Gedicht zum Tag – An den Mond von J. W. v. Goethe

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh’ und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluss!
Nimmer werd ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuss,
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!

Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu,

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Johann Wolfgang von Goethe

Gedicht zum Tag – Dorothea Eleonora von Rosenthal über Martin Opitz

MEin liebster Opitius rührte die Seiten /

Die jedermann liebte / ja hörte von weiten;

Die Berge die hüpfften und sprangen empor /

Es freut sich alles gieng alles im flor:

Opitius schriebe Trochäische Lieder /

Un Jambische Verse / wie zeiget ein jeder /

Herr Caesius folget und lehret uns auch

Der schönen Daytylischen rechten Gebrauch

Er weiset und lehret uns die Anapästen /

So werden sie loben Ost / Süden und Westen /

Sie haben uns alle viel gutes gethan /

Nun folget ihr anderen der güldenen Bahn!

Dorothea Eleonora von Rosenthal

 

Hauptsache Lyrik – Der Lyrikweg in Overath

Es hilft durchaus, den Fuß mal vor die Tür zu setzen Bei einem Spaziergang in Overath diese Woche habe ich diese Installationen gefunden:

Overath Lyrikweg

Ein Gedicht mit Ausblick in Overath

Overath Lyrikweg

Ein Gedicht mit Blumenschmuck am Wegesrand

Dieser Lyrikweg im bergischen Overath wurde am 15.8.2014, also vor gut drei Jahren eröffnet. Ich habe auf einer kurzen Runde nur diese zwei Exemplare gefunden – hier können Sie den gesamten Lyrikweg sehen; sieht nach einer netten Wanderung aus 😉

Ich finde solche Initiativen zu LIteratur am Wegesrand sehr schön, vor allem, wenn der Text dann auch wirklich zur Situation am Weg passt.

Wer kennt denn weitere Poesiepfade, Lyrikwege oder andere solcher Initiativen?

Gedicht zum Tag – Morgen von Christian Morgenstern

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111111.jpgMorgen

Nun sind die Sterne wieder
von blaßblauer Seide verhüllt,
nun Näh’ und Ferne wieder
von junger Sonne erfüllt.
Ihr weißen Wasser, die ihr
hinab zur Ebne springt,
oh sagt den Freunden, wie mir
das Herz heut singt und klingt.

Christian Morgenstern am 15. August 1896

Gedicht zum Tag – Von den heimlichen Rosen von Christan Morgenstern

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Christian Morgenstern

Hauptsache Lyrik – Poetry Atlas

Ich habe nur englischsprachige Texte gefunden – aber faszinierend ist das schon: Im Poetry Atlas kann man nach Gedichten suchen, die sich mit einzelnen Orten befassen:

  • Loblieder auf sie,
  • Kritik an ihnen
  • als Handlungsort einer Szene oder Geschichte

Und so kann ich einzelne Gedichte finden:

Ich wähle ein Land aus und zoome es mir in der unterlegten Google Map schön nah ran. Dann kann ich einfach auf das weiße Symbol mit Papier klicken udn bekomme alle Gedichte angezeigt, die mit Deutschland zu tun haben. Oder ich klicke ein roten Pin an – da erfahre ich, welcher Ort, ggf. auch welche Sehenswürdigkeit sich da verbirgt. Oder ich klicke eine einzelne Feder an und bekomme den oder die Titel angezeigt, in denen der Ort ein Rolle spielt.

Poetry Atlas Map Karte Orte

Hier sehen Sie die verschiedenen Optionen zum Anklicken im Poetry Atlas

 

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Gedicht zum Tag – Frühling ist wiedergekommen von Rainer Maria Rilke

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Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele…. Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!

Rainer Maria Rilke
Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil

Poetica 3 – Lyrikfestival mit Tradition in Köln

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x150111111111111111.jpgSo ist das in Köln: Beim 3. Mal ist es eine Tradition. Und deshalb ist auch das Lyrikfestival Poetica nun eine Kölner Tradition. Es findet vom 9. bis 14.Januar 2017 statt, Orte sind die Zentralbibliothek am Neumarkt, das Depot 2 vom Schauspiel Köln, die Universität und das Wallraff-Richartz-Museum.

Thema dieses Jahr: Die Seele und ihre Sprachen

Die Auftaktveranstaltung mit den Autorinnen der Poetica findet am 9.1.2017 um 18 Uhr in der Aula II der Universität Köln statt.

Das Programm reicht von Veranstaltungen mit Diskussionsanteil über Lesungen bis zu Lehrangeboten für Studierende. Und auf diese Autorinnen und Autoren dürfen Sie sich freuen:

Gedicht zum Tag – Vorfreude auf Weihnachten von Joachim Ringelnatz

Vorfreude auf Weihnachtenrp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x15011111111111111.jpg

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz