Thema 1914: Krieg nach dem Krieg von Anton Holzer

Als der Krieg zu Ende war, gab es – keinen Frieden. Das gilt wohl für die meisten Kriege. Auch für den ersten Weltkrieg, wie Anton Holzer in seiner Bild-Text-Sammlung noch mal deutlich macht.

Wie schon in dem Buch “Die letzten Tage der Menschheit” collagiert Anton Holzer historische Fotos mit Texten. In diesem Buch sind es nicht die Texte von Karl Kraus, sondern Tagebucheintragungen und andere eher private Äußerungen verschiedener Personen, u. a.:

  • Käthe Kollwitz
  • Kurt Tucholsky
  • Thea Sternheim
  • Harry Graf Kessler
  • Erich Mühsam

Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG

So sah es 1919 in München aus – alles andere als friedlich, auch wenn das hier eine Pose ist. Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG, CC BY-SA 3.0 DE

Auch wenn die Revolutionen gefühlt erst nach dem Krieg ausbrachen, die die Räterrepubliken nach Deutschland brachten – die Ursachen liegen schon in der Kriegszeit selbst, u. a. in der mangelhaften Versorgungslage sowohl an den Fronten als auch “zu Hause”. Deshalb umfasst der Zeitrahmen, den Anton Holzer absteckt bereits die Zeit ab Mai 1916 und geht dann bis 1925.

Anhand der Kapitelüberschriften wird das mit der Versorgung schon deutlich: Allein zwei Überschriften thematisieren den Hunger:

  • Erschöpfung und Hunger – Verbitterung über den Krieg
  • Hunger, Not und Verzewiflung – Der erste Winter nach dem Krieg

Es ist kein Buch zum Hintereinanderweglesen – es ist ein Buch zum Stöbern. Welcher Aspekt interessiert mich gerade? Dann schlag ich z. B. “Der erstickte Aufruhr” auf und sehe Bilder von 1919, die aussehen wie Krieg in der Stadt – Soldaten, Gewehre, Geschütze  – und lese die Erlebnisse von Harry Graf Kessler, Viktor Klemperer oder Käthe Kollwitz.

Jedem Abschnitt stellt Anton Holzer eine kurze Darstellung der Ereignisse voraus, so dass ich die Bemerkungen der Zeitgenossinnen “einordnen” kann (was sie nicht weniger erschreckend macht …). Sein Einführungsessay “Jahre der Gewalt” umfasst den gesamten Zeitraum. Einige der Zeitzeugenaussagen, die später den Bildern gegenübergestellt werden, zitiert er bereits hier. Hier findet er auch Platz, um Aussagen Einzelner zu kommentieren, z. B. den Satz von Ernst Troeltsch,

Das Ringen von fünf furchtbaren Jahren und, wenn man die Vorgeschichte hinzunimmt, eines Jahrhunderts, ist vorläufig und scheinbar zu Ende. (S. 19)

den Anton Holzer dahingehend interpretiert, dass die Unsicherheit mit dem gerade unterzeichneten Freidensvertrag nicht schwindet und die Demokratie, bis sie in Deutschland 1933 untergeht, vielfachen Angriffen ausgesetzt sein wird: Putschverscuhe und poltische Gewalt nennt er dabei.

Die Kombination von Bildern und persönlich gehaltenen Texten lässt, wie Anton Holzer es ja auch beabsichtigt ;-), das Geschehen dieser Jahre näher heranrücken, als es nackte Daten und Faktenaufzählungen können. Leider haben die Bilder eine beklemmende Aktualität – in anderen Regionen der Welt als in Deutschland, aber schließlich ist die Welt im Laufe der letzten 100 Jahre auch noch mal “kleiner” geworden.

Anton Holzer (Hrsg.): Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19, Theiss Verlag, Darmstadt, 2017, ISBN: 9783806235609

Auch dieses Buch finden Sie in der Stadtbibliothek Köln.

Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben. Weiterlesen

Ein Monat auf dem Land von J. L. Carr

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBei der LitBlog Convention im Juni 2016 haben wir in einer Session eine Covergestaltungskonferenz nachgespielt. Das Buch von J. L. Carr war auch dabei. Und der Bucheinband, der letzten Endes dabei herausgekommen ist, verbunden mit den kurzen Hinweisen zum Inhalt, hat dazu geführt, dass ich mir den kleinen Band vorgenommen habe.

„Ein Monat auf dem Land“ lautet der Titel und J. L. Carr lässt darin einen Bilderbuchsommer aufleben. Sein Protagonist, Tom Birkin, hat die Hölle des Ersten Weltkriegs überlebt, wurde von seiner Frau verlassen und hat nun in der ländlichen Einsamkeit von Yorkshire einen Auftrag als Restaurator angenommen. Er ist, wie viele andere Veteranen des großen Krieges, auf der Suche nach Heilung. Was erst als ein Rückzug in die Einsamkeit gedacht war, entwickelt sich im Laufe der rund 150 Seiten zu einem sozialen Geflecht, in dem der Versehrte unvermutet Aufgaben und einen Platz findet. Die Arbeit am freizulegenden Wandgemälde, die ihn hierher geführt hat, bringt ihm ebenfalls größere Befriedigung, als er sich vorher vorstellen konnte.

So sieht es bei einer Coverkonferenz aus.

So sieht es bei einer Coverkonferenz aus.

J. L. Carr erzählt leicht, lässt auch die Zeit des Erzählers, Jahrzehnte nach dem Geschehen, immer wieder einfließen. Besonders diese zeitliche Distanz zwischen 1978 und 1920 kommt immer wieder zur Sprache, wenn er das Leben aus einer Zeit, für die Pferd und Wagen und Petroleumlampen Alltag waren, so lebendig wieder auferstehen lässt. Er schafft es, von einer Heilung zu erzählen, ohne in Pathos oder Kitsch zu verfallen, denn allen Beteiligten – Autor, Erzähler, Protagonist, Leserin – ist klar, dass es sich dabei um ein komplexes, vielschichtiges und unwägbares Geschehen handelt. Ein wirklich zauberhaftes Buch.

Ach ja, zu Kunstgeschichte und Mittelalter erfährt man auch einiges – Tom Birkin ist ein Fachmann.

Das Buch ist 1978 erstmals erschienen – im Original – und hat im Laufe der Zeit in England immer wieder Neuauflagen erfahren, wurde auch verfilmt; schön, dass es das jetzt auch auf Deutsch gibt 😉

J. L. Carr: ein Monat auf dem Land, übersetzt von Monika Köpfer, DuMont Buchverlag, Köln, 2016, ISBN: 9783832198350

Drei Variationen zum Thema - und das ganz links ist von 2011 ...

Drei graphische Variationen zum Thema – und das ganz links ist von 2011 …

Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre

rp_Bild-Unterhaltung-150x150111.jpgNicht ganz Thema 1914, denn der Große Krieg lieg in seinen letzten, allerletzten Zügen, wenn wir Albert, Édouard und Leutnant Pradelle begegnen. Letzteren schrecken die Gerüchte um einen Waffenstillstand – und so sorgt er für ein letztes Gefecht. Albert findet das heraus, wird im selben Moment verschüttet und überlebt nur wegen eines Pferdeschädels, in dem sich noch Luft befindet und weil Édouard ihn ausgräbt. Dem zerfetzt nun aber ein Geschoss das Gesicht – der Unterkiefer ist weg. Pierre Lemaitre nimmt uns mitten hinein ins Geschehen – das Grauen der Kämpfe, der bevorstehende Erstickungstod Alberts, alle Gefühle der drei Männer treffen mich unmittelbar. Das ist der Stil von Pierre Lemaitre. Weiterlesen

Thema 1914: Kleine Hände im Großen Krieg von Yury und Sonya Winterberg

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111.jpgWas Kinder und Jugendliche im Krieg erleben, ist Thema des Buchs von Yury und Sonya Winterberg. Parallel zu “14: Tagebücher des Ersten Weltkriegs” hat das Autorenpaar rund 24 Tagebücher junger Europäerinnen dieser Zeit ausgewertet, darunter auch die einiger später berühmter Menschen wie Marlene Dietrich, Marie-Luis Kaschnitz, Alfred Hitchcock und Manes Sperber.

