Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Geniale Störung von Steve Silberman

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x150111.jpgWieder so ein Aha-Erlebnis: Steve Silberman geht in seiner Geschichte zum Autismus auch auf die unterschiedlichen Therapieansätze im 20. Jahrhundert ein, darunter auch dem, das Kind festzuhalten, anzuschauen und ihm zu sagen, wie man sich fühlt – so eine Szene gibt es auch in “Erst grau, dann weiß, dann blau” von Margriet de Moor und sie hat mich ziemlich irritiert. Das tut die Therapievorstellung, die dahinter steht auch, aber Steve Silberman bettet die verschiedenen Therapieformen in die Geschichte rund um Entdeckung und Erforschung des Autismus ein.

Aber der Reihe nach. Der Einstieg ins Buch ist mir nicht leicht gefallen, denn das Vowort von Oliver Sacks und die Einleitung vom Autor selber nehmen so viel Raum ein, dass ich mich echt überrollt fühlte – auch wenn es “nur” rund 20 Seiten sind, sind sie so voll Information, dass man meinen könnte, mehr könne im Buch auch nicht stehen. Tut es aber natürlich doch 😉 Es umfasst schließlich rund 500 Seiten.

Steve Silberman beginnt mit Henry Cavendish, einem verschrobenen Gelehrten des 18 Jahrhunderts. Seine festen Gewohnheiten, seine Menschenscheu, seine Gründlichkeit – klar, der Gedanke liegt nahe, wenn der in einem Buch über Autismus vorkommt, ist er ein Betroffener. Eindeutig nachweisen lässt sich das heute nicht mehr, aber die Indizien, die  Indizien. So wird auch mit anderen historischen Persönlichkeiten im Laufe des Buches verfahren. Die Argumente wirken dabei überzeugend – aus heutiger Sicht können viele dieser Leute tatsächlich als autistisch angesehen werden, das wird deutlich.

Steve Silberman schreibt sehr persönliche Geschichten – über die Autisten, die Forscher, die Familien. Und manchmal holt er etwas sehr weit aus. So habe ich die lange Ärzteodyssee einer der Familien im 2. Kapitel nur überflogen – das ging mir zu sehr ins Detail. Auch die Auslassungen Silbermans zur Nazi-Gesundheits-Doktrin oder zu den Funkern und Bastlern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lenken teilweise vom eigentlichen Thema ab, so spannend sie sind.

Cavendish Henry signature

Den Rock und die Spaziergänge von Henry Cavendish bilden den Auftakt zum Buch von Steve Silberman

Spannend ist auch die Entwicklung der Forschung. Zeitgleich und angeblich unabhängig voneinander haben Hans Asperger in Wien und Leo Kanner in den USA den Autismus “entdeckt”. Ihre Interpretationen über diese Störung gingen weit auseinander – da Asperger wegen der Nazi-Herrschaft nicht frei arbeiten konnte, seine Arbeiten erst ins Englische übersetzt werden mussten, ging man davon aus, dass Kanner die etwas optimistischere Einschätzung Aspergers nicht gekannt haben konnte; andererseits waren aber nach ihrer Emigration Georg Frankl und Anni Weiss an derselben Klinik wie Kanner tätig, arbeiteten definitiv mit ihm zusammen; beide haben zuvor mit Asperger zusammen gearbeitet.

Leo Kanner hat nach Ansicht Silbermans die Arbeiten Aspergers nie anerkannt. Er selber hatte eine hohe Popularität in den USA und äußerte seine Ansichten vor großem Publikum. So beeinflusste er das Bild des Autismus über lange Zeit – mit der Folge, dass die Forschung nicht wirklich voran kam, denn er ging davon aus, dass es sich um eine sehr seltene frühkindliche Störung handele, die heilbar sei und dass die Eltern der Kinder als Ursache anzusehen seien – “Kühlschrankmutter” ist so ein Begriff aus dem Zusammenhang. Erst viel später gingen Forscherinnen und Forscher neue Wege – bis dahin wo wir heute stehen: Autismus ist keine fest umrissene Störung oder gar Krankheit, sondern ein Anders-Sein.

