60. Todestag von Dorothy L. Sayers

60. Todestag von Dorothy L. Sayers
Dorothy L. Sayers Statue von John Doubleday
Die Bronzestatue von Dorothy L. Sayers, zu finden in der Newland Street, Witham, England. Geschaffen von John Doubleday

Dorothy L. Sayers, die Peter Wimsey erfand, war eine großartige Erzählerin. Und da es bei der Vielzahl guter Seiten zu ihren Krimis (s. Linkliste unten) wenig sinnvoll erscheint, denen etwas hinzuzufügen, beschäftige ich mich heute mit einem mir bis dahin unbekannten Werk: The Man Born to Be King/Zum König geboren. Es handelt sich um eine Hörspielreihe, die das Leben Jesu behandelt. In der Zeit von Dezember 1941 wurden die 12 Teile im Vierwochenrhythmus ausgestrahlt.

Ich bin so gar keine Drama Queen  – Dramen zu lesen, hat für mich keinen Reiz. Ich bin Romanleserin und Lyrikfan. Hier hatte ich trotz meiner Abneigung gegen „Drama“ als Leseform sehr große Freude an der Lektüre, denn Dorothy L. Sayers schreibt großartig. Und da sie jedem der 12 Teile eine Charakterisierung der Figuren vorangestellt hat, mit Entwicklung und theologischen Überlegungen, ja, auch mit Nachdenkereien über die technische Umsetzung als Hörspiel, bin ich in die Dialoge leicht hineingekommen, konnte der altbekannten Geschichte gespannt folgen.

Worum es geht?

Klar – das Leben Jesu. Und zwar von der Geburt bis zur Auferstehung, ja, bis zur Aussendung der Jünger mit dem Text, den wir als „Tauf- oder Missionsbefehl“ kennen. Die einzige Einführung, die es gibt, ist der Satz des Evangelisten „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christius, dem Sohne Gottes“. So beginnt das erste Hörspiel. Mit solchen Sätzen führt Dorothy L. Sayers jede neue größere Szene ein. 

Danach geht es gleich ins pralle Leben: Wir erleben die Figuren des Spiels bei ihrem Tun, indem wir ihnen zuhören. Um beim ersten Spiel zu bleiben: Ephraim und Proclus, ein 60-jähriger Höfling unter Herodes und ein junger römischer Soldat, spielen offensichtlich Würfel, denn die ersten Wörter nach der Ankündigung des Evangelisten lauten: „Vier, sechs, zwei …“ Außerdem wird en passant eine andere Person gemaßregelt: „hör bloß auf mit deiner Nervensäge, du kleiner Affe …“ Das Ergebnis war akustisch nachvollziehbar – erst erklang Musik, dann nicht mehr.

Dorothy L. Sayers holt die Geschichte um Jesus in den Alltag der Menschen. Und zwar nicht einfach in die damalige Zeit, sondern in eine damalige Zeit, die deutlich macht, wie nah sie am Jetzt ist. In den Anmerkungen verweist sie auf den unterschiedlichen Sprachduktus der einzelnen Figuren – dialektale Färbungen, Slang oder auch sprachliche Eigenheiten wie gelegentliches Stottern. Um die unterschiedlichen Sprachen, deren sich Pontius Pilatus bedient, deutlich zu machen, regt sie an, dass in den Passagen, in denen er Hebräisch spricht, sich seine Sprache verlangsamt, während er bei den lateinischen Passagen flüssiger spricht. Hier wird deutlich, wie genau sich Dorothy L. Sayers mit den Umsetzungsmöglichkeiten des Radios vertraut gemacht hat. Ihre anderen geistlichen Stücke kamen ja als Bühnenwerke zur Aufführung – solche Hörspiele verlangten noch mal eine andere Schreibtechnik.

In ihrer Dissertation aus dem Jahre 1966 hat Angela Frieseke den Aufbau der zwölf Hörspiele minutiös auseinandergenommen und dargelegt, wie präzise Dorothy L. Sayers die einzelnen Hörspiele in sich selbst und im Zusammenhang aller strukturiert hat. Dem Zyklus als ganzem liegt eine sehr durchdachte und kunstvolle Dramaturgie zu Grunde. Das Ergebnis: ein Lesegenuss (wahrscheinlich war es auch ein Hörgenuss, aber das kann ich nicht beurteilen; da das Werk urheberrechtlich geschützt ist, steht keine frei zugängliche Version im Internet).

