Die vergessene Schwester von Jennifer Paynter

“Mary Bennets Stolz und Vorurteil” ist tatsächlich der Untertitel, den Jennifer Paynter ihrem Erstlingsroman gegeben hat … Auf dass der Bezug zu “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen auch wirklich allen klar wird.

Mary erzählt selbst und beginnt schon vor ihrer Geburt – mit der Ehe ihrer Eltern. Anfangs war Mr. Bennet gar nicht sooo unbarmherzig gegenüber der Dummheit seiner Frau. Seine Enttäuschung über die ununterbrochene Reihe von Töchtern macht Jennifer Paynter sehr deutlich, mit allen Folgen im familiären Umgangston. Die weiteren Beziehungen in der Familie sind auch Thema: Zwei Schwesternpaare, die einander genügen und Mary als Einzelgängerin dazwischen. Sie gilt als weniger hübsch als ihre älteren Schwestern und weniger lebhaft als ihre jüngeren – doch alles hat seine Gründe:

  • sie ist hochsensibel und die Brüllerei des Mannes ihrer Amme bringt völlig durcheinander – sie fürchtet sich danach vor jedem Mann, auch dem eigenen Vater; keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung
  • sie benötigt eine Brille – bis das klar wird, geht Zeit ins Land, in der Mary als Dummkopf dasteht
  • in ihren Teeniejahren kommt sie bei der Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers in Bath unter – wird also der Familie etwas entfremdet
  • eine der Szenen, die alle Stolz- und-Vorurteil-Leserinnen kennen, in der Mary eine schlechte Figur macht, ist ihr Klavierbeitrag beim Ball in Netherfield – einer der jungen Männer hat ihr vorher statt Limonade Punsch gegeben

Jennifer Paynter zeichnet das Porträt eines empfindsamen Kindes, dem vor allem Enttäuschungen begegnen.

Netherfield vor Bingley

Vor dem eigentlichen Geschehen von Jane Austens Geschichte ist bei ihr bereits Dramatisches geschehen. Netherfield war nämlich vor Bingelys Einzug bereits einmal verpachtet. Und da schlugen die Wellen hoch:

Jasper Coates – ein optischer Vorgänger von Fitzwilliam Darcy – lebte dort in einer Ménage à trois mit seiner Stiefschwester Christina und deren Mutter. Und das enthüllte die ältere der beiden Frauen beim Dinner eines geselligen Abends.

An dem Abend hatte Mary zusammen mit einen der Söhne von Christina einen Auftritt als Pianistin – George war ihr Freund. Der Erfolg des Abends als Musikerin war nach dem Skandal im Speisezimmer bedeutungslos.

George entdeckte kurz vor dem Konzert, dass die damals 14-jährige Elizabeth sich nach Netherfield geschlichen hatte, um Jasper Coates zu treffen; Mary konnte es wegen ihrer schlechten Augen nicht selber sehen, aber George behaupetete, Lizzy und Jasper hätten sich geküsst. Quelle horreur für die kleine brave Mary. Noch so eine Belastung für ihr Gewissen.

FortepianoAntonWalter

Ein elegantes Instrument – sehr gut möglich, dass ein solches Mary und George auf Netherfield zur Verfügung stand. Gérard Janot, FortepianoAntonWalter, CC BY-SA 3.0

Nach dem Showdown in Netherfields war die Familie von dort

a) weg und

b) durfte sie nicht mehr erwähnt werden.

Mary verfiel danach in eine Depression – weil sie einerseits George vermisste, dann noch den Tod einer kleinen Cousine betrauerte und sich allgemein schuldig fühlte. Gesund wurde sie erst, als sie zur Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers nach Bath eingeladen wurde. Regelmäßige Abläufe, gleichmäßige Zuwendung – was braucht es mehr 😉 ? Ihre Frömmigkeit und Belesenheit, die bei Jane Austen so schlecht wegkommen, sind hier ganz “normale” Eigenschaften. Mrs. Knowles, bei der sie zwei Jahre lebte und selber von einer unaufgeregten Alltagsfrömmigkeit, regte sie an, in einem Buch Zitate und andere aufbauende Kleintexte zu sammeln – ihr Kollektaneenbuch (ehrlich, das Wort musste ich auch erst nachschlagen – bei mir hieß das immer “Sprüchebuch” …). Alle Zitate, die wir aus Jane Austens Version der Geschichte 😉 kennen, stammen daraus. Jennifer Paynter macht deutlich, dass Mary die Zitate oft benötigte, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten, denn …

Hier kommt Jennifer Paynter nun zur bekannten Handlung

Ja, Mary ist auch aus dem Takt geraten. Peter Sheffels, der Sohn ihrer ehemaligen Amme, spielt zum Tanz auf. Geige. Das erste Mal gesehen hat sie ihn beim öffentlichen Ball in Meryton, wo die Bingleys und Darcy ihren ersten Auftritt haben. Und im Gegensatz zu ihren Schwestern nimmt sie diesen untergeordneten Menschen nicht nur wahr, sie beginnt auch ein Gespräch mit ihm, empfiehlt ihn für den Ball Bingleys und will Geigenunterricht bei ihm nehmen. Das bleibt nicht verborgen – und schon haben die Schwestern wieder was, womit sie Mary aufziehen können.