Kitchener-leete

Eigentlich hatte man ja ein Mindestalter zu haben – doch die Army nahm auch Jungen, die glaubhaft versicherten, sie seien 18 … wie Victor Silvester, der als 14-Jähriger Soldat wurde. Da fragt man sich …

“Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg” lautet der Untertitel – und die waren sehr vielgestaltig: Die Kindersoldatin Marina Yurlova gehört ebenso dazu wie die Krankenschwester Elfriede Kuhr und die in China lebende Hilla Lessing, der Kindersoldat Victor Silvester, genauso wie der Attentäter Vasa Cubrilovic und der Diplomatensohn Ödön von Horvath. Direkte Fronterfahrungen, Hunger in der Heimat, Ausfall des Schulunterrichts, weil alle Lehrer an die Front mussten, Flucht und Heimatlosigkeit – das alles prägt die Kinder. Mögen auch einige der Tagebücher bei späterem Abschreiben ergänzt worden sein, mögen sich auch politisch motivierte Änderunen darin finden: Da Kinder Anfang des 20. Jahrhunderts erstmalig in breiten Kreisen über die Fähigkeit des Schreibens verfügten, ermöglichen diese Dokumente einen Einblick in das Leben und Erleben junger Menschen in Kriegszeit, noch dazu  in einem Krieg, der allen überlieferten Erfahrungen entgegenstand.

Yury und Sonya Winterberg portionieren ihr oft beklemmendes Material in handhabbare Einheiten – wer sich so viel Leid nicht auf einmal antun kann, hat die Mögllichkeit, zu pausieren. Andererseits schreiben die beiden aber in einem Stil, der das Weiterlesenwollen fördert.

Das Buch ist Grundlage für ein Filmprojekt, das im August bei arte lief.

Yury und Sonya Winterberg: Kleine Hände im Großen Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg, Aufbau Verlag, Berlin, 2014, ISBN: 978383351035648

Quiz zu Thema 1914 – Auflösung von Teil II

Und haben Sie’s gewusst? Hier kommen die Antworten zu Teil II meines Quiz:

Zu Frage 1 kann ich die Antwort einer Teilnehmerin zitieren, denn die ist knapp, vollstänndig und richtig:

Der 28. Juni war der Veitstag und der Tag der serbischen Niederlage gegen die Osmanen bei der Schlacht auf dem Amselfeld 1389,

Interpretiert wurde er als Zerschlagung der „Nation“*  Serbien und damit auch als  Anfeuerung für die Bestrebungen, ein großserbisches Reich zu errichten.

*Nation deshalb in Anführungszeichen, weil es diesen Begriff im 14. Jahrhundert noch nicht in dem Sinne gab, wie er im 19. oder frühen 20. Jahrhundert verstanden wurde.

Frage 2:

Unter der historischen Blankovollmacht oder dem Blankoscheck von 1914 versteht man das Bekunden des deutschen Kaisers Wilhelm II., „im Einklang mit seinen Bündnisverpflichtungen und seiner alten Freundschaft treu an der Seite Österreich-Ungarns [zu] stehen“ (aus: Telegramm des deutschen Reichskanzlers an die deutsche Botschaft in Wien).

Frage 3: Die Bewegung, alle slawischen Völker zu vereinen, war der Panslawismus, der anfangs eine kulturelle Bewegung war.

