Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage II

Karl MayWahrscheinlich wissen Sie, dass es Bücher gibt, in denen Karl May als Ich-Erzähler figuriert und solche, die in der Er-Perspektive geschildert werden. Woran das liegt?

Wie letzte Woche schon erwähnt, hat Karl May  eine Zeitlang für Jugendzeitschriften geschrieben. Das sind die Geschichten vom Silbersee, vom Ölprinz und vom Sohn des Bärenjägers. Obwohl Old Shatterhand hier vorkommt, hat May die Außenperspek­tive gewählt. Die Winnetou-Bände sind erst deutlich danach enstanden.

Aber auch in der Frühphase gab es Geschichte aus der Ich-Perspektive, z. B. „Old Firehand“ von 1875 – hier war an Old Shatterhand noch nicht zu denken. Der Ich-Erzähler bleibt namenlos.

Auch andere Figuren aus der Wild-West-Welt Mays treten in diesen und noch frühe­ren Geschichten auf. Zum Beispiel Sam Hawkens, eine ganz wichtige Figur in Karl Mays Wild-West-Kosmos.

Sam Hawkens

In „Old Firehand“von 1875, steht Sam vor der Burg des Titelhelden Posto:

Bei dem letzten Worte theilte sich dasselbe und ließ einen Mann hindurch, bei dessen Anblicke ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte.

Unter der wehmüthig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder belie­bigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von Einem zum Andern von uns Dreien sprangen.

Diese Oberparthie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, wel­cher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Ver­gnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zu­länglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Noth der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können.

In der Hand trug der Mann eine alte Rifle, die ich nur mit der äußersten Vorsicht angefaßt hätte, und als sich so mit einer gewissen Würde auf uns zu bewegte, konnte ich mir keine größere Carricetur [sic!]eines Prairiejägers denken, als ihn. –

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Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage I

Karl MayFreunde und Gefährten bei Karl May sind für seine Ich-Helden Old-Shatterhand und Kara Ben Nemsi völlig unerlässlich. Heute und in den folgenden Beiträgen möchte ich Ihnen einige dieser Figuren vorstellen und schauen, was es mit ihnen auf sich hat:

  • Welche Typen gibt es?
  • Welche Funktion haben sie?

Karl May war ja mehr als nur ein Jugendschriftsteller – er hat im Laufe seines Lebens für unterschiedliche Medien geschrieben, bevor er ein ergolgreicher Schriftsteller wurde: katholische Zeitschriften, Heimatblätter, Jugendzeitschriften – ja auch das – und für den Kolportage-Verlag Münchmeyer. Auch wenn die Freunde und Gefährten, die wir heute noch mal betrachten werden, vor allem aus den Reiseer­zählungen und den explizit für Jugendliche geschriebenen Geschichten stammen, sollten wir das nicht aus den Augen verlieren.

Der junge Karl May als Redakteur

Der junge Karl May als Redakteur

Was erwartet Sie nun?

Die Freunde und Gefährten, die May in seinen Büchern einführt, haben unterschied­liche Positionen zum Ich-Erzähler – mal sind sie näher dran, mal begleiten sie ihn in verschiedenen Geschichten, mal sind es Randfiguren. Und viele von ihnen haben eine komische Seite oder sind gar komische Figuren.

Ich beginne mit den nahestehenden, mit denen, die öfter vorkommen. Das sind vor allem drei: Im Orient ist es Halef – der ist heute dran -, im Wilden Westen Sam Hawkens einerseits (nächste Woche) und Winnetou sowieso – dazu kommen wir übernächste Woche.

Dann folgt in drei Wochen der ernstzunehmende Gefährte, der aber nur in einer Geschichte vorkommt – Old Surehand. Und in vier Wochen kommen die anderen: komische Gestalten, Freunde im Doppelpack und spleenige Engländer. Weiterlesen

Scepter und Hammer, Die Juweleninsel – noch zwei Fortsetzungsromane von Karl May

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWenngleich diese Romane eine ähnliche Mischung von Kitsch und Abenteuer aufweisen, wie die Münchmeyer-Romane, gehören sie eigentlich nicht in diese Reihe, denn sie erschienen in der Zeitschrift „Für alle Welt!“ in der Zeit von 1879-80, bzw. 1880-82. Neben den beiden Fortsetzungsromanen hat Karl May in dieser wöchentlich in Stuttgart erscheinenden Zeitung auch andere Texte veröffentlicht, insgesamt vier Jahre lang. Aufgrund der strukturellen Verwandtschaft zu den Münchmeyer-Romanen möchte ich diese beiden meiner Reihe anschließen.