Stever Silberman erzählt lebhaft und anschaulich, er nimmt mich als Leserin nicht nur in die Familien der Betroffenen mit, sondern auch in die Welt der Ärztinnen und Pfleger. Manche Passage hätte sicher kürzer ausfallen können, aber gut erzählte Geschichten sind was Feines. Was mich tatsächlich gestört hat, waren die Worterklärungen in Klammern hinter manchen Begriffen. Bei der Auflösung amerikanischer Kürzel wie APA usw. kann ich das ja noch nachvollziehen, aber die Häufung und auch die Qualität  – nee, das hat mich irritiert. Ich hab mich ein bisschen für dumm verkauft gefühlt. Das Mittel hätte das Lektorat sparsamer einsetzen sollen. Ansonsten: EIn tolles Buch zu einem spannenden Thema, gut lesbar, verständlich und erhellend.

Steve Silberman: Geniale Störung, übersetzt von Harald Stadler und Barbara Schaden, DuMont Buchverlag, Köln, 2016, ISBN: 9783832198459

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek Köln: Geniale Störung

Love and Friendship von Jane Austen – deutsch

rp_Bild-Klassiker-300x19921-300x199.jpgHa – da hatte ich mich doch nicht getäuscht, als meine erste Assoziation zum Film „Love & Friendship” der Satz war: „Wir fielen abwechselnd auf dem Sofa in Ohnmacht.“ Er stammt nämlich nicht aus dem Buch „Lady Susan”, das die Vorlage für den Film abgibt, sondern aus den Jugendwerk „Love and Friendship“, auf Deutsch „Liebe und Freundschaft“, von Jane Austen.

Auch hierbei handelt es sich – angeblich – um einen Briefroman. Doch was ist das für ein Briefroman? Es gibt nur eine Schreiberin. Nur der allererste Brief stammt nicht von Laura; in ihm bittet Isabella ihre Freundin Laura ihrer Tochter Marianne aus ihrem Leben zu erzählen. Nachdem Laura diesem zweiten Brief dies zugesichert hat, folgen nun die Briefe Lauras an Marianne. Völlig von sich selbst überzeugt schildert Laura nun Ereignisse, die sich in ihrer Jugend zugetragen haben – was für eine Farce. Jane Austen überspitzt in diesen Briefen jedes romanhafte Klischee, dass in zeitgenössischen Romanen genutzt wurde:

  • das empfindsame junge Mädchen
  • der empfindsame junge Mann
  • Widerstand gegen elterliche Autorität in Ehedingen
  • aufopferungsbereite Freundschaft
  • unerwartetes Auftauchen reicher Verwandter
  • usw., usw.

Das empfindsame junge Mädchen in den Briefen war Laura in ihren jungen Jahren, doch außer, dass sie ihre Empfindsamkeit verbal betont, ist sie alles andere als empfindsam. Ähnlich wie Lady Susan handelt es sich um ein völlig egoistisches und amoralisches Geschöpf. Jane Austen setzt genussvoll alle oben genannten Elemente und noch einige mehr in so gehäufter Form ein, dass eine überstürzt hastige Abfolge unglaubwürdiger Ereignisse dazu führen, dass Laura als junge Witwe mit 400 £ pro Jahr in der Einsamkeit lebt.

Ein paar Kostproben gefällig?

  • Ein junger unbekannter Mann kommt auf der Flucht vor seinem Vater zufällig in das Haus von Lauras Familie; Liebe auf den ersten Blick zwischen den jungen Leuten und Eheschließung durch Lauras Vater, der zur Theologie studiert hat, doch nicht ordiniert war.
  • Das junge Paar reist – mit kurzer Station bei einer Tante des jungen Mannes – zu einem Freund, der ebenfalls ohne väterlichen Segen geheiratet hat. Zum Lebensunterhalt dienen ihm, seiner Frau und dem angereisten Pärchen die Geldscheine, die er aus dem Schreibtisch des Vaters entwendet hat.
  • Die Schulden des gastgebenden Pärchen sind so immens, dass der junge Mann in Schuldhaft genommen wird. Sein Freund reist ihm nach. Die beiden jungen Frauen machen sich auf den Weg nach Norden, um Verwandte zu besuchen. Zufällig begegnet Laura in einer Gaststätte ihrem Großvater, der auch der ihrer Freundin ist, mit der sie im Gasthaus abgestiegen ist. Außerdem tauchen zwei junge Cousins auf. Das Geld, dass der Großvater den vier jungen Leuten gab, entwenden die jungen Männer den jungen Frauen und verschwinden.
  • Der Verwandtschaftsbesuch erweist sich als nicht erfreulich, die jungen Frauen machen sich wieder auf den Weg, rasten an einem See und jammern. Ein vorbeifahrender Wagen verunglückt direkt neben ihnen. Die beiden darin befindlichen jungen Männer sind die Männer von Laura und ihrer Freundin, doch überleben sie das Unglück nicht.
  • Die Freundin hat sich verkühlt und verscheidet kurz darauf. Bei einer nächtlichen Kutschfahrt begegnet Laura lieben Verwandten – auch den beiden Cousins aus aus dem Gasthof –, erhält die Zusage für die 400 £ pro Jahr und damit ist die Geschichte aus.

