Sex macht Spaß … von Susanne Thiele et alii

” .. aber viel Mühe”  so lautet der Titel dieses informativen und unterhaltsamen Buches vollständig. Susanne Thiele ist eine von drei im Team, das das Buch geschrieben hat: Steffen Münzberg und Vladimir Kochergin gehören auch dazu. Die drei schaffen es, so zu schreiben, dass nicht auffällt, dass drei Personen beteiligt sind.

Worum es geht? Um Sex, klar. Aber nicht (nur) das, was Sie jetzt denken. Es geht um Biologie. Um die Biologie der Fortpflanzung. Die beginnt nicht in irgendjemandes Bett, sondern bei den Genen.

Was macht es sinnvoll, sich geschlechtlich zu vermehren, was spricht für ungeschlechtliche Vermehrung – diese und andere Fragen rund um die Möglichkeit der Verbreitung von Genen bereiten die drei unterhaltsam und einleuchtend auf. Ich will gar nicht versuchen, etwas nachzuerzählen, denn das fiele gegenüber dem Original eh nur ab. Ein bisschen boshaft können Susanne Thiele & Co auch sein. Zur Produktion von “Schrumpelzellen” zur Vermehrung bei Schwämmen enden sie so:

Das männliche Geschlecht entsteht, weil es sich lohnen kann, Quantität statt Qualität abzuliefern. (S. 41)

Auch schlichten Nonsens gibt es:

Was macht ein Erdmännchen mit Hoden, wenn es sich auf die Hinterbeine setzt? Es macht Erdmännchenmännchenmännchen. (S. 82)

Chromosom-DNA-Gen

Das hier ist der Hauptakteur im Buch – sexy, oder? Thomas Splettstoesser (www.scistyle.com) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chromosom-DNA-Gen.png), „Chromosom-DNA-Gen“, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode

Ich habs laut gesprochen und nachgezählt – es stimmt 😉

Susannne Thiele und die beiden Herren im Team geben Informationen über die Entwicklung der Geschlechter, erläutern – ich hab das Buch ein paar Tage nach der Verkündigung des Urteil zum dritten Geschlecht gelesen -, wie Trans- und Intersexualität entstehen und bringen noch sonst eine Menge Fakten rund um die Sexualität rüber, Sprachlich locker und witzig. Immer wieder verweisen sie auf die Verbindung von Sex und Tod – und meinen damit nicht den Tatort am Sonntagabend.

Ich habe vor dem Buch das eine oder andere rund ums Thema gewusst. Ich habe nach der Lektüre auf sehr nette und unanstrengende Weise noch eine Menge mehr gelernt. Der Sprach- und Wortwitz des Teams ist so, dass ich mir vorstellen kann, das Buch zwecks Vertiefung nochmals oder einzelne Passagen auch mehrmals zu lesen – einige Kalauer sind sicher nicht auf längere Sicht lustig, aber im Großen und Ganzen sind es eben nicht nur  billige Kalauer, sondern ein Stil mit Humor.

Susanne Thiele, Steffen Münzberg, Vladimir Kochergin: Sex macht Spaß, aber viel Mühe. Eine Entdeckungsreise zur schönsten Sache der Welt. Orell Füssli, Zürich, 2014, ISBN: 9783280055571

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Licht aus dem Osten von Peter Frankopan

“Eine neue Geschichte der Welt” verspricht mir der Untertitel. Peter Frankopan will die uns bekannte Weltgeschichte aus der Perspektive des Orients zeigen. Das tut er auch – aber in meinen Augen fehlt da was.

Was im Klappentext am Anfang steht:

Peter Frankopan lehrt uns die Geschichte neu zu sehen – indem er nicht Europa, sondern den Nahen und Mitlleren Osten zum Ausgangspunkt macht. Er erzählt von den ersten Hockulturen und den drei monotheistischen Weltreligionen (…)

löst er in meinen Augen zu kurz ein. Bereits das 11. Kapitel “Wo das Gold lockt – die Eroberung der Neuen Welt” hat seinen Schwerpunkt bei den entstehenden Kolonialmächten. Und ab dem 13. Kapitel “Herrscher der Meere – die Handelsmächte des Nordens” liegt der Schwerpunkt dann doch wieder auf vertrautem Terrain; je später desto mehr auf England. Es folgen noch 2/3 des Buches – Peter Frankopan schildert besonders die Zeiten ab dem 19. Jahrhundert in großer Ausführlichkeit. Und das ist spannend – in dieser Zusammenstellung habe ich über die einzelnen Entwicklungen, besonders Englands, noch nicht wirklich was gelesen; das kann an meiner Interessenslage bei historischen Themen liegen. Auch die detaillierten Ausführungen zu den politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert, die Wichtigkeit der Ölreserven im Persischen Golf und die Konsequenzen der “westlichen” Politik über mehr als 100 Jahre mit ihren verheerenden Folgen bis heute – da habe ich eine Menge gelernt.

