem einzigen Paar, abgesehen  (…)

Draußen lag, ebenfalls ausgestreckt, die Grafschaft Berkshire, gegürtet mit hellem Grün, von Vogelgesang erschallend, im März mit einem Junitag gesegnet. (S. 11)

Otto Scholderer Englische Landschaft

Eine idealtypische englische Landschaft

Sprache ist Jane wichtig. In ihren Gedanken geht  es um die Bücher, die sie – mit Erlaubnis ihres Arbeitgebers – aus seiner Bibliothek entleihen  und lesen durfte. Sie macht sich in den Gedanken der alten Frau, der Schriftstellerin Jane Faichild, die sie  einmal sein wird, Gedanken über das Beschreiben und Behalten von Eindrücken – und über das Vergessen. Kurz: Sie mditiert das Schriftstellerin-Sein.

Nebenbei macht Graham Swift die Zeit um 1920 lebendig – ihre vergleichsweise Beschaulichkeit, mit den ganzen Abgründen, mit den Nachwirkungen des Großen Krieges der so viele junge Männer das Leben kostete – die Söhne von Janes Arbeitgeber, die Brüder ihres Liebhabers. Unaufdringlich lässt er diese vergangene Welt lebendig werden und zeigt ihre Zerbrechlichkeit und damit die Zerbrechlichkeit menschlicher Ziele und Wünsche. En passsant entfaltet sich, mit einer Bemerkung hier und einer dort, das Leben einer ungewöhnlichen Frau, die, so alt wie das 20. Jahrhundert, ihren Weg vom Waisenkind zur viel interviewten Schriftstellerin ging, der Sprache so wichtig war, das Beschreiben, das Behalten, das Zurückhalten. Ein Kunstwerk.

Graham Swift: Ein Festtag, übersetzt von Susanne Höbel, dtv, München, 2017, ISBN: 9783423281102

Mr. Peardews Sammlung … von Ruth Hogan

Der vollständige Titel lautet: “Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge” (das englische Original “The Keeper of Lost Things”). Mit Anthony Peardews hat Ruth Hogan eine skurrile, liebenswerte Figur erschaffen.Mr. Peardrew sammelt alles, was andere verloren haben. Warum? Er selbst hat im Mai 1974 – das kann ich als Leserin erschließen –  das Liebste verloren, was es für ihn gab: Seine Verlobte Therese starb auf dem Weg zur Hochzeit. Und er verlor am selben Tag das Andenken schlechthin an sie, ein Medaillon, das immer bei sich zu tragen er ihr versprochen hatte.

Das Buch hat einen irritierenden Beginn:
Da reist eine Person in einer Keksdose. Huch?

Es ist Anthony, der die Dose findet, mitnimmt und sorgfältig beschriftet seiner Sammlung einverleibt: Die Beschriftung gibt dann Auskunft: Einäscherung …

Anthonys Assistentin Laura lerne ich als nächstes kennen – sie hat sich vor Jahren aus Verzweiflung nach ihrer gescheiterten Ehe auf die Stelle beworben und es nie bereut. Zwar weiß sie nicht, was ihr Arbeitgeber in seinem Arbeitszimmer hat, aber die stilvolle und ruhige Atmosphäre seines Hauses hat es ihr angetan. Sie schreibt die Geschichten  Anthonys ab, erledigt sonstigen Schriftkram und freut sich, einen so angenehmen Arbeitsplatz gefunden zu haben.

Die nächste Szene katapultiert mich ins Jahr 1974- anderes Personal, auch wenn die Situation vergleichbar scheint: Eine junge Frau bewirbt sich als Assistentin eines Verlegers. Auf dem Weg fallen ihr zwei Dinge auf: Ein Menschenauflauf vor der Bäckerei gegenüber der Adresse, wo sie hin muss und vorher ein wartender, nervöser Mann. Auch in diesem Strang entwickelt sich zwischen Arbeitgeber und Anagestellter ein guter Kontakt – sie werden Freunde, schauen Filme, Eunice, so heißt die junge Frau wird in “Bombers” Familie aufgenommen. Na ja, fast – seine Schwester Portia, eine reiche Frau, die sich als Autorin versucht, lehnt Eunice ab.

Berlock med fotografiporträtt av Wilhelmina Kempe, 1865 - Hallwylska museet - 110564

Das Medaillon von Therese enthielt auch ein Bild. Hallwyl Museum / Helena Bonnevier / CC BY-SA, Berlock med fotografiporträtt av Wilhelmina Kempe, 1865 – Hallwylska museet – 110564, CC BY-SA 3.0

Während es sich bei Anthony, Laura, Freddy und Sunshine nur um wenige Jahre handelt, begleite ich Bomber, Eunice und die Hunde über viele Jahre, bis sich die Handlungsstränge im Hier und Heute begegnen. Ruth Hogan hat viel Magie eingewoben – zum Glück auch viel Wortmagie.

Anthony war gegangen und hatte eine Leiche zurückgelassen. (S. 66)

oder etwas drastischer

Das Pochen in ihrem Kopf wurde bald von einem lauten Klopfen an der Fenstertür erwidert. (S. 135)

Ruth Hogan hat eine anrührende Geschichte geschrieben. Sie hat einen gut lesbaren Stil mit überraschenden Formulierungen, die stutzen lassen oder einfach Spaß machen, ihre Figuren sind lebendig – gute Unterhaltung garantiert. Schön auch die Szene, wo Laura den beiden Klatschbasen, die sich über ihr mögliches Verhältnis zu Anthony ausließen, das Wort “Fellatio” an den Kopf wirft und die eine behauptet, das schon mal in Italien gegessen zu haben.

Ruht Hogan: Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge, übersetzt von Marion Balkenhol, List Verlag, Berlin, 2017, ISBN: 9783471351475

Ich habe das Buch über vorablesen.de gewonnen und dort auch eine Rezension geschrieben.

