Das Blaue Buch von Erich Kästner

Das wollte ich haben – Erich Kästner hat während des Krieges Tagebuch geschrieben und mich interessierte, wie er das Geschehen damals wahrgenommen hat.

Erst mal Äußerlichkeiten zum blauen Buch von Erich Kästner

Sven Hanuschek hat den Kriegstagebüchern eine ausführliche Einleitung vorangestellt – das ist auch gut so. Denn wie es beim Tagebuchsschreiben so ist: Erklärungen zu Namen oder so sind da nicht nötig. Schließlich ist das eine intime Angelegenheit, nur zwischen Schreiber und Papier. Weiterlesen

Dornenjahre von Eva-Maria Bast

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199.jpgHier nun bringt Eva-Maria Bast die Geschichten um Sophie, Johanna und Luise zu Ende. Und wie die Zeitläufte, in die sie ihre Protagonistinnen gesetzt hat, erwarten lassen, sind es nicht unbedingt Happy Endings für die einzelnen Frauen.

Nach einer Einführung in die bisher erzählten Geschichten beginnt Eva-Maria Bast mit einem emotionalen Schwergewicht: Eine Tochter findet nach rund 70 Jahren ihre Mutter wieder. Die Mutter ist Susanne, die Tochter Johannas und ihre Erzählungen geben nun Aufschluss über vieles, was in dieser weit´verzweigten Familie geschehen ist. Melissa und Mia haben sie in Paris gefunden. Weiterlesen

Albert von Sebastian Jung

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgIn einer Graphic Novel erzählt Sebastian Jung die Geschichte seines Großvaters Albert. Genauer gesagt, erzählt eigentlich Eberhard die Geschichte seines Vaters und Sebastian setzt das Ganze grafisch um.

Es geht um das Leben eines Mannes, der 1922 geboren wurde und es nie leicht hatte. Seine Mutter starb drei Tage nach der Geburt von Albert. Neun Jahre später starb auch der Vater. Albert kam für einige Jahre in die Familie eines seiner älteren Brüder. Der Vormund, Alberts Onkel Ferdinand, schickte den 14-jährigen als Jung-Knecht zu einem Bauern. Dort fühlte sich der Junge wohl und fand ein echtes Zuhause, sogar eine Perspektive erhielt er: Auf Kosten seines Arbeitgebers begann er eine Ausbildung an der Landwirtschaftsschule. Doch Albert war 1939 erst 18 Jahre alt – unmündig. Im Oktober nach Kriegsausbruch  verfügte sein Vormund, dass er zum Militär müsse. Der 18-jährige gehörte zu einer berittenen Einheit, kam nach Norwegen und musste dann 1941 nach Russland. Nach ersten Verletzungen kam er 1942 auf Heimaturlaub, verliebte sich – nach seiner Genesung ging es zurück nach Russland. Nach einer lebensgefährlichen Verletzung und einem langen Lazarettaufenthalt heiratete Albert 1943 seine Luise. Mit Ende des Kriegs geriet Albert in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte. Der Wiederaufbau war eine harte Zeit für alle, auch für Albert und seine Familie, doch der beginnende Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland ging an ihm vorüber. Die Lebensgeschichte von Albert wird bis zu seinem Tod 2006 erzählt und immer wieder wird deutlich, was seinen Charakter ausmachte: Gerechtigkeitssinn, Familienverbundenheit, Aufrichtigkeit.

Sebastian Jung setzt die Erzählung seines Vaters Eberhard in schwarz, weiß und rot um. Neben seinen Zeichnungen nutzt er einzelne Fotos, auch mal Ausschnitte aus Formularen oder Briefen und schafft so eine Atmosphäre, die mich in das Leben von Albert hinein nimmt. Da stört es auch nicht, dass die roten Markierungen auf den Fotos das Erkennen der tatsächlichen Gesichtszüge erschwert. Das Buch als ganzes vermittelt einen Eindruck eines Lebens aus dem 20. Jahrhundert, das vor allem von Beschwernis gekennzeichnet war.

Sebastian Jung: Albert, mairisch Verlag, 2016, ISBN: 978398539422

Das Buch wurde mit dem AFKAT 2016 ausgezeichnet.

