Interview mit Olaf Schmidt

Interview mit Olaf Schmidt

Olaf Schmidt, der Autor von „Der Oboist des Königs“, das ich diese Woche rezensiert habe, hat mir ein paar Fragen beantwortet, die ich mir bei der Lektüre – und dann ihm – gestellt habe. Vielen Dank dafür!

Heike Baller: Erste Frage, weil ich die ganze Zeit im Buch drauf gewartet habe. Warum Oboist? Johann Jacob Bach spielt Flöte … Es heißt im Text dann immer der „Hautboist“ – das ist ein militärischer Rang. Trotzdem ist ja das Zusammenspiel von Titel und tatsächlichem Instrument ein wenig verwirrend. Wie kam es dazu? Ist das beabsichtigt?

Olaf Schmidt Portrait Foto Marcel Noack
Olaf Schmidt, mein heútiger Interview-Partner. Foto: Marcel Noack

Olaf Schmidt: Romantitel sind ja ein Kapitel für sich. Obwohl der historische Johann Jacob Bach tatsächlich Oboe gespielt hat, hatte ich selbst zunächst an den militärischen Rang gedacht, finde auch nach wie vor „Hautboist“ schicker als „Oboist“. Der Verlag wollte aber davon nichts wissen, weil das Wort in der französischen Schreibweise doch etwas exotisch wirkt. Die Befürchtung war, dass der Hautboist noch mehr Verwirrung gestiftet hätte als der Oboist.

Heike Baller: Zu Johann Jacobs Funktion, Signale zu blasen – wie soll das gehört werden? So eine Traversflöte ist ein ziemlich kammermusikalisch angelegtes Instrument … Oder gab es dazu dann ein anderes Instrument? So eine Piccoloflöte ist ja recht durchdringend im Klang.

Olaf Schmidt: Johann Jacob spielte in der Hofkapelle, die Karl XII. auf dem Feldzug begleitete, aber für die Signale benutzte er, übrigens auch im Roman, keine Traversflöte, sondern eine Schwegelpfeife, einen Vorläufer der modernen Traversflöte. Solche Pfeifen ließen sich notfalls mit einer Hand spielen.

Heike Baller: Oha da hab ich nicht aufgepasst …

Bei manchen Passagen hab ich mir ein Personenregister am Anfang oder so gewünscht – gerade die welthistorischen Zwischenspielen empfand ich manchmal als etwas unübersichtlich, weil es sich um ein mir unvertrautes Gelände (zeitlich und räumlich) handelt. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Olaf Schmidt: Ehrlich gesagt, hatte ich daran nicht gedacht, im Nachhinein wäre das vielleicht schon sinnvoll gewesen. Aber als Autor ist man irgendwann betriebsblind, zumal bei so einem Textumfang. Mir selbst kommt das Ganze nicht so unübersichtlich vor – auch weil ich weiß, was ich alles weggelassen habe. Der Große Nordische Krieg mit all der Geheimdiplomatie, den Frontwechseln, Intrigen, Schlachten ist eine unglaublich komplexe Geschichte. Insofern gehört die Verwirrung vielleicht auch bisschen dazu. Ich habe ja auch kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern eine Roman.

Heike Baller: Welche Quellen haben Sie genutzt, um das tägliche Leben in Krieg und Frieden so detailliert schildern zu können?

Olaf Schmidt: Quellen im eigentlichen Sinne habe ich kaum benutzt, weil ich wenig Zeitgenössisches gefunden habe. Johann Christian Schmidts „Der Reußische Robinson, ein Tagebuch aus dem Nordischen Krieg“ fällt mir ein – die Lebenserinnerungen des Feldschers Johann Dietz. Sonst hauptsächlich Biografien und Geschichtswerke über Johann Sebastian Bach, Karl XII., Peter den Großen. Sprachlich habe ich mich manchmal etwas an Bücher wie Johann Gottfried Schnabels „Insel Felsenburg“ angelehnt. Es gibt auch Musikerromane aus der Zeit, zum Beispiel von Johann Kuhnau, Sebastians Vorgänger als Thomaskantor.  

Heike Baller: Sind Sie selber musikalisch tätig? (Travers)Flöte?

Olaf Schmidt: „Musikalisch tätig“ wäre etwas  hochgegriffen, ich spiele ein bisschen Trompete. Aber die Musik spielt bei uns zu Hause eine sehr wichtige Rolle, vor allem die Barockmusik. Und ich lebe in Leipzig, da ist Bach nahezu allgegenwärtig. Wir hören aber auch Schütz, Rosenmüller, Muffat, Weckmann, Buxtehude, Theile, Schelle, Krieger, Bruhns, Telemann, Vierdanck, Erlebach, Biber, Schmelzer… Es kommen ständig neue Komponistennamen und Einspielungen hinzu. Die Barockmusik scheint auch rein quantitativ unerschöpflich zu sein.  

Heike Baller: Die theologischen Dimensionen des Romans lassen sich ja nicht übersehen: Johann Jacobs Zweifel an Gott, die Disputationen von Lessing und Hagedorn, die Fragen nach Gott bei den Verwundeten und Verlorenen des Krieges und dann die Datumsangaben, die den Bezeichnungen des Kirchenjahres folgen. War dieser Aspekt von Anfang konstituierender Bestandteil?

