Rückblick auf die LitBlog Convention 2017

Zum 2. Mal haben Kölner Verlage (Bastei Lübbe, Kiepenheuer & Witsch, DuMont Kalender Verlag, Community Editions und von außerhalb kam Diogenes dazu) Bloggerinnen und Blogger zu einem gemeinsamen Tag im Gebäude des Bastei-Verlages geladen – die LitBlog Convention 2017. Einblicke in Verlagsarbeit, Kontakte mit Autorinnen und Autoren und insgesamt eine tolle Atmosphäre – das macht diese Zusammenkunft aus.

Aus dem breit gefächerten Angebot habe ich mir folgende Sachen ausgewählt:

“Buchhandwerk” bei der LitBlog Convention 2017

LitBlog Convention 2017 Handlettering mit Suse Engel, vorbereiteter Tisch

Stifte, Begrüßungskärtchen und Übungsaufgaben für alle

Handlettering mit Suse Engel – für mich eine Herausforderung, da ich auf dem Gebiet nicht besonders begabt bin. So einladend war der Tisch vorbereitet – s. links.

Und weil ich schon mal beim “Handwerklichen” war, bin ich als nächstes zu dem Vortrag von Hanne Mandik gegangen, in dem sie uns erzählte, was zwischen Manuskriptabgabe und Auslieferung passiert.

Die eine Seite ist die zeitliche Planung – immer schön rückwärts rechnen:

Erscheinungstermin – Auslieferungstermin an Buchhandlungen – Drucktermin – spätestmöglcher Zeitpunkt zur Manuskriptherstellung. Klingt erst mal einfach. Aber, dann gibt es ja noch die Leseexemplare für die Buchhandlungen – fast der gleiche Zirkel an Abläufen und damit eine Vorverlegung der Manuskriptfertigstellung um rund ein Vierteljahr … Weiterlesen

Der Pfau von Isabel Bogdan

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgSo, nun habe ich auch endlich das erfolgreiche Buch von Isabel Bogdan gelesen. Und habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt. Doch kann ich nicht verschweigen, dass ich mit dem Einstieg so meine Probleme hatte, denn Isabel Bogdan verwendet im gesamten Buch kein einziges Mal die wörtliche Rede. Das hat mir das Lesen zu Anfang ein klein bisschen erschwert.

Die Handlung spielt auf einem schottischen Anwesen, das einem Lord und seiner Lady gehört, die durch die Vermietung von Cottages auf ihrem weitläufigen Grundstück versuchen, wenigstens einen Teil der Unterhaltskosten für das teure Anwesen aufzubringen. Nicht, dass es dabei um ein luxuriöses Auskommen ginge – nein, es handelt sich wirklich nur um die reinen Unterhaltskosten. Haupt- und Nebengebäude sind im Hinblick auf technische Ausstattung mehr als altertümlich und bedürfen ständiger Wartung.

Neben den Herrschaften bevölkern noch das Hausmädchen Aileen, der Mann für alles Ryszard und einige Tiere das Gelände, darunter auch mehrere Exemplare des titelgebenden Tieres, nämlich Pfauen. In der Geschichte von Isabel Bogdan haben wir Winter, als eine Gruppe von Bankern zu einer Teambuilding-Maßnahme anreist. Zwei unglückliche Faktoren kommen nun zusammen:

  • zu der Gruppe gehört auch die Vorgesetzte – ein bei Teambuilding-Maßnahmen nicht besonders glücklicher Umstand
  • das Auto dieser Dame ist metallic-blau

Peacock side profile

Selbst mit den prächtigen frühjahrrsgemäßen Schwanzfedern schafft es ein Pfau auf einen Baum – im Winter ohne diese last natürlich erst recht, das muss der Lord feststellen. Anup Hela, Peacock side profile, CC BY-SA 3.0


Nur die Psychologin Rachel bekommt am Anfang mit, dass einer der Pfauen mit blauen Gegenständen Probleme hat; sie beobachtet das Tier, als es ein blaues Papier zerfetzt. Lord und Lady sowie das Personal wissen natürlich Bescheid. Neben den Unbequemlichkeiten der altmodischen Unterkunft – keine Einzelzimmer, keine heiße Dusche, keine zuverlässige elektrische Versorgung – kommen noch Probleme in der Gruppe hinzu. Und der Pfau. Und dann noch das Wetter, das die Banker länger als geplant in der schottischen Einöde festhält.

