O Heiland reiß die Himmel auf – Friedrich von Spees Adventslied

O Heiland reiß die Himmel auf – Friedrich von Spees Adventslied

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Bevor ich mich dem Text zuwende und das Lied betrachte, möchte ich ein paar historische und sonstige Informationen dazu loswerden:

Das Lied ist im 17. Jahrhundert zuerst anonym erschienen in einer Sammlung mit 26 anderen Liedern, die alle Friedrich von Spee zugeschrieben wurden. Es handelte sich um eine Art „gesungenen Katechismus“. Diesem Lied „O Heiland reiß die Himmel auf“ war die Erklärung vorangestellt „Wie sehr die heiligen Propheten und Patriarchen Christus ersehnten, was Jesaja davon prophezeit hat und was im Alten Testament an Figuren von ihm abgebildet war“. (Ich habe den sehr barocken umständlichen Text auf eine verständliche Form gekürzt …) (Quelle: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, hg. v. Hansjakob Becker u.a., C. H. Beck Verlag, München, 2001, ISBN: 3406480942 , S. 181f)

Dieser gesungene Katechismus war ein großer Erfolg. Die Jesuiten, die sich seiner bedienten, waren damit sehr zufrieden. Es ist ja auch heute unbestritten, dass sich gesungene Inhalte besser einprägen – bitten Sie mal jemanden, einen Text auswendig aufzusagen und im Gegenzug dann, ein Lied zu singen …

Frspee
Zeitgenössisches Portät von Friedrich von Spee
Friedrich von Spee war ein ganz besonderer Zeitgenosse. Er war Jesuit und war während der Hexenprozesse im Rhein-Main-Gebiet tätig, wo es sehr viele davon gab. Entgegen der damals landläufigen Meinung gelangte er zu der Überzeugung, dass Folter kein geeignetes Mittel zur Wahrheitsfindung sei und schrieb die Cautio Criminalis – ein Buch, in dem er sowohl gegen die Folter als auch gegen den Hexenglauben allgemein sprach. Eine gefährliche Sache – ihm drohte zumindest der Ausschluss aus dem Orden.

Ansonsten war er auch noch Lyriker und geistlicher Schriftsteller – so sind einige seiner Lieder immer noch im Gebrauch – eben auch „O Heiland reiß die Himmel auf“.

Nun also endlich zum Lied selber.

Ist Ihnen aufgefallen, wie energiegeladen die erste Strophe daherkommt? Dreimal haben wir die Aufforderung „reiß“ – die Himmel sollen aufgerissen werden, Tor und Tür ebenso, Schloss und Riegel gar abgerissen. Das ist ja fast gewalttätig.

In dieser Energie, ja, Leidenschaft kommt die Sehnsucht zum Ausdruck, dass Gott handele, dass der Heiland dringend erwartet wird. Da ist keine Besinnlichkeit, wie wir sie für die Adventszeit reklamieren.

Etwas zahmer kommen die beiden nächsten Strophen daher: Tau, der vom Himmel gegossen werden soll – das energischste Bild ist hier das von den Wolken, die brechen sollen. Wolkenbruch war ja bis vor ein paar Jahren noch ein gängiger Ausdruck für das, was heute Starkregen heißt – ein plastisches Bild dafür, was den heftigen Regen verursacht.

Die Bilder sind eindeutig der Hebräischen Bibel zuzuordnen:

Das Blümlein ist das Röslein, von dem ein anderes Adventslied spricht: „Es ist ein Ros entsprungen“, der Tau stammt wie einige andere Referenzstellen aus dem 45. Kapitel bei Jesaja „Tauet ihr Himmel und die Wolken mögen den Gerechten regnen“. Aber auch das Aufreißen der Himmel geht auf Jesaja zurück: „O dass Du die Himmel zerrissest und führest herab“ – dazu gibt es auch einen wunderschönen Kanon. Gott spricht bei Jesaja auch davon, Pforten und Riegel zu zerbrechen.

Friedrich von Spee kannte also die Texte der Hebräischen Bibel, die von Christinnen und Christen auf Jesus bezogen wurden. Und er kannte die Liturgie seiner Zeit – z. B. die „O-Rufe“, die sich an Christus richten, gehörten (und gehören) zur Adventsliturgie.

Also kann man sagen: Die ersten drei Strophen bilden den Teil des Liedes, in dem die Sehnsucht nach dem Erlöser zum Ausdruck kommt in Bildern, die v. a. im Jesajabuch geprägt wurden.

Wenn Sie sich den Text genau anschauen, werden Sie feststellen, dass hier Weihnachten noch erwartet wird. Es ist keine Gewissheit, keine Erfahrung des Heilsgeschehens von Weihnachten darin zu finden. In dem einleitenden Text zum Lied in der Erstveröffentlichung war ja davon die Rede, dass hier die Sehnsucht  derer  zum Ausdruck kommt, die den Messias erwarten.

Ach, dass Du die Himmel zerrissest ... Foto: Lupo/pixelio.de
Ach, dass Du die Himmel zerrissest …
Foto: Lupo/pixelio.de

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Der zweite Teil besteht wiederum aus drei Strophen. Und hier wird der Grund für diese Sehnsucht genannt: Die Welt ist nicht in Ordnung – sie ist ein Jammertal, wir – Friedrich von Spee schließt sich und alle Hörerinnen mit ein – leben in Finsternis, im Angesicht von Not und Tod.

