Rückblick auf die LitBlog Convention 2017

Zum 2. Mal haben Kölner Verlage (Bastei Lübbe, Kiepenheuer & Witsch, DuMont Kalender Verlag, Community Editions und von außerhalb kam Diogenes dazu) Bloggerinnen und Blogger zu einem gemeinsamen Tag im Gebäude des Bastei-Verlages geladen – die LitBlog Convention 2017. Einblicke in Verlagsarbeit, Kontakte mit Autorinnen und Autoren und insgesamt eine tolle Atmosphäre – das macht diese Zusammenkunft aus.

Aus dem breit gefächerten Angebot habe ich mir folgende Sachen ausgewählt:

“Buchhandwerk” bei der LitBlog Convention 2017

LitBlog Convention 2017 Handlettering mit Suse Engel, vorbereiteter Tisch

Stifte, Begrüßungskärtchen und Übungsaufgaben für alle

Handlettering mit Suse Engel – für mich eine Herausforderung, da ich auf dem Gebiet nicht besonders begabt bin. So einladend war der Tisch vorbereitet – s. links.

Und weil ich schon mal beim “Handwerklichen” war, bin ich als nächstes zu dem Vortrag von Hanne Mandik gegangen, in dem sie uns erzählte, was zwischen Manuskriptabgabe und Auslieferung passiert.

Die eine Seite ist die zeitliche Planung – immer schön rückwärts rechnen:

Erscheinungstermin – Auslieferungstermin an Buchhandlungen – Drucktermin – spätestmöglcher Zeitpunkt zur Manuskriptherstellung. Klingt erst mal einfach. Aber, dann gibt es ja noch die Leseexemplare für die Buchhandlungen – fast der gleiche Zirkel an Abläufen und damit eine Vorverlegung der Manuskriptfertigstellung um rund ein Vierteljahr …

Zur Produktion eines Buches gehört aber viel mehr – auf die Layout-Gestaltung freut sich Hanne Mandik immer besonders und präsentiert das an einem Kochbuch und an einem kompliziert zu erstellenden Band zu der Serie “Twin Peaks” – sie muss Schriftarten finden, die Verteilung von Text und Bildmaterial einerseits abwechslungsreich, andererseits mit einheitlichem Konzept planen, es gilt die Papierqualität für die Art der Bilder sinnvoll auszuwählen. Das alles betrifft “nur” das Innere des Buches. Aber auch Einband,  Bindung und ggf. Schutzumschlag müssen bedacht werden.

LitBlog Convention 2017 Buchgestaltung

Die Farben der Illustrationen und des Covers als Muster, eine Farbkarte für Vorsatzpapier und Muster verschiedener Kopfbändchen – es wurde in zwei Gruppen lebhaft diskutiert

Und da kamen wir als Boggerinnen zum Zuge – ein in der Planung befiindliches Buch ist so weit, dass die Farben für Illustrationen fest stehen – jetzt müssen das Vorsatzpapier und das Kopfbändchen gewählt werden. Kopfbändchen? Ja, gibt es. Das ist das völlig unscheinbare kleine bisschen Stoff, das den Buchblock oben und unten im Einband abschließt. Fällt nie auf. Aber wehe, es passt mal nicht … Hanne Mandik sagte, sie wolle beide Vorschläge, die bei uns rauskamen mit in die entsprechende Konferenz nehmen. Im Herbst werden wir sehen, wofür man sich entschieden hat 😉

Die obere Farbkarte auf dem Bild ist übrigens die für den Leineneinnand – den kann man aus bereits gefärbtem Leinen herstellen und mit Titel, Austor usw. bedrucken (auch Prägungen sind möglich) oder weißen Stoff verwenden und den dann im Ganzen farbig bedrucken. Lesebändchen und farbiger Schnittt sind weitere Aspekte der Buchgestaltung.

Danach gabs die wohl verdiente Mitagspause 🙂

Autorinnen kennlernen bei der LitBlog Convention 2017

Im Nachmittagsangebot gab es dann ein Gespräch zwischen Dana Geissler, der Moderatorin, und den Autorinnen Anna Basener und Petra Hülsmann zum Thema Heimatgefühle.

