Briefe! von Simon Garfield

Briefe! von Simon Garfield

Das erste Kapitel kommt ein bisschen kryptisch daher und hat mir den Einstieg versaut – aber dann hatte ich Freude an dem Buch von Simon Garfield.

Es ist eine unterhaltsame, manchmal respektlose und sehr authentisch daherkommende Biographie des Briefs – zumindest, wenn man mit dem 2. Kapitel beginnt 😉 . Da geht es um Brieffragmente der römischen Garnison in Vindolanda, nahe der schottischen Grenze. Ich erfahre etwas über Grußformeln in antiken Briefen und warum erst die Römer „persönliche“ und „literarische“ Briefe schrieben. Simon Garfield greift dabei immer wieder vor und zurück, beleuchtet z. B. die Formalitäten in Briefen in den verschiedenenn Epochen und vergleicht sie mit der heutigen, flüchtigen E-Mail-Korrespondenz.

Ein Kapitel, das mich besonders interessierte heißt: „Warum Jane Austens Briefe so langweilig sind (und andere gelöste Probleme rund um die Post)“ – auch wenn ich der Prämisse Garfields nicht völlig zustimme, hat mir das Kapitel doch einiges gebracht, denn dass man den aus dem Korrespondenz-Zusammenhang gerissenen Einzelbriefen nicht so viel Vergnügen abgewinnen kann, wie sie die Schreiberinnen und Leserinnen damals wohl hatten, ist ja klar. Die  – auch in Austens Romanen vorgestellte – Praxis, erhaltene Briefe der gesamten Familie vorzulesen, nutzt Simon Garfield, um den Mangel an nach unserer Ansicht wirklich persönlichen Äußerungen zu erklären. Außerdem schildert er hier das Postwesen der Zeit – einmal ind en Büchern von Jane Austen, aber auch die Entwicklung danach in England, die dazu führte, dass es nun seit rund 175 Jahren Briefmarken gibt.Penny black

Gerade diese historischen Fakten rund um Brief und Poststellen, Transport, Auslieferung und Kosten erzählt Simon Garfield äußerst amüsant und reichert sie mit teils sehr skurrilen Ankdoten an, wie der der jungen Frau, die ein Zimmer mit Briefmarken tapezieren wollte und eine entsprechende Anfrage in die Zeitung setzte.

Briefratgeber für die verschiedenen Gelegenheiten – an eine höhergestelte Persönlichkeit zu schreiben, einen Sohn beim Studium zu ermahnen, einen Liebesbrief zu verfassen usw. – haben sich schon immer einer hohen Beliebtheit erfreut und werden hier mit Verve vorgestellt – insgesamt in drei Teilen, chronologisch angeordnet. Sehr hübsch: Lewis Carrolls Ratgeber für Leute, die noch nie einen Brief geschrieben haben – so lebensnah!

Chris Barker und seine Frau Bessie haben sich während der 40er Jahre im zweiten Weltkrieg viele Briefe geschrieben – da waren sei noch nicht verheiratet; die Korrespondenz diente eindeutug dazu, ihre Vertrautheit zu vertiefen und ihre Bindung zu festigen – diese Briefe bilden ab dem 3. Kapitel jeweils den Abschluss eines Kapitels und ich kann der Geschichte der beiden folgen. Im Nachwort erläutert Simon Garfield die Herkunft der Briefe und wie er an sie geriet.

Auch so ein E-Mail-Junkie wie ich kann nach der Lektüre dieses Buchs in Versuchung geraten, sich bei „Letters in the Mail“ oder Postcrossing (gut, das sind jetzt „nur“ Postkarten, aber immerhin; ich weiß, dass auf diese Weise schon Freundschaften über Ländergrenzen hinweg entstanden sind!) einzutragen.

Simon Garfield hat einen schönen Wälzer geschrieben, denn ich peu à peu durcharbeiten kann oder je nach Laune mir ein Kapitel, ein paar Briefe auswählen.

Simon Garfield: Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den mann, der sich selbst verschickte, übersetzt von Jörg Fündling, Theiss Verlag, Darmstadt, 2015, ISBN: 9783806231755 (E-Pub-Ausgabe: 9783806231779 )

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