Die vergessene Schwester von Jennifer Paynter

“Mary Bennets Stolz und Vorurteil” ist tatsächlich der Untertitel, den Jennifer Paynter ihrem Erstlingsroman gegeben hat … Auf dass der Bezug zu “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen auch wirklich allen klar wird.

Mary erzählt selbst und beginnt schon vor ihrer Geburt – mit der Ehe ihrer Eltern. Anfangs war Mr. Bennet gar nicht sooo unbarmherzig gegenüber der Dummheit seiner Frau. Seine Enttäuschung über die ununterbrochene Reihe von Töchtern macht Jennifer Paynter sehr deutlich, mit allen Folgen im familiären Umgangston. Die weiteren Beziehungen in der Familie sind auch Thema: Zwei Schwesternpaare, die einander genügen und Mary als Einzelgängerin dazwischen. Sie gilt als weniger hübsch als ihre älteren Schwestern und weniger lebhaft als ihre jüngeren – doch alles hat seine Gründe:

  • sie ist hochsensibel und die Brüllerei des Mannes ihrer Amme bringt völlig durcheinander – sie fürchtet sich danach vor jedem Mann, auch dem eigenen Vater; keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung
  • sie benötigt eine Brille – bis das klar wird, geht Zeit ins Land, in der Mary als Dummkopf dasteht
  • in ihren Teeniejahren kommt sie bei der Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers in Bath unter – wird also der Familie etwas entfremdet
  • eine der Szenen, die alle Stolz- und-Vorurteil-Leserinnen kennen, in der Mary eine schlechte Figur macht, ist ihr Klavierbeitrag beim Ball in Netherfield – einer der jungen Männer hat ihr vorher statt Limonade Punsch gegeben

Jennifer Paynter zeichnet das Porträt eines empfindsamen Kindes, dem vor allem Enttäuschungen begegnen.

Netherfield vor Bingley

Vor dem eigentlichen Geschehen von Jane Austens Geschichte ist bei ihr bereits Dramatisches geschehen. Netherfield war nämlich vor Bingelys Einzug bereits einmal verpachtet. Und da schlugen die Wellen hoch:

Jasper Coates – ein optischer Vorgänger von Fitzwilliam Darcy – lebte dort in einer Ménage à trois mit seiner Stiefschwester Christina und deren Mutter. Und das enthüllte die ältere der beiden Frauen beim Dinner eines geselligen Abends.

An dem Abend hatte Mary zusammen mit einen der Söhne von Christina einen Auftritt als Pianistin – George war ihr Freund. Der Erfolg des Abends als Musikerin war nach dem Skandal im Speisezimmer bedeutungslos.

George entdeckte kurz vor dem Konzert, dass die damals 14-jährige Elizabeth sich nach Netherfield geschlichen hatte, um Jasper Coates zu treffen; Mary konnte es wegen ihrer schlechten Augen nicht selber sehen, aber George behaupetete, Lizzy und Jasper hätten sich geküsst. Quelle horreur für die kleine brave Mary. Noch so eine Belastung für ihr Gewissen.

FortepianoAntonWalter

Ein elegantes Instrument – sehr gut möglich, dass ein solches Mary und George auf Netherfield zur Verfügung stand. Gérard Janot, FortepianoAntonWalter, CC BY-SA 3.0

Nach dem Showdown in Netherfields war die Familie von dort

a) weg und

b) durfte sie nicht mehr erwähnt werden.

Mary verfiel danach in eine Depression – weil sie einerseits George vermisste, dann noch den Tod einer kleinen Cousine betrauerte und sich allgemein schuldig fühlte. Gesund wurde sie erst, als sie zur Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers nach Bath eingeladen wurde. Regelmäßige Abläufe, gleichmäßige Zuwendung – was braucht es mehr 😉 ? Ihre Frömmigkeit und Belesenheit, die bei Jane Austen so schlecht wegkommen, sind hier ganz “normale” Eigenschaften. Mrs. Knowles, bei der sie zwei Jahre lebte und selber von einer unaufgeregten Alltagsfrömmigkeit, regte sie an, in einem Buch Zitate und andere aufbauende Kleintexte zu sammeln – ihr Kollektaneenbuch (ehrlich, das Wort musste ich auch erst nachschlagen – bei mir hieß das immer “Sprüchebuch” …). Alle Zitate, die wir aus Jane Austens Version der Geschichte 😉 kennen, stammen daraus. Jennifer Paynter macht deutlich, dass Mary die Zitate oft benötigte, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten, denn …

Hier kommt Jennifer Paynter nun zur bekannten Handlung

Ja, Mary ist auch aus dem Takt geraten. Peter Sheffels, der Sohn ihrer ehemaligen Amme, spielt zum Tanz auf. Geige. Das erste Mal gesehen hat sie ihn beim öffentlichen Ball in Meryton, wo die Bingleys und Darcy ihren ersten Auftritt haben. Und im Gegensatz zu ihren Schwestern nimmt sie diesen untergeordneten Menschen nicht nur wahr, sie beginnt auch ein Gespräch mit ihm, empfiehlt ihn für den Ball Bingleys und will Geigenunterricht bei ihm nehmen. Das bleibt nicht verborgen – und schon haben die Schwestern wieder was, womit sie Mary aufziehen können.