Der Inhalt

In „Scepter und Hammer“ betreten wir zuerst norländischen Boden, lernen Doktor Max Brandauer, den Sohn des Hofschmieds, Prinzessin Asta von Süderland, den Prinzen von Raumburg und die Zigeunerin Zarba kennen. Die spricht dann eine Prophezeiung aus, in der die beiden Titelworte des Buches vorkommen. Max Brandauer erweist sich nicht nur als tüchtiger Schmied, sondern im Laufe der verwickelten Geschichte auch als Vertrauter des Königs von Norland, als geschickter Spion und talentierter Diplomat. Dass er tapfer und stark ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Der Weg zum Glück

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgIn der Zeit von Juli 1886 bis August 1888 erschien mit „Der Weg zum Glück“ der letzte der Münchmeyer-Romane von Karl May. Er stellt eine Art Denkmal für den kurz vor Beginn der Serie ertrunkenen bayerischen König Ludwig II dar. Neben dem immer wieder als Deo ex machina auftauchenden König ist die zentrale Figur schlechthin  der Wurzelsepp.

Der Inhalt

Die Geschichte beginnt ur-bayrisch auf einer Alp unter kräftigem Gesang und Gejodel: Der Wurzelsepp und seine Patentochter, die  Murenleni, musizieren miteinander. Nach dem Abschied des Alten muss sich die Leni gegenüber den Jager-Naz durchsetzen, der das hübsche Mädchen gern als seinen Schatz hätte. Wurzelsepp hingegen begegnet auf seinem Abstieg dem König, der in der Sennhütte übernachten will, um am nächsten Tag auf die Jagd zu gehen. Schon in diesen ersten Dialogen wird deutlich, wie hoch der Autor Frömmigkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft stellt – und das gilt für alle Figuren, also auch für Ludwig II.

Wurzelsepp und Leni terffen sich - die groben Schnitte stammen aus der Erstausgabe

Wurzelsepp und Leni treffen sich – die groben Schnitte stammen aus der Erstausgabe

Der Krikelanton, ein bekannter Wilddieb, rettet in dieser Nacht nicht nur König Ludwig das Leben, sondern verspricht der Leni auch, sich der Polizei zu stellen und im Anschluss an seine Gefangenschaft ein ehrbares Leben zu beginnen. Er wird verfolgt, rettet sich auf halsbrecherische Weise über einen gefährlichen Grat, wird von einer verrückten Schriftstellerin über die Grenze ins Österreichische zu seinen Eltern gerettet, rettet dort seinerseits die Frau eines Musikprofessors aus den Bergen und stellt sich im Anschluss der Behörde. Inzwischen hat König Ludwig der Sennerin Leni unterbreitet, er möchte sie als Sängerin ausbilden lassen. Nach einigem Hin und Her entschließt sich Leni, das Angebot anzunehmen; vorher jedoch bittet sie den Krikelanton frei. Der nun ist von der Idee, dass das Mädchen, mit dem er sich so gut wie verheiratet sieht, zur Bühne gehen soll, überhaupt nicht einverstanden. In seinen Augen ist dies der erste Schritt in den moralischen Abgrund. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Deutsche Herzen – Deutsche Helden

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgUnter der Angabe, dieses Buch stamme vom selben Autor wie „Das Waldröschen“ und “Der verlorene Sohn”, startete im Dezember 1885 die Veröffentlichung des vierten der fünf Münchmeyer-Romane von Karl May. Die Anmerkung zum Autor ist nicht nur der Werbewirksamkeit wegen sinnvoll – „Das Waldröschen“ war ja ein großer Erfolg -, sondern auch die quasi weltumspannende Handlung erinnert an den ersten Lieferungsroman von Karl May. Neben den bekannten Schauplätzen im Orient und in Amerika kommt hier noch Sibirien ins Spiel.

