Christian Morgenstern von Jochen Schimmang

rp_Rubrik-Biographie-300x200.jpg“Es war einmal ein Lattenzaun”, “Ein Wiesel saß auf einem Kiesel” – wer kennt sie nicht, die schrägen Gedichte von Christian Morgenstern? Aber wer kennt den Menschen, der sie geschrieben hat? Jochen Schimmang stellt ihn in seiner Biographie vor. Ausführlich und manchmal etwas ausufernd. So streut er in die Biographie Exkurse ein, die spezielle Aspekte des Lebens von Christian Morgenstern erläutern helfen sollen: Morgenstern als “Jünger”, erst von Nietzsche, dann von Paul Lagarde und zum Schluss von Rudolf Steiner, aber auch zu anderen wichtigen Personen seines Umfelds: Maximlilian Harden, die Cassirers, zur Gesellschaft der Kaiserzeit oder zu Morgensterns Verhältnis zu Frauen.

Jochen Schminag wendet viel Zeit auf, um den unbekannten Morgenstern zu präsentieren: den Übersetzer Ibsens z. B., der mit einer seltenen Begabung Norwegisch erst kurz zuvor erlernte. Morgenstern war in Norwegen, lernte Ibsen selber kennen und der war von der Übersetzung des jungen Mannes sehr angetan – das Gesamtwerk des norwegischen Autors zu übersetzen, war eine mehrjährige Aufgabe, an der Christian Morgenstern großen Anteil hatte. Den Zeitgenossen, der in der ersten längeren Friedensperiode aufwuchs, die technische und gesellschaftliche Umbrüche mit sich brachte. Den Mann, der erst spät die Gefährtin fürs Leben fand.

Christian Morgenstern 18

Christian Morgenstern im Alter von 18 Jahren – schon damals gerne gut gekleidet.

Christian Morgenstern war ein kranker Mann sein ganzes, eher kurzes Leben lang. Bei seiner Mutter, die in seiner Kindheit an Tuberkulose starb, hat er sich angesteckt. Die Folge war, dass er ständig reiste – immer auf der Suche nach einer ihm bekömmlichen Luft. So heiter, wie man vermuten könnte, wenn man seine Galgenlieder als Ausdruck seiner Person nimmt, war er nicht. Jochen Schimmang öffnet einen Zugang zu diesen vor allem als Jux verstandnen Gedichten: Sie sind subversiv – sie sind Sprachkritik. Dabei spielt die Form der Gedichte eine besondere Rolle.

Jochen Schimmags Buch ist eine Biographie, die durchaus persönlich daherkommt. Ein paar Elemente haben mich ein wenig gestört: Die Exkurse hätten, evtl. etwas gekürzt, auch im normalen Text Platz finden können – schließlich stellt Jochen Schimmang im Text auch sonst Zeitumstände oder Personen ausführlich vor. Sie in kleinerer Schrift zu drucken, ist bei ihrer Länge über mehrere Seiten nicht lesefreundlich. Andererseits kommen dann Sätze, in denen Jochen Schimmang darauf hinweist, etwas nicht ausführen zu können, weil es zu viel Raum einnähme, in meinen Augen etwas willkürlich daher. Es ist also keine Biographie wie viele andere – ein sehr eigenes Buch von einem eigenwilligen Autor über einen sehr eigenen Menschen, der übrigens heute vor 100 Jahren seiner Lungenkrakheit erlag, sechs Wochen vor seinem 43. Geburtstag.

Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biographie, Residenz Verlag, St. Pölten, 2013, ISBN: 9783701732630

Am 2.4. gibt’s bei Baudach nicht nur Buchvorstellungen

Ich freu mich ja schon auf den 2.4., wenn ich ab 19:30 Uhr in der Buchhandlung Baudach auch zwei Bücher vorstellen darf. Was ich heute erst auf dem Plakat gesehen habe: Es gibt auch was dazu!

Bewirtung bei der Vorstellung von Neuerscheinungen - ich bin begeistert!

Bewirtung bei der Vorstellung von Neuerscheinungen – ich bin begeistert!

Wer also dabei sein will: Bei Buchhandlung Baudach anrufen und anmelden: 0221 681425 😉

Projekt Gutenberg-Bücher ins ePub-Format bringen

Gutenberg

Von den heutigen Möglichkeiten hätte Johannes Gutenberg bei seiner revolutionären Entwicklung noch nicht einmal träumen können.