Mary erlebt eine Katastrophe in ihrem Umfeld mit, von der die anderen nichts wissen dürfen – wieder eine Belastung. Die beiden Nichten von Mrs. Long, die bei Jane Austen nur als solche apostrophiert werden, sind mit Mary näher befreundet. Sie bekommen nicht nur Namen (Cassandra (!) und Helen), sondern auch Charakter und eine eigene Geschichte. Cassandra verdient sich mit Zeichnen und Malen etwas Geld – so soll sie Bingleys Schwestern porträtieren und Mary wird benötigt, um vorzulesen oder Klavier zu spielen. Mary bekommt so Einblicke in die Beziehungen auf Netherfields, die ihren Schwestern verborgen bleiben. Cassandra ist ein ernsthafter, fast schon strenger Charakter – kein Wunder, dass sie und Mary sich verstehen. Helen dagegen ist ein Sausewind und sehr flirtbereit – sie fällt auf Wickham rein und zwar gründlich. Und Mary darf zu Hause nicht sagen, was für ein Schuft der allseits beliebte Offizier ist …

Die Handlung läuft in solch verschlungener Weise weiter – ein paar Passagen hätten da ruhig kürzer ausfallen können. Aber mit der Lebensgeschichte der Mary Bennet hat Jennifer Paynter durchaus ein anderes Sittengemälde der Zeit um 1810 entworfen als Jane Austen, sehr viel näher an der Realität, auch der rauen Realität – und trotz aller Einwände durchaus noch nah an Jane Austen. Das Schicksal Marys entwickelt sich stetig, endet auf überraschende Weise und zeigt, dass sie einersets geduldig ist und bleibt, andererseits aber ihre eigenen Vorurteile durchaus erkennt. Da wird ihr gegen Ende des Buches echt was abverlangt.

Die möglichen Einwände, sie sei weniger subtil als ihr Vorbild oder bringe zu viel Sex and Crime darin unter, sollten nicht zu schwer ins Gewicht fallen: Sie hat eine im Großen und Ganzen spannende Geschichte erzählt, eröffnet an manchen Stellen einen anderen möglichen Blick auf beliebte Gestalten. Insgesamt ein historischer Roman, der duch die Verknüpfung zu Stolz und Vorurteil Fans von Jane Austen durchaus Freude machen kann, sich aber auch selber trägt.

Amazon Crossing ist aufgrund meiner Abneigung gegenüber Amazon insgesamt kein von mir bevorzugter Verlag – aber das Thema hat mich einfach zu sehr gereizt. Mary Bennet ist ja wirklich das graue Mäuschen schlechthin in Jane Austens Roman, so dass ich mir die bekannte Geschichte aus ihrer Sicht nicht verkneifen wollte. Und es hat sich durchaus gelohnt 🙂

Jennifer Paynter: Die vergessene Schwester – Mary Bennets Stolz und Vorurteil, übersetzt von Annette Seifert, Amazon crossing Verlag, Luxemburg, 2016, ISBN: 9781503954731

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Das klare Sommerlicht des Nordens von Petra Oelker

Bisher kannte ich Petra Oelker nur mit ihren Krimis um Rosina, die im Hamburg des 18. Jahrhunderts spielen. Der Ort dieses für mich neuen Buchs ist derselbe, aber die Handlung spielt im Jahre 1905.

Das Ambiente hat sich geändert: Technische Neuerungen und soziale Änderungen allenthalben, auf die die verschiedenen Figuren völlig unterschiedlich reagieren.
Petra Oelker teilt die Handlung zwischen zwei unterschiedlichen Gruppen auf. Die eine lebt wohl situiert an dem einen Ende Hamburgs, im Grünen, ruhig und vornehm. Es ist die Familie Wartberger, einmal Sidonie und Viktor und dann Victors Eltern Esther und Jakob, außerdem Viktors Jugendfreundin, die verwitwete Ellen Tessner, und die Familie Blessing. Sidonie und Viktor leben im Anbau der Villa der Blessings. Sidonie versinkt nach ihrer zweiten Fehlgeburt in eine tiefe Depression.Viktor bietet ihr nach der schlimmsten Phase an, einen Malkurs bei einem renommierten Lehrer zu absolvieren. Claire Blessing richtet für Sidonie in einem abgelegenen Raum des gemeinsamen Hauses ein Atelier ein.

Die Ereignisse rund um Sidonie werden unterbrochen durch die Szenen, in denen Dora Lenau die Hauptrolle spielt. Jahrelang hat sie mit Tante und Cousin im berüchtigten Gängeviertel Hamburgs gelebt. Bei der Choleraepidemie vierzehn Jahre zuvor hatte ihre Tante Anna ihren Mann und die kleine Tochter verloren. Sie hat Dora als Tochter ihrer Schwester an Kindes Statt angenommen. Ihr Sohn Theo hat nach längerer Arbeitslosigkeit eine gut bezahlte Stelle gefunden. So konnten die drei aus dem Gängeviertel wegziehen. Als Leserin erfahre ich früher als Mutter und Cousine, dass Theo ein Polizeispitzel ist. Zu seinem Charakter: sympathisch geht anders. Dora arbeitet in einer kleinen Manufaktur als Näherin, ihre eigene Ambition ist das Entwerfen moderner Kleidung.

Gängeviertel in Hamburg

Kein Wunder, dass Anna, Dora und Theo froh waren, hier rausgekommen zu sein … Chronik Hamburg, Chronik Verlag Gütersloh/München 1991, 2. Auflage 1997, ISBN 3-577-14443-2 via Wikicommons

Klar, dass die beiden Frauen sich kennenlernen und einige Gemeinsamkeiten entdecken. Beide erleben mehrere Wendungen im Verlauf der Geschichte – diese Story um zwei unterschiedliche Frauen folgt dabei bekannten Mustern, die Petra Oelker  gekonnt erzählt. Fast spannender sind dabei die Entwicklungen der anderen Figuren. Einen besonderen Narren habe ich an Jakob, Victors Vater, gefressen, der mit seinen Gedanken zu Gott und der Welt mich sehr mitnimmt in seine Zeit, eine Umbruchzeit. Die vermehrten Rechte für jüdische Bürger und der gleichzeitig ansteigende Antisemitismus gehört mit zu seinen Überlegungen. Es wird Sie nicht überraschen, dass Theo von der Emanzipationn der Juden so gar nicht wissen will.