LitBlog Convention 2017 Anna Basener

Anna Basener ließ hier die Omma aus ihrem Roman zu Wort kommen

Es war sehr charmant gemacht – vor allem Anna Basener hatte eine nette Art, das “Ruhrdeutsch”, wie sie immer sagte, dann auch mit einzubringen. Ihre vorherige Karriere als Groschenheft- und Ratgeberautorin kam ebenfalls ausführllich vor. Petra Hülsmann erzählte von der Liebe zu ihrer Wahlheimat Hamburg. In ihrem neuen Buch geht es ums Segeln – da sie selber keine Ahnung davon hat und keine Erfahrung auf Wasser, kommen die armen Protagonistinnen nie in den Genuss, das im Buch auszuleben ;-). Ein Einblick in die Arbeit zweier junger Autorinnen. Spannend fand ich Anna Baseners Hinweis, dass sie bei diesem Debutroman sich einer vorherigen Planung völlig verweigert habe – das sei im Rahmen von Groschenheften und Genreliteratur so üblich, dass sie hier mal völlig anders arbeiten wollte. Wie es ihr geglückt ist, werde ich berichten – ich hab ihren Roman jetzt vorliegen. Ihr Tipp an alle, die sich im Romanschreiben üben wollen: einen Heftroman verfassen, nach den strengen Mengen und Dramaturgierauflagen, die die Verlage da so haben. Tipps dazu in ihrem Ratgeber …

LitBlog Convention 2017 Mara Giese

Mara Giese von Buzzaldrins Bücher bei ihrem Vortrag

Mein vorletzter Termin auf der LitBlog Convention 2017 war Mara Giese, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen berichtete, wie man erfolgreich als Buchbloggerin agiert. Interagieren mit anderen – Blogs, Kommentratorinnen und Kommentatoren, auch in den Social Media – ist das Wichtigste.Leserinnen und Leser ernst nehmen. Gesicht zeigen, was von sich selber preis geben. Und bitte nicht nach 2 Wochen aufgeben  😉 Besonders spannend fand ich bei diesem Beitrag die Diskussion im Anschluss mit den Vertreterinnen der Verlage, die im Raum waren:

Es wird keine Lobhudelei erwartet, mal ein zugesandtes Buch nicht besprechen zu können ist kein Beinbruch, Kommunikation mit den Verlagsleuten ist immer erwünscht und bei Twitter & Co helfen Verlagshastags, dass die Pressestellen und anderen im Verlag mitbekommen, wenn wir dort was posten.

LitBlog Convention2017 Rebecca Gablé

Rebecca Gablé beantwortete alle Fragen engagiert und lebhaft

Auf den letzten Slot habeich mich sehr gefreut – Rebecca Gablé war da und hat mit ihrem Lektor ein Gespräch über ihre Arbeit geführt. Planung eines Romans, Dauer des Schreibprozesses, wie die Figuren sie finden, welche Einzelheiten für die historische Genauigkeit relevant sind – einmal durch den Garten quasi. Das alles vor allem anhand ihres aktuellen Romans “Die fremde Königin” – aber es gab immer auch Bezüge zu ihren anderen Büchern, auch zu meinem Alltime-Favoriten “Von Ratlosen und Löwenherzen“, den ich allen ans Herz lege, die sich für England im Mittelalter interesisieren. Sie ist tatsächlich so lebhaft und charmant, wie sie erzählt. Es war eine Freude.

Insgsamt war ein prall gefüllter Tag mit vielen Gesprächen, Kontakten und Austausch. Zum Come together udn Abendbuffet war ich leider nicht mehr dabei – es muss aber sehr schön gewesen sein, wenn man den Äußerungen bei Twitter glauben soll.

Für mich besonders interessant sind die Einblick in die Verlagsarbeit – dieses Jahr zur Produktion, letztes Jahr zur Covergestaltung. Ich freu mich schon auf 2018.

Die jüngste Miss Ward von Joan Aiken

Ja ja, ich weiß – der Name Ward erscheint gleich auf der ersten Seite von “Mansfield Park” von Jane Austen. Ich konnte den Titel von Joan Aiken trotzdem nicht sofort einordnen. Schließlich sind die Schwestern Ward – also  die Mutter von Tom, Maria, Edmund und Julia Bertram, ihre Schwester Mrs. Norris und “die arme Fanny” Price – nicht die Hauptpersonen des Romans.