Isabel Bogdan schafft es mit leichter Hand, ihre Knoten zu schürzen und zu lösen; lassen Sie mich nur so viel verraten, dass auch die Episode mit dem indischen Ehepaar am Anfang im Fortgang des Romans ein überraschendes Gewicht erhält. Nachdem ich den Einstieg “geschafft” hatte, war ich sehr angetan 🙂

Isabel Bogdan: Der Pfau, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2016, ISBN: 9783462315363 (E-Book), 9783462048001 (Print)

Die Stadtbibliothek Köln hält das Buch sowohl in gedruckter Form als auch als Hörbuch bereit:

LitBlog Convention am 4.6.2016 in Köln

Gestern also gabs die erste LitBlog Convention in  Köln, ausgerichtet von den Verlagen BasteiLübbe, DuMont-Buch- und DuMont-Kalenderverlag sowie von KiWi. Unter #lbc16 wurde dazu auf Twitter live berichtet.

Es gab ein buntes Programm der Verlage zu verschiedenen Aspekten des Bücherlebens

Fünf Räume und vier Stunden - 19 Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen

Fünf Räume und vier Stunden – 19 Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen bei der LitBlog Convention

Als erstes habe ich der charmanten Vea Kaiser beim Gespräch mit Herrn Joppich, ehemals Vertriebsleiter bei KiWi, zuhören dürfen, wie es denn war mit dem Schriftstellerin-Werden.

Meine zweite Session war bei Aleksandra Eracovic – sie erzählte von der Arbeit in einer Lizenzabteilung; auch hier ist das Wichtigste der Kontakt zu Leuten in den Verlagen anderer Länder, an die man Bücher eigener Autorinnen verkaufen möchte.

Besonders nett fand ich die simulierten Cover-Konferenzen, die Imke Schuster und Antonia Marker vom DuMont-Buchverlag veranstalteten, um uns zu demonstrieren, wie Buchcover entstehen; erinnerte mich stark an den Film über John von Düffel und sein Buch “Houwelandt” – die Entscheidung über das Cover nimmt da beträchtlichen Raum ein.

Als letztes habe ich mir dann Aufschlüsse über das Schreiben von Bestsellern durch Frank Schätzing im Gespräch mit Helge Malchow von KiWi erhofft und musste gleich zu Beginn sehr lachen, denn Frank Schätzing lobte an seinem Verleger desse Gespür für Qualität – so ein hübsches Eigenlob 😉 Klar wurde: Ob ein Erstling ein Bestseller wird, kann man nicht sicher vorhersagen, aber es gibt ein paar Kriterien, die es wahrscheinlich machen. Wer dann schon mal einen geschrieben hat, hat gute Chancen auf einen zweiten. Den beiden zuzuhören war durchaus unterhaltsam; und wenn es auch immer etwas gedauert hat, bis der Kern einer Frage beantwortet war – beantwortet wurde sie.

Bei allen Veranstaltungen, die ich besucht habe, gab es durchaus nicht nur Vorträge, sondern auch Fragen und Diskussionen; der Schwerpunkt lag aber zumindest bei “meinen” Veranstaltungen auf Informationen für Bloggerinnen (und das war ja auch das, was ich da abholen wollte).

Austausch unter Bloggerinnen gab es auch, dazu nur zwei Anmerkungen:

  • Ich freu mich auf September, wenn “Kopfkantine” an den Start geht – ich werde mir nach meinem dann stattgehabten Urlaub anschauen, was aus der Idee geworden sein wird.
  • Ich hab zwei Frauen von Das Debüt  kennengelernt – ein spannendes Konzept, bei dem eben Debütromane vorgestellt werden. Debüt-Autorinnen und -Autoren werden zu Lesungen eingeladen. und dann gibt es auch noch einen Preis, den die Bloggerinnen verleihen – sehr umtriebig und engagiert. Chapeau.