Olaf Schmidt: Auf jeden Fall. Kirchenjahr, Katechismus, biblische Geschichten – Leben und Denken der Bachs waren davon durchdrungen. Insofern war klar, dass theologische Themen eine bedeutende Rolle spielen würden. Johann Jacob Bach ist ja gedacht als ein Gegenentwurf zu Johann Sebastian Bach, der Mitteldeutschland kaum je verlassen und, soweit wir wissen, wohl auch nicht groß unter Glaubenszweifeln gelitten hat. Ob der historische Johann Jacob Bach, etwa durch seine Kriegserfahrungen, seinen Glauben verloren hat, wissen wir natürlich nicht. Aber seine Erlebnisse, der Krieg und die Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen, müssen ihn doch verändert haben.

Heike Baller: Wie haben Sie den Stoff oder wie hat der Stoff Sie gefunden? Haben Sie – neben Ihrer Tätigkeit als Autor und Redakteur kirchlicher Zeitschriften – einen persönlichen Bezug zur Familie Bach oder zu Schweden oder Kriegsthemen? Die theologischen Fragen setze ich bei Ihrer Berufserfahrung mal voraus

Olaf Schmidt: Mein Sohn ist ein großer Fan und Kenner der Musik Johann Sebastian Bachs. Um all seine Fragen beantworten zu können, habe ich vor Jahren Christoph Wolffs große Bach-Biografie gelesen. Darin bin ich auf Johann Jacob Bach gestoßen. Die theologische Dimension hat sich dann sehr rasch von selbst eingestellt. Von Hause aus bin ich aber gar kein Theologe, sondern Literaturwissenschaftler. Mit Schweden und Karl XII. habe ich an sich auch nichts zu tun. Aber ich habe schon immer leidenschaftlich gerne Geschichtswerke gelesen, nicht unbedingt Kriegsgeschichte. Aber ich fand es reizvoll, mich mit einer Epoche zu befassen, dem Großen Nordischen Krieg, die in Deutschland – anders als in Schweden oder Russland – eher wenig bekannt ist. Wer weiß schon, dass die Schweden zu Anfang des 18. Jahrhunderts Sachsen besetzt haben?

Heike Baller: Der Roman birst ja förmlich über vor Einzelheiten in allen Bereichen: Wie lange haben Sie daran gearbeitet? Hatten Sie von Anfang eine klare Recherchestrategie?

Olaf Schmidt: Schwer zu sagen, ein paar Jahre. Bach-Biografien und Bücher über den Nordischen Krieg habe ich natürlich gelesen, und das hat auch Spaß gemacht. Ich lese einfach gern und viel. Aber eine regelrechte Strategie habe ich nicht verfolgt. Offen gestanden halte ich auch nicht viel davon. So ein Roman lässt sich nicht ganz und gar am Reißbrett entwerfen – also, natürlich kann man das machen, aber ich kann und will das nicht. Mich haben oft gerade Zufallsfunde weitergebracht, die zum Teil ganz außerhalb des Recherchegebiets lagen. Natürlich gab es einen Plan, aber so eine gewisse Anarchie brauche ich auch; der Roman kann dadurch gewissermaßen organisch wachsen und lebendig werden. Aber das ist meine ganz individuelle Sicht der Dinge, aus der sich keine Regel ableiten lässt.

Heike Baller: Vielen Dank für diese Einblicke in Ihrer Romanwerkstatt. Ich freu mich schon auf ein nächstes Buch von Ihnen.

4 Comments

  • Sabine Wirth

    4. April 2019 at 9:32 Antworten

    Liebe Heike, als Texttreff-Kollegin bin ich begeisterte Leserin Deines Blogs. Bach ist für mich sowieso der Größte. Deine Rezension und das Interview mit dem Autor – wirklich gelungen! Man hat sofort Lust, das Buch zu kaufen und einzutauchen in diese Welt. Erst vor ein paar Tagen hörte ich im WDR 3 oder NDR Kultur eine Besprechung gennau dieses Titels und war direkt begeistert.
    Bin als Leseratte gerade dabei, den „Martin Salander“ von Gottfried Keller zu lesen. Übrigens auch ein Autor wie Fontane (mein Lieblingsschriftsteller) 1819 geboren!

    Liebe Grüße und ein dickes Lob von Sabine

    • Heike Baller

      4. April 2019 at 9:36 Antworten

      Liebe Sabine, vielen Dank für das Lob – das freut mich sehr!
      Ach ja, wenn es um die Jubiläen geht, bin ich irgendwie immer ein bisschen hintendran – ich schaff‘ es meistens, sie zu verpennen (außer bei Jane Austen – die hab ich ja nun ausführlich gefeiert 😉 ). Mal schauen, was ich in Sachen Keller und Fontane so hinkriege.

      Viele Grüße, Heike

  • Sabine Wirth

    6. April 2019 at 19:25 Antworten

    Liebe Heike

    Das war auch nicht als Kritik gemeint. Habe ich auch nur durch Zufall gelesen. Schon interessant, dass gerade 1819 so häufig vorkommt. Das gilt sicher auch für andere Daten. Um noch einen draufzustehen: Johann Wilhelm Ludwig Gleim feiert 300. Geburtstag! Das Las ich einer Ausgabe von Textart.

    Beste Grüße von Sabine

    • Heike Baller

      7. April 2019 at 10:06 Antworten

      Liebe Sabine,
      das hab ich auch nicht so verstanden. Das war einfach eine Tatsachenfeststellung – ich bin da jedes Jahr zu spät dran. Inzwischen hab ich es mir abgewöhnt, außer ich weiß schon mindestens in der ersten Hälfte des Vorjahres davon und die Person ist für mich unverzichtbar – wie eben Jane Austen -, mir dazu was zu überlegen, zu planen oder sonst was. Mein Bücherblog soll der lustvollen Beschäftigung mit Lesen gewidmet sein – auch für mich als Macherin 🙂
      Liebe Grüße
      Heike

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