Mary erlebt eine Katastrophe in ihrem Umfeld mit, von der die anderen nichts wissen dürfen – wieder eine Belastung. Die beiden Nichten von Mrs. Long, die bei Jane Austen nur als solche apostrophiert werden, sind mit Mary näher befreundet. Sie bekommen nicht nur Namen (Cassandra (!) und Helen), sondern auch Charakter und eine eigene Geschichte. Cassandra verdient sich mit Zeichnen und Malen etwas Geld – so soll sie Bingleys Schwestern porträtieren und Mary wird benötigt, um vorzulesen oder Klavier zu spielen. Mary bekommt so Einblicke in die Beziehungen auf Netherfields, die ihren Schwestern verborgen bleiben. Cassandra ist ein ernsthafter, fast schon strenger Charakter – kein Wunder, dass sie und Mary sich verstehen. Helen dagegen ist ein Sausewind und sehr flirtbereit – sie fällt auf Wickham rein und zwar gründlich. Und Mary darf zu Hause nicht sagen, was für ein Schuft der allseits beliebte Offizier ist …

Die Handlung läuft in solch verschlungener Weise weiter – ein paar Passagen hätten da ruhig kürzer ausfallen können. Aber mit der Lebensgeschichte der Mary Bennet hat Jennifer Paynter durchaus ein anderes Sittengemälde der Zeit um 1810 entworfen als Jane Austen, sehr viel näher an der Realität, auch der rauen Realität – und trotz aller Einwände durchaus noch nah an Jane Austen. Das Schicksal Marys entwickelt sich stetig, endet auf überraschende Weise und zeigt, dass sie einersets geduldig ist und bleibt, andererseits aber ihre eigenen Vorurteile durchaus erkennt. Da wird ihr gegen Ende des Buches echt was abverlangt.

Die möglichen Einwände, sie sei weniger subtil als ihr Vorbild oder bringe zu viel Sex and Crime darin unter, sollten nicht zu schwer ins Gewicht fallen: Sie hat eine im Großen und Ganzen spannende Geschichte erzählt, eröffnet an manchen Stellen einen anderen möglichen Blick auf beliebte Gestalten. Insgesamt ein historischer Roman, der duch die Verknüpfung zu Stolz und Vorurteil Fans von Jane Austen durchaus Freude machen kann, sich aber auch selber trägt.

Amazon Crossing ist aufgrund meiner Abneigung gegenüber Amazon insgesamt kein von mir bevorzugter Verlag – aber das Thema hat mich einfach zu sehr gereizt. Mary Bennet ist ja wirklich das graue Mäuschen schlechthin in Jane Austens Roman, so dass ich mir die bekannte Geschichte aus ihrer Sicht nicht verkneifen wollte. Und es hat sich durchaus gelohnt 🙂

Jennifer Paynter: Die vergessene Schwester – Mary Bennets Stolz und Vorurteil, übersetzt von Annette Seifert, Amazon crossing Verlag, Luxemburg, 2016, ISBN: 9781503954731

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Die jüngste Miss Ward von Joan Aiken

Ja ja, ich weiß – der Name Ward erscheint gleich auf der ersten Seite von “Mansfield Park” von Jane Austen. Ich konnte den Titel von Joan Aiken trotzdem nicht sofort einordnen. Schließlich sind die Schwestern Ward – also  die Mutter von Tom, Maria, Edmund und Julia Bertram, ihre Schwester Mrs. Norris und “die arme Fanny” Price – nicht die Hauptpersonen des Romans.

Joan Aiken hat in ihrem Roman den drei Schwestern Ward eine vierte hinzugesellt, deren Lebenslauf sie verfolgt. Dabei kommt die bekannte Geschichte von Jane Austen immer wieder in den Blick – Harriet (genannt Hatty) hätte aber ebenso gut eine andere Familie haben können als die von Mansfield Park. War Ihnen bewussst, dass Mrs. Norris auch einen Vornamen gehabt haben muss? Mir nicht … Joan Aiken nennt sie Agnes. (Jetzt müsste ich glatt “Mansfield Park” noch mal lesen …. Ich meine aber, da ist nur von “Mrs. Norris” und in der Anrede “Schwester” die Rede. Wissen Sie mehr? Ich freu mich über Korrekturen, wenn nötig.)

Vorweg sei gleich gesagt: Ich fand die Geschichte recht gelungen, die Anbindung an Austens Buch vor allem “nett”, weil es Joan Aiken ein paar Eigenheiten der Schwestern, wie man sie in ihren späteren Jahren kennenlernt, auf ihre Weise “begründet”.

Hatty wird gegen ihren und den Willen ihrer sterbenskranken Mutter aus der Familie weggegeben und zwar in die Familie des Onkels. Das eigentliche dramatische Geschehen findet erst mal bei anderen Personen statt: Die Freundin ihrer Mutter, Lady Ursula Fowldes, hat in jungen Jahren eine Enttäuschung in der Liebe erfahren und ist seitdem eine Frau von großer Strenge gegenüber sich selbst, erst recht aber gegenüber anderen. Sie soll bei der Hochzeit von Maria Ward, zukünftig Lady Bertram, die Hausfrau stützen., bzw. ersetzen Die kleine Hatty ist ihr unsympathisch und muss weg. Lady Ursula ist nicht in der Lage, den Umgang zwische der kranken Frau und ihrer jüngsten Tochter in seinem Wert einzuschätzen. Agnes Ward – später Mrs. Norris – unterstützt sie darin. Dass beide in ihrer vorgeblichen Strenge größtmögliche Egoistinnen sind, ist wohl klar – Ursula und Agnes vertragen sich prächtig. Hatty siedelt also um, ihre Mutter stirbt, ohne dass beide sich noch mal gesehen hätten und es laufen Gerüchte um, dass Lady Ursusla an Mr. Ward interessiert sei. Ihre Familie ist groß und verarmt – und sie ist nicht mehr die jüngste. Nach einigen Verzögerungen erreicht sie ihr Ziel.

Bei einem Familientreffen anlässlich einer Beerdigung trifft sie bei Hattys Pflegefamilie auf ihren ehemaligen Verlobten, Lord Henry Camber. Unversöhnlich ist sie. Er dagegen freundlich. Insgesamt ist er ein interessanter Charakter. Er will nichts von Standesunterschieden wissen, erweist sich als einfühlsamer, hilfsbereiter und humorvoller Zeitgenosse – Hatty mag ihn. Und er mag sie. Sein Projekt: Er will mit einer Gruppe von Gleichgesinnten nach Amerika auswandern und dort an den Ufern eines Flusses eine demokratisch organisierte Siedlung gründen und aufbauen.