Dramatik gibt es auch – für einzelne Figuren sowieso, aber auch für die Stadt Hamburg. Ähnlich wie in „Die Orangerie“ bildet die Stadtentwicklung Hamburgs den gesellschaftlichen und politischen Hintergrund für die Handlung um Sidonie und Dora. Hinzu kommen Auseinandersetzungen um moderne Kunst: Picasso wird genannt, Sidonie besucht die van-Gogh-Ausstellung und Edvard Much hat einen stummen Gastauftritt 😉

Peter Oelker legt einen gut erzählten und interessanten historischen Roman vor, der anhand persönlicher Konflikte und Veränderungen seiner Figuren die Themen, die in Hamburg um 1905 im Vordergrund standen, vermittelt.

Petra Oelker: Das klare Sommerlicht des Nordens, Rowohlt Polaris, Reinbek bei Hamburg, 2014, ISBN: 9783499267772

Die jüngste Miss Ward von Joan Aiken

Ja ja, ich weiß – der Name Ward erscheint gleich auf der ersten Seite von “Mansfield Park” von Jane Austen. Ich konnte den Titel von Joan Aiken trotzdem nicht sofort einordnen. Schließlich sind die Schwestern Ward – also  die Mutter von Tom, Maria, Edmund und Julia Bertram, ihre Schwester Mrs. Norris und “die arme Fanny” Price – nicht die Hauptpersonen des Romans.

Joan Aiken hat in ihrem Roman den drei Schwestern Ward eine vierte hinzugesellt, deren Lebenslauf sie verfolgt. Dabei kommt die bekannte Geschichte von Jane Austen immer wieder in den Blick – Harriet (genannt Hatty) hätte aber ebenso gut eine andere Familie haben können als die von Mansfield Park. War Ihnen bewussst, dass Mrs. Norris auch einen Vornamen gehabt haben muss? Mir nicht … Joan Aiken nennt sie Agnes. (Jetzt müsste ich glatt “Mansfield Park” noch mal lesen …. Ich meine aber, da ist nur von “Mrs. Norris” und in der Anrede “Schwester” die Rede. Wissen Sie mehr? Ich freu mich über Korrekturen, wenn nötig.)

Vorweg sei gleich gesagt: Ich fand die Geschichte recht gelungen, die Anbindung an Austens Buch vor allem “nett”, weil es Joan Aiken ein paar Eigenheiten der Schwestern, wie man sie in ihren späteren Jahren kennenlernt, auf ihre Weise “begründet”.

Hatty wird gegen ihren und den Willen ihrer sterbenskranken Mutter aus der Familie weggegeben und zwar in die Familie des Onkels. Das eigentliche dramatische Geschehen findet erst mal bei anderen Personen statt: Die Freundin ihrer Mutter, Lady Ursula Fowldes, hat in jungen Jahren eine Enttäuschung in der Liebe erfahren und ist seitdem eine Frau von großer Strenge gegenüber sich selbst, erst recht aber gegenüber anderen. Sie soll bei der Hochzeit von Maria Ward, zukünftig Lady Bertram, die Hausfrau stützen., bzw. ersetzen Die kleine Hatty ist ihr unsympathisch und muss weg. Lady Ursula ist nicht in der Lage, den Umgang zwische der kranken Frau und ihrer jüngsten Tochter in seinem Wert einzuschätzen. Agnes Ward – später Mrs. Norris – unterstützt sie darin. Dass beide in ihrer vorgeblichen Strenge größtmögliche Egoistinnen sind, ist wohl klar – Ursula und Agnes vertragen sich prächtig. Hatty siedelt also um, ihre Mutter stirbt, ohne dass beide sich noch mal gesehen hätten und es laufen Gerüchte um, dass Lady Ursusla an Mr. Ward interessiert sei. Ihre Familie ist groß und verarmt – und sie ist nicht mehr die jüngste. Nach einigen Verzögerungen erreicht sie ihr Ziel.

Bei einem Familientreffen anlässlich einer Beerdigung trifft sie bei Hattys Pflegefamilie auf ihren ehemaligen Verlobten, Lord Henry Camber. Unversöhnlich ist sie. Er dagegen freundlich. Insgesamt ist er ein interessanter Charakter. Er will nichts von Standesunterschieden wissen, erweist sich als einfühlsamer, hilfsbereiter und humorvoller Zeitgenosse – Hatty mag ihn. Und er mag sie. Sein Projekt: Er will mit einer Gruppe von Gleichgesinnten nach Amerika auswandern und dort an den Ufern eines Flusses eine demokratisch organisierte Siedlung gründen und aufbauen.

Wie geht es Hatty in der Zeit? Sie hat sich mit einem ihrer drei Cousins angefreundet, wird von ihrer Tante sehr geschätzt und bemüht sich, den nachgeborenen Zwillingsschwestern im Haus, die offensichtlich geistig und körperlich beeinträchtigt geboren wurden, etwas Lebensfreude zu bringen. Ihre Schwester Fanny, die Maria und Thomas Bertram auf der Hochzeitsreise begleitet hat, kommt zu Besuch, freundet sich mit Familie Price an – alles Weitere über sie ist bekannt 😉 Harriet verschlägt es dann mitten im Winter auf den Heimweg in ihr Vaterhaus – aber statt dort zu landen, muss sie eines Schneesturms wegen im Cottage von Lord Camber unterkriechen und lernt völlig neue Ansichten kennen; hier fühlt sie sich wohl. Aber ihr Ruf … Lord Camber war nämlich noch nicht abgereist und im Haus (was bei Georgette Heyers Romanen immer durch die Gegenwart von Haushälterinnen entschärft wird – die gibt es hier auch, deshalb ist die Entrüstung der “lieben” Verwandtschaft pure Heuchelei).

