Das geheime Frankreich von Nils Minkmar

Nils Minkmar hat einen unschlagbaren Vorteil für dieses Buch – er kennt beide Seiten, die deutsche und die französische. Immer wieder verknüpft er eigene Geschichte und die seiner Familie mit seiner Schilderung von Französinnen und Franzosen. So schafft er einen Einblick in die nationale Identität unserer westlichen Nachbarn, ohne dass es in die eine oder andere Richtung chauvinistisch wird. Die Art und Weise, wie man in Frankreich miteinander kommuniziert, öffentlich oder privat, hat, so Nils Minkmar, eine lange Tradition. Das ist nicht immer gut. Aber es geht nicht einfach weg. Wandel vollzieht sich langsam – sprachlich und mental. Weiterlesen

Die neue religiöse Intoleranz von Martha Nussbaum

rp_Bild-Sachbücher-150x150111111.jpg“Ein Ausweg aus der Politik der Angst” lautet der Untertitel des Buchs der Philosophin Martha Nussbaum, denn Angst, das zeigt sie im zweiten Kapitel ihres Buches, ist zwar ein Grundgefühl, es hat aber oft politische Konsequenzen. Anhand vieler Beispiele aus den USA und Europa demonstriert sie, wohin die Angst vor dem anderen, v. a. vor der anderen Religion führt. Manches kennen wir – ihr Blick darauf zeigt, wie absurd viele der Diskussionen um Verschleierung, Burka, Kopftuch oder Minarette sind. Deshalb zeigt sie im letzten Kapitel auch auf “Wie man die Politik der Angst überwindet”.

Ein wichtiger Faktor in der Diskussion um den Islam ist der Paradigmenwechsel seit 9/11 – seit dem Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 geschieht immer häufiger eine Gleichsetzung von “Islam” mit Fundamentalismus, mit Terrorgruppen und seitdem werden religiöse Äußerungen des Islam – sei es eben Verschleierung oder Minarett – nicht mehr gleichwertig zu denen von anderen Religionen betrachtet und behandelt. Ein fundamentaler Verstoß gegen das Gleichheitsgebot. Und das ist ja so eine Art heiliger Kuh des Westens – eigentlich …

Martha Nussbaum entfaltet ihre Argumentation gut lesbar, fundiert, nachvollziehbar und führt

Über den Terrorberichten geht die Kunstsinngigkeit des Islam verloren - ein wertvolles Stück Weltkultur

Über den Terrorberichten geht die Kunstsinngigkeit des Islam verloren – ein wertvolles Stück Weltkultur

ihre Leser so an ihre Ideen heran, wie diese angstbesetzte Politk zu verändern sei: mit mitfühlender Fantasie, mit Empathie, mit Respekt. Und das ist nicht eine Sache der Politk von oben sondern eine Sache aller (die von einer entsprechend motivierten Politik unterstützt werden kann und soll).

Kann ich voll unterschreiben.

Marhta Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politk der Angst, übersetzt von Nikolaus de Palézieux, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2014, ISBN: 9783534264605

Thema 1914: Wien 1914 von Edgard Haider

Zemanta Related Posts ThumbnailAlltag im Jahr 1914 in Wien – von Edgard Haider akribisch zusammengetragen aus Zeitungsberichten und Anzeigen. Das Buch ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit dem Jahreswechsel zu 1914. Einzelne Ereignisse im Jahresverlauf sind dann Anlass zu ausführlichen Schilderungen – seien das nun Faschingskostüme oder die antisemitische Grundstimmung der Christsozialen; ehrlich gesagt, blieb mir da der Mund offen stehen – was in dieser Partei da so als Grundlagen verhandelt wurde, klingt dem sehr ähnlich, was knapp zwei Jahrzehnte später weiter nördlich Reichspolitik wurde.

Ansonsten ist es für mich als Nicht-Österreicherein einfach interessant, mal mitzubekommen, wie es denn im kaiserlichen Wien so zuging – z. B. die Sache mit den Hofkutschen in einem bestimmten Grün und der Speichenlackieung, die anzeigte, wie nah der Passagier der Kutsche mit dem Kaiser verwandt war.

Neben solchen Dönekes schildert Edgard Haider aber auch die düsteren Seiten Wiens – die hohe Arbeitslosigkeit, die Wohnsituation, die Diskussion um die Stellung der Frau (mit Besuch der Suffragette Sylvia Pankhurst.

Franzferdinand

Franz Ferdinand mit seiner Ehefrau Sophie Chotek und zwie ihrer drei Kinder – die Kinder waren bei der Eheschließung von der Erbfolge ausgeschlossen worden.

Edgard Haider verfolgt das Geschehen bis hin zum Kriegsausbruch. Breiten Raum nimmt für den Tag des Attentats das Geschehen in Wien ein – Franz Joseph reist nach längerer Krankheit nach Bad Ischl. Die Nachricht vom Tod des Thronfolgers wispert erst als Gerücht durch die fröhliche Stadt, bis die Extrablätter die Nachricht verbreiten. Das steife Hofzeremoniell, nach dem die Ehefrau Franz Ferdinands auch im Tod als nicht ebenbürtig behandelt wurde – ihr Sarg wird bei der Aufbahrung niedriger gestellt, er erhält nur die Abzeichen für eine Hofdame – findet den Höhepunkt in dem zeremoniellen Empfang der drei Waisen im Alter von sieben bis elf Jahren beim Großonkel: Der dauert zwar zehn Minuten länger als vorgesehen, aber er bleibt ein Pflichttermin für den greisen Mann, von dem der Autor sagt, er sei über den Tod des Nachfolgers froh gewesen.

Edgard Haider schildert nicht nur selber – und lässt in vielen Fällen seine kritische Haltung deutlich spüren -, er lässt auch schildern, indem er lange Passagen aus den verschiedenen Tageszeitungen zitiert. Sein eigener Stil passt sich diesem einhundert Jahre alten Duktus manchmal so geschmeidig an, dass ich sehr auf die An- und Abführungszeichen achten musste, um zu erkennen, wer gerade “spricht”.

Für Nicht-Österreicherinnen wie mich, ist das kleine Glossar am Ende hilfreich – hier werden nicht nur einige altmodische Fremdwörter erläutert, sondern auch Austriazismen, die zwar manchmal schon im Text in Klammern erläutert werden – aber eben nicht alle.

Insgesamt ist es ein interessantes Buch mit Hintergrundiformationen und Stimmungsbildern aus der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs – beginnend mit dem Optimismus, dass 1914 ja besser werden müsse als 1913.

Edgard Haider: Wien 1914. Alltag am Rande des Abgrunds, Böhlau Verlag, Wien, 2013, ISBN: 9783205794653

Was bisher geschah von Loel Zwecker

Wieder ein Kunsthistoriker, der sich der Weltgeschichte annimmt – hier allerdings wirklich Weltgeschichte. Loel Zwecker beginnt mit den ersten Menschen – im Vorwort, aber immerhin – und schildert dann die alten Kulturen. Nach drei Kapiteln Antike & Co im im weitesten Sinne europäischen Raum macht er einen Schlenker nach Asien und geht auf die Hochkulturen in Indien und China ein. Es folgt das europäische Mittelalter – danach ein Blick nach Amerika und Australien zu selben Zeit.

Das Prinzip ist jetzt klar, nicht wahr? Es wird auch sprachlich immer bewusst gehalten, dass es nicht nur um die gerade behandelte Zeit geht, sondern es wird immer der Bezug zur Gegenwart, zumindest aber zum weiteren Verlauf der Geschichte betont. Weiterlesen