Wie geht es Hatty in der Zeit? Sie hat sich mit einem ihrer drei Cousins angefreundet, wird von ihrer Tante sehr geschätzt und bemüht sich, den nachgeborenen Zwillingsschwestern im Haus, die offensichtlich geistig und körperlich beeinträchtigt geboren wurden, etwas Lebensfreude zu bringen. Ihre Schwester Fanny, die Maria und Thomas Bertram auf der Hochzeitsreise begleitet hat, kommt zu Besuch, freundet sich mit Familie Price an – alles Weitere über sie ist bekannt 😉 Harriet verschlägt es dann mitten im Winter auf den Heimweg in ihr Vaterhaus – aber statt dort zu landen, muss sie eines Schneesturms wegen im Cottage von Lord Camber unterkriechen und lernt völlig neue Ansichten kennen; hier fühlt sie sich wohl. Aber ihr Ruf … Lord Camber war nämlich noch nicht abgereist und im Haus (was bei Georgette Heyers Romanen immer durch die Gegenwart von Haushälterinnen entschärft wird – die gibt es hier auch, deshalb ist die Entrüstung der “lieben” Verwandtschaft pure Heuchelei).

Hattys geheime Leidenschaft gehört übrigens der Poesie – sie schreibt Gedichte. Lord Camber ist begeistert. Hübsch ist dann die Pointe im allerletzten Brief, der aus unserer Zeit stammt 😉 (zu den Briefen gibt es unten noch einen Satz).

Es gibt noch weitere Handlungsstränge – und für mich gabs durchaus mal andere Ostereier als sonst zu finden:

  • Der philantropische Lord hat sein Pendant in einem der Romane von Georgette Heyer – Mr. Moore in “Der schweigsame Gentleman” würde ein solches Projekt nur zu gerne ausführen, aber seine Gattin ist dagegen, aus pragmatischen Gründen. Solche Einwände gibt es auch hier, aber Lord Camber ist nicht zu bremsen.
  • Die Schwestern von Lady Ursula, die Hatty im Laufe der Geschichte zu unterrichten trachtet, erinnern in ihrer Zurückgezogenheit an die Brontë-Schwestern – allerdings wesentlich verstörter, boshafer und bei weitem weniger kreativ.

Joan Aiken hat einen durchaus dramatisch angehauchten Roman verfasst, der allerdings die Anbindung an Jane Austens “Mansfield Park” offensichtlich vor allem zum “Schmuck” braucht; dramaturgisch notwendig ist sie nicht. Gelegentlich streut Joan Aiken Briefe ein, um Handlungen näher ranzuholen, als es die Erzählperspektive erlaubt. Da sie diese Briefe immer in eigenen Kapiteln versammelt, funktioniert es ganz gut.

Joan Aiken: Die jüngste Miss Ward, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 2000, ISBN: 978257233506

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe “Beloved Jane” zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Elizas Tochter von Joan Aiken

Noch so ein “Folgeroman” auf Basis der Geschichten von Jane Austen, an dem sich Joan Aiken versucht hat (sie hat da wirklich eine Menge geschrieben). Und nein, mit Eliza ist nicht Eliza Bennet gemeint. Wir bewegen uns stattdessen im Umfeld von “Sense and Sensibility“, also “Verstand und Gefühl” (“Sinn und Sinnlichkeit” ist der deutsche Titel einer Verfilmung!).

Die Figur, die bei Joan Aiken die Hauptrolle spielt, wurde in “Sense and Sensibility” erst geboren; wir lernen Eliza, die Tochter von Eliza, deren Mutter Eliza (verwirrt? ja, aber so ist das nun mal: von Großmutter bis Enkelin – alle heißen Eliza) die unerreichbare Liebe von Oberst Brandon war, im Alter von vier Jahren kennen. Sie lebt in einem Dorf voller Ammen, die Kinder von Betuchteren großziehen. Viele der Kinder sind unehelich geboren, die meisten aber kennen ihre Eltern. Eliza nicht. Das wird sie fast das ganze Buch über beschäftigen. Wer das Austensche Original kennt, hat ihr da was voraus 😉

Gleich am Anfang gibt es geheimnisvolle Anmerkungen, dass Eliza was Besonders an sich hat – erst nach einiger Zeit wird das Geheimnis gelüftet: Sie hat an der rechteen Hand sechs Finger. Als sie auf der Suche nach einem kleinen Zögling mit Zigeunern in Kontakt kommt, hört sie das erste m Mal was Positives darüber – sonst wurde diese Anomalie eher mit Furcht und Ekel betrachtet.

Eliza wächst recht wild auf. Mütterliche Fürsorge kennt sie nicht – die Amme ist nicht an den Kindern, sondern nur an dem Geld interessiert, das sie ihr einbringen. Ihre Tochter verdingt sich ebenfalls als Amme – ihr Milchkind ist die kleine, sehr zarte Tochter aus dem adligen Haus in der Nachbarschaft (ehelich geboren …). Als die Mutter nach längerem Auslandsaufenthalt, zur Erholung nach der schweren Geburt, ihre Tochter abholen will, soll ihr die leibliche Tochter der Amme untergeschoben werden. Eliza, inzwischen ca. acht Jahre alt, verhindert das. Sie bekommt als Spielgefährtin der kleinen Triz Zugang ins Herrenhaus. Nach dem Tod des Hausherrn, Eliza ist inzwischen ein Teenager, müssen Triz und ihre Mutter England verlassen. Lady Heriot rät Eliza, sich bei den Anwälten ihres Vormunds Oberst Brandon zu melden.

So kommt Eliza nach Delaford und bei Elinor und Edward Ferrars unter. Oberst Brandon und Marianne sind in Indien. An dieser Stelle beginnt eine unangenehme Überraschungsreihe für Fans von Jane Austen: Joan Aiken gibt sich große Mühe, die aus Jane Austens Original liebgewordenen Charaktere niederzumachen. Edward ist verbittert, geizig und auch gegenüber Elinor streng und bevormundend. Elinor ist eine vergrämte Frau, grau, mager und geduckt. Die Tochter der beiden, die Eliiza später kennenlernt, scheint eher aus Robert Ferrars Holz geschnitzt zu sein – egoistisch und überheblich, dabei ignorant. Und Mrs. Dashwood leidet an Alzheimer …

Rendicion de Ciudad Rodrigo (Espana) 1812

Bei der Schlacht um Ciudad Rodrigo kommt Oberst Brandon ums Leben – das erfährt Eliza in Portugal

