Taube Nuss von Alexander Görsdorf

“Du mnamorambargh oder waran?”

Haben Sie das verstanden?

Dann vielleicht: “Hallo, schmannoaak. Ich bringamaotaft larks, michein?”

Auch nicht?

Dann geht es Ihnen wie Alexander Görsdorf. Das ist es nämlich, was er jahrelang hörte: Unverständliche Wortpartikel, manchmal nur Konsonanten – nichts, was der Kommunikation diente. Weiterlesen

Von Ratlosen und Löwenherzen von Rebecca Gablé

Tja, bei Frau Gablé kann man lernen, dass “unready” nicht “unfertig” sondern “unberaten” oder eben “ratlos” bedeutet. Das mit dem Löwenherzen kann man in der Regel schon eher zuordnen. Auf rund 230 Seiten fasst Rebecca Gablé in ihrem Buch “Von Ratlosen und Löwenherzen” übersichtlich, kenntnisreich und unterhaltsam die englische Geschichte von 450 bis 1485 zusammen.

Für mich ist ihr Stil immer ein bisschen so, als säße mir eine nette Bekannte gegenüber, die mir lebhaft und begeistert was erzählt. Hier eben englisches Mittelalter. Weiterlesen

Gedicht zum Tag: Musik im Mirabell von Georg Trakl

Musik im Mirabell

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau die weißen zarten.
Bedächtig stille Menschen gehn
Am Abend durch den alten Garten. Zemanta Related Posts Thumbnail

Der Ahnen Marmor ist ergraut
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offene Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Opaliger Dunst webt über das Gras
Ein Teppich von verwelkten Düften.
Im Brunnen schimmert wie grünes Glas
Die Mondessichel in frierenden Lüften.

Georg Trakl

Seelenfutter von Susanne Bodensteienr und Sabine Schlimm

Der Herbst ist ja so eine Zeit: schön, wenn die Sonne scheint und die Blätter rascheln, aber wehe, es regnet oder stürmt. Dann macht uns die Dunkelheit zu schaffen. Blues ist angesagt.

Oder liegt es umgekehrt nur an unserer Verfassung, wie wir auf das Wetter reagieren? Schießlich gibt es auch Menschen, die Sturm und Regen toll finden …

Wie auch immer: Passend zu dieser Jahreszeit mit den sprichwörtlichen Novermbertiefs ist bei Gräfe und Unzer ein Kochbuch erschienen, das Abhilfe verspricht. “Seelenfutter” heißt es und im Untertitel steht das Versprechen: “Rezepte, die glücklich machen”.  Weiterlesen

Gott ist kein Zigarettenautomat von Matthias Gerhards

Ein Erstlingsroman mit ungewohntem Einstieg: Big Bang – und was sich daraus entwickelt. Besonders in dem Gebiet, das Mitte der 80er als Braunkohletagebaugebiet von seinen Einwohnern verlassen werden musste. Mitten drin der 14jährige Thomas Sieben. Der Bruder wird tot im Bach gefunden, die Schwester geht eigene Wege, die Mutter ist eine alkoholkranke Messie-Frau und der Vater schon vor Jahren verschollen. Thomas kennt nur Kampf: gegen Missachtung, gegen „Glatzen“ und vor dem Sozialamt den endlosen Kampf mit der Behörde um das Geld für die Familie. Der Tod des Bruders bringt alles durcheinander und gegen Ende steht Thomas völlig allein am Rand des Tagebaus und überlegt, zu springen. Weiterlesen

Oral Poetry am Beispiel von “Graf und Nonne”

Ein Kennzeichen mündlich überlieferter Literatur ist die Fülle an Varianten: In jeder Region, die ein Lied kennt, gibt es unterschiedliche Wortstellungen, manchmal andere Vokabeln, Strophen werden umgestellt, es findet sich ein überraschend anderer Schluss – es gibt halt keinen fixierten Text.

Am Beispiel des Liedes von “Graf und Nonne” möchte ich Ihnen das einmal exemplarisch vorführen:

Graf und Nonne

Hier handelt es sich um zwei lange Versionen eines der best belegten Erzähllieder im deutschsprachigen Raum. Es gibt auch niederländische Varianten und eine ungarische. Das Deutsche Volksliedarchiv hat einige Varianten online gestellt.

Niederländisch beginnt das Lied so:

Toen ik op Neerlands bergjes stond

Keek ik het zeegat in

Daar zag ik een scheepje zeilen

Daar zateen drie riutertjes in

 

Het allerliefster ruitertje

Dat in dem scheepje zat

Ze boten mij een te drinken

‘twas koele wijn uit her vat

Klingt ein bisschen ironisch, oder – “op Neerlands bergjes”?

