Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben. Weiterlesen

Ein Monat auf dem Land von J. L. Carr

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBei der LitBlog Convention im Juni 2016 haben wir in einer Session eine Covergestaltungskonferenz nachgespielt. Das Buch von J. L. Carr war auch dabei. Und der Bucheinband, der letzten Endes dabei herausgekommen ist, verbunden mit den kurzen Hinweisen zum Inhalt, hat dazu geführt, dass ich mir den kleinen Band vorgenommen habe.

„Ein Monat auf dem Land“ lautet der Titel und J. L. Carr lässt darin einen Bilderbuchsommer aufleben. Sein Protagonist, Tom Birkin, hat die Hölle des Ersten Weltkriegs überlebt, wurde von seiner Frau verlassen und hat nun in der ländlichen Einsamkeit von Yorkshire einen Auftrag als Restaurator angenommen. Er ist, wie viele andere Veteranen des großen Krieges, auf der Suche nach Heilung. Was erst als ein Rückzug in die Einsamkeit gedacht war, entwickelt sich im Laufe der rund 150 Seiten zu einem sozialen Geflecht, in dem der Versehrte unvermutet Aufgaben und einen Platz findet. Die Arbeit am freizulegenden Wandgemälde, die ihn hierher geführt hat, bringt ihm ebenfalls größere Befriedigung, als er sich vorher vorstellen konnte.

So sieht es bei einer Coverkonferenz aus.

So sieht es bei einer Coverkonferenz aus.

J. L. Carr erzählt leicht, lässt auch die Zeit des Erzählers, Jahrzehnte nach dem Geschehen, immer wieder einfließen. Besonders diese zeitliche Distanz zwischen 1978 und 1920 kommt immer wieder zur Sprache, wenn er das Leben aus einer Zeit, für die Pferd und Wagen und Petroleumlampen Alltag waren, so lebendig wieder auferstehen lässt. Er schafft es, von einer Heilung zu erzählen, ohne in Pathos oder Kitsch zu verfallen, denn allen Beteiligten – Autor, Erzähler, Protagonist, Leserin – ist klar, dass es sich dabei um ein komplexes, vielschichtiges und unwägbares Geschehen handelt. Ein wirklich zauberhaftes Buch.

Ach ja, zu Kunstgeschichte und Mittelalter erfährt man auch einiges – Tom Birkin ist ein Fachmann.

Das Buch ist 1978 erstmals erschienen – im Original – und hat im Laufe der Zeit in England immer wieder Neuauflagen erfahren, wurde auch verfilmt; schön, dass es das jetzt auch auf Deutsch gibt 😉

J. L. Carr: ein Monat auf dem Land, übersetzt von Monika Köpfer, DuMont Buchverlag, Köln, 2016, ISBN: 9783832198350

Drei Variationen zum Thema - und das ganz links ist von 2011 ...

Drei graphische Variationen zum Thema – und das ganz links ist von 2011 …

Eine Dame von Welt von Henry James

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgBisher hatte ich noch nichts von Henry James gelesen – zu meiner Schande sei es gesagt. Die anlässlich seines 100. Todestages Ende Februar vom Aufbau-Verlag erstmals auf Deutsch vorgelegte Erzählung “Eine Dame von Welt” (im englischen Original “The siege of London”) bot mir einen willkommenen Einstieg.

Es geht um Nancy Headway – fast ausschließlich als Mrs. Headway benannt -, eine “Southern Beauty” aus San Diego mit bewegtem Lebenslauf, die in der vornehmen Gesellschaft Europas Fuß fassen will. In den USA ist es ihr nicht gelungen – zu bekannt sind ihre vielen Ehen, die mit Scheidung endeten. Und es fehlt ihr ein bisschen 😉 das Savoir-vivre. Deutlich wird das, wenn sie in einem vornehmen Lokal mal eben die Gläser nachpoliert. Auch ihre Sprechweise ist alles andere als vornehm-zurückhaltend. Fürs Fußfassen ist sie auf gutem Wege, denn der junge Lord Arthur Demesne liegt ihr zu Füßen und erwägt eine Heirat; wenn sie denn eine “ehrbare” Frau ist. Davon nun soll ihn ein alter Freund Mrs. Headways, George Littlemore, der ihr in Paris wieder begegnet, überzeugen. Der hat aber bereits gegenüber dem jungen Botschaftsangehörigen Waterville, mit dem er sie im Théatre Française, sah, die Frage nach ihrer Ehrbarkeit verneint.