Die Ferrars können es sich nicht leisten, Eliza bei sich zu behalten, schicken sie nach Bath zu einer entfernten Verwandten und in die Schule. Eliza hat es nicht leicht, findet sich aber ab und verbringt vier Jahre recht geruhsam in Bath. Mit Unterrichten an der Schule, vor allem Musikunterricht, verdient sie sich etwas Geld. Der Haushalt ihrer “Gastgeberin” ist wohl situiert. Dann fällt Eliza auf einen charmanten Jüngling rein – obwohl sie der Vergewaltigung entgeht, ist ihr Ruf hin. So kommt sie zurück nach Delaford, wo gerade eine Überschwemmung schlimmen Schaden angerichtet hat. Sie macht sich im Haushalt der Ferrars nützlich, pflegt die schwer erkrankte Elinor. Dann ruft man sie nach Bath zurück – ihre Gastgeberin ist ebenfalls erkrankt. Eliza bringt sie vom Laudanum und Brandy ab, erfährt etwas über ihre Mutter und den möglichen Namen ihre Vaters. Doch statt eines gemütlichen “Weiterso” muss sie Bath nach dem Tod ihrer Gönnerin verlassen. Sie landet in London, erfährt noch mehr über ihre Eltern, besonders über das Schicksal ihrer Mutter. Deren Gönner nimmt sich – in väterlicher Art – ihrer und ihres Musiktalentes an. Ein Brief aus Portugal von Lady Heriot ruft sie nach Süden. Und dort erfüllt sich dann ihr Schicksal, nicht ohne, dass noch einige dramatische Dinge passieren. Dort trifft sie dann auch Marianne Brandon, die inzwischen verwitwet ist.

Joan Aiken hat eine spannungsgeladene Geschichte verfasst, ohne Zweifel. Ihre Einblicke in die dunkleren Seiten der Gesellschaft um 1815 sind eindrücklich und informativ. Die Charakterveränderungen der Austenschen Figuren kann man sicher den – teils ja historischen –  Zeitläuften und Enttäuschungen zuschreiben, aber befriedigend ist das nicht. Die Chrakteranlagen bei Jane Austen bricht Joan Aiken ziemlich gewaltsam ins Negative. Insgesamt: Ein spannendes Buch mit faszinierenden Facetten – und ein paar Flecken in der Figurenführung 😉

Joan Aiken: Elizas Tochter, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, Zürich, 1996, ISBN: 325706098x

Die Besprechung gehört in meine Reihe “beloved Jane”, die ich auf den 200. Todestag von Jane Austen im Juli 2017 hin gestartet habe.

Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

Die Watsons von Jane Austen und David Hopkinson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgTatsächlich gibt es mehrere Fortsetzungsversuche zu dem Fragement “Die Watsons”, das Jane Austen 1804 begann und nach dem Tod ihres Vaters nicht vollendete. Mir liegt die vor, in der David Hopkinson, der allerdings namentlich nicht genannt wird, im Nachwort die Erzähltradition von Janes Familie betont, in die er sich einreiht. Die Info, dass es sich um ihn handele, habe ich von einer deutschsprachigen Seite zu Jane Austen.

Den Beginn des Romans habe ich ja bereits bei meiner Besprechung von “Lady Susan” vorgestellt: Emma Watson, nach 14 Jahren der Trennung wieder bei ihrer Familie gelandet, gewinnt durch ihre Freundlichkeit gegenüber einem zehnjährigen Jungen auf einem Ball die Aufmeksamkeit einiger Menschen, darunter dreier junger Männer, die unterschiedlicher nicht sein können:

  • Tom Musgrove, ein Lebemann aus dem Ort, der laut ihrer Schwester Elizabeth mit jeder Frau zu flirten versucht, sich aber nicht festlegen will
  • der junge Lord Osborne, gesellschaftlich eher ungeschickt und recht wortkarg
  • Mr. Howard, der ehemaliger Lehrer Lord Osbornes und jetzt als Pfarrer der Gemeinde tätig

Noch vor Abbruch ihres Manuskripts fürhrt Jane Austen weitere Familienmitglieder von Emma ein:

  • Robert Watson, der älteste Bruder, ist Anwalt und hat die Tochter seines Dienstherrn geehelicht; all’ sein Sinnen und Trachten ist “Geld” – erlangen, verwalten, vermehren
  • seine Frau Jane ist sehr von sich und ihren 6000 Pfund eingenommen – noch unsympathischer als ihr Mann
  • Margaret, Emmas nächstältere Schwester, schwärmt ausdauernd für Tom Musgrove, ist launisch und zänkisch

Dann gibt es noch den jüngeren Bruder Sam, von dessen Hoffnungen auf die attraktive Miss Edwards Elizabeth ihre Schwester Emma vor dem Ball in Kenntnis setzte. Er macht eine Ausbildung als Wundarzt. Die letzte Schwester, die gerade eine Freundin besucht, heißt Penelope und ist nach Aussage von Elizabeth sehr darauf aus, sich möglichst gut zu verheiraten und immer bereit, für ihren eigenen Vorteil andere zu übervorteilen. Beide Geschwister haben im Teil, den Jane Austen verfasste, noch keinen Auftritt.

Mit dem 6. Kapitel setzt die Handlung ein, die David Hopkinson anhand der Vervollständigungen aus dem Familienkreis (Nichte und Großnichte von Jane) als so besonders nah an Jane Austens eigenen Plänen hält: Emma freundete sich nicht nur mit der Mutter ihres zehnjährigen Tanzpartners und dem dazugehörigen Bruder bzw. Onkel, also Mr. Howard, an, sondern auch mit der Schwester von Lord Osborne. Mit den auch bei Jane Austen üblichen Verwicklungen  – Emma sieht sich zwei Verehrern ausgesetzt, Henrietta Osborne spielt mit dem ihren – findet Emma am Ende ihr Glück, ebenso wie ihre Freundin Henrietta. Der  missgünstigen Schwester ist solch Glück nicht beschieden.