So, Martin wird immer besser darin, am Rande der Schüssel zu balancieren und hat seine Pflicht getan:

Martin beim Balanceakt

Martin beim Balanceakt

Tillmann Bendikowski: Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten, C. Bertelsmann Verlag, München, 2014 – geht an Herrn Herzig (Danke fürs wiederholte Mitmachen 🙂 )

Adam Hochschild: Der grosse Krieg. Der Untergang des alten Europa im ersten Weltkrieg, übersetzt von Hainer Kober, Klett-Cotta, Stuttgart, 2013 wurde Daniela D. zugelost.

Barbara Tuchman: August 1914, Fischer TB, Frankfurt/Main, 2013 geht an Luchen, dessen Adresse hier vorliegt.

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinnerinnen und vielen Dank fürs Mitmachen an alle. Dass das neue Quiz online ist, haben Sie ja sicher alle gesehen, oder 😉 ?

Quiz zu Thema 1914 – Teil III

Heute geht das Quiz zu Thema 1914 in seine dritte Runde. Drei Titel zum ersten Weltkrieg gibt es zu gewinnen (Liste am Ende des Beitrags). Dazu müssen Sie nur eine von drei Fragen per Mail (!) beantworten. Zeit haben Sie dazu bis zum 25.11.2014, 23.59 Uhr. Bitte denken Sie daran, Ihre Postanschrift anzugeben.

Belgien wurde 1831 eine immerwährende Neutralität zugesichert. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im August 1914 wurde diese Neutralität verletzt. Das Kriegsgeschehen nahm aufgrund des unerwartet heftigen Widerstands der Belgier einen anderen Verlauf als von deutscher Seite erwartet.

Frage 1: Wie kamen die Deutschen in Ruf, kulturlose Zerstörer zu sein?

Im ersten Schwung  kamen die deutschen Truppen bis auf unter 100 Kilometer an Paris heran. Doch dann war Schluss – an der Marne wurde der deutsche Vormarsch gestoppt.

Frage 2: Mit welchen unorthodoxen Mitteln wurden französische Soldaten zum Kampfgeschehen gebracht?

Bundesarchiv Bild 103-121-018, Tannenberg, Hindenburg auf Schlachtfeld

Hugo Vogels malte 1915 das Gemälde zur Schlacht bei Tanneberg – Propaganda …

Entgegen der Erwartungen des Schlieffen-Plans von 1905 erzielten die Russen im Osten Deutschlands früh Erfolge – da musste ein Pensionär ran, um dort für Ordnung zu sorgen: General Hindenburg (zusammen mit Ernst Ludendorff). Der Name der Schlacht bei Tannenberg ist berühmt.

Frage 3: Wo fand die Schlacht bei Tannenberg tatsächlich statt und warum heißt sie, wie sie nun mal heißt?

Folgende Bücher stehen zur Verlosung:

Bitte berücksichtigen Sie, dasss es sich um die Exemplare handelt, die meinen Rezensionen und teilweise auch meinem Vortrag zugrunde liegen: Es sind keine verlagsfrischen Exemplare!

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Thema 1914: Der Sommer der Freiheit von Heidi Rehn

rp_Bild-Unterhaltung-150x15011.jpgMögen Sie detailliert ausgemalte Szenen, mit Lichtwirkung, Vogelgesang (oder weniger angenehmen Geräuschen), mit Faltenwirkung in Gesicht und Kleidung? Und interessieren Sie sich dann noch für die Zeit von vor rund 100 Jahren? Dann sind Sie mit dem Buch von Heidi Rehn gut bedient.

Die Zeitspanne reicht von 1913 bis 1920 – der Weltkrieg ist also “mittendrin”. Es geht um eine junge Frau, Selma, die schon von Anfang an sehr emanzipiert auftritt: Autofahren ist ihre Passion. Und unberührbar ist sie, den Idealen ihrer bürgerlichen Gesellschaftsnorm entgegenstehend, auch nicht. Das alles bleibt auch so. Ihre Ansichten und ihre Lebensfürhung bringen – keineswegs unerwarteterweise – Turbulenzen in ihr Leben.

