Elizas Tochter von Joan Aiken

Noch so ein “Folgeroman” auf Basis der Geschichten von Jane Austen, an dem sich Joan Aiken versucht hat (sie hat da wirklich eine Menge geschrieben). Und nein, mit Eliza ist nicht Eliza Bennet gemeint. Wir bewegen uns stattdessen im Umfeld von “Sense and Sensibility“, also “Verstand und Gefühl” (“Sinn und Sinnlichkeit” ist der deutsche Titel einer Verfilmung!).

Die Figur, die bei Joan Aiken die Hauptrolle spielt, wurde in “Sense and Sensibility” erst geboren; wir lernen Eliza, die Tochter von Eliza, deren Mutter Eliza (verwirrt? ja, aber so ist das nun mal: von Großmutter bis Enkelin – alle heißen Eliza) die unerreichbare Liebe von Oberst Brandon war, im Alter von vier Jahren kennen. Sie lebt in einem Dorf voller Ammen, die Kinder von Betuchteren großziehen. Viele der Kinder sind unehelich geboren, die meisten aber kennen ihre Eltern. Eliza nicht. Das wird sie fast das ganze Buch über beschäftigen. Wer das Austensche Original kennt, hat ihr da was voraus 😉

Gleich am Anfang gibt es geheimnisvolle Anmerkungen, dass Eliza was Besonders an sich hat – erst nach einiger Zeit wird das Geheimnis gelüftet: Sie hat an der rechteen Hand sechs Finger. Als sie auf der Suche nach einem kleinen Zögling mit Zigeunern in Kontakt kommt, hört sie das erste m Mal was Positives darüber – sonst wurde diese Anomalie eher mit Furcht und Ekel betrachtet.

Eliza wächst recht wild auf. Mütterliche Fürsorge kennt sie nicht – die Amme ist nicht an den Kindern, sondern nur an dem Geld interessiert, das sie ihr einbringen. Ihre Tochter verdingt sich ebenfalls als Amme – ihr Milchkind ist die kleine, sehr zarte Tochter aus dem adligen Haus in der Nachbarschaft (ehelich geboren …). Als die Mutter nach längerem Auslandsaufenthalt, zur Erholung nach der schweren Geburt, ihre Tochter abholen will, soll ihr die leibliche Tochter der Amme untergeschoben werden. Eliza, inzwischen ca. acht Jahre alt, verhindert das. Sie bekommt als Spielgefährtin der kleinen Triz Zugang ins Herrenhaus. Nach dem Tod des Hausherrn, Eliza ist inzwischen ein Teenager, müssen Triz und ihre Mutter England verlassen. Lady Heriot rät Eliza, sich bei den Anwälten ihres Vormunds Oberst Brandon zu melden.

So kommt Eliza nach Delaford und bei Elinor und Edward Ferrars unter. Oberst Brandon und Marianne sind in Indien. An dieser Stelle beginnt eine unangenehme Überraschungsreihe für Fans von Jane Austen: Joan Aiken gibt sich große Mühe, die aus Jane Austens Original liebgewordenen Charaktere niederzumachen. Edward ist verbittert, geizig und auch gegenüber Elinor streng und bevormundend. Elinor ist eine vergrämte Frau, grau, mager und geduckt. Die Tochter der beiden, die Eliiza später kennenlernt, scheint eher aus Robert Ferrars Holz geschnitzt zu sein – egoistisch und überheblich, dabei ignorant. Und Mrs. Dashwood leidet an Alzheimer …

Rendicion de Ciudad Rodrigo (Espana) 1812

Bei der Schlacht um Ciudad Rodrigo kommt Oberst Brandon ums Leben – das erfährt Eliza in Portugal