Insgesamt ein informativer Tag – wenns so eine LitBlog Convention noch mal geben sollte, bin ich gern wieder dabei.

Scarlet Pimpernel von Baroness Orczy

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgVor rund 40 Jahren bekam ich einen Sammelband von Reader’s Digest geschenkt – darin fand ich vier gekürzte Romane (dass sie gekürzt waren, war mir damals noch nicht bewusst). Unter den vieren war auch einer, der meinem kitschresistenten Abenteuergeschichtengeschmack entsprach: Scarlet Pimpernel von Baroness Orczy. Ich habe die Geschichte immer wieder gern gelesen. Die farbigen Illustrationen taten ein Übriges – vielleicht kein absolutes Lieblingsbuch, aber ein gern zur Hand genommener Schmöker.

Nun fiel mir vor einiger Zeit die ungekürzte Fassung des Buchs in die Hände. Begierig auf neue Erkenntnisse machte ich mich an die Lektüre. Und war enttäuscht.

Nein, nicht nur, weil sich mein Geschmack inzwischen geändert hat – das auch –, sondern weil es tatsächlich Längen im Original gibt, die sehr ermüden. Baroness Orczy hat Anfang des 20. Jahrhunderts mit Romanen und Übersetzungen ihr und ihres Mannes Leben zu finanzieren versucht; der erste Roman war ein Flop. Dann bot sie ein Theaterstück um Percy Blakeney an – es wurde vier Jahre lang gespielt. Daraus entwickelte sie dann den Roman.

Nachdem ich diese Information hatte, konnte ich für mich analysieren, was die gekürzte Fassung so viel lesbarer machte:
Baroness Orczy neigt zu Erklärungen über die Zeit, 1792, in der ihre Geschichte spielt, stellt sich auf den Blickwinkel „aus großer zeitlicher Ferne“ ein und erläutert Mode, Sitten und politische Gegebenheiten. Leider wird da manches mehrfach erläutert – ermüdend.

Sie nutzt zur Beschreibung ihrer Frauengestalten in erster Linie drei Adjektive

  • hübsch
  • bezaubernd
  • lieblich

Ein klein wenig eintönig …

Das Innenleben der Figuren, besonders das von Marguerite, der Hauptperson, ist keineswegs einleuchtend, da Baroness Orczy den jeweiligen Seelenzustand auswalzt und in die Vergangenheit verlängert. Ist Marguerite angespannt, kommt ihr Gatte Percy Blakeney sehr schlecht weg. Sie habe damals nur gehofft, dass sie in mal lieben können werde; ist sie nun um ihn besorgt, ist die leidenschaftliche Liebe zu ihm schon sehr alt.

Nein, Baroness Orczy hat das Füllmaterial in ihren Theaterszenen nicht sorgfältig bearbeitet und so ist die Kürzung bei Reader’s Digest tatsächlich ein Gewinn für das Buch.

So sieht die Einzelblüte von Anagallis arvensis in Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomés Buch "Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz", das 1885 erschien (Quelle: Wikipedia Commons)

So sieht die Einzelblüte von Anagallis arvensis in Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomés Buch “Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz” aus, das 1885 erschien (Quelle: Wikimedia Commons)

Ach, Sie wollen auch was zum Inhalt lesen? 1792, wie gesagt – französische Revolution und Septembemorde. Eine anonyme Gruppe junger Engländer schafft es, verurteilte Adlige vor der Guillotine zu retten. Ein Gesandter der revolutionären Regierung veranlasst Marguerite Blakeney, geborene St. Just, um ihren Bruder zu retten, Hinweise weiterzuleiten, wer der geheimnisvolle Anführer ist, der mit dem Symbol der kleinen roten Blume – Scarlet Pimpernel – signiert. Erst als sie ihre Erkenntnisse weitergegeben hat, wird ihr klar, dass Percy Blakeney, ihr Mann, dieser Held ist und macht sich auf, ihn zu retten.

