Briefe aus New York von Helene Hanff

Briefe aus New York von Helene Hanff

Helene Hanff gibt an einer Stelle einen kurzen Hinweis auf die niederländische Geschichte von Nieuw Amsterdam – das hat mich nach meiner Lektüre von „The Women of the House“ besonders gefreut. Wie alles, was sie schildert, tut sie es knapp und pointiert.

Diese „Briefe“ sind ursprünglich Radiobeiträge; für die „Women’s Hour“ der BBC sollte Helene Hanff, deren Buch „84, Charing Cross Road“ auch in Großbritannien ein Erfolg war, monatlich einen Einblick in das alltägliche Leben New Yorks geben – quasi eine klingende Kolumne.

Die Themen sind breit gefächert: Wir lernen die Einzimmerwohnung von Helene Hanff kennen, mitsamt der Nachbarschaft und allen Hunden im Haus und in der Umgebung (Helene Hanff ist eine Hundefreundlin).

Früher ließen sich Richard, Nina und die anderen Hundebesitzer dann auf der Mauer (vor dem Haus, in dem sie alle leben, H.B.) nieder und bewachten die Happy Hour für Hunde, während der die von der Leine gelassenen Vierbeiner sich versammelten. Und jeden Abend kamen große und kleine Hunde aus der Nachbarschaft und zerrten ihre Besitzer zu unserem Eingang, wo das Leben tobte. (Quelle: Helene Hanff: Briefe aus New York, S. 37f.)

Dazu gehören auch die Geschäfte der Umgebung, die gesellschaftlichen Ereignisse und die kulturellen Angebote, die sich jemand mit ihrem Einkommen leisten kann – immer wieder weist sie auf die kostenlosen Konzerte im Central Park hin.

Barbershop quartet WPA poster
Veranstaltungsplakat aus den 30ern.
Der Park ist der Lieblingsort von Helene Hanff. Hier werden die Hunde hingeführt, neben Konzerten gibt es Theateraufführungen, große Feste, immer wieder Vorführungen von Jongleuren und anderen Straßenartisten. Und es gibt den Shakespeare-Garten. Genauer gesagt: Es gab ihn. Helene Hanff hat ihn – sie ist ja so eine Englandfreundin – immer besonders geliebt und sich alles erklären lassen. Aufgrund von Sparmaßnahmen wurde er nicht mehr gepflegt und verwilderte. Irgendwann beginnen junge Leute, das Gelände wieder herzurichten – Helene Hanff berichtet davon in ihrem Frühlingsbeitrag. Und ein paar Monate später bedankt sie sich bei ihren Hörerinnen in England, von denen sie einige Samen und Setzlinge geschickt bekommen hatte, damit wieder englische Blumen im Shakespeare-Garten blühen können. Solche Reaktionen gibt es anscheinend öfter – und sie machen den Titel „Briefe aus New York“ verständlich.

Helene Hanff setzt einzelne Geschichten in einem Beitrag einfach so nebeneinenander, wie sie in einem Monat eben passieren – das hat keinen roten Faden, wie er bei einem von Anfang an durchkonzipierten Buch möglich wäre. Auch Wiederholungen fallen auf – z. B. die Berichte über die Mühen, ein mehrgängiges Weihnachtsessen zu kochen (die vorbereiteten Speiesen stehen dann in den Wohnungen der Nachbarn bereit). Das fällt beim raschen Lesen auf – aber zwischen der Ausstrahlung der Beiträge lag dann mindestens ein Jahr … Auf jeden Fall lässt Helene Hanff das Leben in New York lebendig werden (späte 70er, frühe 80er Jahre) und bietet zudem ein paar handfeste Informationen, sei es wie oben erwähnt zur Geschichte oder sei es zur Verbrechensrate, die Außenstehenden immer so immens hoch vorkommt.

Obwohl sie sich selber als „Dame undefinierbaren Alters“ schildert und erwähnt, dass sie die Mutter mancher jungen Erfolgsfrau in ihrem Bekanntenkreis sein kann, bewahrt sich Helene Hanff eine Begeisterungsfähigkeit für die heiteren Seiten des Lebens, die schon ihren Briefwechsel mit Frank Doel (84, Charing Cross Road) und seinen Kolleginnen sowie ihre Tagebucheintragungen beim ersten Besuch in London auszeichnet. Es ist ein Buch, das gute Laune machen kann.

Diese Rezension gehört in die Blogparade „12 Bücher in 12 Monaten“ von Eva Maria Nielsen.

Helene Hanff: Briefe aus New York, übersetzt von Susanne Höbel, Hoffmann und Campe Verlag, 2004, ISBN: 3455026532

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