Joan Aiken hat in ihrem Roman den drei Schwestern Ward eine vierte hinzugesellt, deren Lebenslauf sie verfolgt. Dabei kommt die bekannte Geschichte von Jane Austen immer wieder in den Blick – Harriet (genannt Hatty) hätte aber ebenso gut eine andere Familie haben können als die von Mansfield Park. War Ihnen bewussst, dass Mrs. Norris auch einen Vornamen gehabt haben muss? Mir nicht … Joan Aiken nennt sie Agnes. (Jetzt müsste ich glatt “Mansfield Park” noch mal lesen …. Ich meine aber, da ist nur von “Mrs. Norris” und in der Anrede “Schwester” die Rede. Wissen Sie mehr? Ich freu mich über Korrekturen, wenn nötig.)

Vorweg sei gleich gesagt: Ich fand die Geschichte recht gelungen, die Anbindung an Austens Buch vor allem “nett”, weil es Joan Aiken ein paar Eigenheiten der Schwestern, wie man sie in ihren späteren Jahren kennenlernt, auf ihre Weise “begründet”.

Hatty wird gegen ihren und den Willen ihrer sterbenskranken Mutter aus der Familie weggegeben und zwar in die Familie des Onkels. Das eigentliche dramatische Geschehen findet erst mal bei anderen Personen statt: Die Freundin ihrer Mutter, Lady Ursula Fowldes, hat in jungen Jahren eine Enttäuschung in der Liebe erfahren und ist seitdem eine Frau von großer Strenge gegenüber sich selbst, erst recht aber gegenüber anderen. Sie soll bei der Hochzeit von Maria Ward, zukünftig Lady Bertram, die Hausfrau stützen., bzw. ersetzen Die kleine Hatty ist ihr unsympathisch und muss weg. Lady Ursula ist nicht in der Lage, den Umgang zwische der kranken Frau und ihrer jüngsten Tochter in seinem Wert einzuschätzen. Agnes Ward – später Mrs. Norris – unterstützt sie darin. Dass beide in ihrer vorgeblichen Strenge größtmögliche Egoistinnen sind, ist wohl klar – Ursula und Agnes vertragen sich prächtig. Hatty siedelt also um, ihre Mutter stirbt, ohne dass beide sich noch mal gesehen hätten und es laufen Gerüchte um, dass Lady Ursusla an Mr. Ward interessiert sei. Ihre Familie ist groß und verarmt – und sie ist nicht mehr die jüngste. Nach einigen Verzögerungen erreicht sie ihr Ziel.

Bei einem Familientreffen anlässlich einer Beerdigung trifft sie bei Hattys Pflegefamilie auf ihren ehemaligen Verlobten, Lord Henry Camber. Unversöhnlich ist sie. Er dagegen freundlich. Insgesamt ist er ein interessanter Charakter. Er will nichts von Standesunterschieden wissen, erweist sich als einfühlsamer, hilfsbereiter und humorvoller Zeitgenosse – Hatty mag ihn. Und er mag sie. Sein Projekt: Er will mit einer Gruppe von Gleichgesinnten nach Amerika auswandern und dort an den Ufern eines Flusses eine demokratisch organisierte Siedlung gründen und aufbauen.

Wie geht es Hatty in der Zeit? Sie hat sich mit einem ihrer drei Cousins angefreundet, wird von ihrer Tante sehr geschätzt und bemüht sich, den nachgeborenen Zwillingsschwestern im Haus, die offensichtlich geistig und körperlich beeinträchtigt geboren wurden, etwas Lebensfreude zu bringen. Ihre Schwester Fanny, die Maria und Thomas Bertram auf der Hochzeitsreise begleitet hat, kommt zu Besuch, freundet sich mit Familie Price an – alles Weitere über sie ist bekannt 😉 Harriet verschlägt es dann mitten im Winter auf den Heimweg in ihr Vaterhaus – aber statt dort zu landen, muss sie eines Schneesturms wegen im Cottage von Lord Camber unterkriechen und lernt völlig neue Ansichten kennen; hier fühlt sie sich wohl. Aber ihr Ruf … Lord Camber war nämlich noch nicht abgereist und im Haus (was bei Georgette Heyers Romanen immer durch die Gegenwart von Haushälterinnen entschärft wird – die gibt es hier auch, deshalb ist die Entrüstung der “lieben” Verwandtschaft pure Heuchelei).

Hattys geheime Leidenschaft gehört übrigens der Poesie – sie schreibt Gedichte. Lord Camber ist begeistert. Hübsch ist dann die Pointe im allerletzten Brief, der aus unserer Zeit stammt 😉 (zu den Briefen gibt es unten noch einen Satz).