Die Ferrars können es sich nicht leisten, Eliza bei sich zu behalten, schicken sie nach Bath zu einer entfernten Verwandten und in die Schule. Eliza hat es nicht leicht, findet sich aber ab und verbringt vier Jahre recht geruhsam in Bath. Mit Unterrichten an der Schule, vor allem Musikunterricht, verdient sie sich etwas Geld. Der Haushalt ihrer “Gastgeberin” ist wohl situiert. Dann fällt Eliza auf einen charmanten Jüngling rein – obwohl sie der Vergewaltigung entgeht, ist ihr Ruf hin. So kommt sie zurück nach Delaford, wo gerade eine Überschwemmung schlimmen Schaden angerichtet hat. Sie macht sich im Haushalt der Ferrars nützlich, pflegt die schwer erkrankte Elinor. Dann ruft man sie nach Bath zurück – ihre Gastgeberin ist ebenfalls erkrankt. Eliza bringt sie vom Laudanum und Brandy ab, erfährt etwas über ihre Mutter und den möglichen Namen ihre Vaters. Doch statt eines gemütlichen “Weiterso” muss sie Bath nach dem Tod ihrer Gönnerin verlassen. Sie landet in London, erfährt noch mehr über ihre Eltern, besonders über das Schicksal ihrer Mutter. Deren Gönner nimmt sich – in väterlicher Art – ihrer und ihres Musiktalentes an. Ein Brief aus Portugal von Lady Heriot ruft sie nach Süden. Und dort erfüllt sich dann ihr Schicksal, nicht ohne, dass noch einige dramatische Dinge passieren. Dort trifft sie dann auch Marianne Brandon, die inzwischen verwitwet ist.

Joan Aiken hat eine spannungsgeladene Geschichte verfasst, ohne Zweifel. Ihre Einblicke in die dunkleren Seiten der Gesellschaft um 1815 sind eindrücklich und informativ. Die Charakterveränderungen der Austenschen Figuren kann man sicher den – teils ja historischen –  Zeitläuften und Enttäuschungen zuschreiben, aber befriedigend ist das nicht. Die Chrakteranlagen bei Jane Austen bricht Joan Aiken ziemlich gewaltsam ins Negative. Insgesamt: Ein spannendes Buch mit faszinierenden Facetten – und ein paar Flecken in der Figurenführung 😉

Joan Aiken: Elizas Tochter, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 1996, ISBN: 325706098x

Die Besprechung gehört in meine Reihe “beloved Jane”, die ich auf den 200. Todestag von Jane Austen im Juli 2017 hin gestartet habe.

Die fremde Königin von Rebecca Gablé

Nach Lektüre aller bisher erschienenen historischen Romane von Rebecca Gablé weiß ich nun wirklich, wie ihre Dramaturgie tickt – und kann trotzdem nicht aufhören zu lesen. Sie kann einfach erzählen. Und so habe ich auch dieses Buch bis nachts verschlungen – egal, dass es mitten in der Woche ist.

Adelheid und Otto I

Im Mittelpunkt steht als historische Figur Adelheid von Burgund, die zweite Ehefrau von König Otto I. Rebecca Gablé stellt ihr den – fiktiven – Panzerreiter Gaidemar zur Seite: Er ist an ihrer legendären Flucht aus der Gefangenschaft Berengars von Ivrea beteiligt, indem er sie und ihre Tochter Emma auf dem Weg nach Canossa begleitet. Auf Adelheids Seite folgen nun in getreuer Abbildung der historischen Ereignisse die Heirat mit Otto I, die Geburt der vier gemeinsamen Kinder, ihre Mitregentschaft und zum wahrlich krönenden Abschluss die Kaiserkrönung – Adelheid wird Kaiserin. Außerdem bekomme ich Einblick in die Familienverhältnisse der “Ottonen” und lerne kennen:

  • seinen vorehelichen Sohn Wilhelm, der Erzbischof von Mainz wird
  • seinen Sohn aus erster Ehe, Liudolf, der gegen den Vater rebellier
  • Heinrich, den Bruder Ottos, der nach langen Querelen sich widerwillig dem König unterordnete
  • Brun, den geistlichen der Brüder, Erzbischof von Köln
  • Mathildis, die Mutter der drei
  • und erzählenderweise Thankmar, Halbbruder der drei anderen, der bei der Erbfolge ausgeschlossen worden war.

Die Schwestern Ottos kommen nur am Rande vor.

Die Regierungszeit Ottos I war von vielen Auseinandersetzungen geprägt, an denen seine Brüder und Söhne ihren Anteil hatten – teils auf seiner Seite, teils gegen ihn. Die größte Schlacht seiner Herrschaft war die auf dem Lechfeld gegen ein übermächtig erscheinendes Heer der Ungarn, die Otto I und seine Leute wider alles Erwarten gewannen.

