Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Das ist aber mal ein dokumentenlastiger Roman, den Sasha Filipenko da geschrieben hat - die Korrespondez des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes mit der Sowjetunion in den 40er Jahren. Es ging dabei um Informationen über Kriegsgefangene - sowjetische in Deutschland und z. B. Rumänien und deutsche und andere in der Sowjetunion.

Damit ist ein Thema des Roman schon klar: Es geht um Diktatur, Krieg und Schuld.

Was erzählt Sasha Filipenko?

Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. In Gestalt einer Frau, die das alles mitgemacht hat. Tatjana Alexejewna ist 90 Jahre alt und leidet an Alzheimer. Alexander zieht in die Nachbarwohnung in Minsk, nachdem sein Leben vor sechs Monaten zerbrochen ist, mit einem Hoffnungsstrahl für Heilung in der Zukunft.

Die alte Frau erzählt ihm ihr Leben - von der Kindheit in London und im weiteren Europa, den Jugendjahren in der noch recht jungen Sowjetunion und den Jahren von Krieg, Lager und ein bisschen auch danach.

Eine Nachricht über ennen polnischen Kriegsgefangenen vom Roten Kreuz  als Bsp. für ähnliche Korrepondenz im Roman von Sasha Filipneko
Solche Benachrichtigungen gingen auch über Tatjanas Schreibtisch anonym (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HZwLazarecie1940.jpg), „HZwLazarecie1940, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Erst ist Alexander genervt, dann gebannt und gespannt. Und am Ende will er die Auflösung dieses Knotens und wird selbst aktiv. Mit einer bitteren Lösung. Aber mehr verrate ich nicht.

Wie erzählt Sasha Filipenko seine Geschichte?

Einerseits druchaus packend. Die Einzelheiten aus dem Innern der Sowjetverwaltung in den 30er und 40er Jahren, die Einblicke in Lagerverwaltung und Kindesentzug sind, auch wenn mir nicht alles ganz neu war, erschütternd.

Jetzt kommen wir zu den Dokumenten. Tatjana Alexejewna leidet zwar an Alzheimer und markiert deshalb die Türen im Haus mit roten Kreuzen, doch ihr Langzeitgedächtnis ist erstaunlich gut. Sie erinnert sich an die Korrespondenzen, die sie übersetzt hat - und die in den Text eingebettet werden: Telegramme, Nachrichten, Briefe.

Da ist aber auch schon eine Schwierigjkeit, die ich zu Beginn mit dem Text hatte - diese Erinnerungen sind mir zu detailliert für eine eine demenzgeplagte Frau.

Ja, Sasha Filipenko überlässt einen Teil der Erinnerungen einer Erzählstimme - aber die Vorstellung, dass es Tatjana ist, die all dies ihrem überforderten jungen Nachbarn erzählt, bleibt bestehen. Gerade in der ersten Szene hatte ich ein Problem mit der Glaubwürdigkeit dieser Inszenierung.

Doch insgesamt hat mich das Buch gefesselt. Tatjana hat so eine sehr eigene Art von Theologie …

Und nun zum Titel …

Sie wissen es: Ich habe ein Faible dafür, Original- und übersetzen Titel zu vergleichen. Zum Glück gibt es in meinem Umfeld Menschen mit Russisch-Kenntnissen. Im Original heißt das Buch „Rotes Kreuz. Und ich frage mich, warum der Verlag daraus einen Plural gemacht hat. Titelschutzgründe?

Der Singular ist so viel schillernder und mehrdeutiger und damit in meinen Augen „schöner als der Plural. Denn einerseits haben wir hier das Rote Kreuz als Institution, das eine wichtige Rolle spielt. Dann jeweils ein rotes Kreuz an den Türen im Haus. Und es gibt noch zwei weitere rote Kreuze, die wichtig sind - das müssen Sie aber schon selber lesen.

Sasha Filipenko: Rote Kreuze, übersetzt von Ruth Altenhofen, Diogenes Verlag, Zürich, 2020, ISBN: 9783257071245

Die Stadtbibluiothek Köln häkt das Buch als gedrucktes Exemplar, als E-Book und als Hörbuch bereit.

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