Baroness Orczy: Scalet Pimpernel. Das scharlachrote Siegel, übersetzt von Werner von Grünau, Kipenheuer und Witsch, Köln, ISBN: 3462623098

Nachtrag vom 14.3.2016: Ich melde diesen Beitrag zur Golden-Backllist-Challenge des Blogs Papiergeflüster an. Nähere informationen dazu gibt es auch noch in dem Beitrag zur Golden-Backlist-Challenge hier im Blog. #GoldenBacklist

Der totale Rausch von Norman Ohler

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011.jpgStatt eines Vorworts bietet Norman Ohler seinen Leserinnen eine “Packungsbeilage”, die genau zu lesen sich empfiehlt, denn hier macht er gleich zu Beginn deutlich, wie sein Buch einzuschätzen ist:

Was hier präsentiert wird, ist eine unkonventionelle, verzerrte Perspektive, und die Hoffnung liegt darin, in der Verzerrung manches klarer zu erkennen. Die deutsche Geschichte wird nicht um- oder gar neu geschrieben. (S. 13f)

Worum geht es? Norman Ohler schildert, wie er über den Tageskalender von Theo Morell auf sein Thema stieß, denn darin wird, so interpretiert es Ohler, dokumentiert, welche Drogen in welcher Kombination und Häufigkeit dieser Arzt seinem Patienten A. verabreichte – dieser Patient A. ist Adolf Hitler.

In reportagehafter Manier beginnt Norman Ohler mit einer Beschreibung des heute in Ruinen befindlichen Pharmaziebetriebs Temmler-Werke in Berlin, in dem “Pervitin” hergestellt wurde. Das ist der damals gängige Handelsname für Methamphetamin, heute unter anderem als “Speed” oder “Crystal Meth” berüchtigt. Die angsthemmende, zumindest zuerst konzentrationsfördernde Wirkung dieser Substanz wurde im zweiten Weltkrieg anfangs unbedenklich, später etwas geringer dosiert, Soldaten aller Kampfeinheiten verabreicht – das Heer der Nazis stand also unter Drogen, als es die Blitzkriegsattacken gewann – so Norman Ohler.

Nun sind die Erkenntnisse von Norman Ohler nicht ganz neu. Bereits am 30.11.2011 erschien in der taz ein Beitrag zu diesem Thema; auch der Drogenkonsum Hitlers und seiner Führungsriege sind dort schon thematisiert.

Was Norman Ohler nun macht: Er schreibt eine durchgehende Geschichte des Drogenkonsums – einschließlich Goethe, der wie die meisten seiner Zeitgenossen Laudanum einnahm -, schildert die Entwicklung der chemischen Prozesse im Fabrikmaßstab in Deutschland und lässt so eine ganze Kette von Ereignissen und Entwicklungen logisch aufeinander folgen.

Auch dem Drogenkonsum Hitlers geht er minutiös nach. Dazu nutzt er neben dem Tageskalender besagten Theo Morells auch andere Quellen: Tagebuchaufzeichnungen, Briefe etc. Fast schon liebevoll detailliert schildert er, wie er sich die Szenen zwischen Hitler und seinem Arzt vorstellt – und das ist der Punkt: Wir wissen es nicht. Es ist seine Vorstellung. Da tut es vor dem Ärgern gut, sich den eingangs zitierten Satz aus der “Packungsbeilage” ins Gedächntnis zu rufen 😉

Schwieriger als diese Spekulationen finde ich den häufigen Bezug auf das nach Ohlers Worten einzige Buch, das sich dem Thema bereits gestellt hat: “Nazis on Speed” von Werner Pieper. Und nein, ich verlinke nicht auf dessen Seiten, denn mir erscheint ein Mann suspekt, der eine Rechtshilfe für Dealer ins Leben rief und selbst als Dealer bekannt und aktiv war.

Norman Ohler schreibt suggestiv und durchaus spannend; wer also eine durchgehende Darstellung zum Thema Drogenkonsum im dritten Reich lesen will, ist hier sicher nicht verkehrt – aber bitte immer den oben zitierten Satz im Hinterkopf behalten, ja?