Es gibt noch weitere Handlungsstränge – und für mich gabs durchaus mal andere Ostereier als sonst zu finden:

  • Der philantropische Lord hat sein Pendant in einem der Romane von Georgette Heyer – Mr. Moore in “Der schweigsame Gentleman” würde ein solches Projekt nur zu gerne ausführen, aber seine Gattin ist dagegen, aus pragmatischen Gründen. Solche Einwände gibt es auch hier, aber Lord Camber ist nicht zu bremsen.
  • Die Schwestern von Lady Ursula, die Hatty im Laufe der Geschichte zu unterrichten trachtet, erinnern in ihrer Zurückgezogenheit an die Brontë-Schwestern – allerdings wesentlich verstörter, boshafer und bei weitem weniger kreativ.

Joan Aiken hat einen durchaus dramatisch angehauchten Roman verfasst, der allerdings die Anbindung an Jane Austens “Mansfield Park” offensichtlich vor allem zum “Schmuck” braucht; dramaturgisch notwendig ist sie nicht. Gelegentlich streut Joan Aiken Briefe ein, um Handlungen näher ranzuholen, als es die Erzählperspektive erlaubt. Da sie diese Briefe immer in eigenen Kapiteln versammelt, funktioniert es ganz gut.

Joan Aiken: Die jüngste Miss Ward, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 2000, ISBN: 978257233506

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Elizas Tochter von Joan Aiken

Noch so ein “Folgeroman” auf Basis der Geschichten von Jane Austen, an dem sich Joan Aiken versucht hat (sie hat da wirklich eine Menge geschrieben). Und nein, mit Eliza ist nicht Eliza Bennet gemeint. Wir bewegen uns stattdessen im Umfeld von “Sense and Sensibility“, also “Verstand und Gefühl” (“Sinn und Sinnlichkeit” ist der deutsche Titel einer Verfilmung!).

Die Figur, die bei Joan Aiken die Hauptrolle spielt, wurde in “Sense and Sensibility” erst geboren; wir lernen Eliza, die Tochter von Eliza, deren Mutter Eliza (verwirrt? ja, aber so ist das nun mal: von Großmutter bis Enkelin – alle heißen Eliza) die unerreichbare Liebe von Oberst Brandon war, im Alter von vier Jahren kennen. Sie lebt in einem Dorf voller Ammen, die Kinder von Betuchteren großziehen. Viele der Kinder sind unehelich geboren, die meisten aber kennen ihre Eltern. Eliza nicht. Das wird sie fast das ganze Buch über beschäftigen. Wer das Austensche Original kennt, hat ihr da was voraus 😉

Gleich am Anfang gibt es geheimnisvolle Anmerkungen, dass Eliza was Besonders an sich hat – erst nach einiger Zeit wird das Geheimnis gelüftet: Sie hat an der rechteen Hand sechs Finger. Als sie auf der Suche nach einem kleinen Zögling mit Zigeunern in Kontakt kommt, hört sie das erste m Mal was Positives darüber – sonst wurde diese Anomalie eher mit Furcht und Ekel betrachtet.

Eliza wächst recht wild auf. Mütterliche Fürsorge kennt sie nicht – die Amme ist nicht an den Kindern, sondern nur an dem Geld interessiert, das sie ihr einbringen. Ihre Tochter verdingt sich ebenfalls als Amme – ihr Milchkind ist die kleine, sehr zarte Tochter aus dem adligen Haus in der Nachbarschaft (ehelich geboren …). Als die Mutter nach längerem Auslandsaufenthalt, zur Erholung nach der schweren Geburt, ihre Tochter abholen will, soll ihr die leibliche Tochter der Amme untergeschoben werden. Eliza, inzwischen ca. acht Jahre alt, verhindert das. Sie bekommt als Spielgefährtin der kleinen Triz Zugang ins Herrenhaus. Nach dem Tod des Hausherrn, Eliza ist inzwischen ein Teenager, müssen Triz und ihre Mutter England verlassen. Lady Heriot rät Eliza, sich bei den Anwälten ihres Vormunds Oberst Brandon zu melden.