Ähnlich wie Lady Susan ist Laura also völlig amoralisch – doch im Gegensatz zu dem längeren Werk setzt Jane Austen hier nur auf Parodie und Spaß.

Letter from Jane Austen to her sister Cassandra, 1799 June 11. Page 4 (NLA)

Brief von Jane Austen an ihre Schwester Cassandra, 11.6.1799, also nah an der Zeit ihrer Jugendwerke; besonders hübsch der Satz: “Dr. Gardiner was married yesterday to Mrs. Percy and her three daughters.”

Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Betitelung des Films, der auf “Lady Susan” beruht, mit dem Titel des satirischen Frühwerks. Sollte mal jemand auf die Idee kommen, diese Parodie verfilmen zu wollen – welchen Titel nimmt man dann? Einen aus der vielen anderen Frühwerken von Jane Austen?

Ich habe diese Satire in meinem guten alten Reclambändchen “Jane Austen” von Christian Grawe – es handelt sich um eine frühere Version von “Darling Jane”. Und ich habe seit einiger Zeit die anderen Juvenilia von Jane Austen  – “Die schöne Cassandra” – hier liegen – ebenfalls von Christian Grawe übersetzt und herausgegeben – ich freu mich schon drauf.

Christian Grawe: Jane Austen. Mit einer Auswahl von Briefen, Dokumenten und nachgelassenen Werken, Reclam Verlag, Stuttgart, 1988, ISBN: 3150085063

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”

Darling Jane” gibt es in der Stadtbibliothek Köln.

Ebenso den Band mit den Frühwerken von Jane Austen: Die schöne Cassandra

 

Lady Susan von Jane Austen

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgLady Susan

Nachdem ich mit großem Vergnügen den Film “Love & Friendship” gesehen habe, der auf dem zu Lebzeiten nie publizierten Frühwerk – okay, da wird diskutiert, ob es nicht doch zur gleichen Zeit entstand wie “Die Watsons”, aber ich bleibe bei der Familientradition der Austens und betrachte es als Frühwerk – von Jane Austen beruht, habe ich den seit Jahren quasi vergessenen Band wieder aus dem Regal genommen – und mich wirklich köstlich amüsiert.

Dem Kassenbeleg nach habe das Buch vor mehr als 20 Jahren gekauft – die Form des Briefromans liebte ich damals noch nicht so wie heute und habe es deshalb bei meinen wiederholten Lektüren von Jane Austens Büchern immer “vergessen”.

Die Handlung ist kurz erzählt:

Lady Susan ist einiger Zeit Witwe, hat bei Freunden gewohnt und dort Unruhe in die Familie gebracht: SIe selber hat mehr als ein bisschen mit dem Hausherrn geflirtet, was dessen Frau missfiel. Für ihre Tochter hat sie den jungen Mann, der zuerst der Schwester des Hausherrn zugetan war, dieser abspenstig gemacht. Die Situation zwingt sie zu strategischem Rückzug und sie nistet sich bei der Familie ihres Schwagers ein. Mit dem diesen Besuch ankündigenden Brief beginnt der Roman. In den folgenden Briefen, die von verschiedenen Personen der Handlung verfasst werden, kann ich nun den Intrigen Lady Susans folgen – gegenüber ihrer Freundlin Alicia Johnson spricht sie völlig ungeniert über ihre Pläne und Hintergedanken. Ihre Schwägerin Catherine öffnet sich in ihren Briefen gegenüber ihrer Mutter und breitet dort ihre schlechte Meinung von Lady Susan aus. Da in den Briefen sehr viele Gespräche wiedergegeben werden, nehme ich auch Anteil an den stattgehabten Begegnungen der Personen; das empfinde ich durchaus als Mangel an´manchen Briefromanen, weil es tendeziell unwahrscheinlich wikrt, selbst in einer Zeit, da lange Briefe die einzige Kommunikationsform waren. Im Vergleich mit dem Film ist dann hübsch zu sehen, wie solche Partien quasi wortwörtlich übernommen werden konnten. Lady Susan schafft es, Catherines gegen sie voreingenommenen Bruder so für sich einzunehmen, dass er sich mit ihr verlobt. Ihre Tochter will dem unwillkommenen Freier, den die Mutter auf sie angesetzt hat, nur entkommen – flieht aus der Schule, kommt in den Haushalt ihrer Verwandten, wohin ihr der verschmähte Liebhaber folgt und ihre Mutter den jungen Schwager becirct.