Doch mein Interesse war eben genau die Zeit, die etwas kurz wegkommt – die Hochkulturen in, ich sach mal “biblischer” Zeit und die Hochzeit der islamischen Welt mit ihren Errungenschaften in Kultur und Wissenschaft. Der Titel “Licht aus dem Osten” hat mich da wohl etwas gebelendet 😉 Der Blick auf den Originaltitel macht – wie so oft – einiges verständlicher: “Silk Roads” heißt  das Buch – es geht in der Hauptsache um Handelswege. Der Begriff “Seidenstraßen” kommt dann gerade fürs 20. und 21. Jahrhundert wiederholt in Anwendung – Peter Frankopan meint, dass die Verlagerung des Schwerpunkts des Weltgeschehens und -handels wieder gen Osten geht.

Lunar eclipse al-Biruni in Peter Frankopan: Licht aus dem Osten

Die Mondphasen, erklärt vom persischen Gelehrten al-Biruni. DasBild findet sich auch im Buch von Peter Frankopan

Aber zurück zu Mittelalter und Co: Auch wenn ich wusste, dass es “im Osten” wesentlich mehr Luxus und Annehmlichkeiten gegeben haben muss als bei unseren Vorfahren, fand ich es spannend, Peter Frankopans Ausführungen dazu zu folgen. Die große Angst vor den Hunnen und Mongolen – völlig unbegründet, sagt er, denn die hatten an diesem unterentwickelten Europa überhaupt kein Interesse. Es gab keine wertvollen Handelsgüter, die Menschen lebten unter vergleichsweise primitiven Bedingungen; da war nix zu holen. Tatsächlich hat sich das Bild der “unterentwickelten” Orientalen erst viel später ausgebildet – bis in die frühe Neuzeit war der Orient die Gegend mit den verfeinerten Lebensformen, die Quelle für Seide, Gewürze und andere Luxusartikel. Außerdem standen bis in die Zeit kurz vor der Renaissance im Westen Bildung und Künste im Osten in hohem Ansehen.

Peter Frankopan erzählt – er nutzt keine hochgestochene Wissenschaftssprache; klar, er ist ja auch Engländer. Gerade in späteren Teilen des Buches habe ich den Eindruck, dass auch mehr eigene Meinung, ja, politische Statements vorkommen. Ich entnehme diesen Teilen den Wunsch, die aktuelle Lage, die Beziehungen zwischen Ost und West erläutern zu wollen und vor Fallen zu warnen, die diese Beziehungen weiter gefährden können.

Für mich war, trotz der Enttäuschung über den zu kurz gekommenen Teil Mittelalter & Co., das Buch von Peter Frankopan lehrreich und durchaus auch unterhaltsam. Jedes der angerissenen Themen hätte sicher mehr Aufmerksamkeit verdient – eine Weltgeschichte, die noch lesbar sein will, kann das nicht leisten; schon so sind die knapp 750 Seiten plus Anhang (Anmerkungen und Literaturverzeichnis) nichts für mal eben zwischendurch. Insagesamt hätte ich eine größere Ausgewogenheit bei den Zeiträumen – konkret: weniger 19. und 20. Jahrhundert – begrüßt.

Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt, übersetzt von Michael Bayer und Norbert Juraschitz, Rowohlt Verlag, Belin 2016, ISBN: 97838713448334

Ich hab das Buch aus der Stadtbibliothek Köln entliehen.

Thema 1914: Krieg nach dem Krieg von Anton Holzer

Als der Krieg zu Ende war, gab es – keinen Frieden. Das gilt wohl für die meisten Kriege. Auch für den ersten Weltkrieg, wie Anton Holzer in seiner Bild-Text-Sammlung noch mal deutlich macht.