Das ist mal ein wirkliches Hilfsmittel:

Mit ePub2go können Sie die umfangreichen Seiten der Projekt Gutenberg-Samlung bei Spiegel.de ins ePub-Format umwandeln. So können Sie die Klassiker von dort bequem auf Ihrem E-Reader lesen. Das Format ist ja sonst ein bisschen unhandlich.

 

Ostende 1936 von Volker Weidermann

Stefan Zweig in Ostende – das erste, was mir dazu einfiel, war der Sommer 1914. Damals war er auch dort, als der erste Weltkrieg ausbrach. Und konnte nicht glauben, dass seine europäische Welt in Trümmer fiel. Er blieb bis zum letzten Moment in Belgien. Ich kannte diese Szene aus seiner Autobiographie “Die Welt von gestern” – Volker Weidermann schildert das alles noch mal am Anfang seines Buches über den Sommer 1936. So führt er uns an die Stimmung Stefan Zweigs heran, der sich 1936 – erneut – darüber klar werden, musste, dass seine Welt zerbrach. Er hatte sein Haus aufgegeben, seine Handschriftensammlung verkauft, seine Ehe mit Friederike war zerbrochen – er hatte keine Heimat mehr. Zemanta Related Posts Thumbnail

Der Untertitel “Sommer der Freundschaft” macht schon klar – es bleibt nicht bei Stefan Zweig dort in Ostende. Weiterlesen

Indiebookday 2014: Die letzten Tage von Stefan Zweig

schriftzug_und_stern_grossSeit ich eine Vorstellung dieses Buchs gelesen hatte, hatte ich vor, genau dieses heute zu kaufen. Ich habe mich früher mal durch alle Bücher – Romane udn Biographien und Novellen – von Stefan Zweig gefressen und habe ihn geliebt; auch heute noch schaue ich gern in das eine oder andere Werk von ihm. Bitte sehr:

Firsch erstanden und schon durchgeschmökert: Die letzten Tage von Stefan Zweig aus dem Verlag Jacoby & Stuart von 2012

Firsch erstanden und schon durchgeschmökert: Die letzten Tage von Stefan Zweig aus dem Verlag Jacoby & Stuart von 2012. Foto: Christian Baller

Guillaume Sorel, Laurent Seksik: Die letzten Tage von Stefan Zweig, aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, Berlin 2012, ISBN: 9783941787780

 

Sibylle Lewitscharoff in Köln

Die Lit.Cologne hat Sibylle Lewitscharoff nach ihrer Dresdener Rede am 2.3. nicht ausgeladen. Die Veranstalter haben die Rede und die Reaktionen darauf aber auch nicht übergangen. Gestern Abend hat Bettina Böttinger mit Frau Lewitscharoff über die Inhalte diskutiert. Fazit: Sibylle Lewitscharoff steht nach wie vor zu ihren Aussagen; das Einzige, was sie zurücknehmen würde, wäre der Begriff “Halbwesen” – nicht weil er Menschen verletzt, oder das nur am Rande,  sondern weil er nicht genau ausdrückte, was sie meint. Damit wäre dann auch der Gedanke vom Tisch, da sei irgendein Gaul mit der sprachbewusssten Autorin durchgegangen.

Ihre Vergleiche mit der Nazizeit – sowohl, was die vergleichsweise Harmlosigkeit der “Kopulationsheime” ggenüber jeder Form künstlicher Befruchtung, als auch, was die von ihr postulierte Bewunderung der Frauenbewegung z. B. für Leni Riefenstahl betrifft – hat sie bekräftigt. Argumentationsgrundlage: Eigene Erfahrung.

Ich wäre zwischendurch auch gern gegangen, wie es viele getan haben, denn ich fand diese Frau da vorne mit ihren selbstsicher und überzeugt vorgetragenen Aussagen sehr erschreckend. Aber wir hatten beschlossen, dass wir das aushalten … Weiterlesen

Gedicht zum Tag: Will dir den Frühling zeigen von Rainer Maria Rilke

Will dir den Frühling zeigen rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x150111111.jpg

Will dir den Frühling zeigen,
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten –
dürfen ihn einmal sehn.