Wie Lady Susan zu ihrer Tochter steht, macht diese Passage sehr schön deutlich:

… aber ich konnte es nicht vor mir selbst verantworten, Frederica zu einer Ehe zu zwingen, gegen die ihr Herz sich auflehnt, und anstatt eine harte Maßnahme anzuwenden, beabsichtige ich nur, es ihrer eigenen Wahl zu überlasssen, indem ich ihr das Leben so sauer wie möglich mache, bis sie ihn nimmt. (S. 21)

JaneAustenCassandraWatercolour

Wenn man überlegt, wie Jane Austen gelebt hat, ist es schon faszinierend, was für Charaktere sie geschaffen hat.

Die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Figuren kommt durch die wechselnden Sichtweisen in den Briefen sehr schön zur Geltung – die einzige, die sich über Lady Susan keine Illusionen macht, ist Lady Susan selber.

Der Film ist eine durchaus gelungene Adaption des Stoffes – ich habe mich mit beiden gut amüsiert. Die amoralische Heldin dieses Romans ist eine Besonderheit bei Jane Austen. Da im Englischen “Schwager” und “Schwägerin” oft als “Brother” and “Sister”  – vollständig “in Law” – tituliert werden, nutzt auch die Übersetzerin Angelika Beck diese Formen, was manchmal zu Verwirrung führt, z. B. die Bezeichnung Charles Vernons als “Bruder” von Lady Susan – er ist der Bruder ihres verstorbenen Mannes.

Ach noch eine Anmerkung zu “Frühwerk” – da ich von dieser Annahme ausgehen, gehe ich auch nicht mit Christian Grawe d’accord, dass es sich um ein unvollendetes Werk handele 😉 Ansonsten schätze ich Herrn und Frau Grawes Meinung wirklich sehr (wahrscheinlich hat er ja auch recht …).

Romanfragmente

In dem mir vorliegenden Band finden sich noch zwei Fragmente von Jane Austen: “Die Watsons” und “Sanditon”. Das erste Fragment deutet auf eine Romanidee hin, wie sie bei Jane Austen nicht ungewöhnlich ist: Hier trifft ein mittellose Pfarrersfamilie auf Menschen mit Reichtum und teilweise recht dünkelhaftem Benehmen. Die hübsche Emma Watson erregt das Interessen von ca. zweieinhalb Männern, die ihr gesellschaftlich überlegen sind – mehr wissen wir nicht. Christan Grawe stellt in seinem Buch “Darling Jane” Vermutungen darüber an, warum der Text Fragment blieb; der Tod von Jane Austens Vaters fiel in diese Zeit und wird deshalb häufig als Grund angenommen. Eine andere Erklärung ist der Grundton der Erzählung – zu viel Missgunst und Neid sind schon auf den wenigen Seiten angesammelt, um noch eine angenehme Lektüre zu ermöglichen. Vielleicht ist es ja auch die Kombination von beidem 😉

Das zweite Fragment behandelt in eher satirischer Weise einige Personen, die in Sanditon, einem Ort an der See zusammenkommen – Mr. Parker will daraus einen modischen Kurort machen. In den vorliegenden Seiten des Romans ist Charlotte Heywood  so eine Art Beobachterin von außen. Und was sieht sie? Zum Beispiel den jungen Sir Edward, der folgendermaßen beschrieben wird:

Sir Edwards großer Ehrgeiz war es, unwiderstehlich zu sein. (S. 222)