Wie schon in dem Buch “Die letzten Tage der Menschheit” collagiert Anton Holzer historische Fotos mit Texten. In diesem Buch sind es nicht die Texte von Karl Kraus, sondern Tagebucheintragungen und andere eher private Äußerungen verschiedener Personen, u. a.:

  • Käthe Kollwitz
  • Kurt Tucholsky
  • Thea Sternheim
  • Harry Graf Kessler
  • Erich Mühsam

Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG

So sah es 1919 in München aus – alles andere als friedlich, auch wenn das hier eine Pose ist. Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG, CC BY-SA 3.0 DE

Auch wenn die Revolutionen gefühlt erst nach dem Krieg ausbrachen, die die Räterrepubliken nach Deutschland brachten – die Ursachen liegen schon in der Kriegszeit selbst, u. a. in der mangelhaften Versorgungslage sowohl an den Fronten als auch “zu Hause”. Deshalb umfasst der Zeitrahmen, den Anton Holzer absteckt bereits die Zeit ab Mai 1916 und geht dann bis 1925.

Anhand der Kapitelüberschriften wird das mit der Versorgung schon deutlich: Allein zwei Überschriften thematisieren den Hunger:

  • Erschöpfung und Hunger – Verbitterung über den Krieg
  • Hunger, Not und Verzewiflung – Der erste Winter nach dem Krieg

Es ist kein Buch zum Hintereinanderweglesen – es ist ein Buch zum Stöbern. Welcher Aspekt interessiert mich gerade? Dann schlag ich z. B. “Der erstickte Aufruhr” auf und sehe Bilder von 1919, die aussehen wie Krieg in der Stadt – Soldaten, Gewehre, Geschütze  – und lese die Erlebnisse von Harry Graf Kessler, Viktor Klemperer oder Käthe Kollwitz.

Jedem Abschnitt stellt Anton Holzer eine kurze Darstellung der Ereignisse voraus, so dass ich die Bemerkungen der Zeitgenossinnen “einordnen” kann (was sie nicht weniger erschreckend macht …). Sein Einführungsessay “Jahre der Gewalt” umfasst den gesamten Zeitraum. Einige der Zeitzeugenaussagen, die später den Bildern gegenübergestellt werden, zitiert er bereits hier. Hier findet er auch Platz, um Aussagen Einzelner zu kommentieren, z. B. den Satz von Ernst Troeltsch,

Das Ringen von fünf furchtbaren Jahren und, wenn man die Vorgeschichte hinzunimmt, eines Jahrhunderts, ist vorläufig und scheinbar zu Ende. (S. 19)

den Anton Holzer dahingehend interpretiert, dass die Unsicherheit mit dem gerade unterzeichneten Freidensvertrag nicht schwindet und die Demokratie, bis sie in Deutschland 1933 untergeht, vielfachen Angriffen ausgesetzt sein wird: Putschverscuhe und poltische Gewalt nennt er dabei.

Die Kombination von Bildern und persönlich gehaltenen Texten lässt, wie Anton Holzer es ja auch beabsichtigt ;-), das Geschehen dieser Jahre näher heranrücken, als es nackte Daten und Faktenaufzählungen können. Leider haben die Bilder eine beklemmende Aktualität – in anderen Regionen der Welt als in Deutschland, aber schließlich ist die Welt im Laufe der letzten 100 Jahre auch noch mal “kleiner” geworden.

Anton Holzer (Hrsg.): Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19, Theiss Verlag, Darmstadt, 2017, ISBN: 9783806235609

Auch dieses Buch finden Sie in der Stadtbibliothek Köln.

German Glück von Sabine Eichhorst

“Reise durch ein unerwartet glückliches Land” lautet der Untertitel der Sammlung, die Sabine Eichhorst hier vorlegt. Der Titel spielt auf “German Angst” an – als Gegenpol. In ihrem Buch zeigt Sabine Eichhorst, wie unterschiedich glücklich Menschen in Deutschland sind. Sie zeigt es auf überzeugendere Weise, als es Titel und Cover vermuten lassen. Differentiert und zugewandt porträtiert sie sehr verschiedene Menschen – wie die Mittvierzigerin, die ihr Leben noch mal völlig auf den Kopf stellt und nach jahrelanger Schreibtischtätigkeit im Journalismus ein Geschäft für Wolle eröffnet – dabei kann sie gar nicht stricken. Doch in ihrer Schilderung macht Sabine Eichhorst diese Entscheidung nachvollziehbar und lässt mich als Leserin optimistisch zurück.

