Geniale Störung von Steve Silberman

Geniale Störung von Steve Silberman

Wieder so ein Aha-Erlebnis: Steve Silberman geht in seiner Geschichte zum Autismus auch auf die unterschiedlichen Therapieansätze im 20. Jahrhundert ein, darunter auch dem, das Kind festzuhalten, anzuschauen und ihm zu sagen, wie man sich fühlt – so eine Szene gibt es auch in „Erst grau, dann weiß, dann blau“ von Margriet de Moor und sie hat mich ziemlich irritiert. Das tut die Therapievorstellung, die dahinter steht auch, aber Steve Silberman bettet die verschiedenen Therapieformen in die Geschichte rund um Entdeckung und Erforschung des Autismus ein.

Aber der Reihe nach. Der Einstieg ins Buch ist mir nicht leicht gefallen, denn das Vorwort von Oliver Sacks und die Einleitung vom Autor selber nehmen so viel Raum ein, dass ich mich echt überrollt fühlte – auch wenn es „nur“ rund 20 Seiten sind, sind sie so voll Information, dass man meinen könnte, mehr könne im Buch auch nicht stehen. Tut es aber natürlich doch 😉 Es umfasst schließlich rund 500 Seiten.

Steve Silberman beginnt mit Henry Cavendish, einem verschrobenen Gelehrten des 18. Jahrhunderts. Seine festen Gewohnheiten, seine Menschenscheu, seine Gründlichkeit – klar, der Gedanke liegt nahe, wenn der in einem Buch über Autismus vorkommt, ist er ein Betroffener. Eindeutig nachweisen lässt sich das heute nicht mehr, aber die Indizien, die  Indizien … So wird auch mit anderen historischen Persönlichkeiten im Laufe des Buches verfahren. Die Argumente wirken dabei überzeugend – aus heutiger Sicht können viele dieser Leute tatsächlich als autistisch angesehen werden, das wird deutlich.

Steve Silberman schreibt sehr persönliche Geschichten – über die Autisten, die Forscher, die Familien. Und manchmal holt er etwas sehr weit aus. So habe ich die lange Ärzteodyssee einer der Familien im 2. Kapitel nur überflogen – das ging mir zu sehr ins Detail. Auch die Auslassungen Silbermans zur Nazi-Gesundheits-Doktrin oder zu den Funkern und Bastlern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lenken teilweise vom eigentlichen Thema ab, so spannend sie sind.

Cavendish Henry signature
Den Rock und die Spaziergänge von Henry Cavendish bilden den Auftakt zum Buch von Steve Silberman
Spannend ist auch die Entwicklung der Forschung. Zeitgleich und angeblich unabhängig voneinander haben Hans Asperger in Wien und Leo Kanner in den USA den Autismus „entdeckt“. Ihre Interpretationen über diese Störung gingen weit auseinander – da Asperger wegen der Nazi-Herrschaft nicht frei arbeiten konnte, seine Arbeiten erst ins Englische übersetzt werden mussten, ging man davon aus, dass Kanner die etwas optimistischere Einschätzung Aspergers nicht gekannt haben konnte; andererseits waren aber nach ihrer Emigration Georg Frankl und Anni Weiss an derselben Klinik wie Kanner tätig, arbeiteten definitiv mit ihm zusammen; beide haben zuvor mit Asperger zusammen gearbeitet.

Leo Kanner hat nach Ansicht Silbermans die Arbeiten Aspergers nie anerkannt. Er selber hatte eine hohe Popularität in den USA und äußerte seine Ansichten vor großem Publikum. So beeinflusste er das Bild des Autismus über lange Zeit – mit der Folge, dass die Forschung nicht wirklich voran kam, denn er ging davon aus, dass es sich um eine sehr seltene frühkindliche Störung handele, die heilbar sei und dass die Eltern der Kinder als Ursache anzusehen seien – „Kühlschrankmutter“ ist so ein Begriff aus dem Zusammenhang. Erst viel später gingen Forscherinnen und Forscher neue Wege – bis dahin wo wir heute stehen: Autismus ist keine fest umrissene Störung oder gar Krankheit, sondern ein Anders-Sein.

Stever Silberman erzählt lebhaft und anschaulich, er nimmt mich als Leserin nicht nur in die Familien der Betroffenen mit, sondern auch in die Welt der Ärztinnen und Pfleger. Manche Passage hätte sicher kürzer ausfallen können, aber gut erzählte Geschichten sind was Feines. Was mich tatsächlich gestört hat, waren die Worterklärungen in Klammern hinter manchen Begriffen. Bei der Auflösung amerikanischer Kürzel wie APA usw. kann ich das ja noch nachvollziehen, aber die Häufung und auch die Qualität  – nee, das hat mich irritiert. Ich hab mich ein bisschen für dumm verkauft gefühlt. Das Mittel hätte das Lektorat sparsamer einsetzen sollen. Ansonsten: EIn tolles Buch zu einem spannenden Thema, gut lesbar, verständlich und erhellend.

Steve Silberman: Geniale Störung, übersetzt von Harald Stadler und Barbara Schaden, DuMont Buchverlag, Köln, 2016, ISBN: 9783832198459

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek Köln: Geniale Störung

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