Chawton Church, Steventon, Hampshire

Die Kirche in Steventon,, wo der Vater von Jane Austen Pfarrer war – ihr Sehnsuchtsort auf dem Land, ähnlich wie für Emma, die das Stadtleben nicht mag.

Auch wenn David Hopkinson sich auf die Erzähltradition der Familie von Jane Austen berufen kann – die subtile Leichtigkeit seines Vorbilds fehlt ihm. Das gilt großenteils vor allem für die Sprache, aber auch die Verknüpfung der einzelnen Handlungsfäden wirkt gelegentlich etwas forciert. Auch die Meinungen, die die Figuren vortragen, sind deutlicher formuliert, als es zu Beginn des 19. Jahrhunderts möglich oder schicklich gewesen wäre. So antwortet Emma auf eine Frage nach ihrem Lebensziel

Aber man bewahre mich vor der Sklaverei, en grande dame leben zu müssen – ich wurde nicht so erzogen, und nichts als Brauchtum kann solche Ketten leicht und elegant erscheinen lassen. (S. 74)

Im Großen und Ganzen finde ich, dass David Hopkinson seine Sache gut gemacht hat – meine Neugier nach der Entwicklung der von Jane Austen vorgestellten Personen hat er angenehm befriedigt.

Jane Austen: Die Watsons, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Droemer Knaur Verlag, München, 1978, ISBN: 3426006839

Wie Sie sehen, habe ich mir ein antiqarisches Schätzchen besorgt. Im dtv-Verlag gibt es das Buch aber noch.

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.

Marianne begibt sich also frohgemut auf die Reise und die Abenteuer können beginnen: Ihre Kutsche wird überfallen, der Kutscher James verletzt, ihr Medaillon geraubt – was tun? Zusammen mit ihrer Zofe, ein ebenso zierliches Geschöpf wie sie selber, wuchtet sie den verletzten Kutscher ins Innere des Gefährts und lenkt den Wagen bis zum nächsten Gasthaus. Ihr erstes Ansuchen um Hilfe wird von einem Gentleman in der Gaststube abgewiesen, doch der Wirt ist hilfsbereit; er schafft James in eins der Zimmer, versorgt die Wunde und empfiehlt Marianne, unten in der Gaststube etwas zu essen. Dort begegnet sie dem vorher so unfreundlich auftretenden jungen Mann – noch vor Ende der Mahlzeit sind die beiden die dicksten Freunde; Marianne entdeckt in ihm einen Menschen mit demselben Humor. Während sie ihm ihre Identität enthüllt, verbleibt er in Anonymität. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass er sich a) um alles Notwendige für Mariannes Weiterfahrt und b) um eine Pflegeperson für James gekümmert hat. Marianne und ihre Zofe reisen weiter nach Edenbrooke.

A treatise on carriages - comprehending coaches, chariots, phaetons, curricles, whiskies, &c. - together with their proper harness, in which the fair prices of every article are accurately stated (14590085648)

Ein Kutschenmodell aus der geschilderten Zeit – offensichtlich besser gefedert als das altmodische Teil der Großmutter.

Was dann folgte, habe ich in der Straßenbahn gelesen und da ich dort nicht die ganze Zeit schallend lachen konnte, habe ich still Tränen gelacht: Mariannes Bedürfnis, sich aus purer Lebenslust im Kreis zu drehen, hat, man könnte sagen: bestürzende Folgen. Und wer dann als Retter auftaucht, das können Sie sich sicher denken.

Julianne Donaldson hat mit Marianne und Philip – ja, so heißt der junge Mann und er ist Sohn des Hauses, in dem Marianne zu Gast ist – ein so offensichtlich kongeniales Paar erschaffen, dass jede Art der Verzögerung, auch als Traumpaar zu enden, gesucht erscheint. Das ist im Grunde einer meiner Kritikpunkte an dem Buch: Das glückliche Ende für die beiden winkt einfach schon zu früh, und das trotz einiger schwerwiegender Hindernisse. Einer davon ist die absolute Begriffsstutzigkeit von Marianne im Zusammensein mit Philip. Ein Mädchen, das mit der eigenen Schwester bereits über die möglichen Zuneigung von Jungen spekuliert hat, kann nicht so blind sein; in dieser Hinsicht ist Marianne äußerst unglaubwürdig – der nächste Kritikpunkt. Hinzu kommen die Szenen, in denen die beiden, wenn auch oft bei geöffneter Tür, oft stundenlang völlig allein miteinander sind; Georgette Heyer wäre ein solcher Fauxpas nicht passiert, denn das war für die damalige Zeit undenkbar.

Julianne Donaldson schildert im Interview, das dem Roman folgt, wie sehr Georgette Heyer und Jane Austen sie beeinflusst haben – an solchen Stellen wird aber deutlich, dass sie eben doch eine Frau des 21. Jahrhunderts ist.

Im Großen und Ganzen jedoch ist das Buch eine reizende, unterhaltsamen Lektüre für alle, die ein Faible für die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben. Wie ihr Vorbild Georgette Heyer schreibt Julianne Donaldson einen lockeren, selbstironischen Stil. Das tut dann auch Marianne, wenn sie ihrer Großmutter pflichtschuldigst von ihren Fortschritte berichtet, sich wie eine Dame zu benehmen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Zwischenzeitlich hier eine kleine Zusammenfassung darüber, was ich über das Dasein einer eleganten jungen Lady gelernt: Sie sollte niemals einen Genlteman beledigen, mit dem sie später womöglich diniert. (S. 141)

Julianne Donaldson: Sommer in Edenbrooke, übersetzt von Heidi Lichtblau, Pendo Verlag, München Berlin Zürich, 2017, ISBN: 9783866124288

Jane Austens Northanger Abbey von Val McDermid

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBisher kannte ich Val McDermid “nur” als Krimiautorin – doch so was kann sie auch: Einen Jane-Austen-Roman in die Jetztzeit transportieren.