Auch der Pfarrer, der an MS erkrankt ist und dessen Einstellung in einer Gemeinde dort nun Entscheidungen in Richtung Barrierefreiheit verlangt, weil er nach einer gewissen Zeit im Rollstuhl sitzen muss. Auch Gedanken darüber werden mir abverlangt, wie wir mit Menschen umgehen, die sichtbar “ein Leiden” tragen – und dabei, so stelle ich mir den Mann vor, eine große Gelassenheit und Zufriedenheit ausstrahlen, weil das nun mal sein Leben ist und er das so annimmt.

Happy Planet

Dieser Glücksatlas stammt von 2007 – Deutschland hatte auch da schon viel Glück 😉


Was das Buch von Sabine Eichhorst so besonders macht, ist die Art, wie sie ihre Gesprächspartner zu Wort kommen lässt. Mit kleinen, sehr sparsam gesetzten Schilderungen von Gesten und Gesichtsausdruck holt sie mich als Leserin in die Gesprächssituation hinein, lässt mich teilnehmen. Sich selber bringt sie ähnlich sparsam ein – formuliert aber eben auch die Fragen, die mir in den Kopf kommen, wenn ich von jemandem lese, der oder die das Glück gefunden hat, obwohl so vieles – Krankheit, Verlust, Scheitern – dagegen zu sprechen scheinen. Die Antworten auf solche Fragen kommen auch nicht schnell, sondern nach Pausen fürs Nachdenken und Abwägen – das wird immer wieder deutlich. So entsteht nie der EIndruck, da mache sich jemand was vor. Die unangenehmen, die belastenden Seiten ihrer Biographie leugnen die Personen in Sabine Eichhorsts Buch nicht. Sie lügen sich nicht was in die Tasche – das kann ich ihnen abnehmen. Und manche Strategie finde ich so nachahmenswert, dass ich sie selber ausprobieren werde.

Mach ich ja selten, aber Weihnachten steht vor der Tür, deshalb meine Empfehlung: Wennn Sie jemandem was Gutes tun wollen, können Sie dieses Buch verschenken.

Sabine Eichhorst: German Glück. Reise durch ein unerwartet glückliches Land, Ludwig Verlag, München, 2017, ISBN: 9783453280892

Das Buch steht auch in der Stadtbibliothek Köln bereit.

Der irische Löwe von Annelie Wendeberg

„Der irische Löwe“ – was kann ich mir darunter vorstellen? Annelie Wendeberg steigt mit diesem historischen Krimi in die Slums von London Ende des 19. Jahrhunderts. Der männliche Part des Ermittlerduos ist ein irischer Einbrecher von hünenhafter Gestalt und mit roter Mähne. Er heißt Garret. Der weibliche Part heißt Anna, lebt im Slum, ist als Krankenschwester bekannt und birgt ein Geheimnis.

Der erste Kontakt der beiden ist dramatisch: Garret taumelt mitten in der Nacht schwer verletzt in Annas Wohnung, um sich verarzten zu lassen. Bei ihrer Arbeit im Slum begegnet Anna eine junge Prostituierte mit aufgeschlitzter Wange. Sie versorgt die Wunde des Mädchens und will wissen, wer ihr diese Verletzung zugefügt hat. Da das Mädchen kein Geld verdienen kann, fliegt es aus dem Puff – Anna macht sich Sorgen. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie von einem vornehmen Freier mit merkwürdigen Gelüsten: Er pflegt die Prostituierten mit einem Messer zu „kitzeln“, fügt ihnen also Verletzungen zu – aber nur “leichte”. Außerdem bevorzugt er Frauen während ihrer Menstruation.

Mit ihren Nachforschungen begibt sich Anna auf gefährliches Gelände, was sie im direkten Kontakt mit diesem Freier auch zu spüren bekommt. Garret, der für die zierliche Frau Zuneigung empfindet, schwingt sich zu ihrem Beschützer auf. Immer wieder begegnen die beiden einander und Anna fasst nach und nach Zutrauen. Doch ist sie nicht bereit, ihr tiefstes Geheimnis mit ihnen zu teilen. Da führt auch der Klappentext ein wenig in die Irre, denn ihre Tätigkeit als vorgeblich männlicher Arzt in einer Klinik spielt im Roman selber nur diese Rolle: Annas großes Geheimnis.