Hattys geheime Leidenschaft gehört übrigens der Poesie – sie schreibt Gedichte. Lord Camber ist begeistert. Hübsch ist dann die Pointe im allerletzten Brief, der aus unserer Zeit stammt 😉 (zu den Briefen gibt es unten noch einen Satz).

Es gibt noch weitere Handlungsstränge – und für mich gabs durchaus mal andere Ostereier als sonst zu finden:

  • Der philantropische Lord hat sein Pendant in einem der Romane von Georgette Heyer – Mr. Moore in “Der schweigsame Gentleman” würde ein solches Projekt nur zu gerne ausführen, aber seine Gattin ist dagegen, aus pragmatischen Gründen. Solche Einwände gibt es auch hier, aber Lord Camber ist nicht zu bremsen.
  • Die Schwestern von Lady Ursula, die Hatty im Laufe der Geschichte zu unterrichten trachtet, erinnern in ihrer Zurückgezogenheit an die Brontë-Schwestern – allerdings wesentlich verstörter, boshafer und bei weitem weniger kreativ.

Joan Aiken hat einen durchaus dramatisch angehauchten Roman verfasst, der allerdings die Anbindung an Jane Austens “Mansfield Park” offensichtlich vor allem zum “Schmuck” braucht; dramaturgisch notwendig ist sie nicht. Gelegentlich streut Joan Aiken Briefe ein, um Handlungen näher ranzuholen, als es die Erzählperspektive erlaubt. Da sie diese Briefe immer in eigenen Kapiteln versammelt, funktioniert es ganz gut.

Joan Aiken: Die jüngste Miss Ward, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 2000, ISBN: 978257233506

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Elizas Tochter von Joan Aiken

Noch so ein “Folgeroman” auf Basis der Geschichten von Jane Austen, an dem sich Joan Aiken versucht hat (sie hat da wirklich eine Menge geschrieben). Und nein, mit Eliza ist nicht Eliza Bennet gemeint. Wir bewegen uns stattdessen im Umfeld von “Sense and Sensibility“, also “Verstand und Gefühl” (“Sinn und Sinnlichkeit” ist der deutsche Titel einer Verfilmung!).

Die Figur, die bei Joan Aiken die Hauptrolle spielt, wurde in “Sense and Sensibility” erst geboren; wir lernen Eliza, die Tochter von Eliza, deren Mutter Eliza (verwirrt? ja, aber so ist das nun mal: von Großmutter bis Enkelin – alle heißen Eliza) die unerreichbare Liebe von Oberst Brandon war, im Alter von vier Jahren kennen. Sie lebt in einem Dorf voller Ammen, die Kinder von Betuchteren großziehen. Viele der Kinder sind unehelich geboren, die meisten aber kennen ihre Eltern. Eliza nicht. Das wird sie fast das ganze Buch über beschäftigen. Wer das Austensche Original kennt, hat ihr da was voraus 😉

Gleich am Anfang gibt es geheimnisvolle Anmerkungen, dass Eliza was Besonders an sich hat – erst nach einiger Zeit wird das Geheimnis gelüftet: Sie hat an der rechteen Hand sechs Finger. Als sie auf der Suche nach einem kleinen Zögling mit Zigeunern in Kontakt kommt, hört sie das erste m Mal was Positives darüber – sonst wurde diese Anomalie eher mit Furcht und Ekel betrachtet.

Eliza wächst recht wild auf. Mütterliche Fürsorge kennt sie nicht – die Amme ist nicht an den Kindern, sondern nur an dem Geld interessiert, das sie ihr einbringen. Ihre Tochter verdingt sich ebenfalls als Amme – ihr Milchkind ist die kleine, sehr zarte Tochter aus dem adligen Haus in der Nachbarschaft (ehelich geboren …). Als die Mutter nach längerem Auslandsaufenthalt, zur Erholung nach der schweren Geburt, ihre Tochter abholen will, soll ihr die leibliche Tochter der Amme untergeschoben werden. Eliza, inzwischen ca. acht Jahre alt, verhindert das. Sie bekommt als Spielgefährtin der kleinen Triz Zugang ins Herrenhaus. Nach dem Tod des Hausherrn, Eliza ist inzwischen ein Teenager, müssen Triz und ihre Mutter England verlassen. Lady Heriot rät Eliza, sich bei den Anwälten ihres Vormunds Oberst Brandon zu melden.

So kommt Eliza nach Delaford und bei Elinor und Edward Ferrars unter. Oberst Brandon und Marianne sind in Indien. An dieser Stelle beginnt eine unangenehme Überraschungsreihe für Fans von Jane Austen: Joan Aiken gibt sich große Mühe, die aus Jane Austens Original liebgewordenen Charaktere niederzumachen. Edward ist verbittert, geizig und auch gegenüber Elinor streng und bevormundend. Elinor ist eine vergrämte Frau, grau, mager und geduckt. Die Tochter der beiden, die Eliiza später kennenlernt, scheint eher aus Robert Ferrars Holz geschnitzt zu sein – egoistisch und überheblich, dabei ignorant. Und Mrs. Dashwood leidet an Alzheimer …

Rendicion de Ciudad Rodrigo (Espana) 1812

Bei der Schlacht um Ciudad Rodrigo kommt Oberst Brandon ums Leben – das erfährt Eliza in Portugal