Meissner-dom-stifter

Diese Stifterfiguren von Otto I und Adelheid am Meißener Dom haben Charme – so wie Rebecca Gablé sie auch schildert. User:Kolossos, Meissner-dom-stifter, CC BY-SA 3.0

Die ganzen historischen Fakten hat Rebecca Gablé mit gewohnter Akkuratesse recherchiert und eingebunden. Die Quellenlage ist in vielen Details ziemlich gut. Aber natürlich schildern die Chronisten nicht jede Einzelheit im Tagesablauf, so dass sich hier der Freiraum ergibt, in dem sie ihre Figuren an uns heranholt: Adelheid und Otto sind ein harmonierendes Herrscherpaar – das wird wohl schon aus dem Quellen deutlich; Rebecca Gablé zeigt sie als Eltern, die um ein gestorbenes Kind trauern, als Liebespaar, als politisch und strategisch denkende Menschen und als fürsorgliche Eltern. Aber auch ihre schwachen Seiten: Misstrauen gegenüber Liudolf z. B., das von beiden unterschiedlich motiviert war.

Ein wichtiger Aspekt der Geschichten rund um Otto I sind die Slawen und die Ungarn – sie sind Ursache vieler Kämpfe, denn Otto hat die Slawen zwar unterworfen, es gibt aber immer wieder Rebellion und Widerstand. Otto will, im Gegensatz zu seinem Vater Heinrich, nicht nur Tribut, sondern die Christianisierung der Heiden. Eine zusätzliche Belastung im Verhältnis zu den unterworfenen Slawen … Einige slawische Figuren holen die den Helden fremden Anschauungen und Kenntnisse heran. Vor allem die Heilkunst wird da wichtig. Nicht nur Gaidemar profitiert davon. Auch Otto selbst erkrankt einmal schwer – in Köln, wo gerade eine Seuche wütet – und wird eben durch slawische Heilkundige gerettet.

Gaidemar – der fiktive Held von Rebecca Gablé

Gaidemar hat im Gegensatz zu Ottto, Adelheid und den anderen nichts. Er ist ein Bastard – er hat lange keine Ahnung, wer sein Vater ist, bis es ihm Wilhelm, der Bastard Ottos, erzählt. Das Rätsel um seine Mutter bleibt noch länger ungelüftet. Er hat als Panzerreiter einen Eid auf Otto I geschworen, den er nie bricht – auch nicht um der Freundschaft mit Liudolf willen. Doch Otto traut ihm nicht, lieber hört er auf seinen Bruder Heinrich. Der aber hat was gegen Gaidemar. Und ja, Gaidemar geht es zwischendurch immer mal wieder so richtig dreckig: Gefangenschaft und Folter, unfaire Angriffe seiner Gegner aus dem Hinterhalt. Dabei steht er, wie sich das für einen Helden von Rebecca Gablé gehört, loyal zu seinem König und erst recht zu seiner Königin.

750 Seiten umfasst der Roman und sie werden nie langweilig. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Rebecca Gablé die Dramaturgie handhabt. Es gibt ruhigere Passagen, in denen ich  die Personen näher kennenlerne, es gibt die lustvollen Sexszenen, immer recht kurz und dadurch wenig aufdringlich, es gibt Passagen innerer Aufgewühltheit und dann die Kampf- und Kriegsszenen. An denen hat Rebecca Gablé offensichtlich Freude. Ihre Personen reden verständlich – die Anrede “Ihr” ist gebräuchlich, ansonsten klingen ihre Menschen aus dem 10. Jahrhundert sehr ähnlich wie unsereins. Das entspricht sicher nicht der historischen Realität, macht das Lesen aber deutlich einfacher. Ein historischer Schmöker, wie er beser nicht sein könnte. Ich ziehe meinen Hut vor Rebecca Gablé, die seit vielen Jahren immer wieder solche Bücher vorzulegen vermag. Und sich dann auch noch die Zeit nimmt, auf neugierige Fragen zu antworten 🙂 Vielen Dank!

Rebecca Gablé: Die fremde Königin, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2017, ISBN: 9783431039771

Die Stadtbibliothek Köln verfügt über eine große Anzahl Exemplare im Bestsellerbereich (2 Wochen Leihfrist, 2,- € Leihbegbühren) – hier ist ein “normales” Exemplar verlinkt.

Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Die Watsons von Jane Austen und David Hopkinson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgTatsächlich gibt es mehrere Fortsetzungsversuche zu dem Fragement “Die Watsons”, das Jane Austen 1804 begann und nach dem Tod ihres Vaters nicht vollendete. Mir liegt die vor, in der David Hopkinson, der allerdings namentlich nicht genannt wird, im Nachwort die Erzähltradition von Janes Familie betont, in die er sich einreiht. Die Info, dass es sich um ihn handele, habe ich von einer deutschsprachigen Seite zu Jane Austen.

Den Beginn des Romans habe ich ja bereits bei meiner Besprechung von “Lady Susan” vorgestellt: Emma Watson, nach 14 Jahren der Trennung wieder bei ihrer Familie gelandet, gewinnt durch ihre Freundlichkeit gegenüber einem zehnjährigen Jungen auf einem Ball die Aufmeksamkeit einiger Menschen, darunter dreier junger Männer, die unterschiedlicher nicht sein können:

  • Tom Musgrove, ein Lebemann aus dem Ort, der laut ihrer Schwester Elizabeth mit jeder Frau zu flirten versucht, sich aber nicht festlegen will
  • der junge Lord Osborne, gesellschaftlich eher ungeschickt und recht wortkarg
  • Mr. Howard, der ehemaliger Lehrer Lord Osbornes und jetzt als Pfarrer der Gemeinde tätig

Noch vor Abbruch ihres Manuskripts fürhrt Jane Austen weitere Familienmitglieder von Emma ein:

  • Robert Watson, der älteste Bruder, ist Anwalt und hat die Tochter seines Dienstherrn geehelicht; all’ sein Sinnen und Trachten ist “Geld” – erlangen, verwalten, vermehren
  • seine Frau Jane ist sehr von sich und ihren 6000 Pfund eingenommen – noch unsympathischer als ihr Mann
  • Margaret, Emmas nächstältere Schwester, schwärmt ausdauernd für Tom Musgrove, ist launisch und zänkisch

Dann gibt es noch den jüngeren Bruder Sam, von dessen Hoffnungen auf die attraktive Miss Edwards Elizabeth ihre Schwester Emma vor dem Ball in Kenntnis setzte. Er macht eine Ausbildung als Wundarzt. Die letzte Schwester, die gerade eine Freundin besucht, heißt Penelope und ist nach Aussage von Elizabeth sehr darauf aus, sich möglichst gut zu verheiraten und immer bereit, für ihren eigenen Vorteil andere zu übervorteilen. Beide Geschwister haben im Teil, den Jane Austen verfasste, noch keinen Auftritt.

Mit dem 6. Kapitel setzt die Handlung ein, die David Hopkinson anhand der Vervollständigungen aus dem Familienkreis (Nichte und Großnichte von Jane) als so besonders nah an Jane Austens eigenen Plänen hält: Emma freundete sich nicht nur mit der Mutter ihres zehnjährigen Tanzpartners und dem dazugehörigen Bruder bzw. Onkel, also Mr. Howard, an, sondern auch mit der Schwester von Lord Osborne. Mit den auch bei Jane Austen üblichen Verwicklungen  – Emma sieht sich zwei Verehrern ausgesetzt, Henrietta Osborne spielt mit dem ihren – findet Emma am Ende ihr Glück, ebenso wie ihre Freundin Henrietta. Der  missgünstigen Schwester ist solch Glück nicht beschieden.

Chawton Church, Steventon, Hampshire

Die Kirche in Steventon,, wo der Vater von Jane Austen Pfarrer war – ihr Sehnsuchtsort auf dem Land, ähnlich wie für Emma, die das Stadtleben nicht mag.

Auch wenn David Hopkinson sich auf die Erzähltradition der Familie von Jane Austen berufen kann – die subtile Leichtigkeit seines Vorbilds fehlt ihm. Das gilt großenteils vor allem für die Sprache, aber auch die Verknüpfung der einzelnen Handlungsfäden wirkt gelegentlich etwas forciert. Auch die Meinungen, die die Figuren vortragen, sind deutlicher formuliert, als es zu Beginn des 19. Jahrhunderts möglich oder schicklich gewesen wäre. So antwortet Emma auf eine Frage nach ihrem Lebensziel

Aber man bewahre mich vor der Sklaverei, en grande dame leben zu müssen – ich wurde nicht so erzogen, und nichts als Brauchtum kann solche Ketten leicht und elegant erscheinen lassen. (S. 74)

Im Großen und Ganzen finde ich, dass David Hopkinson seine Sache gut gemacht hat – meine Neugier nach der Entwicklung der von Jane Austen vorgestellten Personen hat er angenehm befriedigt.