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reiche, Kiepenheur & Witsch, Köln, 2015, ISBN: 9783462047332

 

Leitfaden für amerikanische Soldaten im Irak 1943

rp_Bild-Sachbücher-150x150111111.jpgEin schmales grünes Bändchen, das gut in die Jackentasche passt – so hat der Kiepenheuer & Witsch Verlag den Sprach- und Kulturführer für den Irak von 1943 herausgebracht. Das Büchlein enthält den Originaltext und die Übersetzung  – gegenläufig angeordnet, so dass man zwei Titelseiten hat – und ist immer noch sehr handlich; dick war das Werklein also nie. Roger Willemsen, der das Nachwort für die deutsche Ausgabe verfasst hat, beklagt die Haltung, die der anonyme Autor gegenüber Land und Leuten an denTag legt. Es sei ein komplett instrumentalisierendes Buch: Die Regierung der USA wollte den jungen Staat und seine Einwohner auf seiner Seite wissen und deshalb werde ein oberflächliches Verständnis von Kultur und Sprache an die Soldaten weitergegeben.

Ja, das wird schon so stimmen. Und ja, der anonyme Autor – im Grunde ja eine Behörde – gibt nur Pauschalurteile über “die Iraker” ab.

Iraq-patrol

Ob der junge Soldat im jahr 2005 ebenfalla einen solchen “Reiseführer” im Smartphone oder in seiner Tasche hatte?

Andererseits finde ich es schon faszinierend, in einer Zeit, wo die USA und andere gegenüber Muslimen, dem Islam und den Ländern des Nahen Ostens vor allem die Unterschiede als negativen Umstand betonen und gerade die Religion der Region als potentiell gefährlich einstufen, ein Werklein zur Hand zu nehmen, in dem eben Respekt vor fremden Sitten gefordert wird. In dem der Islam als fremd, ja, aber eben als normale Glaubensäußerung der Gegend gekennzeichnet wird.

Es gibt einen kurzen historischen Abriss zum Irak als Staat, es gibt Erläuterungen religiöser und alltäglicher Sitten und Gebräuche, Tipps für die Konversation und zur Vermeidung von Affronts, die man als westlicher Soldat unbewusst auslösen kann. Und mögen die Iraker noch so pauschal dargestellt sein – ihr Recht auf ihr So-Sein, ihr Orientalisch-Sein, wird ihnen eben nicht abgesprochen.

Praktische Tipps gibt es auch: zu Kleidung und Hygiene, zu Währung und Sprache; ein sehr auf seine Nutzer  – amerikanische Soldaten – abgestellter Reiseführer, ein Zeitdokument, das sich in unserer Zeit, mit dem in den Massenmedien verbreiteten Bild muslimischer Länder, erholsam von vielen anderen ebenso pauschalen Darstellungen absetzt.

Leitfaden für amerikanische Soldaten im Irak 1943/Guide for U.S. Forces serving in Iraq 1943, übersetzt von Dorothee Merkel, mit einem Nachwort von Roger Willemsen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2015, ISBN: 9783462047882

Niemals eine Atempause von Joachim Sartorius

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111.jpgPolitische Poesie – was heißt das fürs 20. Jahrhundert? Man könnte hingehen und das theoretisch klären – Joachim Sartorius geht einen anderen Weg: Er zeigt es.

Vom Genozid an den Armeniern bis zu den Balkankriegen unserer Tage (90er Jahre) kommen die Konflikte der Welt im Gedicht vor: Apartheid, kubanische Revolution, Koreakrieg und die damit verbundenen Konflikte gehören zu denen, die im Bewusstsein vieler (mich eingeschlossen) nicht automatisch mit politischer Lyrik verbunden werden – hier kommen Dichterinnen zu Wort, die sich dazu geäußert haben. Große Bandbreite bieten die bekannten Themen: Erster und zweiter Weltkrieg, Nazizeit, russische Revolution und die Zeit nach 1945. Aber auch politische Utopie – zumindest in einer Ausformung – findet Raum: “Die grüne Utopie” ist das 19. Kapitel überschrieben. Einen Anhang der besonderen Art gibt es auch – Gedichte von Diktatoren … Weiterlesen

Konzert ohne Dichter von Klaus Modick

Was mir als erstes auffiel: Der Ton, in dem Klaus Modick Stimmungen schildert – leicht an Rilke erinnernd. Und das hat mir gefallen, denn wie ich schon mal schrieb: Ich mag Rilke.