Die Ferrars können es sich nicht leisten, Eliza bei sich zu behalten, schicken sie nach Bath zu einer entfernten Verwandten und in die Schule. Eliza hat es nicht leicht, findet sich aber ab und verbringt vier Jahre recht geruhsam in Bath. Mit Unterrichten an der Schule, vor allem Musikunterricht, verdient sie sich etwas Geld. Der Haushalt ihrer “Gastgeberin” ist wohl situiert. Dann fällt Eliza auf einen charmanten Jüngling rein – obwohl sie der Vergewaltigung entgeht, ist ihr Ruf hin. So kommt sie zurück nach Delaford, wo gerade eine Überschwemmung schlimmen Schaden angerichtet hat. Sie macht sich im Haushalt der Ferrars nützlich, pflegt die schwer erkrankte Elinor. Dann ruft man sie nach Bath zurück – ihre Gastgeberin ist ebenfalls erkrankt. Eliza bringt sie vom Laudanum und Brandy ab, erfährt etwas über ihre Mutter und den möglichen Namen ihre Vaters. Doch statt eines gemütlichen “Weiterso” muss sie Bath nach dem Tod ihrer Gönnerin verlassen. Sie landet in London, erfährt noch mehr über ihre Eltern, besonders über das Schicksal ihrer Mutter. Deren Gönner nimmt sich – in väterlicher Art – ihrer und ihres Musiktalentes an. Ein Brief aus Portugal von Lady Heriot ruft sie nach Süden. Und dort erfüllt sich dann ihr Schicksal, nicht ohne, dass noch einige dramatische Dinge passieren. Dort trifft sie dann auch Marianne Brandon, die inzwischen verwitwet ist.

Joan Aiken hat eine spannungsgeladene Geschichte verfasst, ohne Zweifel. Ihre Einblicke in die dunkleren Seiten der Gesellschaft um 1815 sind eindrücklich und informativ. Die Charakterveränderungen der Austenschen Figuren kann man sicher den – teils ja historischen –  Zeitläuften und Enttäuschungen zuschreiben, aber befriedigend ist das nicht. Die Chrakteranlagen bei Jane Austen bricht Joan Aiken ziemlich gewaltsam ins Negative. Insgesamt: Ein spannendes Buch mit faszinierenden Facetten – und ein paar Flecken in der Figurenführung 😉

Joan Aiken: Elizas Tochter, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 1996, ISBN: 325706098x

Die Besprechung gehört in meine Reihe “beloved Jane”, die ich auf den 200. Todestag von Jane Austen im Juli 2017 hin gestartet habe.

Die fremde Königin von Rebecca Gablé

Nach Lektüre aller bisher erschienenen historischen Romane von Rebecca Gablé weiß ich nun wirklich, wie ihre Dramaturgie tickt – und kann trotzdem nicht aufhören zu lesen. Sie kann einfach erzählen. Und so habe ich auch dieses Buch bis nachts verschlungen – egal, dass es mitten in der Woche ist.

Adelheid und Otto I

Im Mittelpunkt steht als historische Figur Adelheid von Burgund, die zweite Ehefrau von König Otto I. Rebecca Gablé stellt ihr den – fiktiven – Panzerreiter Gaidemar zur Seite: Er ist an ihrer legendären Flucht aus der Gefangenschaft Berengars von Ivrea beteiligt, indem er sie und ihre Tochter Emma auf dem Weg nach Canossa begleitet. Auf Adelheids Seite folgen nun in getreuer Abbildung der historischen Ereignisse die Heirat mit Otto I, die Geburt der vier gemeinsamen Kinder, ihre Mitregentschaft und zum wahrlich krönenden Abschluss die Kaiserkrönung – Adelheid wird Kaiserin. Außerdem bekomme ich Einblick in die Familienverhältnisse der “Ottonen” und lerne kennen:

  • seinen vorehelichen Sohn Wilhelm, der Erzbischof von Mainz wird
  • seinen Sohn aus erster Ehe, Liudolf, der gegen den Vater rebellier
  • Heinrich, den Bruder Ottos, der nach langen Querelen sich widerwillig dem König unterordnete
  • Brun, den geistlichen der Brüder, Erzbischof von Köln
  • Mathildis, die Mutter der drei
  • und erzählenderweise Thankmar, Halbbruder der drei anderen, der bei der Erbfolge ausgeschlossen worden war.

Die Schwestern Ottos kommen nur am Rande vor.

Die Regierungszeit Ottos I war von vielen Auseinandersetzungen geprägt, an denen seine Brüder und Söhne ihren Anteil hatten – teils auf seiner Seite, teils gegen ihn. Die größte Schlacht seiner Herrschaft war die auf dem Lechfeld gegen ein übermächtig erscheinendes Heer der Ungarn, die Otto I und seine Leute wider alles Erwarten gewannen.

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Diese Stifterfiguren von Otto I und Adelheid am Meißener Dom haben Charme – so wie Rebecca Gablé sie auch schildert. User:Kolossos, Meissner-dom-stifter, CC BY-SA 3.0

Die ganzen historischen Fakten hat Rebecca Gablé mit gewohnter Akkuratesse recherchiert und eingebunden. Die Quellenlage ist in vielen Details ziemlich gut. Aber natürlich schildern die Chronisten nicht jede Einzelheit im Tagesablauf, so dass sich hier der Freiraum ergibt, in dem sie ihre Figuren an uns heranholt: Adelheid und Otto sind ein harmonierendes Herrscherpaar – das wird wohl schon aus dem Quellen deutlich; Rebecca Gablé zeigt sie als Eltern, die um ein gestorbenes Kind trauern, als Liebespaar, als politisch und strategisch denkende Menschen und als fürsorgliche Eltern. Aber auch ihre schwachen Seiten: Misstrauen gegenüber Liudolf z. B., das von beiden unterschiedlich motiviert war.

Ein wichtiger Aspekt der Geschichten rund um Otto I sind die Slawen und die Ungarn – sie sind Ursache vieler Kämpfe, denn Otto hat die Slawen zwar unterworfen, es gibt aber immer wieder Rebellion und Widerstand. Otto will, im Gegensatz zu seinem Vater Heinrich, nicht nur Tribut, sondern die Christianisierung der Heiden. Eine zusätzliche Belastung im Verhältnis zu den unterworfenen Slawen … Einige slawische Figuren holen die den Helden fremden Anschauungen und Kenntnisse heran. Vor allem die Heilkunst wird da wichtig. Nicht nur Gaidemar profitiert davon. Auch Otto selbst erkrankt einmal schwer – in Köln, wo gerade eine Seuche wütet – und wird eben durch slawische Heilkundige gerettet.

