Das Blaue Buch von Erich Kästner

Das wollte ich haben – Erich Kästner hat während des Krieges Tagebuch geschrieben und mich interessierte, wie er das Geschehen damals wahrgenommen hat.

Erst mal Äußerlichkeiten zum blauen Buch von Erich Kästner

Sven Hanuschek hat den Kriegstagebüchern eine ausführliche Einleitung vorangestellt – das ist auch gut so. Denn wie es beim Tagebuchsschreiben so ist: Erklärungen zu Namen oder so sind da nicht nötig. Schließlich ist das eine intime Angelegenheit, nur zwischen Schreiber und Papier. Außerdem bietet er die Geschichte des blauen Buches noch mal dar (im Titel ist es “Das Blaue Buch” – nun ja); wie Kästner es getarnt hat, welche Schrift er benutzt hat und ein paar Anmerkungen schon mal zu einzelnen Personen.

Dann gehts endlich los: Der erste Eintrag ist vom 16.1.19141 und schildert den Entschluss, ein solches Tagebuch zu führen. Außerdem kommen gleich ein paar wichtige Namen vor – in den Marginallien wird dann auf das Namensverzeichnis verwiesen Und da komme ich zu dem richtigen Schwachpunkt der Ausgabe: Sie hat kein Lesebändchen. Da ein ständiges Nachschlagen im Personenverzeichnis für mich nötig war, habe ich es sehr vermisst. (Sonst bin ich da gar nicht so scharf drauf – aber hier …)

Die Marginalien hab ich eben schon erwähnt: In einer schmalen Randspalte neben dem eigentlichen Text haben die Herausgeberinnen und Herausgeber – Sven Hanuschek, Silke Becker und Ulrich von Bülow – Zusatzinformationen zur Verfügung gestellt: Korrekturen von Daten, Verifizierung von Gerüchten, Hintergrundinformationen zu einzelnen Ereignissen, Auflösung von Abkürzungen. Die sind alle sinnvoll. Den eigentlichen Lesefluss stören sie natürlich trotzdem – ein Spagat, der im Großen und Ganzen aber gut gelungen ist. Ohne die Infos bliebe der Text so kryptisch wie in seiner originalen Fassung – der Babelsberger Kurzschrift.

Die Einträge sind sehr unregelmäßig – ein “Tagebuch” im Wortsinne ist es nicht. 1942 und 1944 finden quasi gar nicht statt.

Kästner hat im blauen Buch auch einiges gesammelt – Zeitungsausschnitte vor allem. Die sind mit abgedruckt – Zeitzeugnisse.

Was erzählt Erich Kästner vom Krieg?

Fotothek df pk 0000180 012 - So sah der Anhalter Bahnhof noch nicht aus, als Erich Kästner von seiner Wiederinbetriebnahme schrieb.

Blick auf das Portal des zerstörten Anhalter Bahnhofs 1945. Deutsche Fotothek‎, Fotothek df pk 0000180 012, CC BY-SA 3.0 DE

Die meisten Einträge sind eher lakonisch, trocken:

28.8.43 Die Telefone funktionieren wieder. Der Anhalter Bahnhof ist wieder in Betrieb. Das Gas schweigt noch. (S. 132)

An anderen Stellen kommentiert und wütet Erich Kästner gegen seine Zeitgenossen. So sagt er über seine Verachtung ihnen gegenüber:

Sie schließlich zu verachten erscheint mir immer noch als eine erträglichere Lösung, als etwa den Satz zu sprechen: “Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” Dass sie es nicht wissen; dass sie es noch immer nicht wissen, ist unverzeihlich. Man schämt sich, im Namen aller, vor der Geschichte. (S. 51)

Kästner reiht an manchen Stellen Gerüchte und Nachrichtenschnipsel aneinander – die Informationslage war schwierig. An solchen Stellen, sind die Marginalien dann besonders üppig.

Eine zusammenhängende Erzählung der Ereignisse gibt es erst im Frühjar 1945 – mit einem Filmteam hat sich eine Gruppe aus Berlin abgesetzt und wartet erst auf das Ende des Krieges und dann auf die Regelungen danach – der letzte Eintrag stammt vom 9.7.1945. Gerade in der Zeit des Zusammenbruchs liegen offensichtlich auch Kästners Nerven blank – nicht zu wissen, was aus seinen Eltern wurde, beunruhigt ihn sehr.

Die Einträge schwanken in der Art ihrer Darstellung sehr. Einige sind regelrecht durchkomponiert – schon auf spätere Verwendung hin, andere sind bruchstückhaft und provisorisch.

Romankonvolut und andere Pläne von Erich Kästner

Was sich zudem im blauen Buch findet, sind Romananfänge, Pläne zu Büchern, die sich teils wiederholen. Das macht das Lesen des letzten Drittels des Buchs ein bisschen mühsam, vor allem, wenn man, wie ich, bereits diese Romanfragmente kennt. Wer sich aber quasi in die Werkstatt von Erich Kästner begeben will, findet hier Material zur Arbeitsweise.

Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-1945, hg. von Sven Hanuschek in Zusammenarbeit mit Silke Becker und Ulrich von Bülow, aus der Bebelsberger Kurzschrift übertragen von Herbert Tauer, Atrium Verlag, Zürich, 2018, ISBN: 9783855350193

In der Stadtbibliothek Köln finden Sie das Buch auch.

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