Stoner von John Williams

So ein trauriges Leben – und so erfüllt. Das ist mein Resümee zu dem dritten Roman von John Williams, den ich gerade ausgelesen habe. Dringend zu empfehlen!

Nach Durchsicht der Biographie von John Williams bei Wikipedia war klar, dass einiges in “Stoner” von eigenen Erfahrungen geprägt sein muss. Ich hatte es vermutet. Aber darum geht es tatsächlich nicht. Es gelingt ihm hier eine Lebensbeschreibung, die, ohne je laut zu werden oder plakativ, gefangen nimmt. Fast alles, was ich über das Leben von William Stoner erfahre, sehe ich mit seinen Augen, höre ich mit seinen Ohnren, denke ich mit seinen Gedanken. Einige Informationen gibt es von außerhalb – z. B. was seine Frau Edith macht, als sie nach dem Tod ihres Vaters in ihr Elternhaus reist, um der Mutter beizustehen. Die Erzählstimme mischt sich durchaus ein – so z. B. am Anfang, als ein Bild Stoners aus der Rückschau der Menschen an der Uni, an der er so lange lehrte, ensteht.

Was erzählt John Williams?

William Stoner ist ein Bauernsohn – karger Boden, harte Arbeit, im Grunde keine Bildung. Bis ihn sein Vater aufs College schickt – von hart abgespartem Geld und mit Arbeit bei den Verwandten dort soll das Wagnis gestemmt werden: William soll Agrarwissenschaften studieren und es mal besser haben. Nun gehört aber zu jedem Studiengang auch ein Kurs in englischer LIteratur – und da ist es um den jungen Stoner geschehen. Ein kauziger Professor sagt ihm, was er ist: ein Lehrer.

Immer weiter entfernt sich der junge Bauer von seiner Herkunft. Unsicher und linkisch fühlt er sich lange in den akademischen Kreisen. Er findet zwei Freunde – einer von ihnen fällt im ersten Weltkrieg. Stoner ist nicht an die Front gegangen – die Verachtung vieler ist ihm sicher. Er lehrt das, was ihn begeistert, doch fällt ihm schwer, seine Begeisterung zu vermitteln.

John Williams, Stoner Universität Missouri Jesse Hall

Das ist der Stoner gemäße Wirkungsort – die Jesse Hall der Universität in Missouri. John Williams lehrte hier auch eine Zeitlang.

Auf einem Gesellschaftsabend sieht er Edith das erste Mal – eine hoch gewachsene junge Frau mit ruhigem Wesen. Sie heiraten, bekommen eine Tochter, erwerben ein Haus. Doch Edith ist belastet, dem Alltag nicht gewachsen – William Stoner zieht in den ersten Jahren seine Tochter quasi allein auf. Als Edith sich, nach dem Tod ihres eigenen Vaters, des Kindes annimmt, wird die harmonische Beziehung nachhaltig gestört. Edith führt Krieg gegen Stoner – er nimmt beides, den Verlust des Kindes und der  Frau, hin. Er lebt für seine Arbeit.

Auch die späte Liebesbeziehung zu einer ehemaligen Studentin und Kollegin – vergänglich. In dem Gespräch, das der Trennung vorausgeht, wird klar, warum die beiden, die sich intellektuell und körperlich so gut verstehen, das Risiko von Scheidung und Neuanfang miteinander scheuen: Ihre Integrität als Literaturwissenschaftlerin und Literaturwissenschaftler, als Lehrer und Lehrerin steht beiden höher als die Erfüllung ihrer Liebe nach gängigen Maßstäben. Damit bin ich in der Mitte des Romans angekommen und beginne zu verstehen, wie William Stoner tickt.

An dramatischer Spannung fehlt es im Grunde auch nicht: Ein neuer Professor, körperbehindert, sarkastisch und einen Studenten begünstigend, den Stoner durchfallen lassen muss, erweist sich als hartnäckiger Gegner.

John Williams begleitet seinen Protagonisten treu bis in den Tod, schildert sein trauriges und doch so erfülltes Leben detailliert und liebevoll – eigentlich ein Stoff zum Melancholisch-Werden, aber John Williams fängt die Gelassenheit Stoners grandios, nein, eher leise, ein.

Wie schreibt John Williams?

“Über drei Jahrhunderte hinweg redet Mr Shakespeare mit Ihnen, Mr. Stoner. Können Sie ihn hören?”

William Stoner fiel auf, dass er mehrere Sekunden lang die Luft angehalten hatte. Behutsam atmete er nun wieder und war sich bis ins Detail bewusst, wie die Kleidung über seinen Leib glitt, als ihm der Atem aus den Lungen fuhr. (S. 20)

Das ist quasi Stoners Erweckungerlebnis – hilflos nimmt er nur noch wahr. Diese Wahnehmnungen erstrecken sich noch über einige Zeilen – detailliert, nachzuempfinden und sehr anrührend.

Woher Stoner kam, wird in diesem Abschnitt deutlich:

Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen. Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter des Mauerwerks nachgab, (S. 8-9)

Ich mag diese Art der Beschreibung sehr – sie verlangt Aufmerksamkeit für die Nuancen im Ausdruck; das Drama mancher Szenen erschließt sich so erst, wenn ich mich drauf einlasse, langsam und bedacht zu lesen.

John Williams: Stoner, übersetzt von Bernhard Robben, dtv, München, 2014, ISBN: 9783423143950

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