Die Karrieren der Vicki Baum von Nicole Nottelmann

Die Karrieren der Vicki Baum von Nicole Nottelmann

Haben Sie Vicki Baum in Gedanken auch v. a. unter „Menschen im Hotel“ und „trivial“ abgelegt? Nicole Nottelmann zeigt Ihnen in ihrer Biographie die vielen Facetten einer starken Frau.

Ach ja, und zu „trivial“: Dieser Satz

Dass sich die Geschichte an den Zutaten der Kolportage bedient, ist unbestreitbar. Dass der Roman dabei nicht ins Triviale kippt, allerdings auch. Denn die multiperspektivische Erzählweise, die Vicki Baum hier anwendet, ist so literarisch anspruchsvoll wie modern. (Quelle: DRadio)

zur Neuauflage von „Rendez-vous in Paris“ ist im Grunde auf viele ihrer Bücher anzuwenden. Vicki Baum beherrschte ihr Handwerk. Von sich selber sagte sie, sie sei „erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ (Quelle: fembio). Ironischerweise versagte sie, wenn sie sich als echte Literatin profilieren wollte – „Ulle der Zwerg“ und „Feme“, die sie bewusst nicht bei Ullstein publizieren wollte, sind nur schwer erträglich (ich hab tatsächlich reingeschaut). Ihre erfolgreichen Bücher sind aber eben nicht „trivial“ – Vicki Baum nutzt die verschiedenen Stilmittel gekonnt. Dass sie dabei immer auch den Geschmack ihrer Leserinnen im Blick hat – tja 😉

Zurück zum Leben der Vicki Baum.

Nicole Nottelmann schildert und entfaltet die unterschiedlichen Fähigkeiten einer Frau, die von ihrer kränkelnden Mutter zu einer Musikerinnenkarriere gedrängt wurde (wussten Sie, dass Vicki Baum mit 15 Jahren als Konzertharfenistin debütierte?), damit sie nicht so abhängig von einem Mann werde, wie sie selber es war; deren Vater, hypochondirsch veranlagt, die Familie wegen der Krebserkankung der Mutter verließ; die ihre Mutter bis zum Tode pflegte, danach den Schriftsteller und Journalisten Max Prels ehelichte, dessen Unfähigkeit, Abgabetermine einzuhalten dazu führte, dass sie sich nach dem Harfenunterricht, den sie erteilte, hinsetzte, um seine Texte zu schreiben und die mit einem unter seinem Namen eingereichten Text einen Schreibwettbewerb der Münchner Satirezeitschrift „Licht und Schatten“ gewann. Ihr Mann gab ihren Namen als den der Urheberin bekannt und so begann – peu à peu – ihre Schreibkarriere. Die Ehe mit Max Prels scheiterte sehr bald. Vicki Baum wurde von Richard Lert – einem Bruder einer ihrer  Harfenschülerinnen – als Harfenistin nach Darmstadt engagiert. Er wurde ihr zweiter Ehemann. Letztendlich – nach Sationen in Kiel, Hannover, nach den Wirren in Folge des Ersten Weltkriegs – landete die ganze Familie in Berlin, da Ullstein ihr ein unwiderstehliches Angebot machte: Sie war Redakteurin, ihre Bücher wurde mittels Crossmarkting bestens publik gemacht – sie hatte Erfolg. Sie  war die moderne Frau der 20er Jahre schlechthin.

Im Zusammenhang mit der Verfilmung von „Menschen im Hotel“ in den USA kam Vicki Baum erstmals 1931 nach New York. Da ihr gute Konditionen für Drehbücher in Hollywood geboten wurden, siedelte sie mit ihrer Familie 1932 in die USA über. 1935 wurde ihre Bücher in Nazi-Deutschland verboten (1933 waren sie schon verbrannt worden – aber sie waren halt sehr beliebt). 1938 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Ab 1941 schrieb sie ihre Bücher auf englisch. Bitte stellen Sie sich das mal vor: Mit 53 Jahren begann sie, in einer Sprache zu schreiben, die nicht ihre Muttersprache war. Find ich grandios.

Nicole Nottelmann behält bei allen Stationen Vicki Baums die verschiedenen Fähigkeiten dieser engagierten Frau im Blick: als Autorin, als Ehefrau, als Mutter (der ältere Sohn hat lebenslang mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, was Vicki Baum sehr belastet), als Reisende, als Freundin, die Freundschaften über lange Jahre brieflich aufrecht zu erhalten fähig ist. Auch ihre Schwächen schildert und erläutert sie – Vicki Baum war eine vielschichtige, manchmal auch widersprüchliche Persönlichkeit, das ist Nicole Nottelmann wichtig. Die Biographie ist flüssig zu lesen, bietet eine Fülle an Informationen nicht nur über Vicki Baum, sondern auch über mehr oder weniger berühmte Zeigenosssinnen und die Lebensbedingungen ihrer Zeit von der Jahrhundertwende bis in die 60er Jahre – rundum ein gut zu lesendes, informatives Buch.

Nicol Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2007, ISBN: 978-3-462-03766-1

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