Der Inhalt

Wollte man die Handlung kurz zusammenfassen, liefe es wohl auf „Familienzusammenführung“ hinaus. Die Handlung setzt in Istanbul ein, wo wir Zeugen eines Racheschwurs und zwei Jahre später der Freude über den geglückten Anschlag werden. Ibrahim Effendi bringt wegen des Todes seines Vaters die Familie Albans von Adlerhorst ins Unglück: das Familienoberhaupt muss sterben, Frau und Kinder werden auseinandergerissen. Sein „Partner in Crime“ ist ein Derwisch. Erst in der Handlung, die zweieinhalb Jahrzehnte später einsetzt, erfahren wir, dass dieser Derwisch die Hierarchie andersherum interpretiert – Ibrahim Effendi sei sein Werkzeug der Rache.

Die Handlung spielt nun hintereinander in drei Weltgegenden, bis sie am Ende in Deutschland zum guten Schluss geführt wird.

Der erste Part spielt in Istanbul, in Kairo und in der Wüste. Neben den schon vorgestellten Schurken spielen Hermann Wallert, der eigentlich ein von Adlerhorst ist, sein Freund, der Maler Paul Normann, die Sklavinnen Tschita, Zykyma und Gökala mit, so wie, als komische Figur, Lord Eagle-nest – mit den Adlerhorsts verwandt, wie der Name andeutet. Und dann gibt es noch den „großen Helden“ Oskar Steinbach, der plötzlich auftaucht und am Geschehen lebhaften Anteil nimmt, ja, sich die Führung einfach anmaßt. Im Laufe der verwickelten Handlung gibt es Mordanschläge, Entführungen und Enthüllungen in Fülle. Die „Guten“  verfolgen Ibrahim Pascha, wie er inzwischen heißt, und den Derwisch. Neben Personen, die ihnen helfen – oder denen sie helfen -, treffen sie auf den Schurken Graf Polikeff, der den Vater Gökalas ins Unglück stürzte – hier gibt es schon erste Verweise auf den dritten Teil, der in Sibirien spielt. Tschita entpuppt sich als Schwester Hermanns, Zykyma kann von einem Adlerhorst berichten, den sie in Russland getroffen hat – es gibt also erste Schritte auf dem Weg der Familienzusammenführung. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Der verlorene Sohn

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpg„Der verlorene Sohn oder Der Fürst des Elends“ ist derjenige in der Reihe der Münchmeyer-Romane von Karl May, der am tiefsten in die Abgründe der menschlichen Gesellschaft vordringt; jedenfalls so, wie Karl May sich das vorgestellt hat. Von August 1884 bis Juni 1886 erschien dieser Roman. Im Gegensatz zu „Das Waldröschen“ und „Die Liebe des Ulanen“ handelt es sich hierbei fast um einen Heimatroman, denn er spielt ausschließlich in Dresden und Umgebung. Exotik kommt nur quasi zweiter Hand hinzu, da die Hauptfigur ihr Vermögen in Indien (oder Madagaskar) machte und an einer Stelle davon berichtet. Die Handlung selbst verirrt sich nicht bis nach Fernost.

Eine andere Besonderheit dieses Romans betrifft den Inhalt. Er unterteilt sich in fünf „Abtheilungen“, deren jede einen eigenen Roman darstellt. Schon das Personentableau macht dies deutlich. Jede dieser eigenen Geschichten entfaltet eine Vielzahl an Verwirrungen und Verwicklungen, wie Karl May sie in seinen Kolportageromanen so liebte. Sie alle nachzuzeichnen, ist in diesem Beitrag unmöglich. So werde ich bei jeder Geschichte nur Teile erwähnen, die für die Haupthandlung von Bedeutung sind. Wenn Sie an der ganzen Geschichte interessiert sind, kann ich in diesem Fall wirklich empfehlen, dieses Werk selber zu lesen; aufgrund der Themenkreise, die Karl May aus eigener Anschauung kannte – sei es das Innere eines Gefängnisses oder das Leben in einem der Weberdörfer in Erzgebirge –, ist „Der verlorene Sohn“ in vielen Bereichen einmalig im Werk Karl Mays.