Dorothy L. Sayers Youtube-Video zu The Man born to be king mit geköschter Tonspur wegen Urheberrecht
Da hatte ich mich so gefreut …

In dem Vorwort von Dorothy L. Sayers zur gedruckten Version legt sie dar, warum sie sprachlich so nah an ihren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen war. In der Sprache ihrer Zeit war es ihr ihr möglich, die Unkenntnis von Jesu Zeitgenossen umzusetzen. Während Christinnen und Christen das Geschehen aus ihrer Kenntnis von Auferstehung lesen und interpretieren, wussten Jesu Zeitgenossen nichts davon und handelten „alltäglich“.

For the Christian affirmation is that a number of quite commonplace human beings, in an obscure province of the Roman Empire, killed and murdered God Almighty – quite casually, almost as a matter of religious and political routine and certainly with no notion that they were doing a thing out of the way. (S. 13)

Mir liegt die deutsche Übersetzung des Zyklus von 1949 vor – daraus möchte ich nun ein paar Sätze zitieren.

In der Charakterisierung des Judas im zehnten Teil folgt auf die psychologische Analyse dieses Charakters die Anweisung an das Team, wie sein Ende dargestellt werden soll:

Und, meine Lieben, lasst uns da nicht verlegen zögern, sondern dies muss ein Stück ganz gutes, großes durchschlagendes Theater sein, ganz grandios, – nicht zu laut bis zum letzten Ausbruch, aber mit Tempo, Tempo und Leidenschaft. (S. 314)

In einigen der Regieanweisungen wird noch mal deutlich, dass die Umsetzung eines Hörspiels Anfang der vierziger Jahre noch mal ein bisschen anders aussah als heutzutage:

MARTHA: Nein, danke, du bist beurlaubt. Der Rabbi ist mit Maria und Lazarus im Hof – (geht hinaus) – Abigail! Beeile dich mit den Erbsen! – (ruft aus einiger Entfernung) Du, Johannes!

JOHANNES: (näher am Mikrofon).Ja?

MARTHA: Mag der Reabbi Feigenfüllung oder lieber Datteln? Oder soll ich einfach Rosinen nehmen? (S. 207)

Noch mal zur Umsetzung, im fünften Spiel:

(Für die Bühnengeräusche merke man: Der See Tiberias ist ein Binnensee und das Boot war ein Ruderboot. Man quäle den Regisseur [der schon Sorgen genug hat] nicht mit Vorschlägen wie „Segelschiff im Sturm – schlagende Segel und Pfeifen der Takelage im Wind“ oder „atlantische Brecher an der Küste“, oder mit dem süßlichen Möwenstück, das wir so gut kennen. „Sturm auf dem Bodensee“ ist schon besser; aber sie können reichlich Wellen und Wind machen, denn die waren da) (S. 135)

Die Weihnachtsgeschichte läuft ein bisschen anders ab als im Evangelium: Ein Paar aus Bethlehem mit ihrer kleinen Tochter Zilla hat die junge Familie aufgenommen – dorthin kommen die Weisen.

ZILLA: Sie kommen hierher. Sie kommen hierher! Pappi bringt sie her.

WEIB: Wer sie? Wer kommt?

ZILLA: Könige! Drei richtige Könige! Zu Pferde! Sie kommen, um das Baby zu sehen!

WEIB: Könige! Was Du für einen Unsinn schwätzt! Könige werden grad hierher kommen!

ZILLA: Aber ja, Mutter! Richtige Könige! Sie haben Kronen auf dem Kopf und Ringe an den Fingern und Diener laufen nebenher mit Fackeln. Sie haben den Pappi gefragt: ist das hier, wo das Baby ist, und Pappi hat gesagt: Ja, das ist hier und ich soll schnell voraus laufen und sagen, dass sie kommen.

