Alte Bekannte – neue Liebschaften von Sybil G. Brinton

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgDen Anfang ihres Buches hat Sybil G. Brinton , bzw. ihr Übersetzer Dominik Fehrmann, als ein Art Zitat gestaltet:

Man darf wohl sagen, dass nahezu alle glücklich verheirateten Paare eines gemeinsam haben: Sie alle wünschen, ihre jungen Freunde in ebenso glücklichen Ehen zu sehen. (S. 11)

Ergebnis dieses Wunsches ist eine zu Beginn des Buches bereits stattgefundene Verlobung, die sich aber als nicht so glückverheißend erweist, wie erhofft. Es geht um Geogiana Darcy und ihren Cousin Robert Fitzwilliam. Gegen den anfänglichen Wunsch ihres Manns Darcy, sorgt Elizabeth Darcy, geborene Bennet, dafür, dass die Verbindung wieder gelöst wird. Der Einstieg ist mir damit etwas schwer gefallen, weil ich natürlich “Death comes to Pemberley” im Kopf hatte, wo ebenfalls eine Verbindung der beiden Figuren im Raum steht. Nachdem diese Episode aber abgespielt war, konnte ich mich unbefangen an die weitere Lektüre begeben.

Statt nun Bruder und Schwägerin mit dem Cousin auf ihrer Reise nach Bath zu begleiten, darf Georgiana zu Jane und Charles Bingley, während die drei anderen eben nach Bath reisen, wohin die gebieterische Tante Lady Catherine de Bourgh sie beordert – ihre einzige Chance, ihnen was zu befehlen, denn Elizabeth hat sich streng dagegen verwahrt, dass die Tante nach eigenem Gutdünken in Pemberley auftaucht. Jedes Jahr ist dieses Treffen und jedes Jahr macht Lady Catherine neue Bekanntschaften; als Darcy, Fitzwilliam und Elizabeth dieses Mal kommen, hat sie gerade einen Narren an Mrs. Robert Ferrars und ihrer Schwester Miss Anne Steele gefressen. Bei einem musikalischen Abend tritt Miss Mary Crawford als Harfenistin in Erscheinung und bezaubert Robert Fitzwilliam. Andere Bekannte aus früheren Jahren sind Mr. und Mrs. Wentworth und Lord und Lady Portincale, letztere eine geborene Tilney. Für den ersten Aufruhr sorgt Mr. Yates mit seinen Kenntnissen zu Miss Mary Crawford – es kommt zum Eklat (kann man sich ja denken, wenn Lady Catherine de Bourgh mitspielt).

Sybil G. Brinton ist so nett, am Anfang ihres Buches eine Liste der Personen und ihrer “Herkunft” aus den verschiedenen Romanen zur Verfügung zu stellen – ein beeindruckendes Verzeichnis. Und durchaus hilfreich.

Almack's Assembly Rooms inside

Gut, Pemberley mag keine Galerie für Musiker besitzen, aber sonst wird der dort stattfindende Ball wohl ähnlich ausgesehen haben.

Aufgrund der verschiedenen, schon bei Jane Austen eindeutig angelegten, Charaktere, ergeben sich Verwicklungen und neue Bekanntschaften. So viel sei verraten: Nach schweren inneren Kämpfen, einem Unfall und einigen Enttäuschungen gibt es am Ende drei neue Paare: Sowohl Georgiana Darcy, als auch ihre Schwägerin Kitty Bennet und Miss Mary Crawford finden ihren Partner. Wie es dazu kommt, das zu verfolgen, macht wirklich Freude. Sybil G. Brinton hat nicht die Pointiertheit ihres Vorbilds, verfällt logischerweise auch in Sprachgewohnheiten ihrer Zeit kann aber ebenfalls sehr charmant die Untiefen im gesellschaftlichen Umgang zeigen.

Das Buch von Sybil G. Brinton ist im Grunde klassische Fan-Fiction – nur eben schon über 100 Jahre alt :-) Die ansonsten völlig unbekannte Autorin hat 1913 diese Sammel-Fortsetzung der Romane von Jane Austen veröffentlicht – jedefalls dankt sie ihrer Freundin in einer  Vorbemerkung sehr herzlich dafür.

