Gedicht zum Tag – Lob der schwarzen Kirschen von Anna Louisa Karsch

Lob der schwarzen Kirschen

Des Weinstocks Saftgewächse ward

Von tausend Dichtern laut erhoben;

Warum will denn nach Sängerart

Kein Mensch die Kirsche loben?

 

O die karfunkelfarbne Frucht

In reifer Schönheit ward vor diesen

Unfehlbar von der Frau versucht,

die Milton hat gepriesen.

 

Kein Apfel reizet so den Gaum

Und löschet so des Durstes Flammen;

Er mag gleich vom Chineser-Baum

In echter Abkunft stammen.

 

Der ausgekochte Kirschensaft

Gibt aller Sommersuppen beste,

verleiht der Leber neue Kraft

Und kühlt der Adern Äste.

 

Und wem das schreckliche Verbot

Des Arztes jeden Wein geraubet,

der misch ihn mit der Kirsch rot

dann ist er ihm erlaubet;

 

Und wäre seine Lunge wund

Und seine ganze Brust durchgraben:

So darf sich doch sein matter Mund

Mit diesem Tranke laben.

 

Wenn ich den goldnen Rheinstrandwein

Und silbernen Champagner meide,

Dann, Freunde, mischt mir Kirschblut drein

Zur Aug- und Zungenweide.

 

Dann werd ich ebenso verführt

Als Eva, die den Baum betrachtet,

So schön gewachsen und verziert,

Und nach der Frucht geschmachtet.

 

Ich trink und rufe dreimal Hoch!

Ihr Dichter singet im Ernst und Scherze

Zu oft die Rose, singet doch

Einmal der Kirsche Schwärze.

 

Anna Louisa Karsch (1792)

Gedichte in der Hörbar – Schullektüre

Verstehen Sie Gedichte auch besser, wenn Sie sie hören? Dann gibt es hier bald was Neues für Sie. Und auch für die, die sich mit Gedichten in ihrer Schullektüre herumplagen … Als Unternabteilung meiner Hörbar gibt es jetzt Texte der Schullektüre – zum Anhören.

Gerade Gedichte aus dem Barockzeitalter erscheinen uns heutzutage ziemlich schwer. Das liegt zum einen daran, dass sich die Rechtschreibung von unserer heutigen Form unterscheidet und zum anderen daran, dass einzelne Wörter nicht mehr bekannt sind oder heute anders benutzt werden. “Eitel” ist so ein Beispiel. Wir nutzen es, um zu sagen, dass jemand großen Wert darauf legt, für sein Äußeres oder auch manchmal für seine Leistung Anerkennung zu bekommen. Aber in der Barockzeit hieß “eitel” so viel wie vergänglich – “Alles ist eitel, du aber bleibst” – vielleicht kennen Sie diesen Kanon ja auch.

Beim ersten Anblick – und das im Wortsinne – erschwert uns oft die andere Schreibweise das Verständnis. Doppelkonsonanten und ein “v” anstelle von “u” bei “avff”, oder die Frage, wie denn “vmb” wohl ausgesprochen werden mag. Nun gehören aber gerade diese Gedichte auch heutzutage noch zur Schullektüre. Deshalb finden Sie in einer Unterabteilung meiner Hörbar nun Gedichte, die in der Regel auch in der Schule behandelt werden. Es sind Gedichte von Martin Opitz, Paul Fleming, Andreas Gryphius, Paul Gerhardt und Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Ich trage sie vor – auf dass sie dadurch für Sie verständlicher und zugänglicher sind.

Andreas Gryphius Abend Sonett Schullektüre Gedicht Barockk

Doppelkonsonanten, wo wir nur einfache benutzen, “y” und “v” an unvertrauten Stellen – das ist nicht leicht zu lesen

Ich würde mich freuen, wenn ich mit dieser kleinen Starthilfe in die Lektüre Ihre Freude an diesen Gedichten wecken kann.

Die Reihe dieser “Vorleseungen” wird ständig aktualisiert – immer mal wieder reinschnuppern kann sich also lohnen.

Ach so, die Auflösung zur Aussprache von “vmb”: Das Wort wird einfach “um” ausgesprochen – das “b” bleibt stumm. 🙂 Klar, dass sich der Text so besser hören als lesen lässt, oder?

No Coward Soul Is Mine von Emily Brontë in Hauptsache Lyrik

No Coward Soul Is Mine

No coward soul is mine,
No trembler in the world’s storm-troubled sphere:
I see Heaven’s glories shine,
And faith shines equal, arming me from fear.

O God within my breast,
Almighty, ever-present Deity!
Life–that in me has rest,
As I–undying Life–have power in thee!

Vain are the thousand creeds
That move men’s hearts: unutterably vain;
Worthless as withered weeds,
Or idlest froth amid the boundless main,

To waken doubt in one
Holding so fast by thine infinity;
So surely anchored on
The stedfast rock of immortality.

With wide-embracing love
Thy spirit animates eternal years,
Pervades and broods above,
Changes, sustains, dissolves, creates, and rears.

Though earth and man were gone,
And suns and universes ceased to be,
And Thou were left alone,
Every existence would exist in Thee.

There is not room for Death,
Nor atom that his might could render void:
Thou–THOU art Being and Breath,
And what THOU art may never be destroyed.