JOSEPH: Sie hat recht! Ich kann sie vom Fenster aus sehen … Gerade biegen sie ein Palmen auf die Straße ein …

WEIB: Nein, sowas aber auch … Und das Geschirr nicht abgeräumt und alles durcheinander … Komm, Mutter Maria, lass mich den Teller wegnehmen – so ist es besser. – Zilla, schau mal in die Schublade und hol ein sauberes Lätzchen für unser Baby Jesus. (S. 26)

Das Gespräch zwischen Maria und den drei Weisen läuft dann sprachlich auf etwas höherer Ebene ab. So differenziert Dorothy L. Sayers zwischen den Szenen mit Heilsbotschaft und denen mit eher alltäglichem Geschehen.

Zur sprachlichen Annäherung an die Zuhörerschaft gehört auch die Nutzung von Begriffen, die zwar völlig anachronistisch sind, aber trotzdem passen:

  • Die Figuren siezen sich (in der deutschen Übersetzung)
  • Claudia, wird als „Lady Claudia“ bezeichnet
  • An einer Stelle wird das Wort „Gentleman“ benutzt
  • Wenn es um die geordnete regiöse Gemeinschaft geht, ist von „Kirche“ die Rede, Ausschluss daraus wird als „exkommunizieren“ bezeichnet.

Die Charaktere

Dorothy L. Sayers entwickelt die Charaktere ihrer Hörspielreihe sehr stringent, wobei das in erster Linie – für mich als Dramaleseverweigerin – in den Anmerkungen zu den einzelnen Personen rüber kommt. Besonders die Unterschiede zwischen Petrus und Judas sind für sie sehr wichtig. Während Petrus immer und immer wieder daneben haut, ist Judas auf Perfektion aus. Seine Arroganz und sein Mangel an Liebe sind es, die ihn am Ende zu Fall bringen. Petrus dagegen ist bei aller Tollpatschigkeit und bei allem Übereifer demütig und treu – das genaue Gegenbild.

Dorothy L. Sayers macht auch deutlich, wie es dazu kommen konnte, dass Judas Jesus verriet. Der Zelot Baruch, der für einen Umsturz der Verhältnisse arbeitete, äußerte Judas gegenüber die Vermutung, dass auch ein Jesus nicht gegen die Lobpreisungen der Menge gefeit sein könnte. Kurz, er ging davon aus, dass Jesus sich zum König ausrufen lassen werde. In einem geheimen Brief an Jesus bot er ihn für den Einzug in Jerusalem zwei Alternativen: entweder auf einem Pferd einzuziehen oder auf einer Eselin. Im ersten Falle werde Baruch mit seinen Männern den Aufstand beginnen, im zweiten wolle er mit Jesus nichts mehr zu tun haben. Judas hatte aber nur mitbekommen, dass Baruch ein Reittier zur Verfügung stellte und folgerte unter anderem daraus, dass Jesus von der Leidenstheologie, die er verkündete, abrückte; das war der äußere Anlass für Judas, seinen Rabbi zu verraten.

Die Bezeichnung von Johannes, als dem Jünger „den Jesus lieb hatte“ hat Dorothy L. Sayers aus dem Johannesevangelium entlehnt. Wenn er ergriffen ist oder sich aufregt, verhaspelt er sich. Immer wieder gibt es Szenen, in denen er auf die Zuwendung seines großen Bruders Jakobus angewiesen ist. Seine Intuition lässt ihn einen Teil der Wahrheit erahnen; wenn es um das heilsgeschichtliche Ganze geht, gibt er seinen Bruder Halt.

Matthäus, der ehemalige Zöllner, gehört zu den „weltlichen“ Jüngern – er schöpft als erster Verdacht gegen Judas. Trotz der Nachfolge ist er ein mit den „normalen“ Lebensumständen weiterhin eng verbundener Mann.

Plakette am Geburtshaus von Dorothy L. Sayers - Gelehrte wird sie hier genannt und das war sie.
Die blaue Plakette am Geburtshaus von Dorothy L. Sayers gefällt mir viel besser als die an ihrem Wohnhaus, die bei Wikipedia zu finden ist – hier ist sie „Scholar“, also Gelehrte“, dort Autorin von Krimis … 😉 Das Foto stammt von
Owen Massey McKnight
und ich habe es hier gefunden: https://www.flickr.com/photos/addedentry/4518353197/ es ist unter CC-Linzenz Share A-Like 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ veröffentlicht

Spannend ist auch die Geschichte des Nikodemus  – hin und hergerissen zwischen den Anforderungen an ihn im Rat der Ältesten und der Ahnung, dass es mit diesem Jesus etwas Besonderes auf sich hat, reibt er sich auf und verfällt nach der Nachricht, Jesus sei auferstanden, dem Wahnsinn.