Leider gibt es ein paar Mängel im Lektorat, die das Lesen an einigen Stelle erschweren – es erschließt sich nicht immer, ob ein “sie” nicht eigentlich doch groß geschrieben gehört; doch mehr als ein Stutzen und kurzes Nachdenken erfordert es nicht – das Lesevergnügen wird nur geringfügig geschmälert.

Da Sybil G. Brinton über 70 Jahre tot ist, gibt es den Originaltext frei im Netz. Der parthas Verlag in Berlin hat eine schöne Ausgabe in deutscher Sprache vorgelegt. Ich hatte große Freude daran.

Sybil G. Brinto: Alte Bakennte – neue Lieschaften, übersetzt von Dominik Fehrmann, parthas Verlag, Berlin, 2017, ISBN: 9783869641096

Der parthas Verlag in Berlin gehört zu den unabhängigen Verlagen, so dass diese Rezension zu “We read indie” passt.

Und auch wenn das Buch selbst nicht von Jane Austen stammt, startet mit ihm meine kleine Blogreihe “Beloved Jane” – am 18. Juli 2017 jährt sich ihr Todestag zum 200. Mal. Auf Twitter: #belovedJane.

Dornenjahre von Eva-Maria Bast

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199.jpgHier nun bringt Eva-Maria Bast die Geschichten um Sophie, Johanna und Luise zu Ende. Und wie die Zeitläufte, in die sie ihre Protagonistinnen gesetzt hat, erwarten lassen, sind es nicht unbedingt Happy Endings für die einzelnen Frauen.

Nach einer Einführung in die bisher erzählten Geschichten beginnt Eva-Maria Bast mit einem emotionalen Schwergewicht: Eine Tochter findet nach rund 70 Jahren ihre Mutter wieder. Die Mutter ist Susanne, die Tochter Johannas und ihre Erzählungen geben nun Aufschluss über vieles, was in dieser weit´verzweigten Familie geschehen ist. Melissa und Mia haben sie in Paris gefunden.

Auch in diesem Teil der Familiengeschichte spielen außer- und voreheliche Liebesbeziehungen wieder ein große Rolle; vor allem, weil es sich um verbotene Beziehungen handelt: Juden und polnische Zwangsarbeiter als Partner deutscher Frauen sind unter der Nazi-Diktatur streng verboten. Um ihre Tochter und ihre Enkelin zu retten, verfällt die praktische Johanna auf eine Idee, die das Geschick dreier Generationen bestimmen wird: Das Baby, das da ankommen soll, soll als ihres gelten. Deshalb versöhnt sie sich mit Sebastian, ihrem Mann. Der gehört der Bekennenden Kirche an und arbeitet gegen die Nazis. Doch die Trennung von Mutter und Tochter _ also Susanna und Melassa – dauert länger als gedacht: erst 2014 gibt es das o. e. Treffen …

Franziska, die jüngste Schwester Johannas  wird im Laufe der Geschichte als Drahtzieherin vieler, ich möchte sagen “Schurkenstreiche” enttarnt (und ja, das ist die, die als alte Frau Mordanschläge verübt und Familiengeheminisse so halb lüftet). Ihr einziger weicher Punkt ist das Kind Melissa, angeblich ihre Nichte, tatsächlich aber ihre Großnichte.

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Auch die Befreiung von Paris kommt vor …

Luise hat sich in Ostpreußen ein neues Leben aufgebaut; der Krieg bringt ihr dann auch eine neue Liebe. Nur, Roman ist Pole, Zwangsarbeiter. Es ist also klar, dass mindestens eine der Protagonistinnen ins KZ muss, oder? So was fliegt ja immer auf. Übrigens taucht auch Irina wieder auf, die in Petrograd damals mit Luise und Johanna zusammentraf.

Sophie lebt zu Beginn der Handlung bereits einige Jahre mit Pierre in Paris – immer noch wird sie als Deutsche, als Feindin, wahrgenommen. Das wird mit den Nazis in Deutschland und den Flüchtlingen in Paris nicht besser. Erfüllung findet sie im Kampf gegen die Nazis und das Pétain-Regime. Sie und Pierre gehen mit einigen jungen Leuten (darunter auch ihr Neffe Robert, Susannes Bruder, als SS-Mann nach Paris gekommen) in den Untergrund der Résistance.