Aber die einzige, bei der er ernste Absichten hatte, war Clara, und Clara war es, die er zu verführen gedachte – ihre Verführung war beschlossene Sache. Ihre ganzen Lebensumstände riefen danach. Sie war seine Rivalin in der Gunst Lady Derhams. Sie war jung, schön und abhängig. (S. 223)

Das Fragment bricht ab, als gerade das Tableau der Personen vollständig zu sein scheint – alle Geschwister Mr. Parkers sind eingetroffen.  Welche Verwicklungen Jane Austen für Charlotte, Edward, Clara und die anderen geplant hat, wissen wir nicht. Marie Dobbs hat 1974 eine Fortsetzung verfasst, in der sie diese Spannung aufzulösen bestrebt ist (ich habe sie nicht gelesen, das Buch kommt auf den SuB) – nach Ansicht einiger Rezensentinnen hat sie das gut hinbekommen.

Jane Austen. Lady Susan. Ein Roman in Briefen. Die Watsons, Sanditon Zwei Romanfragmente, übersetzt von Angelika Beck (Lady Susan) und Elizabeth Gilbert (Die Watsons, Sanditon), Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1989.

Wer Lust hat, “Lady Susan” im Original zu lesen, kann dies online tun, z. B. hier.

In der Stadtbibliothe Köln gibt es eine gedruckte Ausgabe aus dem Manesse-Verlag und als E-Book alle drei besprochenen Werke in einer Neuausgabe von Christian Grawe. Wer sich das Original vorlesen lassen will, kann dies ebenfalls in der Stadtbibliothek Köln tun  – Hörbuch.

Das ist der zweite Beitrag zu meiner kleinen Blogreihe zu Jane Austen, deren Todestag sich  im Juli zum 200. Mal jährt: “beloved Jane”. Auf Twitter bringe ich unter #janeaday jede Woche ein oder zwei Zitate aus dem gleichnamigen Buch.

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage IV

Karl MayHalef, Sam und natürlich erst recht Winnetou, sind Gefährten des Ich-Erzählers, die immer wieder auftreten.

Sam und Halef vereinen dabei zwei Funktionen auf sich: Einerseits sind sie ernstzunehmende Freunde, auf die sich die Ich-Figur im Großen und Ganzen verlassen kann – na gut, ihnen passieren gelegentlich Fehler aufgrund von Selbstüberschätzung; dann müssen sie von Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi befreit werden und alles ist wieder in Ordnung. Aber sonst sind sie verlässlich und selbständig

Andere Figuren tauchen nur in einer Geschichte auf, z. B. Old Surehand. Im Grunde ein ernst zu nehmender Westmann, kommen er und Old Shatterhand zuerst in Kon­takt, weil Old Surehand befreit werden muss – er ist in der unterlegenen Position. Der Erzähler schildert eine beeindruckende Persönlichkeit:

Ich hatte bald Licht genug, meinen neuen und berühmten Bekannten zu betrachten.

Da lag er jetzt vor mir, ruhig schlafend, ein wahrer Riese von Gestalt. Seine mäch­tigen Glieder waren ganz in Leder gekleidet, doch so, daß die von der Sonne gebräunte Brust unbedeckt blieb. Sein langes, braunes, seidenweiches Haar lag wie ein Schleier bis auf den Gürtel herab, und selbst im Schlafe, während dessen doch sonst das geistige Leben aus den Zügen zurückgetreten zu sein pflegt, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck jener Energie, ohne welche ein guter Westmann undenkbar ist. Grad so, wie ich ihn hier liegen sah, hatte ich ihn mir vorgestellt, allerdings, weil er mir so beschrieben worden war; denn es ist keineswegs richtig, sich jeden namhaften Westläufer als eine solche Figur vorzustellen. Wer das thut – und das geschieht aller­dings sehr häufig -, der fühlt sich dann später, wenn er den Betreffenden zu sehen bekommt, meist sehr enttäuscht. Berühmte Jäger von so riesiger Gestalt habe ich nur zwei gesehen, Old Firehand und Old Surehand. Man macht ja oft die Erfahrung, daß körperliche Hünen ein wahrhaft kindliches Gemüt besitzen und aller Kampfeslust und Kampfesfertigkeit ermangeln, während dürftiger gebaute Menschen sich lieber zerreißen als in die Flucht schlagen lassen. Doch soll dies natürlich keineswegs als Regel gelten. Das Leben im wilden Westen ist der Bildung voller Körperformen nicht günstig, doch schafft es eiserne Muskeln und Sehnen wie der Stahl.