Der Inhalt

Die fünf „Abtheilungen“ (so schreibt Karl May das im Original) des Romans werden durch eine durchgehende Geschichte zusammengehalten:

Gustav Brandt wird zu Unrecht beschuldigt, den Baron Otto von Helfenstein und Hauptmann von Hellenbach ermordet zu haben. Er wird verhaftet und soll per Zug in die Residenz geführt werden. Dabei wird er befreit und zwar von den beiden Schmieden des Dorfes, die den wahren Täter kennen, sich aber nicht trauen, gegen ihn aufzutreten. Es handelt sich um den Neffen des Barons, Franz von Helfenstein. Nach dem Mord brennt das Schloss nieder und in den Ruinen findet man eine Kinderleiche, von der angenommen wird, es sei Robert von Helfenstein, der Sohn des Barons. Da der Erbe tot ist, kann Franz Baron werden. Roberts ältere Schwester Alma, die mit dem Hauptmann von Hellenbach verlobt gewesen war, glaubt nicht an Gustavs Schuld. Weiterlesen

Karl May. Die ganze Wahrheit von Christian Moser

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgNicht in allen Wartezimmern von Ärzten liegen Klatschblättchen parat; im letzten fand ich neben der wortlosen Version der grimmschen Märchen auch die Karl-May-Biografie von Christian Moser. Sehr unterhaltsam!

Hier spricht nicht der Autor Christian Moser, sondern er lässt die berühmteste Figur – naja, fast die berühmteste, Winnetou schlägt ihn wohl noch – Karl Mays zu Wort kommen: Old Shatterhand himself. Karl May Der schwarze Mustang Herrfurth 001 Und zimperlich geht das Geschöpf mit seinem Schöpfer wahrlich nicht um: Alle Verfehlungen deckt er auf, die gescheiterte Ehe und der erdrückende Kampf um seine Reputation am Ende seines Lebens finden ihren Platz. Wirklich Neues ist an den Tatsachen für mich – spätestens seit der Biografie von Helmut Schmiedt – nicht mehr zu entdecken. Dafür bekomme ich einen knappen, unterhaltsamen Überblick über das Leben dieses Volksschriftstellers, garniert mit kleinen comicartigen Illustrationen des Autors selber. Ein überschaubares, durchaus informatives und amüsantes kleines Werk, wenn man sich – vielleicht zum ersten Mal – mit dem Leben von Karl May befassen möchte.

Christian Moser: Karl May. Die ganze Wahrheit, Illustrationen von Christian Moser, Carlsen Verlag, Hamburg, 2012,ISBN: 9783551786944

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Die  Liebe des Ulanen

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgIm Gegensatz zu „Das Waldröschen“ handelt es sich bei „Die Liebe des Ulanen“ eher um einen Zeitschriftenroman als um einen Kolportageroman wie die übrigen Münchmeyer-Romane von Karl May; er erschien zwischen 1883 und 1885 in der Zeitschrift „Deutscher Wanderer“. Man kann diesen Roman als Wochenendlektüre der Leserinnen und Leser vom „Deutschen Wanderer“ bezeichnen, denn die Lieferungen erfolgten stets am Samstag. Trotz des Untertitels „Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May“ umfasst die gesamte Handlungszeit der 107 Lieferungen einen deutlich größeren Zeitraum als nur die Jahre 1870/71.

Der Inhalt

Die Handlung des Romans umfasst mehrere Jahrzehnte – von 1814 bis 1871. In dieser Zeit spielt sich das Drama zwischen der Familie von Königsau und ihrem Erzfeind Albin Richemonte ab. Die erste Lieferung des Kolportageromans setzt mit dem Geschehen um den Enkel Richard von Königsau ein, der als Spion auf das Schloss Ortry, dem Sitz Albin Richemontes, befohlen wird. Er tritt hier als Lehrer für den vorgeblichen Enkel des Schlossherrn auf, verkleidet sich dafür als buckliger, schwächlicher Mann und hat seinen Offiziersburschen Fritz Schneeberg als vorgeblichen Kräutersammler beim Arzt in Thionville stationiert. Bereits auf der Reise machen Richard und Fritz sich einen Namen, indem sie bei einem Schiffsunglück zwei

Der vorgebliche Lehrer Müller versucht, für Marion und Nanon das Rettungsboot zu bekommen.