Tod im Paradies von Alberto Dines

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgNachdem ich den Film “Vor der Morgenröte” dank der Verlosung meiner Netzwerkkollegin Daniela Dreuth sogar auf Verleiherkosten sehen konnte, habe ich nach Jahren und Jahren noch mal die Biographie Zweigs von Alberto Dines zur Hand genommen. Der Schwerpunkt dieses brasilianischen Autors liegt ganz klar auf der Zeit Zweigs in und der Verbindung Zweigs zu Brasilien. Wie er in seinem Vorwort schreibt, wurde das Werk, das zum 100. Geburtstag Stefan Zweigs 1982 erstmals erschien, in Deutschland abgelehnt – was sollte so ein südamerikanischer Autor schon zu einem deutschen Autor zu sagen haben … Er hat eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen und es ist sehr spannend.

Gleich zu Beginn macht Alberto Dines zwei Sachen deutlich:

  • Der Selbstmord Stefan Zweigs und seiner Frau Lotte beruht auf Missverständnissen, die mit der Einstellung Zweigs zu Brasilien zu tun haben – und mit dem Missverständnis dieser Beziehung zwischen dem am Ende 60-Jährigen und der zum selben Zeitpunkt noch nicht 34-Jährigen.
  • Und er befasst sich ausführlich mit Lotte.

Mit dem ersten Thema beginnt Alberto Dines sein Buch, denn er startet mit Zweigs erster Brasilienreise 1936.

Der förmliche Zweig würde niemals von seinen Gastgebern verlangen, anderen Intellektuellen und Künstlern vorgestellt zu werden. Er glaubte, sie  müssten die authentischsten Vertreter der einheimischen Intelligenz sein. Dies war einer seiner ersten Fehler, für die er bis zum Ende bezahlen sollte (S. 55)

Stefan Zweig Signature 1927

Stefan Zweigs Unterschrift


Alberto Dines beschreibt in diesem Absatz, die Diskrepanz zwischen dem Brasilien, dem Stefan Zweig sich schwärmerisch zuneigte, weil er die offensichtliche Farbigkeit der Bevölkerung für ein friedliches und gedeihliches Miteinander hielt, während er aufgrund der mangelnden Kontakte zu Journalisten, Autorinnen und Künstlern, die nicht mit der Regierung konform gingen, die Unterdrückung von Minderheiten nicht sehen konnte. Da Alberto Dines einige der Zeitzeugen noch selber befragen konnte, gibt es eine Menge ausführlicher Fußnoten, in denen Menschen zu Wort kommen, die ihm Rede und Antwort standen. (Zum Glück sind es Fuß- und nicht Endnoten!) Nur wenige Seiten nach dem Zitat eben kontrastiert er das Erleben Zweigs mit der Schilderung der Auslieferungen von jüdischen Intellektuellen nach Deutschland, in den Tod – Stefan Zweig nimmt die profaschistischen Strömungen im Land nicht wahr.

Die Beziehung zu Lotte beruht nach Albero Dines auf Mitleid – der Roman “Ungeduld des Herzens”, der zu der Zeit der jungen Ehe entstand, trägt als englischen Titel “Beware of pity”, was man mit “Vor Mitleid wird gewarnt” übersetzen kann und im Französischen heißt das Buch “La Pitié dangereuse” – “Das gefährliche Mitleid”; in der gelähmten jungen Frau des Romans sieht der Biograph ein Porträt der jungen Ehefrau. In einem Brief an Friderike, seine erste Frau, ist schon bald davon die Rede, dass er nicht mehr als Liebhaber anzusehen sei und schon ganz am Anfang seines Buchs weist Alberto Dines darauf hin, dass bei der ersten Reise nach Brasilien nicht Lotte, sondern Friderike die Adressatin seiner Briefe ist – Lotte sei in dem Moment komplett vergessen. Die Ansprüche, die Lotte als Nachfolgerin von Friderike an sich stellt, ihre Erkrankung, die dann in den Abschiedsbriefen an die Familie eine Rolle spielen wird – allen oft nur bruchstückhaften Informationen zu der jungen Frau geht Alberto Dines nach. In der Graphic Novel “Die letzen Tage von Stefan Zweig” drücken die Autoren die Verzweiflung aus, die Lotte wohl durchlitten hat – wissen tun wir es nicht. Nach den Indizien im Sterbezimmer und aus den Berichten nimmt Alberto Dines an, dass Lotte nach Stefan starb – erst als sie wusste, dass er tot war; ein bewusster Akt, erstmals in dieser Beziehung wäre sie frei gewesen, anders zu entscheiden als der so viel ältere Mann. Sie hat es nicht getan.

