Der Kurs der Kennedys von James W. Graham

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011.jpg„Wie ein kleines Boot die Geschicke einer großen Familie lenkte“ – so lautet der anspruchsvolle Untertitel des Buchs von James W. Graham in der deutschen Übersetzung. Es geht in erster Linie um das Segelboot „Victura“, auf dem Großteil der Familie Kennedy das Segeln erlernt hat.

James W. Graham schildert die Lebensumstände der Familie Kennedy, den Erwerb des Anwesens auf Cape Cod, den unbedingten Siegeswillen des Vaters und das Engagement aller Familienmitglieder für das Boot – um bei Regatten zu siegen, gab es ständigen Verbesserungsbedarf. Da der Autor selbst Hobbysegler ist, kennt er sich mit den Begriffen des Segelns hervorragend aus und nutzt das Fachvokabular weitgehend unkommentiert. Für mich als Nicht–Seglerin erschwert dies die Lektüre ein bisschen, denn die Bildsprache ist mir nicht sofort eingängig.

Gerade für die Jugendjahre der Kinder von Joe Kennedy, dem irischen Einwanderer und späteren Botschafter in London, sind die vor Kriegsjahre auf Cape Cod prägend. James W. Graham erzählt jede Menge Geschichten von den zehn Kindern, die zum Leidwesen der Nachbarn laut und scheinbar undiszipliniert herumtobten. Das Wettbewerbsdenken der Familie Kennedy versucht er zu erklären und nimmt dabei die unkritische Position der Kinder ein, die den anspruchsvollen Vater anhimmeln. Trotz dieser positiven Berichterstattung empfand ich selber beim Lesen die Erziehungsmethoden von Joe Kennedy als eine Überforderung für „normale“ Kinder. Gut, die Kennedys waren in diesem Sinne wohl nicht norma ;-)l.

Lt. Joseph P. Kennedy, Jr. Navy

 

Ich habe weiter oben bereits den Untertitel als anspruchsvoll bezeichnet – ein Anspruch, den ich nicht erfüllt sehe. Und das liegt bereits in der Formulierung begründet: Ein Boot wird gelenkt, es lenkt nicht selber. Somit kann sowohl der sportliche Ehrgeiz, der mit dem Boot und den Segeln an sich für die Kennedys verbunden ist, als auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das unter anderem durch die Teamarbeit auf dem Boot entstanden ist, als Bild für den Lebensstil und die Einstellung der Kennedys gelten – aber ein Boot lenkt keine Geschicke.

James W. Graham schildert das Leben einer Familie mit Höhen und Tiefen, die in den USA quasi monarchische Wünsche bediente, und bietet besonders durch die Segelgeschichten spannende Einblicke in das Familienleben. So auch in die Beziehung der jüngeren Geschwister zu ihrem großen Bruder Joe, der im Zweiten Weltkrieg fiel.

Erwähnenswert finde ich, dass James W Graham neben den allseits bekannten Mitgliedern der Familie auch die Frauen mehr in den Blick nimmt. Er lobt das politische Engagement der Schwestern von Joseph Kennedy, deren Wirken in unseren Breiten eher unbekannt ist. Auch jüngere Frauen der Familie nennt er mit Respekt.

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um eine Art Familienbiografie „unter besonderer Berücksichtigung“ des Segelns. Im englischen Originaltitel „The Kennedys, a sailboat and the Sea” kommt dies kurz und knapp zum Ausdruck. Auch dies also ein Buch, bei dem ich denke, dass die Formulierung von Titel und/oder Untertitel in der deutschen Übersetzung gründlicher durchdacht werden sollte. Wenn ich diesen Untertitel mir einfach wegdenke, habe ich ein interessantes Buch, das sich nur gelegentlich durch die Nutzung des Fachvokabulars ein bisschen holprig liest.

James W. Graham: Der Kurs der Kennedys. Wie ein kleines Boot die Geschicke einer großen Familie lenkte, mare Verlag, Hamburg, 2015, ISBN: 9783866481954

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