Auch hier bezieht sich Friedrich von Spee auf liturgische und biblische Texte. Hier sind die Zitate nicht so eindeutig, fast wörtlich, wie in den ersten Strophen – und es gibt auch Bezüge zum Neuen Testament:

Der Trost kommt auch bei Jesaja vor „Tröstet. tröstet mein Volk“ – in der katholischen Liturgie gibt es in der Adventszeit aber auch ein Pauluszitat mit Auslegung dieser Jesaja-Stelle. Der Vergleich „Gott = Sonne“ kommt in Psalmen vor:  „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ – so heißt auch eine Kantate von Johann Sebastian Bach. Das Vaterland ganz am Ende kennt man dann aus dem Hebräerbrief. Das sind jetzt nur ein paar wenige Belege dafür, wie eng Friedrich von Spee seinen Text an Bibel und Liturgie geheftet hat.

Hier wird die Dringlichkeit begründet, die vorher in den Aufforderungen „reiß“, „spring“ und „schlag aus“ zu spüren war: Die Ankunft Gottes auf der Erde ist nötig, dringend nötig. Welche Not Friedrich von Spee da direkt vor Augen stand, können wir nicht wissen. Vielleicht wirklich auch die Not der Frauen, die als Hexen grausam gefoltert und getötet wurden? Vielleicht auch einfach „nur“ die Unerlöstheit im Alltag.

Die kennen wohl alle Christinnen und Christen – das Gefühl des Gerettetseins, des Aufgehobenseins in Gottes Gegenwart ist nichts, was uns ständig begleitet und trägt. Immer wieder drängt de Alltag mit seinen Problemen in den Vordergrund: Ärger im Kollegenkreis, Kummer in der Familie, Streit in der Nachbarschaft, der Blick auf die Probleme unserer Zeit – die Liste ist lang.

Jedes Jahr feiern wir Weihnachten. Jedes Jahr gehen wir durch die Adventszeit. Jedes Jahr haben wir die Möglichkeit, uns die Ankunft Gottes in der Welt, die Geburt Jesu vor Augen zu führen. Bei vielen Menschen geht dieser Aspekt wegen der Fragen um Geschenke und Verwandtenbesuche ein bisschen oder auch ganz unter. Oder interessieert sie schlicht nicht.

Wir wissen – und Friedrich von Spee und seine Zeitgenossen wussten es auch -, dass es Weihnachten gibt, dass Jesus geboren wurde, dass Gott in seiner Sehnsucht nach den Menschen in Jesus seine Gegenwart lebendig werden ließ. Und doch hat Friedrich von Spee ein Lied geschrieben, als wisse er nichts davon. Ein Lied, das in sich eine ungeheure Spannung birgt. Die Spannung derer, die sich nach Erlösung sehnen und sich nicht sicher sein können, dass sie auch kommt.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Du schöner Stern Foto: Andreas Hermsdorf/pixelio.de
Du schöner Stern
Foto: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

Im evangelsichen Gesangbuch findet sich nun noch eine 7. Strophe – die nehme ich jetzt nur zur Abgrenzung dazu: Diese Strophe ist nicht von Friedrich von Spee.

Die große Spannung des Textes, die darin enthaltene Unsicherheit, hat dazu geführt, dass im Laufe der Zeit Änderungen und Ergänzungen dieses Liedes in Umlauf kamen. Das nahm streckenweise schon groteske Formen an – im 19. Jahrhundert gab es eine Version mit 12 Strophen, wo schon in der ersten Strophe die Radikalität des Originals gemildert wird „O Heiland tu den Himmel auf“ … (Alle Sachinformationen beruhen weiterhin auf dem Geistlichen Wunderhorn, s. o.)

Diese siebte Strophe versucht die Versöhnung zwischen der offenen, sehnsuchtsvollen, dringlichen Erwartung mit ihrer fehlenden Sicherheit und dem gebotenen Lobpreis Gottes in der frohen Zeit der sicheren Erwartung, als der der Advent ja auch heute noch gilt; sprich: David Gregor Corner, so ihr Texter, hat die Perspektive gewechselt – aus der Position derer, die Weihnachten nicht kennen und sich nach Erlösung sehnen, ist er in die der Christinnen und Christen seiner Zeit geschlüpft und hat aller Unsicherheit der vorhergehenden Strophen zum Trotz einen Dank für die Rettung eingearbeitet, derer er sicher ist.

Für mich ist die offene Originalversion, wie sagt man heut: authentischer. Denn obwohl wir so viel über Jesus wissen, manche an ihn und die Erlösung glauben – im alltäglichen Leben fühle ich mich oft nicht erlöst. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber oft ist es doch so, dass der christliche Erlösungsgedanke keine Rolle in unserem Alltag spielt – nicht wenn wir putzen oder unterrichten oder einkaufen und auch nicht im Umgang mit den Menschen, die unseren Weg kreuzen. Böse gesagt, ist die Sicherheit der Gnade Gottes Grund dafür, dass wir unser „erlöstes“ Handeln gern mal aufschieben. Im Moment ist anderes wichtiger.

Es fehlt unserer Sehnsucht nach spürbarer Erlösung die starke Leidenschaft, die in Friedrich von Spees Text spürbar wird. Um mich an sie zu erinnern, lasse ich die siebte Strophe dann lieber weg.

Der Text entspricht im Großen und Ganzen meiner Predigt vom 15.12.2013 in Köln-Holweide.

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