Das "offizielle" Foto des Ehepaars Stefan und Lotte zweig - Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Das  “offizielle” Foto des Ehepaars Stefan und Lotte Zweig – Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Alberto Dines spürt dem Charakter Zweigs nach – auf der einen Seite das Bedürfnis nach regem Austausch, auf der anderen das nach Zurückgezogenheit. Und der Hang zu Depressionen – Stefan Zweig spricht von seiner “schwarzen Leber” -, der schon früh sein Leben verdunkelt. Neben den politischen Missverständnissen in Hinblick auf Brasilien, die zu Anfeindungen und Ausgrenzung führten, sei ein weiteres Missverständnis ursächlich für den Freitod: Das von im selbst überschätzte Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, das ihn in die Isolation von Petrópolis führt:

Er hat verkündet, dass er Einsamkeit bräuchte. nun ist er allein (…) Er wollte Herr seines Schicksal sein, es ist ihm gelungen – er hat nichts zu beklagen, eine schlimmere Strafe kann es nicht geben. (S. 504)

Alberto Dines kann mir als Brasilianer die politische Situation des Landes, in dem Stefan Zweig Zuflucht suchte, näher bringen – denn mal ehrlich: Was wissen Sie über die politischen Zustände von Brasilien zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs – oder auch heute? Ich weiß da wenig. Und von daher hat er eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen.

Die vorliegende Ausgabe ist eine für den deutschen Markt erweiterte Ausgabe der dritten Auflage des Werks – Alberto Dines hat einige Quellen nur für dieses Lesepublikum mit hineingeholt. Es ist eine lesenswerte Biographie. Nicht nur wegen des Inhalts – auch sprachlich ist das Buch gelungen. Dass Alberto Dines Stefan Zweig als Grundschüler sogar selber gesehen hat und sein Vater ein signiertes Foto Zweigs gerahmt im Büro hängen hatte, sind die biographischen Details zum Biographen selber, die seine Faszination so nachvollziehbar machen.

Alberto Dines: Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig, übersetzt von Marlen Eckl, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main, 2006, Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde, 2006, ISBN: 9783936428643

Und da das Buch schon so bejahrt ist, gehört es in die Reihe der Rezensionen der Golden-Backlist-Challenge von Papiergeflüster.

Tote Zonen von Simon Pasternak

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199.jpgKeine leichte Kost, die Simon Pasternak uns da vorsetzt. Berichte über die Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg sind nie leicht verdaulich. Doch aus der Sicht eines der Täter geschrieben, hat es noch mal eine ganz andere Qualität. Schließlich neigen wir alle dazu, uns mit dem Protagonisten oder der Protagonistin, aus deren Sicht das Geschehen geschildert wird, zu identifizieren. Doch mit einem SS-Mann …?

Dabei bietet Simon Pasternak uns mit der Figur des Heinrich noch die leichtere Version eines Täters an; sein Freund Manfred ist aus deutlich härteren Holz geschnitzt. Schauplatz ist Weißrussland im Jahre 1943, Ziel der Anwesenheit der Truppen ist die Partisanenjagd. Zu diesen Kriegsgräueln gesellt sich eine Art Kriminalfall – schließlich ist Heinrich im Zivilberuf Polizist – und die Entdeckung, wozu ein Mensch aus Gier fähig ist. Kein Buch für empfindsame Nerven.

Die Sprache von Simon Pasternak ist eher nüchtern, die vielen Dialoge beleuchten in gewisser Weise das Geschehen aus mehreren Blickwinkeln, weil ja nicht nur Heinrich redet. Die Innensicht von Heinrich wird trotzdem lebensnah und erschreckend nachvollziehbar.

Simon Pasternak ist Däne (von Beruf Journalist; dies ist sein erster Roman) – von einem deutschen Autor kann ich mir ein vergleichbares Werk nicht vorstellen. Als mutig wurde es in Dänemark bezeichnet. Ja, das stimmt. Meiner Ansicht nach geht das aber auch nur aus der Sicht eines Menschen, der aus einem quasi unbelasteten Land stammt.