Gaidemar – der fiktive Held von Rebecca Gablé

Gaidemar hat im Gegensatz zu Ottto, Adelheid und den anderen nichts. Er ist ein Bastard – er hat lange keine Ahnung, wer sein Vater ist, bis es ihm Wilhelm, der Bastard Ottos, erzählt. Das Rätsel um seine Mutter bleibt noch länger ungelüftet. Er hat als Panzerreiter einen Eid auf Otto I geschworen, den er nie bricht – auch nicht um der Freundschaft mit Liudolf willen. Doch Otto traut ihm nicht, lieber hört er auf seinen Bruder Heinrich. Der aber hat was gegen Gaidemar. Und ja, Gaidemar geht es zwischendurch immer mal wieder so richtig dreckig: Gefangenschaft und Folter, unfaire Angriffe seiner Gegner aus dem Hinterhalt. Dabei steht er, wie sich das für einen Helden von Rebecca Gablé gehört, loyal zu seinem König und erst recht zu seiner Königin.

750 Seiten umfasst der Roman und sie werden nie langweilig. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Rebecca Gablé die Dramaturgie handhabt. Es gibt ruhigere Passagen, in denen ich  die Personen näher kennenlerne, es gibt die lustvollen Sexszenen, immer recht kurz und dadurch wenig aufdringlich, es gibt Passagen innerer Aufgewühltheit und dann die Kampf- und Kriegsszenen. An denen hat Rebecca Gablé offensichtlich Freude. Ihre Personen reden verständlich – die Anrede “Ihr” ist gebräuchlich, ansonsten klingen ihre Menschen aus dem 10. Jahrhundert sehr ähnlich wie unsereins. Das entspricht sicher nicht der historischen Realität, macht das Lesen aber deutlich einfacher. Ein historischer Schmöker, wie er beser nicht sein könnte. Ich ziehe meinen Hut vor Rebecca Gablé, die seit vielen Jahren immer wieder solche Bücher vorzulegen vermag. Und sich dann auch noch die Zeit nimmt, auf neugierige Fragen zu antworten 🙂 Vielen Dank!

Rebecca Gablé: Die fremde Königin, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2017, ISBN: 9783431039771

Die Stadtbibliothek Köln verfügt über eine große Anzahl Exemplare im Bestsellerbereich (2 Wochen Leihfrist, 2,- € Leihbegbühren) – hier ist ein “normales” Exemplar verlinkt.

Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Die Watsons von Jane Austen und David Hopkinson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgTatsächlich gibt es mehrere Fortsetzungsversuche zu dem Fragement “Die Watsons”, das Jane Austen 1804 begann und nach dem Tod ihres Vaters nicht vollendete. Mir liegt die vor, in der David Hopkinson, der allerdings namentlich nicht genannt wird, im Nachwort die Erzähltradition von Janes Familie betont, in die er sich einreiht. Die Info, dass es sich um ihn handele, habe ich von einer deutschsprachigen Seite zu Jane Austen.

Den Beginn des Romans habe ich ja bereits bei meiner Besprechung von “Lady Susan” vorgestellt: Emma Watson, nach 14 Jahren der Trennung wieder bei ihrer Familie gelandet, gewinnt durch ihre Freundlichkeit gegenüber einem zehnjährigen Jungen auf einem Ball die Aufmeksamkeit einiger Menschen, darunter dreier junger Männer, die unterschiedlicher nicht sein können:

  • Tom Musgrove, ein Lebemann aus dem Ort, der laut ihrer Schwester Elizabeth mit jeder Frau zu flirten versucht, sich aber nicht festlegen will
  • der junge Lord Osborne, gesellschaftlich eher ungeschickt und recht wortkarg
  • Mr. Howard, der ehemaliger Lehrer Lord Osbornes und jetzt als Pfarrer der Gemeinde tätig

Noch vor Abbruch ihres Manuskripts fürhrt Jane Austen weitere Familienmitglieder von Emma ein:

  • Robert Watson, der älteste Bruder, ist Anwalt und hat die Tochter seines Dienstherrn geehelicht; all’ sein Sinnen und Trachten ist “Geld” – erlangen, verwalten, vermehren
  • seine Frau Jane ist sehr von sich und ihren 6000 Pfund eingenommen – noch unsympathischer als ihr Mann
  • Margaret, Emmas nächstältere Schwester, schwärmt ausdauernd für Tom Musgrove, ist launisch und zänkisch

Dann gibt es noch den jüngeren Bruder Sam, von dessen Hoffnungen auf die attraktive Miss Edwards Elizabeth ihre Schwester Emma vor dem Ball in Kenntnis setzte. Er macht eine Ausbildung als Wundarzt. Die letzte Schwester, die gerade eine Freundin besucht, heißt Penelope und ist nach Aussage von Elizabeth sehr darauf aus, sich möglichst gut zu verheiraten und immer bereit, für ihren eigenen Vorteil andere zu übervorteilen. Beide Geschwister haben im Teil, den Jane Austen verfasste, noch keinen Auftritt.

Mit dem 6. Kapitel setzt die Handlung ein, die David Hopkinson anhand der Vervollständigungen aus dem Familienkreis (Nichte und Großnichte von Jane) als so besonders nah an Jane Austens eigenen Plänen hält: Emma freundete sich nicht nur mit der Mutter ihres zehnjährigen Tanzpartners und dem dazugehörigen Bruder bzw. Onkel, also Mr. Howard, an, sondern auch mit der Schwester von Lord Osborne. Mit den auch bei Jane Austen üblichen Verwicklungen  – Emma sieht sich zwei Verehrern ausgesetzt, Henrietta Osborne spielt mit dem ihren – findet Emma am Ende ihr Glück, ebenso wie ihre Freundin Henrietta. Der  missgünstigen Schwester ist solch Glück nicht beschieden.

