Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.

Marianne begibt sich also frohgemut auf die Reise und die Abenteuer können beginnen: Ihre Kutsche wird überfallen, der Kutscher James verletzt, ihr Medaillon geraubt – was tun? Zusammen mit ihrer Zofe, ein ebenso zierliches Geschöpf wie sie selber, wuchtet sie den verletzten Kutscher ins Innere des Gefährts und lenkt den Wagen bis zum nächsten Gasthaus. Ihr erstes Ansuchen um Hilfe wird von einem Gentleman in der Gaststube abgewiesen, doch der Wirt ist hilfsbereit; er schafft James in eins der Zimmer, versorgt die Wunde und empfiehlt Marianne, unten in der Gaststube etwas zu essen. Dort begegnet sie dem vorher so unfreundlich auftretenden jungen Mann – noch vor Ende der Mahlzeit sind die beiden die dicksten Freunde; Marianne entdeckt in ihm einen Menschen mit demselben Humor. Während sie ihm ihre Identität enthüllt, verbleibt er in Anonymität. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass er sich a) um alles Notwendige für Mariannes Weiterfahrt und b) um eine Pflegeperson für James gekümmert hat. Marianne und ihre Zofe reisen weiter nach Edenbrooke.

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Ein Kutschenmodell aus der geschilderten Zeit – offensichtlich besser gefedert als das altmodische Teil der Großmutter.

Was dann folgte, habe ich in der Straßenbahn gelesen und da ich dort nicht die ganze Zeit schallend lachen konnte, habe ich still Tränen gelacht: Mariannes Bedürfnis, sich aus purer Lebenslust im Kreis zu drehen, hat, man könnte sagen: bestürzende Folgen. Und wer dann als Retter auftaucht, das können Sie sich sicher denken.

Julianne Donaldson hat mit Marianne und Philip – ja, so heißt der junge Mann und er ist Sohn des Hauses, in dem Marianne zu Gast ist – ein so offensichtlich kongeniales Paar erschaffen, dass jede Art der Verzögerung, auch als Traumpaar zu enden, gesucht erscheint. Das ist im Grunde einer meiner Kritikpunkte an dem Buch: Das glückliche Ende für die beiden winkt einfach schon zu früh, und das trotz einiger schwerwiegender Hindernisse. Einer davon ist die absolute Begriffsstutzigkeit von Marianne im Zusammensein mit Philip. Ein Mädchen, das mit der eigenen Schwester bereits über die möglichen Zuneigung von Jungen spekuliert hat, kann nicht so blind sein; in dieser Hinsicht ist Marianne äußerst unglaubwürdig – der nächste Kritikpunkt. Hinzu kommen die Szenen, in denen die beiden, wenn auch oft bei geöffneter Tür, oft stundenlang völlig allein miteinander sind; Georgette Heyer wäre ein solcher Fauxpas nicht passiert, denn das war für die damalige Zeit undenkbar.

Julianne Donaldson schildert im Interview, das dem Roman folgt, wie sehr Georgette Heyer und Jane Austen sie beeinflusst haben – an solchen Stellen wird aber deutlich, dass sie eben doch eine Frau des 21. Jahrhunderts ist.

Im Großen und Ganzen jedoch ist das Buch eine reizende, unterhaltsamen Lektüre für alle, die ein Faible für die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben. Wie ihr Vorbild Georgette Heyer schreibt Julianne Donaldson einen lockeren, selbstironischen Stil. Das tut dann auch Marianne, wenn sie ihrer Großmutter pflichtschuldigst von ihren Fortschritte berichtet, sich wie eine Dame zu benehmen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Zwischenzeitlich hier eine kleine Zusammenfassung darüber, was ich über das Dasein einer eleganten jungen Lady gelernt: Sie sollte niemals einen Genlteman beledigen, mit dem sie später womöglich diniert. (S. 141)

Julianne Donaldson: Sommer in Edenbrooke, übersetzt von Heidi Lichtblau, Pendo Verlag, München Berlin Zürich, 2017, ISBN: 9783866124288

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