Emily Brontë

War Requiem von Benjamin Britten – Gedichte von Wilfred Owen

Das War Requiem von Benjamin Britten wurde (und wird!) in einer internationalen Besetzung in Köln, Breslau und morgen, am 10.4., in Berlin aufgeführt. Wer nicht selbst zur Aufführung kann, hat die Möglichkeit, die Aufführung am Dienstag in der Digital Concert Hall zu verfolgen.

Das besondere an dieser Aufführungsserie ist nicht die Internationalität – die ist dem Oratorium ja quasi eingeschrieben, wenn man sich die Uraufführung vor Augen hält -, sondern dass hier vor allem junge Menschen aus Europa miteinander musizieren: Weiterlesen

The Next War von Wilfred Owen Thema 1914,

The Next War

Out there, we’ve walked quite friendly up to Death;

Sat down and eaten with him, cool and bland, —

Pardoned his spilling mess-tins in our hand.

We’ve sniffed the green thick odour of his breath, —

Our eyes wept, but our courage didn’t writhe.

He’s spat at us with bullets and he’s coughed

Shrapnel. We chorused when he sang aloft;

We whistled while he shaved us with his scythe.

Oh, Death was never enemy of ours!

We laughed at him, we leagued with him, old chum.

No soldier’s paid to kick against his powers.

We laughed, knowing that better men would come,

And greater wars; when each proud fighter brags

He wars on Death – for lives; not men – for flags.

Wilfred Owen

Gedicht zum Tag: Frühlingsglaube von Ludwig Uhlaand

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste, Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland

Emily Brontë – 1818-1848

Dieses Jahr gibt es zu Emily Brontë gleich zwei Gedenktage: Ihren Geburtstag am 30.7.1818 und ihren Todestag am 19.12.18148. Viele kennen wohl ihren Roman “Wuthering Heights”/”Sturmhöhe”. Dieser Roman hat ja auch seine Spuren in der Popmusik hinterlassen 😉

Aber wussten Sie, dass Emily Brontë zusammen mit ihren Schwestern auch Gedichte veröffentlicht hat? Auch sie erschienen unter den männlichen Pseudonymen Curris, Ellis und Acton Bell – die Initialen der Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë blieben hier erhalten. Dem Zeitgeschmack entsprechend handelt es sich dabei um längere poetische Texte – nicht so ganz einfach zu lesen und zu verstehen. Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, mich dieser von mir nicht sooo geschätzten Brontë-Schwester zu widmen (Wutehring Heights ist so gar nicht mein Genre …). Das bedeutet folgende Lektüreschwerpunkte, an denen Sie teilhaben können:

  • Biographisches – explizit zu Emily Brontë
  • erneuter Lektüre-Versuch von “Wuthering Heights”
  • Gedichte von Emily Brontë in “Hauptsache Lyrik”, teils einfach so reingestellt, teils mit Gedanken zum Text
  • evtl. auch was zu den Fantasiegeschichten der jungen Brontë-Geschwister – mal sehen

Ich freu mich auf Ihre Begleitung.

Poetica 4 – Lyrikfestival in Köln

Die Poetica hat 2018 nicht nur Lyrik zum Thema – in diesem Jahr geht um Verwandlungen: “Beyond identities” lautet das Thema. Und die erste “Literatur und Dialog”-Veranstaltung der Poetica “Von Tieren und Menschen” befasst sich mit Kafkas “Verwandlung”. Die Veranstaltungen der Reihe “Literatur und Dialog” sind Diskussionen, an denen sich auch das Publikum beteiligen kann. Diese hier findet am Dienstag, den 23.1.20178 um 14 Uhr im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln statt (im Hauptgebäude am Albertus-Magnus-Platz).

“Lesungen und Dialoge” heißt eine andere Reihe – hier kommen die Autorinnen der Poetica mit ihren Werken zu Wort und zwar zumindest immer drei.

Für Studierende der Universität gibt es zwei Workshops: Eine literarische Werkstatt mit der Kuratorin der Poetica, Yoko Tawada und einen mit Teju Cole (nicht öffentlich).

Kalligraphie ist bei einer japansichen Kuratorin kein wirklich überraschendes Moment, wenn auch die beschreibung der Veranstaltung durchaus Ungewöhnliches verspricht, denn Musik ist auch noch dabei.

Zum Schluss werden die Gedichte der Teilnehmerinnen “ins Szenische” übertragen – eine spannende Begegnung am Ende der Poetica.

Rosenkäfer Verwandlung Identität Poetica 4 2018

Ob Georg Samsa zu so einem schönenn Rosenkäfer wurde? Foto: Heike Baller

Das ausführliche Programm finden Sie hier.

Die Poetca 4 findet in diesem Jahr in der Zeit vom 22. bis 27.1.2018 statt. Orte sind die  Universität, das Internationale Kolleg Morphomata, das Literaturhaus Köln, das Japanische Kulturinstitut und die Zentralbibliothek Köln.

Die Teilnehmerinnen kommen zu einem großen Teil aus Asien: China, Japan, Südkorea, aber auch Niederlande, Deutschland und Dänemark sowie die Vereinigten Staaten von Amerika.

  • Yoko Tawada (Kuratorin)
  • Jaffrey Angles
  • Bei Dao
  • Anneke Brassinga
  • Teju Cole
  • Hiromi Itō
  • Kim Hyesoon
  • Barbara Köhler
  • Morten Søndergaard
  • Monique Truong
  • Jan Wagner

Gedicht zum Tag: Ich ließ meinen Engel … von Rainer Maria Rilke

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen,

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.

 

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt …

 

Rainer Maria Rilke