Es war Zeit, die Schläfer zu wecken; ich that es, und als Old Surehand sich aufrich­tete, konnte ich erst richtig sehen, in welcher Harmonie die einzelnen Teile und Glie­der seines Körpers zu einander standen.

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Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage III

Karl MayDie einzige Figur, die bei Karl May dem Ich-Helden Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi annähernd als gleichwertig geschildert wird, ist – na? Klar: Winnetou. Dessen einziges „Manko“ ist sein Heidentum und auch das legt er formal kurz vor seinem Tod ab.

Frühes Auftreten Winnetous

Sie meinen vielleicht, die Schilderung Winnetous in Winnetou I sei dessen erster Auftritt? Ist es nicht.

1875 erschien die Erzäh­lung „Old Firehand“, ein Vorläufer des gleichnamigen Abschnitts in Winnetou II , aber noch mit ganz anderem Charakter. Hier tritt ein uns unvertrauter Winnetou auf – erst mal ohne Beschreibung seines Äußeren, er präsentiert sich selber:

 »Mein bleicher Bruder kennt mich. Er hat mit mir den Lasso um die Hörner des Büffels geworfen und den Bär des Gebirges in der Höhle getödtet; er ist an meiner Seite gestanden gegen die Uebermacht des Arrapahu’s und hat die Mandans im Blute zu meinen Füßen gesehen; er zählte die Scalps an den Wänden meines Wigwams und sieht die Locken meiner Feinde an meinem Gürtel hangen. Winnetou hat seinen Stamm verlassen, um die großen Hütten der Weißen zu sehen, ihre Feuerrosse und ihre Dampfcanoes, von denen ihm der Freund erzählt hat; aber sein Haupt wird von keinem Messer berührt werden!«

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Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage II

Karl MayWahrscheinlich wissen Sie, dass es Bücher gibt, in denen Karl May als Ich-Erzähler figuriert und solche, die in der Er-Perspektive geschildert werden. Woran das liegt?

Wie letzte Woche schon erwähnt, hat Karl May  eine Zeitlang für Jugendzeitschriften geschrieben. Das sind die Geschichten vom Silbersee, vom Ölprinz und vom Sohn des Bärenjägers. Obwohl Old Shatterhand hier vorkommt, hat May die Außenperspek­tive gewählt. Die Winnetou-Bände sind erst deutlich danach enstanden.

Aber auch in der Frühphase gab es Geschichte aus der Ich-Perspektive, z. B. „Old Firehand“ von 1875 – hier war an Old Shatterhand noch nicht zu denken. Der Ich-Erzähler bleibt namenlos.

Auch andere Figuren aus der Wild-West-Welt Mays treten in diesen und noch frühe­ren Geschichten auf. Zum Beispiel Sam Hawkens, eine ganz wichtige Figur in Karl Mays Wild-West-Kosmos.

Sam Hawkens

In „Old Firehand“von 1875, steht Sam vor der Burg des Titelhelden Posto:

Bei dem letzten Worte theilte sich dasselbe und ließ einen Mann hindurch, bei dessen Anblicke ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte.

Unter der wehmüthig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder belie­bigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von Einem zum Andern von uns Dreien sprangen.

Diese Oberparthie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, wel­cher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Ver­gnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zu­länglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Noth der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können.

In der Hand trug der Mann eine alte Rifle, die ich nur mit der äußersten Vorsicht angefaßt hätte, und als sich so mit einer gewissen Würde auf uns zu bewegte, konnte ich mir keine größere Carricetur [sic!]eines Prairiejägers denken, als ihn. –

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Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage I

Karl MayFreunde und Gefährten bei Karl May sind für seine Ich-Helden Old-Shatterhand und Kara Ben Nemsi völlig unerlässlich. Heute und in den folgenden Beiträgen möchte ich Ihnen einige dieser Figuren vorstellen und schauen, was es mit ihnen auf sich hat:

  • Welche Typen gibt es?
  • Welche Funktion haben sie?

Karl May war ja mehr als nur ein Jugendschriftsteller – er hat im Laufe seines Lebens für unterschiedliche Medien geschrieben, bevor er ein ergolgreicher Schriftsteller wurde: katholische Zeitschriften, Heimatblätter, Jugendzeitschriften – ja auch das – und für den Kolportage-Verlag Münchmeyer. Auch wenn die Freunde und Gefährten, die wir heute noch mal betrachten werden, vor allem aus den Reiseer­zählungen und den explizit für Jugendliche geschriebenen Geschichten stammen, sollten wir das nicht aus den Augen verlieren.