Northanger Abbey gehört – ebenso wie Emma – nicht gerade zu meinen Favoriten in der kurzen Reihe von Jane Austens Romanen, da ich zum Fremdschämen neige 😉 (Satire hin oder her) und Catherine genau wie Emma bietet dazu ja nun wirklich reichlich Gelegenheit. Nichtsdestoweniger habe ich das Buch von Val McDermid genossen, einfach, weil sie die Geschichte so völlig selbstverständlich in die Moderne tranferiert. Dabei schafft sie es, die den Personen von Jane Austen verliehenen Charaktere fast 1:1 zu modernisieren:

  • Statt auf Schauerromane steht Cat auf Vampirgeschichten
  • Informationen über die Famlienbeziehungen der Tilneys bekommt sie über Facebook
  • Die Angebereien von John Thorpe sind durchaus angepasst …

Andere Gegebenheiten ändert Val McDermid aber auch, so dass die Aktualität gewahrt bleibt, so z. B. den Umgang Cats mit dem Ehepaar Allen – gemäß unserer Zeit herrscht hier sehr viel mehr Gleichberechtigung und Lockerheit im Ton als zu Zeiten Jane Austens. Drogen sind Thema – nur mal so als Beispiel. Und der Verdacht, aus dem sich das Missverständnis zwischen Cat und Henry entwicklen kann, ist ebenfalls aktueller als der Vorwurf, sie sei ja keine reiche Erbin, wie er im Original erhoben wird.

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Obwohl Jane Austen ihre Satire viel früher geschrieben hatte, erschien sie erst nach ihrem Tod, zusammen mit ihrem letzten Roman Persuasion

Auch Cat ist eine junge Frau von manchmal etwas beschränktem Verstand, wie ihr historisches Vorbild, und ebenso wenig wie Catherine in der Lage zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden – sie benimmt sich also mehr als nur einmal äußerst albern. Doch am Ende gibt es wie bei Jane Austen ein glückliches Paar.

Man kann den Roman auch einfach so genießen – mit dem Wissen um das Original gibt es aber noch mehr Spaß.

Val McDermid: Jane Austens Northanger Abbey, übersetzt von Doris Styron, HarperCollins Germany, Hamburg, 2016, ISBN: 9783959670180

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es den Titel als E-Book, als Buch und im Original.

Love and Friendship von Jane Austen – deutsch

rp_Bild-Klassiker-300x19921-300x199.jpgHa – da hatte ich mich doch nicht getäuscht, als meine erste Assoziation zum Film „Love & Friendship” der Satz war: „Wir fielen abwechselnd auf dem Sofa in Ohnmacht.“ Er stammt nämlich nicht aus dem Buch „Lady Susan”, das die Vorlage für den Film abgibt, sondern aus den Jugendwerk „Love and Friendship“, auf Deutsch „Liebe und Freundschaft“, von Jane Austen.

Auch hierbei handelt es sich – angeblich – um einen Briefroman. Doch was ist das für ein Briefroman? Es gibt nur eine Schreiberin. Nur der allererste Brief stammt nicht von Laura; in ihm bittet Isabella ihre Freundin Laura ihrer Tochter Marianne aus ihrem Leben zu erzählen. Nachdem Laura diesem zweiten Brief dies zugesichert hat, folgen nun die Briefe Lauras an Marianne. Völlig von sich selbst überzeugt schildert Laura nun Ereignisse, die sich in ihrer Jugend zugetragen haben – was für eine Farce. Jane Austen überspitzt in diesen Briefen jedes romanhafte Klischee, dass in zeitgenössischen Romanen genutzt wurde:

  • das empfindsame junge Mädchen
  • der empfindsame junge Mann
  • Widerstand gegen elterliche Autorität in Ehedingen
  • aufopferungsbereite Freundschaft
  • unerwartetes Auftauchen reicher Verwandter
  • usw., usw.

Das empfindsame junge Mädchen in den Briefen war Laura in ihren jungen Jahren, doch außer, dass sie ihre Empfindsamkeit verbal betont, ist sie alles andere als empfindsam. Ähnlich wie Lady Susan handelt es sich um ein völlig egoistisches und amoralisches Geschöpf. Jane Austen setzt genussvoll alle oben genannten Elemente und noch einige mehr in so gehäufter Form ein, dass eine überstürzt hastige Abfolge unglaubwürdiger Ereignisse dazu führen, dass Laura als junge Witwe mit 400 £ pro Jahr in der Einsamkeit lebt.

Ein paar Kostproben gefällig?

  • Ein junger unbekannter Mann kommt auf der Flucht vor seinem Vater zufällig in das Haus von Lauras Familie; Liebe auf den ersten Blick zwischen den jungen Leuten und Eheschließung durch Lauras Vater, der zur Theologie studiert hat, doch nicht ordiniert war.
  • Das junge Paar reist – mit kurzer Station bei einer Tante des jungen Mannes – zu einem Freund, der ebenfalls ohne väterlichen Segen geheiratet hat. Zum Lebensunterhalt dienen ihm, seiner Frau und dem angereisten Pärchen die Geldscheine, die er aus dem Schreibtisch des Vaters entwendet hat.
  • Die Schulden des gastgebenden Pärchen sind so immens, dass der junge Mann in Schuldhaft genommen wird. Sein Freund reist ihm nach. Die beiden jungen Frauen machen sich auf den Weg nach Norden, um Verwandte zu besuchen. Zufällig begegnet Laura in einer Gaststätte ihrem Großvater, der auch der ihrer Freundin ist, mit der sie im Gasthaus abgestiegen ist. Außerdem tauchen zwei junge Cousins auf. Das Geld, dass der Großvater den vier jungen Leuten gab, entwenden die jungen Männer den jungen Frauen und verschwinden.
  • Der Verwandtschaftsbesuch erweist sich als nicht erfreulich, die jungen Frauen machen sich wieder auf den Weg, rasten an einem See und jammern. Ein vorbeifahrender Wagen verunglückt direkt neben ihnen. Die beiden darin befindlichen jungen Männer sind die Männer von Laura und ihrer Freundin, doch überleben sie das Unglück nicht.
  • Die Freundin hat sich verkühlt und verscheidet kurz darauf. Bei einer nächtlichen Kutschfahrt begegnet Laura lieben Verwandten – auch den beiden Cousins aus aus dem Gasthof –, erhält die Zusage für die 400 £ pro Jahr und damit ist die Geschichte aus.

