Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

Ein bisschen irritierend ist der Titel schon, denn es geht nicht nur um den Sommer, sondern um das ganze Jahr 1913 – von Januar bis Dezember. Gleich im Januar hatte Illies mich gepackt – besonders mit einem Satz: Er schildert, wie sich bei Freud verschiedene Menschen treffen und auf einmal eine Katze auftaucht. Diese nistet sich nun ein und  dann heißt es:

„… als sie kränkelte, dufte sie mit Wickelkompressen auch auf Freuds Couch liegen. Sie erwies sich als therapierbar.

*

Apropos kränkelnd. Wo steckt eigentlich Rilke?

* “

Ich habe so gelacht! (beiseite: Ich bin Rilke-Fan!)

Die Sternchen bezeichnen immer das Ende eines Absatzes. In den Absätzen geht es idR um einzelne Personen, manchmal auch Personengruppen, und ihr Tun zu der gerade behandelten Zeit. Das lässt sich nicht so pur durchhalten – natürlich gibt es Vor- und Rückblicke. Aber es ist schon spannend, wenn Illies darauf eingeht, wer alles zu derselben Zeit in Wien war und überlegt, dass Hitler und Stalin sich im Park von Schloss Schönbrunn begegnet sind. Illies berücksichtigt alle Arten von Kunst und Kultur – allerdings ist schon spürbar, dass er aus der Kunstwissenschaft kommt; Malerinnen und Maler sind leicht überrepräsentiert. Das schadet aber nicht.Der Stil ist  leicht und locker zu lesen, gut zu lesen und unterhaltsam bei hoher Informationsdichte.

Schöner Satz nicht wahr? Bild Schlagwortkatalog zu Sachbücher von _Dr.MarcusGossler

Also noch mal: Das Buch lässt sich gut lesen. Es gibt runnig gags wie den mit Rilke (Rilke kommt auch noch ausführlicher vor – nicht nur diese Ein-Satz-Einschübe, aber die sind einfach nur gut!), der Stil von Illies ist locker und gut zu lesen. Dabei kommen aber auch die ernsten Aspekte zu ihrem Recht. Insgesamt erhält man den Eindruck einer sehr dichten Zeit – viele der Künstlerinnen kannten sich untereinander; sie korrespondierten und trafen sich; man tratschte übereinander.

Ich habe das Buch mit Genuss und Gewinn gelesen. Manchmal kam mir der Gedanke, dass spätere Autorinnen, die über unsere Zeit so was schreiben wollten (wenn denn in hundert Jahren so was noch interessieren sollte) vor großen Schwierigkeiten in Sachen Materialbeschaffung stünden: Es wird zwar heute alles Mögliche geschrieben – aber Briefe? Fehlanzeige! Mails und SMS, Kommunikation über Skype und Artverwandtes sind die Methoden unserer Epoche. Ob davon in hundert Jahren noch was auffindbar sein wird, wage ich zu bezweifeln.
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, Fischer, Frankfurt am Main, 2012, ISBN: 9783100368010

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