Der junge Karl May als Redakteur

Der junge Karl May als Redakteur

Was erwartet Sie nun?

Die Freunde und Gefährten, die May in seinen Büchern einführt, haben unterschied­liche Positionen zum Ich-Erzähler – mal sind sie näher dran, mal begleiten sie ihn in verschiedenen Geschichten, mal sind es Randfiguren. Und viele von ihnen haben eine komische Seite oder sind gar komische Figuren.

Ich beginne mit den nahestehenden, mit denen, die öfter vorkommen. Das sind vor allem drei: Im Orient ist es Halef – der ist heute dran -, im Wilden Westen Sam Hawkens einerseits (nächste Woche) und Winnetou sowieso – dazu kommen wir übernächste Woche.

Dann folgt in drei Wochen der ernstzunehmende Gefährte, der aber nur in einer Geschichte vorkommt – Old Surehand. Und in vier Wochen kommen die anderen: komische Gestalten, Freunde im Doppelpack und spleenige Engländer. Weiterlesen

Scepter und Hammer, Die Juweleninsel – noch zwei Fortsetzungsromane von Karl May

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWenngleich diese Romane eine ähnliche Mischung von Kitsch und Abenteuer aufweisen, wie die Münchmeyer-Romane, gehören sie eigentlich nicht in diese Reihe, denn sie erschienen in der Zeitschrift „Für alle Welt!“ in der Zeit von 1879-80, bzw. 1880-82. Neben den beiden Fortsetzungsromanen hat Karl May in dieser wöchentlich in Stuttgart erscheinenden Zeitung auch andere Texte veröffentlicht, insgesamt vier Jahre lang. Aufgrund der strukturellen Verwandtschaft zu den Münchmeyer-Romanen möchte ich diese beiden meiner Reihe anschließen.

Der Inhalt

In „Scepter und Hammer“ betreten wir zuerst norländischen Boden, lernen Doktor Max Brandauer, den Sohn des Hofschmieds, Prinzessin Asta von Süderland, den Prinzen von Raumburg und die Zigeunerin Zarba kennen. Die spricht dann eine Prophezeiung aus, in der die beiden Titelworte des Buches vorkommen. Max Brandauer erweist sich nicht nur als tüchtiger Schmied, sondern im Laufe der verwickelten Geschichte auch als Vertrauter des Königs von Norland, als geschickter Spion und talentierter Diplomat. Dass er tapfer und stark ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Weiterlesen

Der Zauberlehrling von Erich Kästner

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgGut, ich habe nie das Gesamtwerk von Erich Kästner bewusst durchforstet – so sei es mir nachgesehen, dass ich von den Texten, die der Atrium-Verlag in diesem Band herausgibt, nie etwas gehört, geschweigen denn gelesen habe. Umso mehr freue ich mich, dass ich die Texte nun kenne 🙂

Es handelt sich um zwei Romanfragmente und einen Briefwechsel (eher ein “Briefwechselchen”) Kästners mit sich selber. Die Texte stammen aus den 30er Jahren, bzw. von 1940 – eine Zeit also, in der der vefolgte Autor nicht publiziern konnte.

Der früheste der drei Texte ist “Der Doppelgänger” – ein Romananfang im Gefolge des “Fabian” bzw. “Der Gang vor die Hunde”, der 1931 erschien. Ein Engel, der als Weinreisender auftritt, hindert die Hauptfigur am Selbstmord. Bei einem darauf folgenden Caféhausbesuch beobachtet dieser junge Mann – ein Schriftsteller, offensichtlich – seine Umgebung und mokiert sich über die Tatsache, dass er nur wenige Stunden nach seinem geplanten Tod Material für Roman und Essay sammelt. Der Engel kommt bei einem dort stattfindenden Selbstmord zu spät und beklagt den Personalmangel – offensichtlich wollen sich mehr Menschen ums Leben bringen, als es einsatzfähige Engel gibt. Neben der Leibesfülle ist ein Notizbuch des Engels Seibert markantestes Attribut. Anklänge an “Fabian” finden sich hier vor allem in den Beobachtungen Karls. Weiterlesen