So kommt Eliza nach Delaford und bei Elinor und Edward Ferrars unter. Oberst Brandon und Marianne sind in Indien. An dieser Stelle beginnt eine unangenehme Überraschungsreihe für Fans von Jane Austen: Joan Aiken gibt sich große Mühe, die aus Jane Austens Original liebgewordenen Charaktere niederzumachen. Edward ist verbittert, geizig und auch gegenüber Elinor streng und bevormundend. Elinor ist eine vergrämte Frau, grau, mager und geduckt. Die Tochter der beiden, die Eliiza später kennenlernt, scheint eher aus Robert Ferrars Holz geschnitzt zu sein – egoistisch und überheblich, dabei ignorant. Und Mrs. Dashwood leidet an Alzheimer …

Rendicion de Ciudad Rodrigo (Espana) 1812

Bei der Schlacht um Ciudad Rodrigo kommt Oberst Brandon ums Leben – das erfährt Eliza in Portugal

Die Ferrars können es sich nicht leisten, Eliza bei sich zu behalten, schicken sie nach Bath zu einer entfernten Verwandten und in die Schule. Eliza hat es nicht leicht, findet sich aber ab und verbringt vier Jahre recht geruhsam in Bath. Mit Unterrichten an der Schule, vor allem Musikunterricht, verdient sie sich etwas Geld. Der Haushalt ihrer “Gastgeberin” ist wohl situiert. Dann fällt Eliza auf einen charmanten Jüngling rein – obwohl sie der Vergewaltigung entgeht, ist ihr Ruf hin. So kommt sie zurück nach Delaford, wo gerade eine Überschwemmung schlimmen Schaden angerichtet hat. Sie macht sich im Haushalt der Ferrars nützlich, pflegt die schwer erkrankte Elinor. Dann ruft man sie nach Bath zurück – ihre Gastgeberin ist ebenfalls erkrankt. Eliza bringt sie vom Laudanum und Brandy ab, erfährt etwas über ihre Mutter und den möglichen Namen ihre Vaters. Doch statt eines gemütlichen “Weiterso” muss sie Bath nach dem Tod ihrer Gönnerin verlassen. Sie landet in London, erfährt noch mehr über ihre Eltern, besonders über das Schicksal ihrer Mutter. Deren Gönner nimmt sich – in väterlicher Art – ihrer und ihres Musiktalentes an. Ein Brief aus Portugal von Lady Heriot ruft sie nach Süden. Und dort erfüllt sich dann ihr Schicksal, nicht ohne, dass noch einige dramatische Dinge passieren. Dort trifft sie dann auch Marianne Brandon, die inzwischen verwitwet ist.

Joan Aiken hat eine spannungsgeladene Geschichte verfasst, ohne Zweifel. Ihre Einblicke in die dunkleren Seiten der Gesellschaft um 1815 sind eindrücklich und informativ. Die Charakterveränderungen der Austenschen Figuren kann man sicher den – teils ja historischen –  Zeitläuften und Enttäuschungen zuschreiben, aber befriedigend ist das nicht. Die Chrakteranlagen bei Jane Austen bricht Joan Aiken ziemlich gewaltsam ins Negative. Insgesamt: Ein spannendes Buch mit faszinierenden Facetten – und ein paar Flecken in der Figurenführung 😉

Joan Aiken: Elizas Tochter, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 1996, ISBN: 325706098x

Die Besprechung gehört in meine Reihe “beloved Jane”, die ich auf den 200. Todestag von Jane Austen im Juli 2017 hin gestartet habe.

Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Metaphysik der Röhren von Amélie Nothomb

rp_Bild-Unterhaltung-150x150111.jpgEin ruhiges Baby ist eine feine Sache – für die Eltern, die können nämlich durchschlafen. Ein völlig bewegungs- und blickloses Baby dagegen hat etwas Beunruhigendes. Laut Amélie Nothomb, deren fiktive Kleinkindbiographie heute mein Thema ist, fanden die Eltern in diesem Falle das Kind ohne Reaktion ganz in Ordnung. Wie das Baby selbst sich empfand?

Gottes Augen waren ewig offen und starr. (…) Er war voll und dicht wie ein hartes Ei, mit dem er auch die runde Form und die Unbeweglichkeit gemein hatte. (S. 5)

Das Wesen in der Wiege nahm sich wenn überhaupt als Röhre wahr – geeignet, Nahrung durchzuschleusen, vom Trinken bis zum Endergebnis in der Windel.

Ort des Geschehens ist Japan – und hier werden Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr vergöttert. Das passte sehr gut zur Selbstwahrnehmung der kleinen Amélie, nachdem sie das Röhren- oder Pflanzendasein hinter sich gelassen hatte. Weiterlesen