Der vorgebliche Lehrer Müller versucht, für Marion und Nanon das Rettungsboot zu bekommen.

junge Damen retten, deren eine die – ebenfalls vorgebliche – Enkelin Albin Richmontes, Marion de Sainte-Marie, ist. Mit an Bord war der junge Graf Rallion, der nach dem Willen seines Vaters und Albin Richmontes Marion heiraten soll. Da er beim Schiffsunglück nur danach trachtet, sich selbst zu retten, zieht er sich aber deren Verachtung zu. Außerdem hat sie bereits ein heimliches Idol-Richard von Königsau. Der vorgebliche Lehrer Müller führt sich bei dem alten Schlossherrn kurz danach dadurch positiv ein, dass er den Jungen, den er unterrichten soll, vor einem Sturz in den Abgrund rettet. Alexander de Sainte-Marie ist der einzige Mensch, dem gegenüber Albin Richemonte fürsorglich und nahezu liebevoll auftritt.

Und jetzt ist Schluss mit dem ständigen “vorgeblich” – Albin de Richemonte hat sein ganzes Leben auf ein Lügengespinst gebaut – Sie können davon ausgehen, dass bis auf eine alle seine Verwandtschaftsbeziehungen “vorgeblich” sind 😉 und die Guten müssen sich eben oft verleiden und verstecken,um ihm auf die Schliche zu kommen.

Gleich in der ersten Nacht entdeckt Richard viele Geheimnisse des alten Schlosses, als da wären Geheimgänge, Geheimtreppen und geheime Gucklöcher in verschiedene Gemächer. Er wird Zeuge von Mord und Erpressung – ein gelungener Einstieg für einen echten Karl-May-Münchmeyer-Helden. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Das Waldröschen

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgUnter dem Titel „Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde“ veröffentlichte Karl May in den Jahren 1882-84 den ersten seiner Münchmeyer-Romane und das unter dem Pseudonym Capitain Ramon Diaz de la Escosura, denn da er schon einen Namen als Schriftsteller hatte, wollte er mit den Kolportageromanen lieber nicht in Verbindung gebracht werden. Dem zweiteiligen Titel folgte ein Untertitel: „Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft“ – damit war allen nur denkbaren Themen Tor und Tür geöffnet.

Faszinierend finde ich das „Waldröschen“ im Titel, denn man muss schon sehr gut acht geben, um die titelgebende Szene nicht zu überlesen. Doch der Reihe nach:

Der Inhalt

Der Roman beginnt mit der Reise des Arztes Karl Sternau zum Schloss Rodriganda in Spanien, wo er den erblindeten Grafen Emanuel de Rodriganda operieren soll. Initiatorin ist dessen Tochter Rosa, die Karl Sternau in Paris kennen und lieben gelernt hatte – ihrerseits unter der Vorspiegelung, sie sei die Zofe der Rosa de Rodriganda. Ursache ihres Hilferufs ist der Umstand, dass ihr Bruder zusammen mit dem Anwalt Gasparino Cortejo seinerseits eine Operation beim Grafen anberaumt hat. Rosa misstraut ihnen allen – zu Recht, wie der Lauf der folgenden verwickelten Handlung erweisen wird. Kurz gesagt: die Cortejos – Gasparino Cortejo in Rodriganda zusammen mit seiner Partnerin, der Stiftsdame Donna Clarissa, und dem vorgeblichen Sohn des Grafen, Don Alfonzo, der aber deren eigener Sohn ist und Pablo Cortejo, der in Mexiko im Dienst Ferdinando de Rodrigandas steht zusammen mit seiner Tochter Josefa – wollen die gräflichen Brüder Manuel und Ferdinando de Rodriganda um Leben und Besitz und Titel bringen. Die Cortejos schüren ihren Hass gegen die de Rodrigandas und scheuen weder getürkte Operationen noch Gifte noch den Einsatz des gewieften Piraten Landola. Die blinde Grafen Emanuel wird operiert, erkennt seinen vorgeblichen Sohn nicht, bekommt Gift, wird für tot erklärt, auch seine Tochter Rosa erhält das Gift, das wahnsinnig macht und beide werden verschleppt. Und gegen das alles stemmt sich erst mal Karl Sternau allein. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Einleitung

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgNun beziehe ich mich ja immer mal wieder auf meine Vorliebe zu den Münchmeyer-Romanen von Karl May – und habe dazu bisher nichts geschrieben. Sie wissen also eventuell gar nicht, worum es bei meinen Anspielungen geht 🙁 . Selbst erfahrene Karl-May-Leser haben in Sachen Münchmeyer-Romane oft eine Lücke in ihrer Rezeption – sie sind ihnen einfach zu kitschig ;-).