Ähnlich wie Lady Susan ist Laura also völlig amoralisch – doch im Gegensatz zu dem längeren Werk setzt Jane Austen hier nur auf Parodie und Spaß.

Letter from Jane Austen to her sister Cassandra, 1799 June 11. Page 4 (NLA)

Brief von Jane Austen an ihre Schwester Cassandra, 11.6.1799, also nah an der Zeit ihrer Jugendwerke; besonders hübsch der Satz: “Dr. Gardiner was married yesterday to Mrs. Percy and her three daughters.”

Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Betitelung des Films, der auf “Lady Susan” beruht, mit dem Titel des satirischen Frühwerks. Sollte mal jemand auf die Idee kommen, diese Parodie verfilmen zu wollen – welchen Titel nimmt man dann? Einen aus der vielen anderen Frühwerken von Jane Austen?

Ich habe diese Satire in meinem guten alten Reclambändchen “Jane Austen” von Christian Grawe – es handelt sich um eine frühere Version von “Darling Jane”. Und ich habe seit einiger Zeit die anderen Juvenilia von Jane Austen  – “Die schöne Cassandra” – hier liegen – ebenfalls von Christian Grawe übersetzt und herausgegeben – ich freu mich schon drauf.

Christian Grawe: Jane Austen. Mit einer Auswahl von Briefen, Dokumenten und nachgelassenen Werken, Reclam Verlag, Stuttgart, 1988, ISBN: 3150085063

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”

Darling Jane” gibt es in der Stadtbibliothek Köln.

Ebenso den Band mit den Frühwerken von Jane Austen: Die schöne Cassandra

 

Lady Susan von Jane Austen

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgLady Susan

Nachdem ich mit großem Vergnügen den Film “Love & Friendship” gesehen habe, der auf dem zu Lebzeiten nie publizierten Frühwerk – okay, da wird diskutiert, ob es nicht doch zur gleichen Zeit entstand wie “Die Watsons”, aber ich bleibe bei der Familientradition der Austens und betrachte es als Frühwerk – von Jane Austen beruht, habe ich den seit Jahren quasi vergessenen Band wieder aus dem Regal genommen – und mich wirklich köstlich amüsiert.

Dem Kassenbeleg nach habe das Buch vor mehr als 20 Jahren gekauft – die Form des Briefromans liebte ich damals noch nicht so wie heute und habe es deshalb bei meinen wiederholten Lektüren von Jane Austens Büchern immer “vergessen”.

Die Handlung ist kurz erzählt:

Lady Susan ist einiger Zeit Witwe, hat bei Freunden gewohnt und dort Unruhe in die Familie gebracht: SIe selber hat mehr als ein bisschen mit dem Hausherrn geflirtet, was dessen Frau missfiel. Für ihre Tochter hat sie den jungen Mann, der zuerst der Schwester des Hausherrn zugetan war, dieser abspenstig gemacht. Die Situation zwingt sie zu strategischem Rückzug und sie nistet sich bei der Familie ihres Schwagers ein. Mit dem diesen Besuch ankündigenden Brief beginnt der Roman. In den folgenden Briefen, die von verschiedenen Personen der Handlung verfasst werden, kann ich nun den Intrigen Lady Susans folgen – gegenüber ihrer Freundlin Alicia Johnson spricht sie völlig ungeniert über ihre Pläne und Hintergedanken. Ihre Schwägerin Catherine öffnet sich in ihren Briefen gegenüber ihrer Mutter und breitet dort ihre schlechte Meinung von Lady Susan aus. Da in den Briefen sehr viele Gespräche wiedergegeben werden, nehme ich auch Anteil an den stattgehabten Begegnungen der Personen; das empfinde ich durchaus als Mangel an´manchen Briefromanen, weil es tendeziell unwahrscheinlich wikrt, selbst in einer Zeit, da lange Briefe die einzige Kommunikationsform waren. Im Vergleich mit dem Film ist dann hübsch zu sehen, wie solche Partien quasi wortwörtlich übernommen werden konnten. Lady Susan schafft es, Catherines gegen sie voreingenommenen Bruder so für sich einzunehmen, dass er sich mit ihr verlobt. Ihre Tochter will dem unwillkommenen Freier, den die Mutter auf sie angesetzt hat, nur entkommen – flieht aus der Schule, kommt in den Haushalt ihrer Verwandten, wohin ihr der verschmähte Liebhaber folgt und ihre Mutter den jungen Schwager becirct.

Wie Lady Susan zu ihrer Tochter steht, macht diese Passage sehr schön deutlich:

… aber ich konnte es nicht vor mir selbst verantworten, Frederica zu einer Ehe zu zwingen, gegen die ihr Herz sich auflehnt, und anstatt eine harte Maßnahme anzuwenden, beabsichtige ich nur, es ihrer eigenen Wahl zu überlasssen, indem ich ihr das Leben so sauer wie möglich mache, bis sie ihn nimmt. (S. 21)

JaneAustenCassandraWatercolour

Wenn man überlegt, wie Jane Austen gelebt hat, ist es schon faszinierend, was für Charaktere sie geschaffen hat.

Die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Figuren kommt durch die wechselnden Sichtweisen in den Briefen sehr schön zur Geltung – die einzige, die sich über Lady Susan keine Illusionen macht, ist Lady Susan selber.

Der Film ist eine durchaus gelungene Adaption des Stoffes – ich habe mich mit beiden gut amüsiert. Die amoralische Heldin dieses Romans ist eine Besonderheit bei Jane Austen. Da im Englischen “Schwager” und “Schwägerin” oft als “Brother” and “Sister”  – vollständig “in Law” – tituliert werden, nutzt auch die Übersetzerin Angelika Beck diese Formen, was manchmal zu Verwirrung führt, z. B. die Bezeichnung Charles Vernons als “Bruder” von Lady Susan – er ist der Bruder ihres verstorbenen Mannes.

Ach noch eine Anmerkung zu “Frühwerk” – da ich von dieser Annahme ausgehen, gehe ich auch nicht mit Christian Grawe d’accord, dass es sich um ein unvollendetes Werk handele 😉 Ansonsten schätze ich Herrn und Frau Grawes Meinung wirklich sehr (wahrscheinlich hat er ja auch recht …).