Eine Variante beginnt auch mit “Wir Nonnen auf hohem Berge” – der weitere Verlauf handelt dann aber von einer Person und endet mit dem Mord an der Nonne – der Schluss  kommt gar nicht so selten vor. Wichtige Elemente der Geschichte sind die Strophen, in denen ein Geschehen einsetzt:

  • die Bergstrophe leitet die Geschichte ein
  • die Wein- oder Ringstrophe stellt die Beziehung zwischen ungleichen Partner her
  • die Traumstrophe initiiert die Sattelstrophe oder eine andere Art von Aufbruch
  • die Sattelstrophe bringt heftige Bewegung  ins Spiel
  • die (zweite) Weinstrophe kann in unterschiedliche Richtungen führen, markiert aber auf jeden Fall den Anfang vom Ende

Nicht alle Strophen kommen in allen Varianten vor – diese formal festgelegten Strophen, die teilweise auch in anderen Liedern ähnlich gesungen werden, sind mnemotechnische Hilfsmittel; sie wirken wie Landmarken, von wo aus man weiß: Hier gehts jetzt weiter. Und sie sind auch die Punkte, an denen die Geschichte eine neue Wendung nehmen kann; somit mitverantwortlich für die Varinantenfülle.

Neben den Links zu Beiträgen zu “Graf und Nonne” im Internet (Monika Schmid, Wikipedia, s. o. in den Links) habe ich meine Beispiele aus:

Holzapfel, Otto (Hrsg.): Deutsche Volkslieder und ihre Melodien/Balladen, Bd. 8, Graf und Nonne, Freiburg i. Br. 198

Gedicht zum Tag – Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn

Da die Verschriftlichung von Volksliedern dem Prinzip der Oral Poetry im Grunde widerspricht, ist es nicht leicht, einen Text zu finden, der tatsächlich mündlich tradiert wurde. Das hier dürfte dem Anspruch genügen:

Spannenlanger Hansel Zemanta Related Posts Thumbnail

“Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn,
geh’n wir in den Garten, schütteln wir die Birn’.
Schüttel ich die großen, schüttelst du die klein’n,
wenn das Säckchen voll ist, geh’n wir wieder heim.”
“Lauf doch nicht so eilig, spannenlanger Hans!
Ich verlier’ die Birnen und die Schuh’ noch ganz.”
“Trägst ja nur die kleinen, nudeldicke Dirn,
und ich schlepp’ den schweren Sack mit den großen Birn.”

Volkslied

Jüdische Miniaturen aus dem Verlag Hentrich & Hentrich

Im Juli habe ich beim Literaturblog “Duftender Doppelpunkt” ein Päckchen mit Büchern aus dem Verlag Hentrich & Hentrich gewonnen.

Jüdische Miniaturen - mein Gewinn vom Sommer.

Jüdische Miniaturen – mein Gewinn vom Sommer.

Nun ist es mal Zeit, meine Meinung dazu abzugeben. Ich finde sie nämlich ziemlich genial. Rund 60 Seiten umfassen sie in dem kleinen Format,. Sie sind gut bebildert – der Text ist also eher knapp. Das macht diese Hefte/Bücher zu idealen Schnell-mal-was-nachschlagen-Medien. Der Fall Dreyfuss z. B. wird hier knapp und eindrücklich zusammengefasst. Ebenso das Leben und Wirken anderer Personen, in meinem Fall: Anna Seghers, Selma Stern und Rahel Hirsch. Letzter war die erste Medizinprofessorin Preußens – hier bekommt die Leserin auch gleich einen Einblick in die Frauen(aus)bildung zu Ende des 19. Jahrhunderts. Erstaunlich,was in so ein kleines Buch alles reinpasst, wenns gut gemacht ist.

Der Verlag Hentrich & Hentrich in Berlin hat sich auf jüdische Kultur und Zeitgeschichte spezialisiert. Da gibt es unterschiedliche Memoiren, Kinderbücher und Regionalia. Als einziges Buch mit religiösem Bezug findet sich im Programm die  Pesssach Haggada – es handlt sich um einen Kunstband. Hier werden mittelalterliche Illustrationen als Faksimile wiedergegeben.

Das Programm des Verlags ist durchaus breit – es lohnt sich, im Verzeichnis mal ein bisschen zu blättern.

Die Zugvögel von Erika Mann

Der Fund vom ersten Band dieser kleinen Kinderbuchreihe von Erika Mann in Dellbrück war Anlass, das Buch selbst noch mal zu lesen.

Wie in der Verlagsankündigung im Schneiderbuch zu lesen, besteht die Reihe aus vier Teilen. Sie schildern, wie Till Petersen ein Zugvogel wird, wie das Leben in diesem Knabenchor abläuft und – in den beiden letzten Teilen – die Europafahrt des Chores. Und hier kommt dann eben die Sache mit der Horizonterweiterung ins Spiel: Es werden Städte und ihre Sehenswürdigkeiten geschildert, klar. Aber auch Begegnungen mit Menschen in England, Holland, Schweden oder Italien. In dem Zusammenhang ist besonders die Szene in Holland sehr nett, in der einige Zugvögel ein paar holländischen Kindern helfen, dem Polizisten zu entkommen. Manuel für Kinderbücher von Heike Baller
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