Chawton Church, Steventon, Hampshire

Die Kirche in Steventon,, wo der Vater von Jane Austen Pfarrer war – ihr Sehnsuchtsort auf dem Land, ähnlich wie für Emma, die das Stadtleben nicht mag.

Auch wenn David Hopkinson sich auf die Erzähltradition der Familie von Jane Austen berufen kann – die subtile Leichtigkeit seines Vorbilds fehlt ihm. Das gilt großenteils vor allem für die Sprache, aber auch die Verknüpfung der einzelnen Handlungsfäden wirkt gelegentlich etwas forciert. Auch die Meinungen, die die Figuren vortragen, sind deutlicher formuliert, als es zu Beginn des 19. Jahrhunderts möglich oder schicklich gewesen wäre. So antwortet Emma auf eine Frage nach ihrem Lebensziel

Aber man bewahre mich vor der Sklaverei, en grande dame leben zu müssen – ich wurde nicht so erzogen, und nichts als Brauchtum kann solche Ketten leicht und elegant erscheinen lassen. (S. 74)

Im Großen und Ganzen finde ich, dass David Hopkinson seine Sache gut gemacht hat – meine Neugier nach der Entwicklung der von Jane Austen vorgestellten Personen hat er angenehm befriedigt.

Jane Austen: Die Watsons, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Droemer Knaur Verlag, München, 1978, ISBN: 3426006839

Wie Sie sehen, habe ich mir ein antiqarisches Schätzchen besorgt. Im dtv-Verlag gibt es das Buch aber noch.

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.

Marianne begibt sich also frohgemut auf die Reise und die Abenteuer können beginnen: Ihre Kutsche wird überfallen, der Kutscher James verletzt, ihr Medaillon geraubt – was tun? Zusammen mit ihrer Zofe, ein ebenso zierliches Geschöpf wie sie selber, wuchtet sie den verletzten Kutscher ins Innere des Gefährts und lenkt den Wagen bis zum nächsten Gasthaus. Ihr erstes Ansuchen um Hilfe wird von einem Gentleman in der Gaststube abgewiesen, doch der Wirt ist hilfsbereit; er schafft James in eins der Zimmer, versorgt die Wunde und empfiehlt Marianne, unten in der Gaststube etwas zu essen. Dort begegnet sie dem vorher so unfreundlich auftretenden jungen Mann – noch vor Ende der Mahlzeit sind die beiden die dicksten Freunde; Marianne entdeckt in ihm einen Menschen mit demselben Humor. Während sie ihm ihre Identität enthüllt, verbleibt er in Anonymität. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass er sich a) um alles Notwendige für Mariannes Weiterfahrt und b) um eine Pflegeperson für James gekümmert hat. Marianne und ihre Zofe reisen weiter nach Edenbrooke.

A treatise on carriages - comprehending coaches, chariots, phaetons, curricles, whiskies, &c. - together with their proper harness, in which the fair prices of every article are accurately stated (14590085648)

Ein Kutschenmodell aus der geschilderten Zeit – offensichtlich besser gefedert als das altmodische Teil der Großmutter.

Was dann folgte, habe ich in der Straßenbahn gelesen und da ich dort nicht die ganze Zeit schallend lachen konnte, habe ich still Tränen gelacht: Mariannes Bedürfnis, sich aus purer Lebenslust im Kreis zu drehen, hat, man könnte sagen: bestürzende Folgen. Und wer dann als Retter auftaucht, das können Sie sich sicher denken.

Julianne Donaldson hat mit Marianne und Philip – ja, so heißt der junge Mann und er ist Sohn des Hauses, in dem Marianne zu Gast ist – ein so offensichtlich kongeniales Paar erschaffen, dass jede Art der Verzögerung, auch als Traumpaar zu enden, gesucht erscheint. Das ist im Grunde einer meiner Kritikpunkte an dem Buch: Das glückliche Ende für die beiden winkt einfach schon zu früh, und das trotz einiger schwerwiegender Hindernisse. Einer davon ist die absolute Begriffsstutzigkeit von Marianne im Zusammensein mit Philip. Ein Mädchen, das mit der eigenen Schwester bereits über die möglichen Zuneigung von Jungen spekuliert hat, kann nicht so blind sein; in dieser Hinsicht ist Marianne äußerst unglaubwürdig – der nächste Kritikpunkt. Hinzu kommen die Szenen, in denen die beiden, wenn auch oft bei geöffneter Tür, oft stundenlang völlig allein miteinander sind; Georgette Heyer wäre ein solcher Fauxpas nicht passiert, denn das war für die damalige Zeit undenkbar.

Julianne Donaldson schildert im Interview, das dem Roman folgt, wie sehr Georgette Heyer und Jane Austen sie beeinflusst haben – an solchen Stellen wird aber deutlich, dass sie eben doch eine Frau des 21. Jahrhunderts ist.

Im Großen und Ganzen jedoch ist das Buch eine reizende, unterhaltsamen Lektüre für alle, die ein Faible für die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben. Wie ihr Vorbild Georgette Heyer schreibt Julianne Donaldson einen lockeren, selbstironischen Stil. Das tut dann auch Marianne, wenn sie ihrer Großmutter pflichtschuldigst von ihren Fortschritte berichtet, sich wie eine Dame zu benehmen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Zwischenzeitlich hier eine kleine Zusammenfassung darüber, was ich über das Dasein einer eleganten jungen Lady gelernt: Sie sollte niemals einen Genlteman beledigen, mit dem sie später womöglich diniert. (S. 141)

Julianne Donaldson: Sommer in Edenbrooke, übersetzt von Heidi Lichtblau, Pendo Verlag, München Berlin Zürich, 2017, ISBN: 9783866124288