Das Personl neben ihr:

  • ihre Mutter Hedda, snobistisch, ignorant und leicht beleidigt
  • ihre Großmutter Meta, emanzipiert und offen (und ja, das ist eines der Klischées im Buch, die mich stören – die doofe Mutter und die tolle Großmutter)
  • Gero, ihr Verlobter mit dem dunklen Geheimnis
  • Grischa, ihr Bruder, der im Laufe der Zeit am Leiden reift
  • Constanze, eine technisch versierte junge Frau und beste Freundin von Selma
  • Robert, ein französischer Fotograf
  • die beiden Väter – von Selma und Grischa einerseits, von Constanze andererseits -, voll Verständnis für ihre Töchter

MHV Audi Typ C Alpensieger 1914 01

Das Auto, das Gero Selma zur Verfügung stellt, ist rot, aber sonst, dürfte es ähnlich ausgesehen haben.

Auch wenn die Zuordnung mit “verlobt” so schön eindeutig daherkommt – gerade auf erotischem Gebiet ist hier nichts eindeutig. Daraus bezieht der Roman einen Großteil seiner Spannung. Der andere entsteht diuch die kriegsbedingten Gefahrensituationen – Rettung aus Lebensgefahr, schlimme Verwundung, auch Heldentod kommen vor.

Sie merken meinem Ton vielleicht an, dass mich das Buch nicht völlig überzeugt hat. Aber es hat auch gute, spannende Szenen. Heidi Rehn kann durchaus erzählen – in meinen Augen tut sie es bisschen zu wenig, verliert sich manchmal in die oben erwähnten Schilderungen. Andererseits ergibt sich gerade daraus ein plastisches Bild der Gesellschaft um 1914 mit Informationen, die sonst sehr trocken daherkämen. Von daher: Wenn Sie ausführliche Schilderungen schätzen – lesen Sie los 😉

Heidi Rehn: Der Sommer der Freiheit, Knaur Verlag, München, 2014, ISBN: 9783426512166

Thema 1914 – 1914: Vom Traum zum Albtraum von Mario Kramp

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111.jpgLuftkrieg – die damit verbundenen Bilder in unseren Köpfen stammen aus dem zweiten Weltkrieg. In einem schmalen Band schildert Mario Kramp nun die Anfänge dessen, was in den 40er Jahren zur Zerstörung von Städten in ganz Europa führte – und das begann vor 100 Jahren in Köln.

Ja, schon im ersten Weltkieg wurden Flugzeuge nicht nur an der Front eingesetzt. Erste Bombardierungen hinter der Front begannen schon 1914. Anfangs wurden Zeppeline eingesetzt, später dann (“später” heißt hier: ein paar Wochen später!) Doppeldeckerflugzeuge. Deutsche Piloten flogen nach Lüttich, um dort eben nicht nur die Befestigungsanlagen, sondern auch die Innenstadt zu beschießen. Im Gegenzug starteten englische Flieger gegen Köln und Düsseldorf.

Mario Kramp beginnt aber erst einmal mit der Begeisterung für die Luftfahrt, den Vorstellungen der völkerverbindenden Auswirkungen von zu überfliegenden Grenzen und den Anlagen von Zeppelinhallen und Flughäfen in Köln. Das geschah vor Ausbruch des Krieges und die Position dieser Anlagen war allgemein bekannt.

Zeppelin bombing Antwerpen

Zeppeline als Kriegswaffe wurden dann auch als Postkarten propagandistisch dargestellt. Hier wird Antwerpen bombardiert.

Minutiös zeichnet er dann die ersten kriegerischen Einsätze nach. Erst den Einsatz über Lüttich, der von Köln aus geflogen wurde. Ebenso den auf Antwerpen. Hier sind die riesigen Zeppeline im Einsatz. Dann befasst er sich besonders mit dem Bombardement Kölns – mit insgesamt zwei Bomben:

Dieses Ereignis von Anfang Oktober 1914 fordert ihn als Rechercheur heraus; die Zeitungsmeldungen sind nicht wirklich zu gebrauchen, da quasi Propaganda. Deshalb sucht er Einzelbelege, vor allem Augenzeugenberichte, zusammen und puzzelt aus den verschiedenen Quellen einen logischen Ablauf der ersten Bombardierung Kölns.