Romanfragmente

In dem mir vorliegenden Band finden sich noch zwei Fragmente von Jane Austen: “Die Watsons” und “Sanditon”. Das erste Fragment deutet auf eine Romanidee hin, wie sie bei Jane Austen nicht ungewöhnlich ist: Hier trifft ein mittellose Pfarrersfamilie auf Menschen mit Reichtum und teilweise recht dünkelhaftem Benehmen. Die hübsche Emma Watson erregt das Interessen von ca. zweieinhalb Männern, die ihr gesellschaftlich überlegen sind – mehr wissen wir nicht. Christan Grawe stellt in seinem Buch “Darling Jane” Vermutungen darüber an, warum der Text Fragment blieb; der Tod von Jane Austens Vaters fiel in diese Zeit und wird deshalb häufig als Grund angenommen. Eine andere Erklärung ist der Grundton der Erzählung – zu viel Missgunst und Neid sind schon auf den wenigen Seiten angesammelt, um noch eine angenehme Lektüre zu ermöglichen. Vielleicht ist es ja auch die Kombination von beidem 😉

Das zweite Fragment behandelt in eher satirischer Weise einige Personen, die in Sanditon, einem Ort an der See zusammenkommen – Mr. Parker will daraus einen modischen Kurort machen. In den vorliegenden Seiten des Romans ist Charlotte Heywood  so eine Art Beobachterin von außen. Und was sieht sie? Zum Beispiel den jungen Sir Edward, der folgendermaßen beschrieben wird:

Sir Edwards großer Ehrgeiz war es, unwiderstehlich zu sein. (S. 222)

Aber die einzige, bei der er ernste Absichten hatte, war Clara, und Clara war es, die er zu verführen gedachte – ihre Verführung war beschlossene Sache. Ihre ganzen Lebensumstände riefen danach. Sie war seine Rivalin in der Gunst Lady Derhams. Sie war jung, schön und abhängig. (S. 223)

Das Fragment bricht ab, als gerade das Tableau der Personen vollständig zu sein scheint – alle Geschwister Mr. Parkers sind eingetroffen.  Welche Verwicklungen Jane Austen für Charlotte, Edward, Clara und die anderen geplant hat, wissen wir nicht. Marie Dobbs hat 1974 eine Fortsetzung verfasst, in der sie diese Spannung aufzulösen bestrebt ist (ich habe sie nicht gelesen, das Buch kommt auf den SuB) – nach Ansicht einiger Rezensentinnen hat sie das gut hinbekommen.

Jane Austen. Lady Susan. Ein Roman in Briefen. Die Watsons, Sanditon Zwei Romanfragmente, übersetzt von Angelika Beck (Lady Susan) und Elizabeth Gilbert (Die Watsons, Sanditon), Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1989.

Wer Lust hat, “Lady Susan” im Original zu lesen, kann dies online tun, z. B. hier.

In der Stadtbibliothe Köln gibt es eine gedruckte Ausgabe aus dem Manesse-Verlag und als E-Book alle drei besprochenen Werke in einer Neuausgabe von Christian Grawe. Wer sich das Original vorlesen lassen will, kann dies ebenfalls in der Stadtbibliothek Köln tun  – Hörbuch.

Das ist der zweite Beitrag zu meiner kleinen Blogreihe zu Jane Austen, deren Todestag sich  im Juli zum 200. Mal jährt: “beloved Jane”. Auf Twitter bringe ich unter #janeaday jede Woche ein oder zwei Zitate aus dem gleichnamigen Buch.

Alte Bekannte – neue Liebschaften von Sybil G. Brinton

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgDen Anfang ihres Buches hat Sybil G. Brinton , bzw. ihr Übersetzer Dominik Fehrmann, als ein Art Zitat gestaltet:

Man darf wohl sagen, dass nahezu alle glücklich verheirateten Paare eines gemeinsam haben: Sie alle wünschen, ihre jungen Freunde in ebenso glücklichen Ehen zu sehen. (S. 11)

Ergebnis dieses Wunsches ist eine zu Beginn des Buches bereits stattgefundene Verlobung, die sich aber als nicht so glückverheißend erweist, wie erhofft. Es geht um Geogiana Darcy und ihren Cousin Robert Fitzwilliam. Gegen den anfänglichen Wunsch ihres Manns Darcy, sorgt Elizabeth Darcy, geborene Bennet, dafür, dass die Verbindung wieder gelöst wird. Der Einstieg ist mir damit etwas schwer gefallen, weil ich natürlich “Death comes to Pemberley” im Kopf hatte, wo ebenfalls eine Verbindung der beiden Figuren im Raum steht. Nachdem diese Episode aber abgespielt war, konnte ich mich unbefangen an die weitere Lektüre begeben.

Statt nun Bruder und Schwägerin mit dem Cousin auf ihrer Reise nach Bath zu begleiten, darf Georgiana zu Jane und Charles Bingley, während die drei anderen eben nach Bath reisen, wohin die gebieterische Tante Lady Catherine de Bourgh sie beordert – ihre einzige Chance, ihnen was zu befehlen, denn Elizabeth hat sich streng dagegen verwahrt, dass die Tante nach eigenem Gutdünken in Pemberley auftaucht. Jedes Jahr ist dieses Treffen und jedes Jahr macht Lady Catherine neue Bekanntschaften; als Darcy, Fitzwilliam und Elizabeth dieses Mal kommen, hat sie gerade einen Narren an Mrs. Robert Ferrars und ihrer Schwester Miss Anne Steele gefressen. Bei einem musikalischen Abend tritt Miss Mary Crawford als Harfenistin in Erscheinung und bezaubert Robert Fitzwilliam. Andere Bekannte aus früheren Jahren sind Mr. und Mrs. Wentworth und Lord und Lady Portincale, letztere eine geborene Tilney. Für den ersten Aufruhr sorgt Mr. Yates mit seinen Kenntnissen zu Miss Mary Crawford – es kommt zum Eklat (kann man sich ja denken, wenn Lady Catherine de Bourgh mitspielt). Weiterlesen