Jane Austen: Die Watsons, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Droemer Knaur Verlag, München, 1978, ISBN: 3426006839

Wie Sie sehen, habe ich mir ein antiqarisches Schätzchen besorgt. Im dtv-Verlag gibt es das Buch aber noch.

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.

Marianne begibt sich also frohgemut auf die Reise und die Abenteuer können beginnen: Ihre Kutsche wird überfallen, der Kutscher James verletzt, ihr Medaillon geraubt – was tun? Zusammen mit ihrer Zofe, ein ebenso zierliches Geschöpf wie sie selber, wuchtet sie den verletzten Kutscher ins Innere des Gefährts und lenkt den Wagen bis zum nächsten Gasthaus. Ihr erstes Ansuchen um Hilfe wird von einem Gentleman in der Gaststube abgewiesen, doch der Wirt ist hilfsbereit; er schafft James in eins der Zimmer, versorgt die Wunde und empfiehlt Marianne, unten in der Gaststube etwas zu essen. Dort begegnet sie dem vorher so unfreundlich auftretenden jungen Mann – noch vor Ende der Mahlzeit sind die beiden die dicksten Freunde; Marianne entdeckt in ihm einen Menschen mit demselben Humor. Während sie ihm ihre Identität enthüllt, verbleibt er in Anonymität. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass er sich a) um alles Notwendige für Mariannes Weiterfahrt und b) um eine Pflegeperson für James gekümmert hat. Marianne und ihre Zofe reisen weiter nach Edenbrooke.

A treatise on carriages - comprehending coaches, chariots, phaetons, curricles, whiskies, &c. - together with their proper harness, in which the fair prices of every article are accurately stated (14590085648)

Ein Kutschenmodell aus der geschilderten Zeit – offensichtlich besser gefedert als das altmodische Teil der Großmutter.

Was dann folgte, habe ich in der Straßenbahn gelesen und da ich dort nicht die ganze Zeit schallend lachen konnte, habe ich still Tränen gelacht: Mariannes Bedürfnis, sich aus purer Lebenslust im Kreis zu drehen, hat, man könnte sagen: bestürzende Folgen. Und wer dann als Retter auftaucht, das können Sie sich sicher denken.

Julianne Donaldson hat mit Marianne und Philip – ja, so heißt der junge Mann und er ist Sohn des Hauses, in dem Marianne zu Gast ist – ein so offensichtlich kongeniales Paar erschaffen, dass jede Art der Verzögerung, auch als Traumpaar zu enden, gesucht erscheint. Das ist im Grunde einer meiner Kritikpunkte an dem Buch: Das glückliche Ende für die beiden winkt einfach schon zu früh, und das trotz einiger schwerwiegender Hindernisse. Einer davon ist die absolute Begriffsstutzigkeit von Marianne im Zusammensein mit Philip. Ein Mädchen, das mit der eigenen Schwester bereits über die möglichen Zuneigung von Jungen spekuliert hat, kann nicht so blind sein; in dieser Hinsicht ist Marianne äußerst unglaubwürdig – der nächste Kritikpunkt. Hinzu kommen die Szenen, in denen die beiden, wenn auch oft bei geöffneter Tür, oft stundenlang völlig allein miteinander sind; Georgette Heyer wäre ein solcher Fauxpas nicht passiert, denn das war für die damalige Zeit undenkbar.

Julianne Donaldson schildert im Interview, das dem Roman folgt, wie sehr Georgette Heyer und Jane Austen sie beeinflusst haben – an solchen Stellen wird aber deutlich, dass sie eben doch eine Frau des 21. Jahrhunderts ist.

Im Großen und Ganzen jedoch ist das Buch eine reizende, unterhaltsamen Lektüre für alle, die ein Faible für die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben. Wie ihr Vorbild Georgette Heyer schreibt Julianne Donaldson einen lockeren, selbstironischen Stil. Das tut dann auch Marianne, wenn sie ihrer Großmutter pflichtschuldigst von ihren Fortschritte berichtet, sich wie eine Dame zu benehmen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Zwischenzeitlich hier eine kleine Zusammenfassung darüber, was ich über das Dasein einer eleganten jungen Lady gelernt: Sie sollte niemals einen Genlteman beledigen, mit dem sie später womöglich diniert. (S. 141)

Julianne Donaldson: Sommer in Edenbrooke, übersetzt von Heidi Lichtblau, Pendo Verlag, München Berlin Zürich, 2017, ISBN: 9783866124288

Oh ein Tier von Felix Bork

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x150111.jpgMan sollte doch die Angaben zu Umfang und Größe eines Buchs lesen – als mich das Paket mit dem Buch von Felix Bork erreichte, war ich erst mal baff: ein Monstrum! Okay, übertrieben, aber Größe und Gewicht von einem Museumskatalog mittlerer Größe hat das Werk schon.