Simon Pasternak: Tote Zonen, übersetzt von Ulrich Sonnenberg, Knaus Verlag, München, 2014, ISBN: 9783813506464

Hitlers militärische Elite von Gerd R. Ueberschär

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x1501.jpgEin bisschen ironisch mutet es schon an, dass die beiden ersten in der Liste von ranghohen Militärs der Nazi-Zeit Hitler-Gegner waren: Wilhelm Adam, der Hitler wegen dessen militärischer Unfähigkeit und Grausamkeit ablehnte und Ludwig Beck, der von Ende 1939 an alle Umsturzpläne gegen Hitler unterstützte.

Was legt Gerd R. Ueberschär hier eigentlich vor? Es werden 68 Männer, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs ein “General” im Titel führten – oder “Admiral” -, vorgestellt. Sie sind nur ein Bruchteil der rund 3100 Männer der militärischen Führung dieser Zeit. Der Aufbau ist immer der gleiche: ein kurzer Lebens- und Karriereabriss, die fälligen Anmerkungen und eine spezielle kurze Literaturliste – auch wenn es eigentlich keine solche Vorgabe gegeben hatte; aber sie ergibt sich ja logisch. Eine Gesamtbibliographie findet sich am Ende des Bandes. Es handelt sich um eine Neuauflage einer Neuauflage: 1988 erschienen die 68 Portraits erstmals; nach den Erkenntnisgewinnen rund um die militärische Führung in den 90er und frühen 2000er Jahren gab es 2011 eine aktualisierte Neuauflage, die nun wiederum erschienen ist.

Ziel war es bereits in der ersten Auflage, verständlich zu machen, wie hohe Militärs agierten, wie weit sie die Nazi-Herrschaft aktiv oder indirekt unterstützten oder auch, wo, in welchen Zusammenhängen sie Widerstand leisteten. War 1988 die Quellenlage zu einzelnen Personen noch so mau, dass das Kurzpotrait in diesen Bänden  – die Erstauflage erschien in zwei Bänden – als erste Darstellung gelten mussten, ist die Forschung inzwischen weiter. Trotzdem, so sagt es der Herausgeber Gerd R. Ueberschär in seinem Vorwort zur aktuellen dritten Auflage, können die Portraits immer noch als Grundlage für weitere Forschungen herhalten.

Bundesarchiv Bild 183-C13564, Ludwig Beck

Ludwig Beck 1937 – er guckt ein bisschen, als hätten ihn da schon Zweifel beschlichen. Bundesarchiv, Bild 183-C13564 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-C13564, Ludwig Beck, CC BY-SA 3.0 DE

Als militärisch nicht besonders informierte Person fand ich spannend:

  • wie viele Ränge es mit “General” im Titel gibt 😉 (und wie geasagt – es ist nur ein Bruchteil des obersten militärischen Personals …)
  • wie militärische Laufbahnen sich so entwickeln können – häufig von der Kaiserzeit über den ersten Weltkrieg bis hin zur Nazi-Diktatur und dem zweiten Weltkrieg – viele nationalkonservativ zu Beginn, in der Nazi-Zeit, besonders im zweiten Weltkrieg gibt es dann die Unterschiede in der Einstellung gegenüber der Nazi-Doktrin und die daraus resultierenden Handlungen

Die Beiträge zu den 68 Männern wurden von 34 Wissenschaftlern verfasst, die international in militärhistorischen Bereichen gearbeitet haben oder arbeiten. Manche setzen die Zeitumstände, denen ihre “Forschungsobjekte” ausgesetzt waren, als bekannt voraus, andere schildern diese ausführlich. Man bekommt auf jeden Fall auch diesebezüglich noch mal einen Einblick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Beiträge sind fundierte Darstellungen und geben einen guten Einblick in die beschriebene Person und ihre Umstände  – und damit eben auch in die Zeit.