Wenn Sie selber Karl May gelesen haben und die Ausgabe des Karl-May-Verlags kennen, erinnern Sie sich wohl auch an die Titelliste am Ende jedes Bandes. Alle Bände sind durchnummeriert und die zusammengehörigen stehen enger beieinander. Und dazu zählen neben der Wüstenserie (die Bände 1-6), die Winnetou-Bände und beispielsweise die Bände zu Old Surehand eben auch die Münchmeyer-Romane. Vielleicht erinnern Sie sich an einige Titel: „Schloss Rodriganda“, „Trapper Geierschnabel“ oder „Zobeljäger und Kosak“. Die Serie, die mit „Schloss Rodriganda“ beginnt, umfasst in der Ausgabe des Karl-May-Verlags fünf Bände. Von „Der Weg nach Waterloo“ bis zu „Die Herren von Greifenklau“ braucht es vier Bände und „Das Buschgespenst“ und „Der Fremde aus Indien“ kommt sogar in nur zwei Einzelbänden daher. Die Produktion Karl Mays für den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer in den Jahren 1882-1886 umfasste aber deutlich mehr Titel. Karl May verfasste mit ihnen so genannte „Kolportageromane“; diese Art von Romanen wurde in Form von Einzelheften durch Hausierer vertrieben. Wie Sie sich vorstellen können, handelt es sich bei dieser Art von Romanen um keine hochstehende Form von Literatur; sie gehörte in das Genre der Massenunterhaltung. Und das gilt auch für die Kolportageromane von Karl May.

Das Schlimmste gleich vorweg: Was Sprache und vor allem Klischees betrifft, sind die Münchmeyer-Romane noch mal „ausgeprägter“ als die Reiseerzählungen des Autors:

  • Frauen haben immer kinderkleine Hände und Füße, lehnen gern ihr „süßes Köpfchen“ an die Schulter des Helden
  • der Hauptheld ist normalerweise ein Doppelgänger von Old Shatterhand himself – in Einzelfällen aber von deutlich größerer Statur
  • die Bösen werden von Anfang an als solche deutlich durch Augensprache oder Gesichtsausdruck

    Die Qualität der Illustrationen entspricht in vielem der des Inhalts ...

    Die Qualität der Illustrationen entspricht in vielem der des Inhalts …

Was mich immer fasziniert hat (und auch heute noch wieder einfangen kann), ist die quantitative Komplexität der Handlungsstränge. Ich habe schon als Zehn- oder Zwölfjährige diese Fülle an Personen bewundert und auch den dramatischen Schwung, den Karl May – fast! – bis zum Ende aufrechtzuerhalten fähig war. Schon früh formte sich in mir die Überzeugung, dass das Schlusstableau mit der allfälligen Auflösung aller Geheimnisse ihn gelangweilt haben muss, denn das ist jeweils der schwächste Teil dieser Romane.

Und dann taucht Karl May in seinen Münchmeyer-Romanen in gesellschaftliche Regionen, die sonst in seinen Büchern nicht vorkommen: das Verbrechermilieu in Paris, Bordelle, Gefängnisse; besonders das zweite hat in Jugendbüchern oder Texten für kirchliche Zeitschriften ja nun wirklich nichts zu suchen.

In loser Folge werde ich Ihnen in diesem Jahr mindestens vier der fünf Münchmeyer-Romane Karl Mays ein wenig näher bringen.

PS: Bei der Einordnung in die meine Kategorien habe ich jetzt ein bisschen geschwankt, mich dann aber doch für “Unterhaltung” entschieden: “Historisch” sind sie für heutige Leserinnen – damals waren sie im weitesten Sinne zeitgenössisch; und “Klassiker” verlangt dann doch  noch einen anderen literarischen Anspruch 😉