Und wie siehts drinnen aus?

Bunt 🙂

Viele der illustrationen von Felix ork sind ebenso korrekt wie ein Foto - allerdings käme bei ihm der Rosenkäfe ohe das Blatt darunter daher. Foto: Heike Baller

Viele der Illustrationen von Felix Bork sind ebenso korrekt wie ein Foto – allerdings käme bei ihm der Rosenkäfe ohne das Blatt darunter daher. Foto: Heike Baller

Und durchaus informativ, auch wenn bei manchen der kindlich anmutenden Bilder was anderes zu erwarten wäre. Felix Bork stellt auf diese unkonventionelle Weise alle möglichen Tiere vor, die in unseren Breiten leben. Jedem Abschnitt ist ein offensichtlich von Hand bearbeiteter informativer Text vorangestellt – unverständliche Wörter werden ersetzt (teils mit den drastischen Ausdrücken der Alltagssprache 😉 : Abdomen = Arsch), es gibt Seitenangaben, um die entsprechenden Informationen im Buch zu finden und Verweis innerhalb des Textes, damit man nicht frustriert zu lesen aufhört. Die Darstellungen der Tierwelt gibt es in seriös – also korrekte Illustrationen, in Comicform – kleine Geschichten mit absurdem Inhalt, um Wörter zu erklären, als eine Art Kinderzeichnung oder als Verweigerung – bei den Fischen gibt es einige Doppelseiten mit Blautönen und Fischschemen, weil,  so die Erklärung, sie unter Wasser so schlecht zu erkennen sind.

Felix Bork legt hier eine Mischung von Information und Spaß vor, die sich dazu eignet, gemeinsam beguckt zu werden. Als Erwachsener sollte man sich allerdings nicht vor allzu viel deftiger Sprache fürchten 😉

Ein ungewöhnliches Sachbuch mit Spaßfaktor. “Bestimmungsbuch” – na ja, zum Mit-Raus-Nehmen ist es aufgrund seines Umfangs nicht wirklich geeignet.

Felix Bork: Oh, ein Tier! Bestimmungsbuch mit fast allen hemischen Arten, Eichborn Verlag, Köln, 2017, ISBN: 9783847906339

Das Buch zu Sherlock Holmes ist verlost

Da hatte Martin ja richtig was zu wühlen – 27 Kommentare zum Buch über Sherlock Holmes macht 27 Zettelchen:

So voll war der Lostopf selten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einem gründlichen Tauchgang brachte Martin diesen Zettel zum Vorschein:

Gratulation an Kerstin, die Wortspielerin!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das wars dieses Jahr hier mit der Aktion “Blogger schenken Lesefreude” – andere Verlosungen (auch die von Kerstin, wie ich eben gesehen habe) gehen noch weiter; viel Spaß beim Stöbern 🙂 Und bis nächstes Jahr 🙂

Das Perlenbuch ist verlost

Martin hatte heute seinen ersten Einsatz seit langem, es galt die Namen derer zu ziehen, die das Perlenbuch gewinnen:

7 Zettelchen liegen bunt durcheinandergewürfelt in der Schale - welche Namen kommen raus?

7 Zettelchen liegen bunt durcheinandergewürfelt in der Schale – welche Namen kommen raus?

Es sind so schöne Geschichten, die zu Perlen und Perlenschmuck zusammengekommen sind – gut, dass hier das Los entscheidet und nicht ich, denn dann hätte ich ein paar Bücher dazukaufen und alle beschenken müssen; lesen Sie selber noch mal in die Kommentare hinein.

Ich selber habe auch ein paar Perlenschmuckstücke geerbt und trage sie gern.

Ach ja, ein Kommentar hat sich ein bisschen verlaufen ;-), aber auch die Liebhaberin teils skurriler Perlenketten war mit im Lostopf ;-).