Gerd R. Ueberschär (Hg.): Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe, Theiss Verlag, Darmstadt, 2015, ISBN: 9783806230383

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x200.jpgJa, im Grunde handelt es sich um Kurzbiographien, deshalb auch die Einordnung in diese Kategorie 😉 Und da es auch um die Haltung derer geht, die das Kriegsende 1945 miterlebt haben: Thema ’45

Der wilde Kontinent von Keith Lowe

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x150.jpgKeith Lowe beginnt sein Buch über die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs mit Erfahrungen, die Angehörige aller am Krieg beteiligten Nationen immer wieder erzählen:

  • zerbombte Städte
  • zerstörte Straßen und Schienenwege
  • vergewaltigte Frauen
  • hungernde Menschen

Das alles habe ich in meiner Familie erzählt bekommen und Sie vielleicht auch. Es gibt auch heute noch eine gewissen Vertrautheit mit dem Thema.

Doch Keith Lowe geht weiter und tiefer ins Thema hinein. Zum Einen weitet er den Blick über West- und Mitteleuropa hinaus aus, hin in den Osten und Südosten des Kontinents, Regionen, deren Erfahrungen aus der Zeit zum großen Teil erst seit den 90er Jahren zugänglich für die Wissenschaft sind. Und zum Anderen geht er den Motiven und Hintergründen für die Greueltaten der Zeit detailliert nach.

Wer hat wann und warum andere Menschen ungebracht, gefoltert, vertrieben?

  • Menschen, die aus den KZ und Arbeitslagern befreit wurden, wollten Rache.
  • Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter ebenso
  • Widerstandskämpfer und Kollaborateure gerieten aneinander
  • Soldaten, die Greuel durch die Besatzungsmächte erlebt hatten, rächten sich ihrerseits

Darauf aufbauend schildert er die ethnisch begründeten Säuberungen – nach der späten Kriegs- und der Nachkriegszeit hatte Europa sein Gesicht verändert: Vorher multiethnische Regionen waren nun ethnisch “sortiert”. Der Weg dahin bestand aus Vertreibungen und Massakern. Dazu gehören nicht nur die Vertrteibunge deutschstämmiger Menschen in Tschechien und der Slowakei oder in Polen, sondern auch Auseinandersetzungen zwischen Serben, Kroaten und anderen Völkern auf dem Gebiet Jugoslawiens, Umsiedlungen von Serben und Ungarn in den jeweiligen Grenzgebieten, Umsiedlung innerhalb der neuen Staatsgrenzen Polens und vieles mehr.

Eure Schuld

Solche Plakate zeigten den Deutschen im Sommer 1945 die Greuel der KZs

Den Abschluss bildet das Kapitel über die Bürgerkreige, die dem zweiten Weltkrieg in manchen Gegenden folgten und teilweise jahrelang andauerten.

Sie sehen, die Kapitel bauen aufeinander auf und Keith Lowe verweist gern vor und zurück, betont an anderer Stelle bereits Erwähntes noch mal und macht so seine Argumetation transparent und  nachvollziehbar. Er nimmt mich als Leserin mit hinein in seine Gedankenfolge, denn er nutzt gern und in mehrfacher Hinsicht das “Wir”:

  • für die Alliierten, besonders die Briten, zu denen er sich selber zählt
  • für die Historikerinnen, die die verschiedenen Bereiche bearbeitet haben
  • für die Menschen, die lange nach der geschildeten Zeit ein Bild von ihr haben, beruhend auf Erzählungen, Überzeugungen, Propaganda und nationalen Mythen

Es ist also einerseits ein gut lesbares und verständliches Buch, das Informationen zusammenträgt, die in solcher Form selten so zusammengefasst wurden. Die Argumentation, wie schon erwähnt, ist klar, nachvollziehbar und wenn man sich die Mühe macht, den reichen Anmerkungsapparat zu berücksichtigen, auch belegbar. Andererseits ist der Inhalt des Buches streckenweise nur schwer erträglich, denn Keith Lowe schildert die Greueltaten auf allen Ebenen, nimmt Augenzeugenberichte hinzu und mutet mir damit ganz schön was zu:

