Call the Midwife. Ruf des Lebens von Jennifer Worth

Call the Midwife. Ruf des Lebens von Jennifer Worth

Wenn Sie etwas über das Leben im East End der 50er Jahre erfahren wollen, sind Sie hier richtig. Jennifer Worth schildert anhand eines Ordens in den Docks, wie es damals dort zuging.

Die Ich-Erzählerin macht bei den Nonnen eine Ausbildung zur Hebamme – also als „Midwife“. Dabei taucht sie ein in das Milieu der Dockarbeiter und ihrer Familien, der Prostitution und vor allem der Armut. Aus dem heutigen Blickwinkel erscheint ihr vieles erklärungsbedürftig – zutreffenderweise – und so häufen sich leider gerade im ersten Teil viele Sachinformationen:

  • zur Geburtshilfe (dazu gibt es dann hinten auch noch ein Glossar)
  • zur Geschichte der Geburtshilfe (lange von Ärzten und auch von vielen Frauen als Unsinn betrachtet)
  • zur Wohnsituation im East End zur Erzählzeit und zum Wandel derselben durch Krieg und Bombardement, bzw. die lange nicht aufgebauten zerstörten Häuser
  • zum sozialen Wandel durch die Änderungen der Arbeitsbedingungen in den Docks
  • zur Verkehrssituation und zu dem Umstand, dass Telefone eine Rarität waren

Besonders im ersten Drittel hatte ich ein bisschen den Eindruck, dass die Ich-Erzählerin genau dem Fehler erliegt, den sie später anprangert: eine gewisse Überheblichkeit gegenüber den Menschen im East End. Vielleicht demonstriert das aber auch nur ihren eigenen Lernprozess in einer schwierigen Situation, denn das lässt nach.

Sie war damals eine junge Frau in ihren Zwanzigern und lässt auch die Unterhaltungsmöglichkeiten nicht aus, die sich ihr und ihren Altergenossen boten. Die feine Ausgeh-Kleidung – Hut, Handschuhe und Stöckelschuhe gehörten zum Chic-Sein dazu – findet ebenfalls ihren Platz. Jennifer Wort hat nach ihren eigenen Aussagen alle Chancen ergriffen, um sisch zu unterhalten, Freunde zu treffen und im Pub mal ein Bier zu trinken – sie ist also keineswegs eine „Mutter Theresa“ …

Die Absicht, neben Unterhaltung auch fundierte Informationen zu bieten, ist deutlich spürbar. Die einzelnen Geschichten über Familien und ihre Lebensumstände gehören eher in den unterhaltenden Bereich – auch wenn sie der Realität entsprechen, ist ihre Aufbereitung durchaus manchmal „reißerisch“.

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Buch betrifft: Einerseits finde ich die Schilderung der damaligen Lebensumstände wirklich interessant; andererseits wirkt die Mischung manchmal etwas zu forciert und gewollt.

Es gingen mir mehrere Assoziationen durch den Kopf:

  • „Hallo Mister Gott, hier spricht Anna“ von Fynn spielt zwar anderthalb Jahrzehnte früher, vermittelt aber ebenfalls Einblicke in die Lebensumstände damaliger Lebensverhältnisse im East End, bzw. in den Armenvierteln Londons
  • Und zwei Lieder der Beatles waren während der Lektüre meine Ohrwürmer: „Eleanor Rigby“ und „Streets of London“

Bei dem heute erscheinenden Buch handelt es sich um den ersten Band einer Trilogie, die in England sehr erfolgreich ist. Es gibt eine ebenfalls sehr erfolgreiche Verfilmung – als Serie – von der BBC. Ich habe in eine Staffel hineingeschaut und finde die Umsetzung sehr gelungen. Wenn es eilig ist: Es gibt davon auch Videos zu kaufen. (Ist es nicht irritierend, dass das Buch erst nach der Ausstrahlung der Serie erscheint …? Wahrscheinlich bin ich zu buch-orientiert …)

Jennifer Wort: Call the Midwife. Ruf des Lebens, übersetzt von Tobias Rothenbücher, Edel Books, Hamburg 2013, ISBN: 9783841902191

Bisher gibt es noch keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Ich akzeptiere