In den beiden Teilen der Erzählung  – erst Paris, dann England – bekomme ich Einblick in die verschiedenen Gedankengänge der Hauptpersonen – besonders von Littlemore und Waterville. Muss George Littlemore tatsächlich verhindern, dass die erfahrene Frau, Witwe und mehrfach geschieden, einen jungen Mann adliger Abkunft heiratet? George Littlemore ist ein Mann der Gesellschaft, reich und gelangweilt und es nervt ihn ziemlich, dass ihn alle mit dieser Frage behelligen: Waterville, seine Schwester, die Mutter Arthur Demesnes – er hält sich da lieber raus.

Was den Stil von Henry James auszeichnet, ist seine Ironie. So beschreibt er den Auftritt von Mrs. Headway im Landhaus von Arthur Demesne :

Mrs. Headway trat vorzüglich ein in die englische Gesellschaft mit ihrem bezaubernden Lächeln auf den Lippen und die Trophäen aus der Rue de la Paix hinter sich herschleifend. (S. 64)

Roberts-The Australian native

Ob diese Dame ihre Kleidung auch in der Rue de la Paix gekauft hat?

Henry James kommentiert ihr Auftreten ein bisschen liebevoll und gleichzeitig kritisch – aus der Sicht Watervilles, der sich als Botschaftsangehöriger für seine Landsleute zuständig fühlt; James nutzt hier das Bild von Hirte und Schäfchen und sicher ist es nicht unbeabsichtigt, dass der junge Amerikaner eine Pfarrersfrau als Tischdame hat. Ein bezaubernder Schlenker, wie ich finde.

Ein Thema des Amerikaners Henry James ist die Verschiedenheit der Kultur zwischen einzelnen Ländern – nicht nur Amerika im Vergleich zu Europa, sondern auch innerhalb Europas, bspw. der zwischen England und Frankreich. In dem Essay “Gelegentlich Paris”, der in dieser Ausgabe auf die Erzählung folgt, geht er dem nach. Und auch hier gibt es Formulierungsschmankerl; der Autor bezieht sich auf das Theaterstück “Le Demi-Monde”  von Alexandre Dumas Fils (das er auch in der Erzählung zitiert) und in dem es ebenfalls um die Bemühung einer nicht mehr ehrbaren Frau in die gute Gesellschaft geht. Ihr wird dieser Einstieg durch einen ehemaligen Liebhaber unmöglich gemacht – eine zutiefst moralische Zwickmühle. Der Unterschied zwischen englischem und französischem Publikum würde nun darin bestehen, meint James, dass die Vorlieben in England nicht bei dem Liebhaber lägen, wie es in Frankreich der Fall war, sondern bei der Frau. Die Begründung gibt er in einer rhetorischen Frage:

Ist dies der Fall, weil ein solches Publikum, obwohl es keine so hübsche Sammlung von Podesten zur Erhöhung des schönen Geschlechts hat, letztlich mangels allzu großer Ritterlichkeit viel zarbesaiteter ist? (S. 122)

Insgesamt habe ich die Erzählung genossen und werde, wenn ich mal einen Schmöker brauche, wohl auch mal zu einem dickeren Werk von Henry James greifen.

Zu der Sache mit dem Titel hat Marius Fränzel in seinem Blog Bonaventura einen wunderbaren Einstieg geschrieben, den ich Ihnen ans Herz lege.

Henry James: Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung, aus dem Englischen von Alexander Pechmann. Aufbau-Verlag, Berlin , 2016 , ISBN: 9783351036348

The Women of the House von Jean Zimmerman – Blogparade 12 Bücher in 12 Monaten

Im Rahmen der Blogparade “12 Bücher in 12 Monaten” stelle ich heute ein Buch vor, das ich aus den USA mitgebracht habe. Der Untertitel “How a colonial She-Merchant built a Mansion, a Fortune and a Dynasty” klang vielversprechend – und Jean Zimmerman hat mich nicht enttäuscht.  Zemanta Related Posts Thumbnail

Das erste Bild von Margaret, das Jean Zimmerman schildert, ist das der erfolgreichen Frau von 48 Jahren, die sich nach einem Ritt über Land ausruht:

Seated on her wooden stoop, wrapped in an akle-length cloak, a silver mink muff on her lap, Margaret Hardenbroeck lifts a long-stemmed clay pipe to her mouth and surveys her landscape in the chilly dusk. (…) By the clos of her life, Margaret Hardebroeck would be the richest woman in what had become the English province of New York. She was unquestionably the first to have built her own fortune. (S. IX und XII)

Ein faszinierender Anfang, nicht wahr?

Detailliert beschreibt Jean Zimmerman das Leben in erst noch Nieuw Amsterdam, später New York, schildert die Lebensumstände, den Alltag und die gesellschaftlichen Änderungen. Um zu verstehen, wie Margaret Hardenbroeck in Nieuw Amsterdam eine erfolgreiche Pelzhändlerin werden konnte, erläutert die Autorin die gesellschaftliche Situation von Frauen in Holland im 17. Jahrhundert: Erb- und Eherecht, Bildungs- und Berufsmöglichkeiten – alles für Frauen auf Jahrhunderte unerreichbare Freiheiten, nachdem die Engländer New York übernommen hatten. Das hat aber die Nachfahrinnen Margarets nicht gehindert, ihrerseits erfolgreich zu sein.