Dorothy L. Sayers lässt einzelne Figuren immer wieder auftreten. So kreuzt der Weg von Proclus, dem am Anfang noch jungen römischen Soldaten, immer wieder den Weg Jesu – bis hin zur Kreuzigung. In ihm hat Dorothy L. Sayers verschiedene namenlose römische Soldaten, die in den Evangelien vorkommen, zu einer Person verdichtet, die am Ende zur Erkenntnis gelangt, dass dieser Jesus Gottes Sohn war.

Bleiben wir bei den Römern: Pontius Pilatus und seine Frau Claudia sind im Grunde ein sehr alltägliches Paar, das im Rahmen der Besatzungstätigkeit Zugeständnisse zu machen sich gezwungen sieht. Während Pontius Pilatus vor allem in Hinblick auf seine Karriere entscheidet (oder Entscheidungen zu vermeiden trachtet), ist Claudia durch die Erfahrung, Jesus selbst gesehen und durch ihre Masseurin von seinen Heilkräften erfahren zu haben, durchaus ernsthaft bestrebt, seine Hinrichtung zu verhindern. Dorothy L. Sayers führt den Traum, der im Evangelium nur erwähnt wird, aus und bringt dabei zwei Elemente hinein: Zum einen erschallt der Ruf „Der große Pan ist tot“ – damit geschieht die Anbindung an die antike Glaubenswelt; und dann kommt der lapidare Satz „er litt unter Pontius Pilatus“ – ein erschreckender Gedanke für die liebende Ehefrau, dass der Name ihres Mannes auf diese Weise weitergetragen wird und nicht im Zusammenhang mit großen Verdiensten. Dorothy L. Sayers misst gerade dem Satz aus dem Glaubensbekenntnis eine große Bedeutung zu, denn mit ihm gewinnt die Heilsgeschichte um Jesus, der eben sowohl Mensch als auch Gott war – das ist die Überzeugung der Kirche und auch von Dorothy L. Sayers –, einen festen Platz in der Geschichte. Im Vorwort zur Buchversion liegt sie dar, wie wichtig ihr gerade dieser Aspekt ist.

Krimiautorin und Theologin?

Canterbury Cathedral - Portal Nave Cross-spire Für die dortigen Festspiele schrieb Dorothy L. Sayers Theaterstücke
In Canterbury gab es Festspiele an der Kathedrale, für die Dorothy L. Sayers Stücke schrieb. Hans Musil (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Canterbury_Cathedral_-_Portal_Nave_Cross-spire.jpeg), „Canterbury Cathedral – Portal Nave Cross-spire“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode
Wer sich bisher nur mit den Krimis von Dorothy L. Sayers auseinandergesetzt hat, mag sich über diese Hörspielreihe wundern. Doch Dorothy L. Sayers sah sich selbst nie in erster Linie als Krimiautorin, sondern als Literaturwissenschaftlerin, Gelehrte und Christin. Ihre allerersten Publikationen waren religiöse Gedichte. Und nachdem ihr ihre Krimis zu so viel Wohlstand verholfen hatten, dass sie keine mehr schreiben musste, wandte sie sich den Themen zu, die ihr von Einstellung und Ausbildung her am Herzen lagen: Geistliche Bühnenwerke für die Festspiele in Canterbury, Aufsätze und Essays zu theologischen und philosophischen Fragen sowie – und dieses Projekt hat sie nicht zu Ende bringen können – die Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie. Ihre Krimis hat sie in erster Linie des Geldes wegen geschrieben. Dabei aber hat sie ihren Anspruch an Sprache und Gestaltung sehr hoch angesetzt. Deshalb sind sie auch heute noch eine solche Freude zu lesen. So ist es mir auch mit diesem Hörspielzyklus gegangen – sehr zu meiner Überraschung.

Dorothy L. Sayers: Zum König geboren, übersetzt von Heinz Geck, Hanser Literaturverlag, Hamburg 1949.

Linkliste

Bisher gibt es noch keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Ich akzeptiere