Zwei Aber gegenüber dem Roman

Heinrich Vogeler - 1897

So sah Heinrich Vogeler aus, als er Rilke kennenlernte – Klaus Modick schildert seine Marotte, in biedermeierlicher Ausstattung rumzulaufen detailliert.

Und jetzt kommt das erste goße Aber:

Klaus Modick  erzäht hier aus der Perspektive von Heinrich Vogeler und der hegt zum Zeitpunkt des Erzählens gegenüber Rilke große Skepsis. So steht Rilke mir als Leserin vor allem als Snob, als Egomane und Übersensibelchen vor Augen. Noch dazu sind Vogelers Gedanken zu manchem Gedicht Rilkes sehr abwertend. Das hat mich echt gestört. Um den Roman genießen zu können – und er ist durchaus etwas zum Genießen -, musste ich also von meiner Vorliebe für Rilke absehen und mich auf Vogelers Perspektive einlassen. Dass der Stil Modicks andererseits gelegentlich an Rilke gemahnt, kommt nicht von ungefähr: Als Quelle dienten ihm unter anderem auch dessen Tagebücher. Und die fragmentarischen Lebenserinnerungen von Vogeler. Weiterlesen

Die Entdeckung der Currywurst von Uwe Timm

rp_Bild-historisches-300x1993-150x1501.jpgFrau Brücker hält den Erzähler hin – und das gibt Uwe Timm an die Leserinnen eins zu eins weiter. Die Entdeckung der Currywurst ist der Schlusspunkt einer Geschichte, die 1945 spielt: Krieg, Bombennächte, Trümmer, Durchhalteparolen, Lebensmittelkarten, ein Deserteur, dem Frau Brücker das Kriegsende verschweigt.

Uwe Timm erzählt federleicht, wechselt die Perspektiven, wechselt zwischen Nähe und Distanz, lässt mich die Tage von Ende April ’45 bis zum beginnenden Sommer wirklich miterleben. Die Rahmenhandlung – der Erzähler im Gespräch mit der alten Frau Brücker – bietet dann auch persönliche Erinnerungen des Mannes, der seine Currywurst am liebsten bei Frau Brücker auf dem Großneumarkt gegessen hat.

Sie soll diese Wurst entdeckt haben. Und er will wissen, ob an den Gerüchten aus seiner Kindheit und Jugend was dran ist. Deshalb besucht er die alte Frau mehrmals mit Kuchenplatte im Altenheim, wird ungeduldig, wenn sie abzuschweifen droht und bewundert ihre Fähigkeit, trotz erblindeter Augen einen Pullover mit Baum und Hügel und Himmel zu stricken.

Hamburg Liberation 05

Die Befreiung Hamburgs durch britische Soldaten – Frau Brücker verschweigt dem jungen Mann in ihrer Wohnung, dass der Krieg endgültig vorbei ist. Konfliktpotential …

Am Ende gibt es auch die Entdeckung der Currywurst – ja, doch -, aber der Weg dahin, die Geschichte der Frau, die sich im Hamburg des Jahres 1945 durchschlägt, ihre Ehe- und Familiengeschichte, die Umstände, unter denen damals Leben stattfand, das ist das Faszinierende an der Novelle, wie Uwe Timm sie nennt.

Die Rezension gehört in die Reihe der Besprechungen hier im Blog, die das Thema des Kriegsendes vor 70 Jahren behandeln: Thema ’45.

Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst. Novelle, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2013, ISBN: 978-3-462-30761-0

Pfaueninsel von Thomas Hettche

Das Buch von Thomas Hettche aus dem Umschlag zu nehmen, in dem es mich vor einiger Zeit erreichte, war ein haptisches Erlebnis: Der Einband fühlt sich seidig und glatt an, dann diese stilisierte Pfauenfeder, der ich mit den Fingern nachspüten kann – hach, wie schön!

Und ja, ich weiß, dass ist kein Kriterium für die Qualiltät von Literatur – aber dieses Erlebnis des Auspackens hat mir durchaus Vorfreude auf das Buch vermittelt.

So kam das Buch von Thomas Hettche bei mir an

So kam das Buch von Thomas Hettche bei mir an

Es folgt die spannende Frage: Hat das Buch das Versprechen seines Einbands gehalten?

Ja, schon …

Um gleich noch ein Geständnis loszuwerden: Am Ende habe ich sehr geweint … (“Rotz und Wasser geheult”, trifft es besser).

Aber der Reihe nach: Thomas Hettche hat sich die Geschichte der Pfaueninsel vorgenommen – und streckenweise hat sein Roman einen dokumentarischen Charakter. So schildert er die Nutzung dieser Insel nahe Potsdam über einen Zeitraum, der die Lebenszeit seiner Protagonistin noch übersteigt. Vom Liebesschlösschen Mitte des 18 Jahrhunderts  bis zur Touristenattraktion i Mitte des 19. reicht die Bandbreite. Vor- und Nachsatzseiten des Buches ziert eine Karte der Insel mit ihrer Umgebung.

Fast 80 Jahre ist Marie Strakon alt, als sie stirbt – so alt wie das Jahrhundert. Ihre Bekanntschaft mache ich asl Leserin, als sie sechs Jahre zählt – da kommt sie auf die Insel, zusammen mit ihrem Bruder Christian. Und die beiden  erleben gleich zu Beginn eine große Verletzung: Königin Luise von Preußen steht überraschend Christian gegenüber, der sich im Unterholz versteckt hielt, um einen Blick auf sie werfen zu können, und ihr entfährt das Wort, das die Selbstwahrnehmung der beiden Geschwister prägen wird: Monster.

Marie und Christian sind kleinwüchsig – damals hießen sie Zwerge. Ihre Großmutter hat sie dem König als Kriegswaisen vorgestellt und er hat entschieden, dass sie auf der Pfaueninsel leben sollen. Maire ist das “Schlossfräulein”.

Beim königlichen Hofgärtner Ferdinand Finterlmann und seiner Familie leben die beiden Geschwister, sie wachsen mit den Neffen Fintelmanns auf. Maries Zuneigung gehört vor allem Gustav Fintelmann, dem ältesten der Neffen, der ihr gleich bei der ersten Begegnung freundlich entgegenkam. Thomas Hettche schildert einerseits – eher dokumentarsich – die Anlagen der Insel und die damit verbundnen Menschen und Arbeiten. Andererseits lässt er uns am Innenleben Maries teilhaben, vom kleinen Mädchen bis zur alten Frau. Wie sie wahrgenommen wird, als “Zwergin”, was sie dabei empfindet, wird sehr schön dem Schönheitsideal der Zeit gegenüber gestellt. Sie und Christian sind für das Schönheitsempfinden der anderen ein Affront – und damit quasi vogelfrei. Sie haben zur Verfügung zu stehen – in vielerlei Hinsicht. Christian lehnt sich sichtbar dagegen auf, Marie dagegen eher versteckt.

Pfaueninsel Meierei

Die Meierei der Pfaueninsel in den 50er Jahren des 19. Jarhhunderts – eines der Ausflugsziele der Zeit

Ja, das Buch hat sein Versprechen gehalten. Thomas Hettche ist ein faszinierendes Buch gelungen, in dem er anhand eines Stückes Kulturgeschichte die normaive Sicht auf Schönheit in Frage stellt. In meinen Augen hochaktuell, da der Anspruch an “Schönheit” auch in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen Menschen einschränkt.

Thomas Hettche: Pfaueninsel, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2014, ISBN: 9783462048994