  • die Lage in den KZs und Arbeitslagern der Nazis, einschießlich der Todesmärsche gegen Ende des Krieges
  • die Lage der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter
  • die Situation derer, die feindlichen Truppen in die Hände fielen
  • der Hunger in den zerbombten Städten
  • die Racheakte gegenüber Kollaboratuerinnen und Kollaborateuren (übrigens wurden die Frauen, die ein Liebesverhältnis mit dem Feind unterhielten stärker “bestraft” als die Männer, die Geschäfte mit ihnen machten …)
  • die Folgen der zerbombten Infrastruktur – aufgrund zerstörter Schienenwege und Straßen konnten die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Kriegsheimkehrer und die Kriegsgefangenen der Alliierten nicht versorgt werden
  • die Situation in den Lagern der Alliierten
  • die Lynchjustiz allerorten

Antisovjet russian partisan hunters 1942

Eine Gruppe von antisowjetischen Partisanenjägern, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Sie hatten nach dem Krieg Repressalien zu befürchten.

Hinzu kommen die politischen Differenzen; obwohl die Westalliierten mit der UdSSR gemeinsam Nazideutschland besiegt hatten, war von vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Konservativen und Kommunisten keine Rede – das zog sich durch bis in die unteren Ebenen der Kommunen; der Widerstand der kommunistischen Kämpferinnen und Kämpfer wurde diskreditiert, Rechtsgesinnte kamen schnell wieder in Amt und Würden; ehrlich gesagt hat mich die Schilderung der politischen Zwiste der Zeit (1943-1950 ist der Berichtszeitraum) mit ganz anderen Augen auf Don Camillo und Peppone blicken lassen …

Auch in diesen politischen Konflikten floss reichllich Blut, sie waren Anlass für Bürgerkriege und politische Gewalt in Griechenland, in Rumäniern und in den osteuropäischen Ländern, die sich großenteils nicht friedlich als Satellitenstaaten der UdSSR einrichteten. Aber auch Frankreich und Italien wurden der politisch motivierten Gewalt nicht verschont.

Alles in allem also eine fordernde Lektüre auf diesem Gebiet; das Verdienst von Keith Lowe besteht darin, dass er das Prozesshafte dieser Zeit und ihrer Greuel deutlich macht und dabei die verschiedenen Faktoren, die in privaten Erzählungen unverbunden nebeneinander stehen, in Zusammenhang setzt und manche politische Entscheidung zu Beginn des Kalten Krieges verständlich macht. Ein durch und durch empfehlenswertes Buch.

Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950, übersetzt von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783608948585

Diese Besprechung gehört in die Reihe zu Thema ’45.

Es muss nicht immer Kaviar sein von Johannes Mario Simmel

rp_Bild-Unterhaltung-150x150111.jpgDas war jetzt ein paar Tage lang meine Sommerlektüre – ein Klassiker der Unterhaltungsliteratur: Der achte Titel, den Johannes Mario Simmel verfasste und der wahrscheinlich nicht nur in meinem Haushalt sein Dasein in der Küche fortführen wird.

Bisher habe ich nichts von Johannes Mario Simmel gelesen – doch als mir eine Bekannte letztens davon erzählte und es dann so heiß wurde, war das genau die richtige Lektüre: leicht und heiter. Wer mein Blog schon ein bisschen kennt, weiß, dass ich Karl-May-Leserin bin und da habe ich eine besondere Schwäche für die Münchmeyer-Romane. Genau in die Kategorie fällt auch “Es muss nicht immer Kaviar sein”. Weiterlesen

Kriegskinder erzählen

rp_Rubrik-Biographie-300x2001.jpg70 Jahre sind seit Kriegsende vergangen und die Kriegskinder, die damals teils im Kindes- teils im Jugendalter waren, haben begonnen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und manche auch aufzuschreiben. Susanne Bode hat in ihrem Buch “Die vergessene Generation” Berichte vieler zusammengetragen, die deutlich machen, wie Kinder und Jugendliche die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit erlebt haben: Überleben stand im Vordergrund, die Erlebnisse von Besetzung, Flucht, Bombardierung, Vergewaltigung, Hinrichtungen, einsamem Tod, Hunger und Kälte wurden verdrängt.  Darüber wurde nicht gesprochen – damals nicht und später auch nicht. Oder nur selten, dann gern in Form von Anekdoten, also die harmloseren Erlebnisse. Oder in verharmlosenden Formulierungen.

