Die Sprache des Lichts von Katharina Kramer

Die Sprache des Lichts von Katharina Kramer

Das Thema des Debutromans von Katharina Kramer ist ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich sogar: Das Bestreben von Menschen im 16. Jahrhundert, die Sprache Gottes herauszufinden.

Das hat sich Katharina Kramer nicht einfach ausgedacht - das gab es wirklich. In Verbindung mit Spionage, verschlüsselter Korrespondenz und ungewöhnlichen Sprachformen kommt da eine Menge an Wissen zusammen. Das alles dann in einen Roman verpackt.

Buchstaben im Quadrat - eine verschlüsselte Notiz
Da es auch um verschlüsselte Texte geht, hier ein Beispiel aus der Hand John Dees; es handelt sich um astronomische Notizen

Was erzählt Katharina Kramer?

Die Geschichte beginnt mit der Ankunft einer jungen katholischen Frau auf einem Schloss im Béarn - sie soll und will die Katholische Liga bei der Rückeroberung dieser Provinz von den Calvinisten unterstützen. Ihr Kapital: Sprachkenntnisse - sie arbeitet als Übersetzerin -, schnelle Auffassungsgabe, Schönheit und ein Talent zur Schauspielerei. Sie heißt Margrète Labé.

Im zweiten Kapitel lerne ich Jacob Greve kennen - ein etwas verpeilt wirkender Präzeptor an der Landesschule in Pforta. Er übersetzt im Kopf alles was er hört in verschiedene Sprachen, von Englisch, Französisch und Latein übers Walisische bis hin zu Polnisch oder Persisch. Zwei Besonderheiten zeichnen ihn aus: Er sieht Klänge - und kann sie, wenn es sich um Sprache handelt, so nachahmen, dass er binnen kürzester Frist so klingt wie sein Vorbild. Außerdem ist er gegenüber Geräuschen äußerst empfindlich und kann schon mal zusammenklappen oder in Panik geraten, wenn er dem ausgesetzt ist. Oder er hört vor allen anderen, wenn jemand das Haus betritt - sehr unheimlich für seine Umgebung.

Während sich Margrète im Béarn einrichtet und sich einen Platz unter lauter Männern erarbeitet, flieht Jacob aus Pforta, gerät in Erfurt an einen windigen Engländer, der sein Talent erkennt und ihn auf die Sprache der Engel ansetzt: In England liegt bei John Dee - eine echte historische Figur im Roman - ein Buch, von dem man annimmt, dass es den Schlüssel zur Sprache Gottes verbirgt. (Auch das Buch gibt es tatsächlich!)

weißbärtiger Mann in der Tracht des 16. Jahrhunderts
John Dee, Hofastronom von Queen Elizbaeth I

Kurz und gut: Jacob landet bei John Dee, flieht von dort unter Mitnahme des Buches und landet im Béarn, denn das erste, was er in dem Buch entschlüsselt hat, ist der Hinweis auf die Pfeifsprache der Hirten im Béarn. Natürlich begegnen sich Jacob und Margrète. Aber auch Edward, Jacobs Freund aus Erfurt, ist mit dabei.

Der Roman von Katharina Kramer ist wirklich spannend und dreht ein paar unerwartete Volten.

Wie erzählt Katharina Kramer?

Flüssig und sehr präzise. Besonders, wenn es um die synästhetischen Erfahrungen von Jacob geht:

Die Ränder der blauen Vierecke schillerten nun fast schon so grün wie bei Edward. Obendrein waren die violetten Dreiecke beinahe verschwunden. Er hatte offen­sichtlich die Stelle gefunden, wo Edwards Englisch zu Hause war: Es lag, wie das Englische allgemein, tief im Hals, fühlte sich an wie ein Gähnen, vibrierte gleichzeitig aber auch hinter den Nasenflügeln. So musste Edward sich beim Sprechen fühlen. 

S. 88

Hier ahmt Jacob Edwards Sprechweise so genau nach, dass dieser irritiert reagiert - denn schließlich spricht er Englisch mit dem Akzent seiner Heimatregion.

Humor kommt auch vor:

In keiner Sprache gab es ein Wort, das langsam so gut ausdrückte wie das Pol­nische, das Ruhe in jeder Silbe hatte. »Powolny«, wiederholte er wie eine Litanei, »powolny.« Allmählich lief Calluga langsamer, ihre Be­wegungen wurden gelassener. Gottlob, er hatte ein sprachbegabtes Pferd gestohlen.

S. 92

Eine Passage, die mir besonders gut gefallen hat:

Flussabwärts waren die zwei hohen Bögen der Steinbrücke von Vienne zu sehen, die einst die Römer gebaut hatten. Auch diese Brücke ist voller Worte, dachte Jacob, voller lateinischer Sätze, die die Steinmetze, die Zimmerer und die Architekten bei ihrem Bau gesprochen haben. Warme Wellen des Glücks pulsierten durch Jacobs Körper. Die Brücke war zu Stein gewordene Silben. Sie war mehr Wort als Stein. Der Stein vermochte nichts, die Worte alles. Doch zu sehen war nur noch die Brücke. Worte arbeiteten unauffällig und hinterließen keine Spuren. Sobald ihr Werk getan war, schlichen sie sich davon.

S. 373

Ich hatte sehr große Freude an dem Buch und freu mich, dass Katharina Kramer mich wegen einer Rezension angefragt hat, denn sonst hätte ich das Buch womöglich übersehen! Dass die Autorin mir über den Verlag ein Exemplar zukommen ließ, hat keinen Einfluss auf mein Urteil - hätte mir das Buch nicht gefallen, hätte ich es nicht besprochen; das hab ich auch so deutlich angekündigt.

Wissen gebündelt am Ende

Zum einen hat Katharina Kramer ein Glossar erstellt - ganz klassisch. Dann gibt es aber zu jedem Kapitel, in dem ein historisches Ereignis, eine historische Figur oder anderes aus der Geschichte vorkommt, einen Absatz, in dem sie die Zusammenhänge erläutert. Übrigens auch die Dinge, die sie für sich angepasst hat - wie das Hasenbild von Dürer im Besitz Kaiser Rudolfs II, das erst nach der erzählten Zeit in dessen Besitz gelangte.

Feldhase von Albrecht Dürer, sehr detailgetreu
Der hing da einfach so in einem der Räume auf der Prager Burg rum …

Auch die Dankeschöns für sprachliche Hinweise sind hier eingebettet - z. B. zu besonderen Zeitformen im Bulgarischen.

Diese Art der Anmerkungen hat mir gut gefallen.

Als letztes gibt es eine lange Liste von Büchern - wer also die Quellen studieren will, die Katharina Kramer genutzt hat - nur zu.

Katharina Kramer: Die Sprache des Lichts, Droemer Knaur, München, 2021, ISBN: 9783426282410

Die Stadtbibliothek Köln hat das Buch im Bestand.

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