Was Fische wissen von Jonathan Balcombe

Wenn Sie Fische vor allem für zappelnde Proteinspender halten, wird Jonathan Balcombe Sie eines Besseren belehren. Und zwar nachhaltig … Die Titelvarianten machens deutlich. In der deutschen Version heißt der Untertitel: Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser. Im englischen Original lautet der vollständige Titel: What a Fish Knows: The Inner Lives of Our Underwater Cousins.

Jonathan Balcombe beginnt mit den Sinneswahrnehmungen

Dass Fische was sehen können, ist klar – schließlich haben sie Augen. Jonathan Balcombe zeigt mir aber auch, dass Fische optischen Täuschungen zum Opfer fallen können. Es gibt Studien mit der  Ebbinghaus-Täuschung und mit dem Kanizsa-Dreieck – Fische verhalten sich in beiden Fällen wie Menschen. Sie haben dazu noch weitere Eigenschaften. Oder haben Sie mal darüber nachgedacht, was es mit dem Sehvermögen macht, wenn bei Plattfischen ein Auge auf die andere Seite wandert, weil sich der gesamte Körper verändert? Spannend, sag ich Ihnen.

Paralichthys olivaceus Daiju Azuma, Paralichthys olivaceus, CC BY-SA 2.5

Hier kann man das mit den verschobenen Augen ganz gut erkennen – erst war auf jeder Seite eins, jetzt sind beide “oben”. Daiju Azuma, Paralichthys olivaceus, CC BY-SA 2.5

Jonathan Balcombe erzählt von eigenen Erlebnissen mit Fischen, aber auch Geschichten von anderen, die erzählen, wie sich ihre Aquariumsfische verhalten – nicht sehr viel anders, als ein Hund, darauf läuft es hinaus. Ein Problem in der Interaktion zwischen Fisch und Mensch sind ein paar grundlegende physiologische Unterschiede:

  • Fische seien stumm, heißt es. Nein, ihre akustischen Signale sind aber auf Wasser und nicht auf Luft eingestellt.
  • Fische glotzen so unbewegt. Nein, sie brauchen keine Lider und kein Blinzeln, da ihre Augen immer feucht gehalten werden.
  • Fische haben keine Mimik. Das stimmt – aber Gesichtsmuskeln unter stetem (Wasser)Druck werden auch bei uns eher unbeweglich; Fische haben alle Muskeln in Ansätzen wie andere Wirbeltiere auch. Sie empfinden also Schmerz, auch wenn wir es ihnen nicht an der Nase ansehen können.

Fisch seien, so wünscht es sich Jonathan Balcombe, in die Moralgemeinschaft aufzunehmen, in der Menschen und andere Wirbeltieren sich befinden; sie sorgt dafür, dass Menschen Tieren kein unnötiges Leid zufügen. In den letzten Jahrzehnten hat sich auf dem Gebiet Tierrechte eine Menge getan – nur eben kaum für Fische.

Jonathan Balcombe schreibt “leichtflössig”

Jetzt könnte man meinen: Boah, das klingt aber sehr verbissen. Der Stil von Jonathan Balcombe ist alles andere als das. Hier ein paar Beispiele:

Wie einige andere Fische mit innovativer technischer Ausstattung … (hier geht es um Kommunikation mittels elektischer Impulse) (S. 82)

 

Aber wie andere Tiere auch interessieren sich Fische natürlich nicht für ihren IQ. Nicht indem sie sich mechanisch an feste Lebenmuster halten, sind sie erfolgreich; (…) Angesicht der stets präsenten Gefahr durch Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und, in jüngster Zeit, menschliche Übergriffe, macht es sich bezahlt, leichtflössig und flexibel zu sein. (S. 145)

 

Es ist eine praktische Anpassung, sich selbst befruchten zu können, wenn die Aussicht, Artgenossen zu finden, dermaßen düster ist. (Es handelt sich um die Bewohner der Tiefsee) (S. 224)

 

Fisch und Mensch – eine traurige Beziehung

Nachdem Jonathan Balcombe an vielen Beispielen und mit persönlichen Bemerkungen z. B. zu den Zwangsrekrutierten der Studien, Tests und Versuche klar gemacht hat, dass Fische empfindsame, intelligente und kulturfähige (!) Lebewesen sind, widmet er sich dem Umgang der Menschen mit ihnen. Schleppnetze, Angel und Käscher sind die Instrumente, mit denen Fische zum menschlichen Verzehl aus dem Wasser geholt werden. Neben dem Erdrücktwerden und Ersticken in großer Masse klingt das hier fast idyllisch – aber nur fast:

Sich an der Lippe (oder einer empfindlicheren Stelle) mit einem Haken durchbohren und anschließend an einen Ort zerren zu lassen, wo man zu ersticken droht, klingt natürlich für niemandem nach einem erholsamen Nachmittag. (S. 276f).

Lisbeth metar av Carl Larsson 1898

Angeln ist ja so nett …

Dabei geht Jonathan Balcombe auch dem Mythos von der gesunden Ernährung an den Kragen: Da wir v. a. Thun- und andere große Raubfische bevorzugen (es entspräche an Land der Gewohnheit, Tiger zu essen), haben sich über die Nahrungskette alle Gilftstoffe hier versammelt.

Ich seh Sushi jetzt mit anderen Augen …

Ohne Jux: Ich finde das Buch von Jonathan Balcombe großartig – informativ und unterhaltsam geschrieben und inhaltlich wirklich wichtig. Ich habe es mit großer Freude, viel Spaß, großer Anteilnahme und großem Gewinn gelesen

Jonathan Balcombe: Was Fische wissen. Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser, übersetzt von Tobias Rothenbücher, mare Verlag, Hamburg, 2018, ISBN: 9783866482838

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