Doch ganz verschwunden waren die Erlebbnisse nie; Albträume, die immer wieder kehrten, das Bedürfnis, Lebensmittel zu horten und selbst Verschimmeltes nicht wegzuwerfen, der Spruch bei Tisch, wenn die eigenen Kinder eigentlich satt waren “Dann iss wenigstens das Fleisch auf” – all’ das und viele Varianten davon prägten das Leben derer, die zwischen 1932 und 1945 geboren waren – und das ihrer Kinder. Das zeigt Susanne Bode in ihrem Buch “Kriegsenkel” auf – hier ist die Generation porträtiert, die in den 60er und frühen 70er Jahren geboren wurde. Die Auswirkungen von Krieg und Flucht machen sich also noch Jahrzehnte später bemerkbar. Die Generation derer, die als Erwachsene fliehen mussten, die nach dem Krieg den Wiederaufbau in Angriff nahmen, die in unvollständigen Familien, wo Vater, Bruder, Onkel fehlten oder traumatisiert zurückkehrten, ihre Kinder groß zogen – kurz: die Trümmerfrauen – , die hatten keine Zeit und kein Bedürfnis, diese Erlebnisse aus den Kammern der Gedächtnisse zu holen und zu betrachten – nach vorne schauen, das allein zählte. Das war es, was sie ihren Kindern, den “Kriegskindern” mitgaben.

Und die brechen jetzt nach und nach das Schweigen.

Leonie Biallas und ihre Familie stammten aus Breslau - hier die St. Elisabethkirche (http://commons.wikimedia.org/wiki/Wroc%C5%82aw?uselang=de#/media/File:Wroclaw_swElzbieta_Rynek.jpg)

Leonie Biallas und ihre Familie stammten aus Breslau – hier die St. Elisabethkirche (http://commons.wikimedia.org/wiki/Wroc%C5%82aw?uselang=de#/media/File:Wroclaw_swElzbieta_Rynek.jpg)

Ein Beispiel dafür ist Leonie Biallas, die 2004 in ihrem Buch “Komm, Frau, raboti” ihre Erlebnisse schildert, nachdem sie in russische Gefangenschaft geraten ist: Zwangsarbeit, Vergewaltigung, drohende Verschleppung nach Russland (Leseprobe). In einem Folgeband “Und immer wieder Quakenbrück” erzählt sie von der Zeit nach ihrer missglückten Flucht vor den Russen, von der Ankunft ihrer Familie von Breslau aus in Quakenbrück und ihrem Leben als  Vertriebene dort. Leonie Biallas erzählt flüssig, meistert auch den Wechsel der Zeitebenen gut – sie ist eine Autorin, die über diese autobiographischen Werke hinaus tätig ist und ein im Buch vorgestelltes Gedicht zeigt, dass sie mit dem Schreiben schon früh begonnen hat.

Es gibt viele solche Schilderungen, die teils in kleinen Auflagen im Selbstverlag, teils bei Heimat- oder auch Vertriebenenvereinen erschienen sind. Interessant sind sie für die, die über die Zustände von damals Augenzeugenberichte haben wollen, aber auch für die, die über eine bestimmte Region, ihre Heimat oder die ihrer Vorfahren etwas erfahren wollen.

Die Zeit, in der Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands in die Gesellschaft integriert werden mussten, sieht übrigens im kollektiven Bewusstsein anders aus als in der Realität. Auch Leonie Biallas kann davon berichten; die Vertriebenen wurden nur sehr selten mit offenen Armen aufgenommen – es gab von allem zu wenig und dann sollte man noch die Fremden mitdurchfüttern? Ablehnung allerorten.

Benjamin Härte hat sich in seiner Dissertation mit dem “Lastenausgleich im Spiegel der Presse” beschäftigt und dabei diesen Spruch vorangestellt (s. Bild unten); dass Flüchtlinge und  Vertriebene alles zurücklassen mussten, wurde von denen, die – teils in Trümmern, teils in halbwegs heiler Umgebung – in ihrer Heimat beiben konnten, nicht immer berücksichtigt, um es mal vorsichtig zu sagen.

