Jane Fairfax von Joan Aiken

So, nachdem ich es geschafft habe, Emma von Jane Austen noch mal zu lesen (hat gar nicht weh getan 😉 ), konnte ich auch mein letztes Buch von Joan Aiken zum Thema in Angriff nehmen. Wie bereits einmal erwähnt, hatte ich bei meinem Erstkontakt mit dem Titel vor 20 Jahren oder so ein paar Schwierigkeiten.

Janes Geschichte vor “Emma”

Joan Aiken erzählt die gesamte Geschichte von Jane Fairfax und Emma Woodhouse von der Kleinkindzeit der beiden an und beginnt, ehrlich gesagt, ziemlich schwach. Was mich dabei störrt, sind die vielen Erklärungen der Erzählstimme:

Und daß man ihr Woche für Woche ein Kind als leuchtendes Beispiel vor Augen hielt, das ihr in jeder anderen Hinsicht (…) so offensichtllich unterlegen war (…), fand sie verwunderlich und ebenso schwer zu ertragen wie zu begreifen (…)  (S. 11)

Klar, hier ist von Emma die Rede, zwischen vier und sechs Jahren alt, die Jane irritierend findet. Der Tod von Emmas Mutter, die die kleine Jane ihrerseits förderte und eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen wünschte, hinterlässt eine völlig verzweifelte kleine Emma (sechs Jahre) alt, die bei einem unerwarteten Zusammentreffen mit Jane ihr ihre Freundschaft anträgt. Jane empfindet großes Mitleid, kann aber mit Emmas Spielen nicht so recht was anfangen. Das Klavier ist ihr liebster Spielgefährte. Als Miss Taylor eintrifft, belauscht Jane ein Gespräch zwischen den beiden, in dem Emma Jane heftig kritisiert. Eine prägende Erfahrung für Jane – sie ist nicht liebenswert.

Philipp Jakob Loutherbourg d. J. 002

Für die der industriellen Revolution folgenden Probleme engagiert sich Mrs. Campbell – sie ist da sehr früh dran … https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philipp_Jakob_Loutherbourg_d._J._002.jpg

Wenn man aus der Lektüre von Emma nun schließen würde, die Familie Campbell, bei der Jane mit neun Jahren unterkommt, sei eine “normale” Familie – Joan Aiken hat da andere Vorstellungen. Jane kommt in eine etwas dysfunktionale Familie:

  • Oberst Campbell, durch verschiedene Verletzungen, Schmerzen und Schwerhörigkeit schwierig im Umgang, besonders mit seiner Tochter Rachel
  • Mrs. Campbell, die sich für Wohlätigkeit und Politik interessiert, aber nicht für Haushalt, Kleidung usw.
  • Rachel, die  Englisch erst mit drei Jahren lernte (vorher von den verschiedenen Kindermädchen korsisch, spanisch, italienisch und französisch), stottert und hat vor ihrem Vater Angst
  • Miss Winstable, die Gouvernante, die nur Handarbeiten lehren kann und Mrs. Fitzroy gehorcht
  • Mrs. Fitzroy, die Mutter der “Hausfrau”, verarmt aufgrund von Verschwendungssucht, gesellschaftlich eitel und herrschsüchtig, mit großer Antipathie gegen Jane

Ein hübsches Szenario für vierlelei Verwicklungen. Die Geschichte, wie die Campbells mit den Dixons schon sehr lange verbunden sind, die Bekanntschaft mit den Churchills sich entwickelt (Franks Tante freundet sich mit Mrs. Fitzroy an 😉 ) und wie sich Jane im Laufe der Jahre unentbehrlich macht – als Freundin für Rachel, als Schrittgeberin beim Lernen, als von Oberst Campbell bevorzugtes “Kind”, das ihm auch schon mal die Meinung sagt – das alles entwickelt sich logisch und nachvollziehbar, ebenso die amourösen Verwicklungen, als die jungen Leute (Jane und Rachel, die Brüder Dixon, Frank Churchill, Rachels Cousin und Cousine) älter werden und in Weymouth viel Zeit miteinander verbringen. Vorher hat Jane dank der Campbells was von der Welt gesehen – sie waren fünf Jahre in Westindien, weil Oberst Campbell dort in einer Erbschaftsache was zu regeln hatte und sich die Sache hinzog.

Jane, die sich immer nach Highbury sehnte, musste in der Zwischenzeit feststellen, dass ihr im Heimatort die geistige Anregung fehlt – trotzdem hängt sie sehr an Tante und Großmutter. In den kurzen Gesprächen, die sie mit Emma bei solchen Besuchen führt, wird ihr klar, dass Emma bei weitem nicht denselben Erfahrungsschatz hat – wieder Anflüge von Mitleid gegenüber dem – heute würde wir sagen “wohlstandsverwahrlosten” – reichen Mädchen.

Uk dor radipole

Der Radipole-See gehört zu den Attraktionen in Weymouth anonym, Uk dor radipole, CC BY-SA 3.0

Als Rachel ihren Mr. Dixon geheiratet hat, ist es Zeit für Jane, nach Highbury zurückzukehren – die heimliche Verlobung mit Frank Chruchill ist dabei eins ihrer großen Probleme, denn Joan Aiken hat hier nicht ein großes Liebespaar geschaffen – Frank ja, er ist ein Liebender, aber Janes Herz hängt an jemand anderem.

Janes Geschichte analog zu “Emma”

Da Joan Aiken im Folgenden die Geschichte erzählt, wie wir sie von Jane Austen kennen, zitiert sie wörtliche Reden wörtlich, wenn sie dieselben Szenen schildert; nur die Innenperspektive ist halt eine andere. Neben der Erzählstimme, die je älter Jane wird, immer seltener erklingt, bekommen wir auch die Innensicht von Mr. Knightley (ich weigere mich, ihn wie Joan Aiken einfach als “Knightley” zu bezeichnen – ich bin doch nicht Augusta Elton …) und an einer Stelle die der Eltons zu hören. Das entspricht durchaus der Anlage bei Jane Austen.

Die Geschichte als solche ist in den Teilen, die Joan Aiken passend zu den Vorgabe von Jane Austen entwickelt, interessant und spannend. Auch ihre Einblicke in die Seelen der anderen – im Vergleich zu “Emma” – sind erhellend. Sprachlich aber – quel surprise – bleibt sie hinter Jane Austen zurück. Ich kann mein früheres Zurückschrecken vor dem Roman nachvollziehen, inzwischen aber auch seine Vorzüge erkennen. In diesem Fall ist es tatsächlich notwendig, das Original zu kennen – finde ich. Aber vielleicht irre ich und Joan Aiken hat auch hier ein Buch geschaffen, das für sich allein stehen kann.Auf jeden Fall ist es eine spannend geplante Geschichte, die Lücken füllt, die bei “Emma” naturgegeben sind (schließlich ist da Jane nicht die Hauptfigur). Auf jeden Fall ist das der einzige der an Jane Austens Werke angelehnten Romane von Joan Aiken, in dem sie eine echte Figur aus einem der Romane nimmt, bzw. auch dieselbe Zeit schildert (Miss Ward ist erfunden, ebenso Elizas Tochter, Emma Watson lag nur als Fragment vor und Lady Catherine de Bourgh hat ihre Probleme erst nach der Hochzeit von Elizabeth und Darcy). Diese Herausforderung hat sie gut gemeistert.

Joan Aiken: Jane Faifax, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 1993, ISBN: 3257227787

Der Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen am 18.7.2017.

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