Mag der Schaden an Gebäuden auch gering gewesen sein – der psychologische Eindruck und damit die Bedeutung dieser Entwicklung in der Kriegsführung kann nicht überschätzt werden; es war der erste Schritt zur Bombardierung großer Städte im Feindesland und somit ziviler Ziele  – erst wurde da im Laufe des ersten Weltkriegs bis1918 die Technik weiter “entwickelt” und erst recht dann im zweiten Weltkrieg.

Mario Kramp: 1914: Vom Traum zum Albtraum. Köln und der Beginn des Bombenkriegs in Europa, Greven Verlag, Köln, ISBN: 9783774306523

100. Todestag von Georg Trakl

Ein paar Gedankensplitter zu Georg Trakl, der heute vor 100 Jahren starb:

Kokain war seine unmittelbare Todesursache – doch eine gefährdete Existenz war der junge Mann von klein auf:

  • eine drogenabhängige Mutter
  • selbst schon früh – zu Schulzeiten – Drogen probiert
  • nach erfolglosem Schulbesuch eine Ausbildung in der Apotheke – Zugang zu Drogen aller Art
  • inzestuöse Beziehung zu Schwester Margarethe
  • finanziell stand es auch nicht gut um ihn – Existenzängste waren die Folge

Georg Takl  wurde nur 27 Jahre alt – und hat mit seiner Sprache die Lyrik des 20. Jahrhunderts beeinflusst. In nur wenigen Jahren hat er eine sprachliche Entwicklung durchlaufen – von romantischen Einflüssen über expressionistische kommt er zu einer eigenen Sprache. Auch inhaltlich entwickelt er eine eigene Welt – manche Gedichte lassen sich nur in Zusammenhang mit seiner Biographie entschlüsseln.

Ich weiß, dass ich als Teenager manche Gedichte Takls sehr gemocht habe – die Intensität der Bilder; ich hatte allerdings keine Ahnung, wer er war – von  seiner Geschichte wusste ich nichts.

Die Liste der Vertonungen bei Wikipedia ist lang und vielfältig; neben Komponistinnen wie Holliger, Eisler und Szeghy tauchen auch Namen von Rockbands auf, die Texte von Georg Trakl verwendet haben.

Pv11

Lazarettbilder geben das Grauen nicht wieder, das für Sanitäter und Verwundete an der Front herrschte, denn dort war ja erst mal alles besser

Heute vor 100 Jahren ist er gestorben, an der Ostfront des ersten Weltkriegs, wo er als Sanitäter war, an einer Überdosis Kokain – das Grauen des Kriegs war ihm unerträglich.

Ein paar weiterführende Links:

  • Textlog – die Gedichte Trakls
  • Georgtrakl.de bietet Biographisches und Erhellendes zu seiner literarischen Entwicklung
  • Ein Beitrag von Matthias Kußmann beim SWR

Und zum Abschluss ein Gedicht:

Der Gewitterabendrp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111.jpg

O die roten Abendstunden!

Flimmernd schwankt am offenen Fenster

Weinlaub wirr ins Blau gewunden,

Drinnen nisten Angstgespenster.

 

Staub tanzt im Gestank der Gossen.

Klirrend stößt der Wind in Scheiben.

Einen Zug von wilden Rossen

Blitze grelle Wolken treiben,

 

Laut zerspringt der Weiherspiegel.

Möven schrein am Fensterrahmen.

Feuerreiter sprengt vom Hügel

Und zerschellt im Tann zu Flammen.

 

Kranke kreischen im Spitale.

Bläulich schwirrt der Nacht Gefieder.

Glitzernd braust mit einem Male

Regen auf die Dächer nieder.