Wentworth st, Whitechapel Wellcome L0000878

An solchen Szenen muss Anna jeden Tag vorbei – statt wegzuschauen, bringt sie Hilfe. (c) https://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0000878.html

Annelie Wendeberg entfaltet das Elend im Slum in vielen Facetten. Da sind die unterschiedlichen Kategorien von Prostituierten, die verwahrlosten Kinder, der Dreck und die schlechte Luft, das schlechte Essen und das wenige saubere Wasser. Anna und Garret sind die beiden Figuren mit Erfahrungen von außerhalb des Slums, die dieses Elend mit einem wünschenswerteren Leben vergleichen können. Sie beide und mit ihnen Annelie Wendeberg akzeptieren die Umstände im Slum sehr nüchtern. Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass Annelie Wendeberg ein bisschen zu sehr ins Detail ging, hat sich in den meisten Fällen die Zusatzinformation als durchaus relevant erwiesen. Allzu detailliert möchte ich mir die Umstände, unter denen Anna und Garret leben und ermitteln, nicht vorstellen.

Im Grunde ist ein Großteil des Buches die Annäherung der beiden unterschieldichen  Menschen Anna und Garret – eine Liebesgeschichte. Und: Ja, es ist auch ein historischer Krimi. Deshalb werde ich über die Handlung weiter nichts verraten. Nur soviel: Als Leserin weiß ich mehr als Anna und Garret je erfahren. Und wirklich beruhigt kann ich am Ende nicht sein …

Mit gerade mal 200 Seiten ist diese Buch überschaubar – eine durchaus spannende und informative  Lektüre für zwischendurch (also “infomativ”, wenn man ws über die Elendsquartiere von London Ende des 19. Jahrhunderts wissen will und für Dickens’ Schmöker gerade nicht die rechte Muße hat 😉 )

Der Roman ist der erste einer Reihe.

Annelie Wendeberg: Der irische Löwe. Ein Anna Kronberg Krimi, übersetzt von Kathrin Bilefeldt und Jürgen Bürger, Kiepnehuer & Witsch Verlag, Köln, 2018: ISBN: 9783462047639

Das Buch ist in der Stadtbibliothek Köln vorhanden – ebenso wie weitere Bände dieser Reihe.

Jane Austen und ihre Nachfolgerinnen – Nachahmerinnen?

Es gibt ja eine Menge Romane, die auf die Texte von Jane Austen zurückgehen – heute ist eine besondere Gruppe dran (in Auszügen!): die der Chick-Lit.

Zu Chick-Lit gibt es hier  und hier ein paar grundlegende Informationen. Im Rahmen von „Beloved Jane“ bin ich über solche Bücher gestolpert. Hier will ich nun drei Beispiele vorstellen – es gibt sehr viel mehr …

“Vermählung” – nach “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen

Curtis Sittenfeld hat mit „Vermählung“ (im Original „Eligible“) eine Adaption von „Stolz und Vorurteil“ verfasst, was auch als Untertitel angegeben ist. Namen und Charaktere hat sie fast 1:1 übernommen, das Ganze aber ins Heute verlegt. Die größte Änderung ist das Alter der Leute: Jane ist fast 40! Gut, nach damaligem Verständnis war auch die originale Jane Bennet ein spätes Mädchen, mit 21 Jahren und noch nicht verlobt, geschweige denn verheiratet. Die aktuelle Jane ist also fast 40 und darauf aus, endlich Mutter zu werden, das ist aber eine andere Kategorie. Mr. Bingley ist hier ein schüchterner Arzt, der als Kandidat in der Fernsehshow „Vermählung“  zu sehen war (entspricht im realen Fernsehleben wohl „Der Bachelor“ – so eine Kuppelshow eben.) Jane wird schwanger – künstliche Befruchtung. Und Bingleys Freund Darcy interessiert sich für Janes Schwester Liz – Zoff zwischen den beiden ist die Regel. Am Ende kriegen sich alle. Weiterlesen

Ein Gentleman in Moskau vom Amor Towles

Der Klappentext zum zweiten Roman von Amor Towles ist leider etwas irreführend. Sein Held, Graf Alexander Rostov, ist keineswegs „gezwungen“, als Hilfskellner zu arbeiten. Er wird 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt – in demselben Hotel, in dem er sowieso residiert. Von seiner Suite muss er in eine Dachmansarde umziehen und sich von einigen, naja, okay, von sehr vielen seiner weltlichen Besitztümer trennen. Als eine sehr frühe Szene des Buches erscheint die lockere Akzeptanz dieser Verschlechterung seiner Situation erst einmal ungewöhnlich. Sobald ich aber die Gelegenheit habe, Alexander Rostov näher kennen zu lernen, kommt mir seine Haltung – für ihn – sehr natürlich vor.

