Selma Meerbaum-Eisinger in der Schule

Selma Meerbaum-Eisinger in der Schule

Das erste Gedicht, das ich von Selma Meerbaum-Eisinger gelesen habte, war ihr Gedicht auf Stefan Zweig:

Stefan Zweig

Leuchtendes, glühendes, rauschendes Leben
springt an und reißt mit und läßt keinen mehr los,
macht heiß und macht kühn und macht freudig und groß,
rüttelt auf und macht wacher mit kraftvollem Stoß,
läßt die Fluten von Glanz nie und nimmer verebben –

packt dich und hält dich und sprudelt dich an.
Sturzflut erfaßt dich und rast mit dir fort –
was kein Wildbach, kein Wirbel, kein Hochwasser kann,
hat dies Atmen vieltausende Mal schon getan,
dieses heiße, verzehrende, glasklare Wort.

Kühl dann und still wie ein nordischer See,
glitzernd und weich wie frisch fallender Schnee,
sieht es uns an wie viel uraltes Gold,
das altrot und schwer durch die Finger rollt
und schön ist wie sonst nur unsagbarer Traum,
der dich ansieht, tiefleuchtend aus dunkelndem Raum –

und bäumt sich dann auf, als besinne es sich,
und packt wieder an und reißt wieder mit,
schreit dich an, lacht dich an, weint dich an: das bin ich!
Und es packt dich ein Sehnen, das süß ist und zieht,
ein Sehnen nach Menschen, ein heißes: „versprich!“
und dann klingt es aus wie ein Nachtigall-Lied. (Quelle: Selma.tv.de)

Darauf traf ich zu einer Zeit, als ich Stefan Zweig gerade meterweise las – ich glaube, ich habe zu der Zeit alles von ihm gelesen, was greifbar war. Kein Wunder also, dass mich die Gedichte des jungen Mädchens interessierten, das so genau in Worte fasste, was ich empfand. Die anderen Gedichte Selmas haben mich dann auch gepackt – kein Wunder, denn es sind Gedichte eines jungen Mädchens und das war ich ja auch.

Chernivtsi 33
Eine Postkarte des alten Czernowitz – der Geburtsstadt von Selma Meerbaum-Eisinger
Dieser Gedanke – Gedichte einer Jugendlichen für Jugendliche – steht hinter dem Unterrichtsprojekt „Selma„. Mit verschiedenen Arbeitsbögen können Unterrichtseinheiten gestaltet werden; es ist vorgesehen, dass erarbeitete Ergebnisse online gestellt werden (leide rgibt es da bisher nur einen Beitrag). Neben den Texten von Selma Meerbaum-Eisinger gibt es Informationen über das Judentum, über die Zeit, in der Selma lebte, über die Vernichtungslager der Nazis, über das vielfältige Leben in ihrer Heimatstadt. Schülerinnen und Schüler werden angeregt, selber Gedichte zu verfassen. Es gibt Filme mit vertonten Texten von Selma Meerbaum-Eisinger. Mit anderen Worten: Eine bunte Mischung an Möglichkeiten, sich mit den Texte und dem Leben der jungen Jüdin in Nazizeiten zu befassen.

Ob das Material der schweizer Stiftung Menschenbild nun wirklich gut ist, ob sich damit Unterrichtseinheiten erstellen lassen, kann ich nicht beurteilen – ich bin keine Lehrerin. Ich finde es aber sehr faszinierend, dass eine Dichterin, deren Texte in meinen handschriftlichen Sammelbüchern vorkommen, so in den Mittelpunkt schulischer Behandlung rückt. Mir gefällts. Ich bin gespannt, ob sich jetzt Lehrerinnen oder Lehrer melden, die dazu was zu sagen haben 😉

Wer sich nun für die Gedichte interessiert:

Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt: Gedichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN 9783455401219

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