Rainer Maria Rilke

Das Zeitalter der Erschöpfung von Wolfgang Martynkewicz

rp_Bild-Sachbücher-150x1501.jpgErschöpfung heißt heute Burnout und ist in aller Munde. Ratgeberbücher füllen Regalmeter, Kurse zur Entschleunigung boomen. Das Hier und Jetzt ist das Zeitalter der Erschöpfung – oder? Wolfgang Martynkewicz nimmt in seinem Buch aber nicht das frühe 21. sondern das frühe 20. Jahrhundert (mit Teilen des späten 19.) in den Blick. Damals hieß es nicht Burnout sondern Neurasthenie. Da im 19. Jahrhundert gerade der tätige, sportliche, strebsame Mensch zum Ideal geworden war, war alles, was dieser Norm nicht entsprach therapiebedürftig. Kaum zu glauben, aber schon Otto von Bismarck, die Verkörperung von Durchsetzungskraft und Entschiedenheit, hatte mit geistiger Erschöpfung, ja Weinkrämpfen zu kämpfen. Weiterlesen

Mein E-Reader und ich

Ja, seit Weihnachten habe ich auch so ein elektronisches Ding, um zu lesen – der E-Reader lag unterm Weihnachtsbaum. Bildlich gesprochen musste er dort auch eine Weile bleiben, weil mich die Bücher zum “Thema 1914” beschäftigten – und die hatte ich ja alle als Druck-Exemplare im Haus.

Doch so Mitte Februar hatte ich dann Zeit und Titel genug, um das Gerät auszuprobieren.

Ein Vorteil ist ganz klar das Gewicht. Da habe ich einen Mehr-als-500-Seiten-Schinken, den es sonst nur gebunden gäbe und somit entsprechend “gewichtig” – und das schmale Gerät wiegt kein Gamm mehr als vorher 😉 . Ein anderer Vorteil (eng verwandt mit dem ersten) – so ein E-Reader nimmt im Regal keinen Platz weg … Da ich ein beleuchtbares Exemplar mein eigen nenne, habe ich zudem den Vorteil, auch bei schlechten Lichtverhältnissen bequem lesen zu können. Die Nachteile beim Bildschirmlesen, die sonst die Augen so anstrengen, fallen hier ebenfalls weg – das Erscheinungsbild ist dem von Papier sehr ähnlich. (Und nein, es ist kein Kindle; mehr sage ich aber zu dem Produkt nicht – mir geht es mehr um allgemeine Erfahrung.)

Und wo bleibt das Negative?

Kommt schon – und ehrlich gesagt nicht zu knapp.

Wenn ich die voreingestellte Schriftgröße belasse, benötige ich für eine Druckseite drei bis vier E-Book-Reader-Seiten (kommt auf das Format der Print-Ausgabe an). Ehrlich gesagt, nervt mich das ziemlich. Vor allem weil es eben doch immer mal passiert, dass das Gerät verzögert reagiert und ich dann ggfs. schon ein zweites Mal “geblättert” und somit im Endeffekt eine Teil-Seite überblättert habe. Stelle ich eine geringere Schriftgröße ein, kann die Bequemlichkeit des Lesens leiden.

Dog-ear

Was bei uns Eselsohr heißt, ist im Englischen ein Dog-Ear. Foto: Derbeth

Zum Blättern allgemein: Das haptische Erlebnis ist beim E-Reader quasi Null. Punkt. Auch das mit zunehmender Spannung verbundene Schnellerwerden beim Blättern entfällt. Vor- und Zurückblättern kann ich mit der Funktion “Gehe zu Seite …” ersetzen – aber nur, wenn ich mir die Seitenzahl wenigstens so ungefähr gemerkt habe. Und das bei drei E-Reader-Seiten pro Druckseite? Utopisch! Es gibt zwar eine Markierungsfunktion – aber ich finde sie bei weitem nicht so einfach wie ein – sorry, aber ich tus wirklich! – Eselsohr oder einen raschen Strich am Rand.

Fazit: So ein E-Reader ist ein tolles Gerät, um Bücher zu speichern, um ohne großen Aufwand sehr viele Titel griffbereit zu haben, ja. Aber das “Leseerlebnis” mit Anfassen,  Markierern, Vor-und Zurückblättern und manchmal auch Bekrümeln 😉 ist futsch. Deshalb werde ich das Ding nicht wieder wegtun – es tut gute Dienste. Aber wenn mir nach Schmökern für die Seele ist, dann wird es wohl – noch lange Zeit – ein “echtes” Buch sein müssen.