Aufgewachsen im Zarenreich, streng und liebevoll zugleich erzogen und sowohl finanziell als auch geistig offen für die Genüsse des Lebens, entspricht er in keiner Weise dem Menschenideal des neuen Regimes. Neben der Freude am Genuss sind auch Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein bei ihm tief verwurzelt. So reiste er 1918 von Paris unter großen Schwierigkeiten auf das heimatliche Gut, um seiner geliebten Großmutter eine friedliche Ausreise zu ermöglichen. Amor Towles nutzt immer wieder die Rückblicke, um die Position von Alexander in der erzählten Jetztzeit zu erläutern. Dass er 1922 nicht zum Tode, sondern “nur” zu Hausarrest verurteilt wird, hat er einem Gedicht zu verdanken, dass – noch weit vor jeder Revolution in Russland – mit revolitionären Ideen sympathisierte. Es wurde mit seinem Namen verbunden.

Für die nächsten 35 Jahre muss er sich nun im Hotel einrichten. Finanzielle Notlage kennt er dabei nicht. Er ist trotz des Hausarrestes in der Lage, neue Gewohnheiten und auch neue Kontakte zu pflegen. So lernt er Nina kennen, ein neunjähriges Mädchen, das genauswenig wie er aus dem Hotel herauskommt. Doch Nina weiß sich zu helfen. Sie kennt sich im Hotel aus wie sonst niemand; ihr Geheimnis: ein Generalschlüssel. Den „hinterlässt“ sie dem Grafen, als sie das Hotel verlassen muss. Auch in späteren Jahren taucht sie gelegentlich im Hotel auf, so dass Alexander ihr Leben mitverfolgen kann. Nachdem ihr Mann vom Regime verhaftet worden ist, vertraut sie Alexander ihre kleine Tochter Sofia an, die er nun, in seiner Situation im Hausarrest, groß zieht.

Alexander hat im Hotel viele Freunde und Verbündete: der Koch und der Restaurantchef, die Näherin, der Barbier, der Portier und die Pagen stehen treu an seiner Seite. Neben Nina und ihrer Tochter lernt er weitere Leute kennen, die teils zum Regime gehören, teils auswärtige, ja sogar ausländische Gäste sind. Gegner hat er natürlich auch. Besonders mit dem Hotelchef steht er auf gespanntem Fuß.

Und was ist das Thema des Romans von Amor Towles?

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In diesem Luxusrestaurant macht sich Alexander Rostov in Roman von Amor Towles als Kellner unentbehrlich. © A.Savin, Wikimedia Commons

In einem Statement zu seinem Buch hat Amor Towles gesagt, es gehe um Bildung. Das stimmt. Es geht aber auch um Herzensbildung, um die eigene Persönlichkeit in schwieriger Zeit und um den moralischen Kompass. Mit Alexander Rostov hat Amor Towles eine liebenswerte und überzeugende Figur geschaffen, die, ohne wirklich vollkommen zu sein, solche Ideale lebt. Der feine Humor des Autors macht es mir leicht, dieser Figur zuzuhören, denn wenngleich Amor Towles seinen Grafen sehr ernst nimmt, tut es nicht in allen Belangen. Besonders hübsch finde ich die Art und Weise, in der er seine Hauptfigur altern lässt. Während Alexander als junger Mann alle Treppen bis in den sechsten Stock mit zwei Stufen auf einmal nimmt, wird er im Laufe der Jahre langsamer. Seine Morgengymnastik, die ab einem gewissen Punkt erwähnt wird, verändert sich schleichend: Von 30 Kniebeugen am Anfang geht es runter bis auf fünf am Ende. Nun ja, es sind ja auch 35 Jahre, die Amor Towles schildert. Alexander Rostov lebt nicht nur die Werte, die Onkel (er war Waise) und Großmutter ihn lehrten, er gibt sie auch weiter und er steht zu ihnen. Ein aufrechter, ja, eben “Gentleman”.

An dieser Stelle möchte ich ein paar kurze Zitate bringen, um den Erzählstil von Amor Towles zu verdeutlichen:

Es ist recht schmerzhaft, mit dem Hammer den Daumen zu treffen, und führt unweigerlich dazu, dass man auf und ab springt und den Namen des Herrn unnütz führt. (S. 75).