Der Lastenausgleich für die, die nach dem Krieg Haus und Fabrik und Hof zurücklassen mussten, rief auch Neid hervor

Der Lastenausgleich für die, die nach dem Krieg Haus und Fabrik und Hof zurücklassen mussten, rief auch Neid hervor

70 Jahre seit Kriegsende – die Folgen der Weltkriege sind in vielfältiger Form in unserer europäischen Gesellschaft weiterhin spürbar: in der Politik, in der Geographie und in den Seelen derer, die selber oder deren Familienangehörige Krieg, Bombennächte, Terror, Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, Zwangsarbeit und KZ durchlitten haben.

Deshalb ist es wichtig, dass die, die heute noch davon erzählen können, dies auch tun – Augenzeugen, Zeitzeugen sein, das erzählen, was in Geschichtsbüchern keine große Rolle spielt, sei es in Büchern, in einfach aufgeschriebenen Erinnerungen für die eigenen Kinder und Enkel, sei es als Zeitzeugen, die in Schulen der nachwachsenden Generation ihre eigenen Erfahrungen schildern. Vom Treck, vom Hunger, von Bombennächten, von Schwarzmarktgeschäften, vom so verändert heimgekehrten Vater, von der Ablehnung als Flüchtling oder auch von der Angst vor den Flüchtlingen, von den Erfahrungen mit den Besatzungssoldaten – es gibt noch so viel zu erzählen, so viele Erinnerungen, die unser Leben geprägt haben, aus dem Dunkel zu holen. Und die Kriegskinder, die das tun können, sind heute zwischen 70 und mehr als 80 Jahren alt – die Zeit, in der sie erzählen können, ist also begrenzt. Vielleicht fragen Sie mal in der Familie nach dieser Zeit – und vielleicht beginnen dann noch welche damit, davon zu erzählen.

Vorgestellte Titel:

  • Sabine Bode: Die vergessene Generation, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014 (10. Auflage), ISBN: 9783608947977  
  • Sabine Bode: Kriegsenkel, die Erben der vergessenen Generation, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 2009, ISBN: 9783608945508
  • Leonie Biallas: Komm, Frau, raboti, Drachenmond Velag, Leverkusen,  2010, ISBN: 9783931989620
  • Leonie Biallas: Und immer wieder Quakenbrück, atemwort Verlag, Linz, 2014, ISBN: 9783944276045
  • Benjamin Härte: Der Lastenausgleich im Spiegel der zeitgenössischen deutschen Presse 1949 bis 1979, Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, 2010; Link zum Volltext: http://hss.ulb.uni-bonn.de/2010/2115/2115.htm

Ein Beitrag zu Thema ’45 – 70 Jahre Kriegsende

Der letzte Kampf von Cornelius Ryan

rp_Bild-Sachbücher-150x150111111.jpgDieses Buch des ehemaligen Kriegsberichterstatters Cornelius Ryan erschien erstmals 1966 – zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945 hat der Theiss-Verlag eine, ich könnte schon sagen, kommentierte, Neuauflage herausgebracht. “Kommentiert”, weil dem eigentlichen Text Ryans ein Vowort von Johannes Hürter vorangestellt ist, in dem er die Erzählung Ryans auf ihre Zeitgebundenheit hin analysiert – 1966, Kalter Krieg, Antikommunismus und Verständnis für die deutsche Bevölkerung sind danach die “Zutaten” der Zeit, in der das Werk publiziert wurde. Manche Darstellung Ryans sei diesem Zeitgeist vergpflichtet

Cornellius Ryan hat – um nun auf den eigentlichen Text zu kommen – in den fünf Teilen seines Buches (Die Stadt, Der General, Das Ziel, Die Entscheidung, Die Schlacht) Einzelpersonen und ihre Schicksale genommen, um das Geschehen nachvollziehbar zu machen. So folgt er Eleonore Krüger, Richard Poganowska, die im zerbombten Berlin leben, aber auch den Offizieren der verschiedenen Heere durch die Tage Mitte April 1945. Er bietete Rückblicke an, um  die Ereignisse zu erläutern, er lässt die Menschen zu Wort kommen, so richtig in direkter Rede, was wenn es auch nicht dokumentarisch ist, das Geschehen einfach näher holt. Er versteht es, einen Spannungsbogen zu erzeugen – es ist schon spannend, einzelne Schicksale zu verfolgen, ihre Erfahrungen aus dem Berlin der letzten Kriegstage nachzuvollziehen. Weiterlesen