Biberpelze waren die Grundlage für Margarets Reichtum - ihr Haar wurde für Hüte in EUropa benötigt. Foto: Bredhorn, Jens/pixelio.de

Biberpelze waren die Grundlage für Margarets Reichtum – die Pelze  wurden für Hüte in Europa benötigt. Foto: Bredhorn, Jens/pixelio.de

Eine Karte von Manhattan aus dem Jahr 1660 (da war es noch holländisch) zeigt detailliert die Bebauung mit den unterschiedlichen Häusern und den Gärten, mit den Befestigungsanlagen und dem Hafen. Der natürliche Hafen New Yorks und der Zugang zum Hinterland über den Hudson waren der Grund dafür, dass England die holländische Kolonie an sich riss. Anfangs wurden – zumindest auf dem Papier – holländische Gebräuche und Rechte zugestanden; doch Margaret musst sehr schnell feststellen, dass sie unter englischer Herrschaft nicht mehr alleinverantwortlich handeln durfte – ihr Mann galt als einziger geschäftsfähiger Vertreter.

Jean Zimmerman verfolgt die Geschicke der Familie bis zur Unabhängigkeit der USA von England – der erneute Umbruch führt die ursprünglich holländische Familie nach England – nur ein Bild ist geblieben von dem prächtigen Herrenhaus nahe New York.

Ach übrigens: Margaret selbst ist in Elberfeld geboren. Ihre Eltern zogen mit dem Kleinkind aus wirtschaftlichen Gründen nach Amsterdam, von wo aus sie als Bevollmächtigte ihres Vetters nach Nieuw Amsterdam reiste.

Es ist ein faszinierendes Buch mit erstaunlichen Einzelheiten über die amerikanische Geschichte und die Geschichte von Geschäftsfrauen – leider ist es (noch?) nicht auf deutsch erschienen. Jean Zimmerman schildert die Lebensumstände von Margaret und ihrer Familie lebhaft und nachvollziehbar und schafft es locker, von den vielen Einzelheiten wieder zum Hauptstrang ihrer Erzählung zurückzukehren. Die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis umfassen Titel aus sehr unterschiedlichen Bereichen – Jean Zimmerman hat offensichtlich sorgfältig recherchiert. Und daraus ein unterhaltsames und informatives Buch geschaffen.

English Summary

I’ve bought this book while I was in America last summer. “How a colonial She-Merchant built a Mansion, a Fortune and a Dynasty” was so interesting a subtitle, that I’ve started the book immediatly. It’s the story of a woman in Nieuw Amsterdam, later called New York, working as merchant of pelts and growing more and more a wealthy woman by her own skills. She and her offsprings had been a very successful family during more than one century – Jean Zimmerman desbribes this period vivid and informative.

Jean Zimmerman: The Women of the House, Harcourt Books, Orlando Austin New York, 2006, ISBN: 9780156032247

Von Ratlosen und Löwenherzen von Rebecca Gablé

Tja, bei Frau Gablé kann man lernen, dass “unready” nicht “unfertig” sondern “unberaten” oder eben “ratlos” bedeutet. Das mit dem Löwenherzen kann man in der Regel schon eher zuordnen. Auf rund 230 Seiten fasst Rebecca Gablé in ihrem Buch “Von Ratlosen und Löwenherzen” übersichtlich, kenntnisreich und unterhaltsam die englische Geschichte von 450 bis 1485 zusammen.

Für mich ist ihr Stil immer ein bisschen so, als säße mir eine nette Bekannte gegenüber, die mir lebhaft und begeistert was erzählt. Hier eben englisches Mittelalter. Weiterlesen

Mrs. Alis unpassende Leidenschaft von Helen Simonson

Major a. D. Ernest Pettigrew hat in einem Anruf seiner Schwägerin vom Tod seines Bruders erfahren. Als es klingelt und er öffnet, steht Mrs. Ali, die Besitzerin des Dorfladens vor seiner Tür, um das Geld für die Zeitung zu kassieren. Vor ihren Augen klappt der alte Mann zusammen und sie handelt: Sie bugsiert ihn ins Haus, brüht Tee auf und die beiden unterhalten sich. Beide sind verwitwet und gestehen einander, dass sie manchmal in Kleidung schlüpfen, die der verstorbene Mensch gern trug. Verlegen vertröpfelt das Gespräch. Zemanta Related Posts Thumbnail Weiterlesen