Als Nina und Alexander heimlich eine Sitzung eines der vielen Komitees verfolgen, die im Hotel tagen, ergeht sich Amor Towles in folgende Betrachtung über einen Satz in der Satzung des tagenden Gremiums.

Und was für Satz das war: Einer, der sich im Reich der Kommata auskannte und den Punkt aufrichtig ablehnte. Denn offensichtlich bestand der Zweck des Satzes darin, ohne Zaudern und Zagen jeden einzelnen Vorzug der Gewerkschaft aufzulisten, einschließlich – aber ohne sich darauf zu beschränken – der unermüdlichen Schultern, der unverdrossenen Schritte, des Klopfens der Hämmer im Sommer, des Schaufelns von Kohle im Winter und des hoffnungsvollen Pfeifens bei Nacht. (S. 79)

Eine Betrachtung zur Zeit gefällig? Amor Towles zum Warten und wie sich die Sekunden gebärden.

Nicht nur verlangt jeder einzelne ihren Auftritt auf der Bühne, sondern sie besteht auch darauf, einen Monolog zu halten, voll mit schweren Pausen und kunstvollen Zögern, und gibt eine Zugabe, sobald man nur die Hand zum Applaus hebt. (S. 350)

Sie können sich also vorstellen, welchen Spaß ich beim Lesen hatte.

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau, übersetzt von Susanne Höbel, Ullstein Verlag, Berlin, 2017, ISBN: (E-Book) 9783843716192

Die englische Originalversion können Sie in der Stadtbibliothek Köln entleihen.

Jane Austens Romane von Christian Grawe

Dieses Buch ist für mich eine Mischung aus Frank Schätzings “Nachrichten aus einem unbekannten Universum” und “Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser” von Hermann Kurzke. Zum einen kann Christian Grawe hier voll in seine große Wissenskiste rund um Jane Austen, ihre Zeit und englische Literatur greifen; das ist der Bezug zu Schätzings Buch. Das Ganze listet er dann in Stichworten alphabetisch sortiert auf – das ist der zu Kurzke, der ja Stichwörter benutzt, um das Werk Manns zu erschließen..

Ich habe ja nun immer mit Gewinn die ganzen Nachworte und Anmerkungen in den Reclam-Ausgaben der Jane-Austen-Romane von Christian Grawe gelesen. Also dachte ich, ich kenn’ das alles. Also, entweder habe ich Details vergessen (was nicht auszuschließen ist) oder Christian Grawe hat hier tatsächlich noch mal ein paar Informationen oben drauf gepackt. Weiterlesen

Zitatsammlungen von Jane Austen

Eine Autorin, die für ihren Witz, ihre Ironie und ihre Beobachtungsgabe gerühmt wird, ist natürlich eine Quelle für Zitate. Also gibt es zu Jane Austen solche handlichen Büchlein, die, thematisch sortiert, ihre Worte verbreiten.

Mein Liebling ist ja das “Jane-a-day“, von dem ich mindestens einmal pro Woche was bei Twitter einstelle (immer zum Datum, da wird nicht gepfuscht). Außerdem denke ich, dass ich daran länger als fünf Jahre Freude haben werde 😉

“Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen”

Im Insel-Verlag ist gerade ein sehr handliches kleines Büchlein erschienen: “Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen” heißt es. Die Übersetzungen, die ihm zugrundeliegen, stammen alle ebenfalls aus dem Insel-Verlag – kommen mir also manchmal etwas unvertraut vor (das kann den Blick aufs Original nur schärfen!). Weiterlesen

Lostage von Tina Pruschmann

Da hab ich mich auf das Debut von Tina Pruschmann gefreut und erwartungsfroh den E-Reader angeschmissen – und musste feststellen, dass es sich um ein Buch handelt, das bei mir als E-Book nicht funktioniert. Als ich es dann in der Bibliothek als Druckwerk bekam, war ich froh – endlich konnte ich das Werk so lesen, wie es mir gefiel.

Tina Pruschmann erzählt nämlich nicht chronologisch. Jeder Abschnitt ist mit einem Datum versehen (Zeitraum 1960 bis heute, zuzüglich der Kriegszeiten, von denen einzelne Personen erzählen) und ich musste immer mal wieder zurückblättern, um Personen und Zeiten zuzuordnen. Weiterlesen