 

Und wer hat nun die beiden Exemplare vom Perlenbuch gewonnen?

Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt

Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt. Herzlichen Glückwunsch!

Jane Austens Northanger Abbey von Val McDermid

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBisher kannte ich Val McDermid “nur” als Krimiautorin – doch so was kann sie auch: Einen Jane-Austen-Roman in die Jetztzeit transportieren.

Northanger Abbey gehört – ebenso wie Emma – nicht gerade zu meinen Favoriten in der kurzen Reihe von Jane Austens Romanen, da ich zum Fremdschämen neige 😉 (Satire hin oder her) und Catherine genau wie Emma bietet dazu ja nun wirklich reichlich Gelegenheit. Nichtsdestoweniger habe ich das Buch von Val McDermid genossen, einfach, weil sie die Geschichte so völlig selbstverständlich in die Moderne tranferiert. Dabei schafft sie es, die den Personen von Jane Austen verliehenen Charaktere fast 1:1 zu modernisieren:

  • Statt auf Schauerromane steht Cat auf Vampirgeschichten
  • Informationen über die Famlienbeziehungen der Tilneys bekommt sie über Facebook
  • Die Angebereien von John Thorpe sind durchaus angepasst …

Andere Gegebenheiten ändert Val McDermid aber auch, so dass die Aktualität gewahrt bleibt, so z. B. den Umgang Cats mit dem Ehepaar Allen – gemäß unserer Zeit herrscht hier sehr viel mehr Gleichberechtigung und Lockerheit im Ton als zu Zeiten Jane Austens. Drogen sind Thema – nur mal so als Beispiel. Und der Verdacht, aus dem sich das Missverständnis zwischen Cat und Henry entwicklen kann, ist ebenfalls aktueller als der Vorwurf, sie sei ja keine reiche Erbin, wie er im Original erhoben wird.

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Obwohl Jane Austen ihre Satire viel früher geschrieben hatte, erschien sie erst nach ihrem Tod, zusammen mit ihrem letzten Roman Persuasion

Auch Cat ist eine junge Frau von manchmal etwas beschränktem Verstand, wie ihr historisches Vorbild, und ebenso wenig wie Catherine in der Lage zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden – sie benimmt sich also mehr als nur einmal äußerst albern. Doch am Ende gibt es wie bei Jane Austen ein glückliches Paar.

Man kann den Roman auch einfach so genießen – mit dem Wissen um das Original gibt es aber noch mehr Spaß.

Val McDermid: Jane Austens Northanger Abbey, übersetzt von Doris Styron, HarperCollins Germany, Hamburg, 2016, ISBN: 9783959670180

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es den Titel als E-Book, als Buch und im Original.

Blogger schenken Lesefreude 2017

rp_blogger2015-300x156.pngHeute ist es wieder so weit: Welttag des Buches ist heute und heute startet – nicht nur bei mir – eine Verlosungs- oder Verschenkaktion rund ums Buch, dank der Leute, die “Blogger schenken Lesefreude” ins Leben gerufen haben.

Hm, Lesefreude bedeutet ja für viele Unterschiedliches, sprachlich wie inhaltlich. Deshalb ist es gut, dass so viele Bloggerinnen und Blogger an der Aktion “Blogger schenken Lesenfreude” teilnehmen – irgendwen, der das verlost oder verschenkt, was gerade Sie interessiert, finden Sie da bestimmt. Und Sie haben die Möglichkeit, unterschiedliche Literatur- und Buchblogs kennenzulernen, wenn Sie mit dem Slogan durchs Netz surfen oder der Teilnehmerliste folgen.

Bei mir gibts ein etwas älteres Schätzchen zu gewinnen – “Die Welt des Sherlock Holmes” von Maria Fleichhack. Eine spannende und informative Lektüre.

Sie sind interessiert? Dann kommentieren Sie doch bitte diesen Beitrag bis zum 30.4.2017 um Mitternacht – Martin wird den Tag der Arbeit dann mit der Verlosung beginnen 😉 Bitte geben Sie Ihre Mail-Adresse an, damit ich Sie im Falle eines Gewinns benachrichtigen kann (sie wird nicht veröffentlicht). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es handelt sich um ein gelesenes Exemplar.

Martin bei der Arbeit - so sieht das dann am 1.5.2017 auch aus

Martin bei der Arbeit – so sieht das dann am 1.5.2017 auch aus