Susanne macht sich auf den Weg, Melissas Vater, den Sohn des Liebhabers ihrer Mutter (verwickelt, gelt?) zu finden – letztendlich schaffen sie es, nach Amerika zu kommen. Ihre Fluchtgefährten: Heinrich Mann und seine Frau Nelly ;-)

Wie gewohnt hat Eva-Maria Bast einen richtigen Schmöker hingelegt – die ursprüngliche Krimihandlung ist verschwunden, aber Spannung gibt es immer noch reichlich. Ich gestehe, dass ich besonders um Roman gebangt habe – Luises wegen, die bereits zwei Männer an den Krieg verloren hatte. Überhaupt: Luise. Ihre Fluchtgeschichte ist mir aufgrund meiner Familiengeschichte auch noch mal nahe gegangen – ein paar Gedanken zum Verlust von Heimat habe ich hier festgehalten.

Eva-Maria Bast hat auch in diesem Band die historischen Ereignisse geschickt mit ihren Figuren verbunden, dass viele Bereiche der Naziherrschaft, der Résistance, der Flucht aus Ostpreußen und die alltäglichen Beeinträchtigungen deutlich werden. Sogar die Wolfskinder hat sie noch mit reingebracht. Das allerdings zählt zu den Elementen, bei denen sie meiner Meinung nach zu viele Themen noch unterbringen wollte (wenn ich es auch an dieser Stelle verstehen kann; Sophies Entwicklung ist mir da schon ein wenig de trop und auch Philippes Probleme … na ja). Insgesamt bin ich recht leicht wieder in die Geschichte hineingekommen – und habe den Roman zügig zu Ende gelesen.

Am Ende steht noch mal das Notizbuch im Vordergrund, das die Frauen der Familie 100 Jahre lang – 1914 bis 2014 – begleitet hat: Zita, die neue Besitzerin des Büchleins, notiert:

Heute beginnt eine neue Geschichte. (S. 338)

Wenn das mal kein Cliffhanger ist …

Eva-Maria Bast: Dornenjahre. Dritter Teil der Jahrhundert-Saga, Gmeiner Verlag, Meßkirch, 2016, ISBN: 9783839252048

Karl-May-E-Book zum Sonderpreis

rp_KarlMay_Redakteur_1875-230x300.jpgMein E-Book zu den Münchmeyer-Romanen von Karl May gibt es jetzt im Februar zum Sonderpreis: 1,99 € statt 3,99 €.

Der Anlass: Karl May hätte am 25. Februar 2017 seinen 175. Geburtstag   ;-)

Wer das Buch über den Buchhandel bestellen will, kann dies mit der ISBN tun: 9783961423354.

Auf phantastischen Pfaden von Thomas Le Blanc herausgegeben

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpg2016 sind im Karl-May-Verlag einige “phantastische” Bücher erschienen, zu denen auch diese von Thomas Le Blanc herausgegeben Anthologie zählt. 20 Autorinnen und Autoren haben Figuren Karl Mays in magische oder phantastische Szenarien gesetzt. Wollte Karl May heute faszinieren, müsste er Fantasy schreiben, da die von ihm beschriebene, damals unbekannte, unerreichbare Welt so bekannt geworden ist – Unbekanntes bieten nur noch Magie und Phantastik. Das ist die Grundannahme, die Thomas Le Blanc im Vorwort ausführt.

Karl May

Hm, ob ihm Fantasy gelegen hätte? Thomas Le Blanc und die anderen Autorinnen des Bandes meinen: Ja.

Nun bin ich ja eher die Wild-West-Geschichten-Leserin und deshalb froh, dass trotz des Reihennamens “Karl May magischer Orient” auch Indianer vertreten sind – die zweite Hälfte des Buches widmet sich Old Shatterhand & Co. Und gleich die erste Geschichte, die aufschlug, hat mich wirklich begeistert: Tanja Kinkel schildert in “Lehrmeister”, wie Klekhi-Petra zu den Apatschen kam. Als phantstisches Element findet sich eine überstandene Gefahr, die eigentlich nicht zu überstehen war; ansonsten hat die erfahrene Autorin historischer Romane die Schilderung des alten Mannes aus Winnetou I genommen, um sein Engagement und die damit verbundene Manipulation junger Menschen für mehr Demokratie und freiheit auszumalen, mitsamt seinem schlechten Gewissen.

Auch mein Freund Sir David Lindsay hat einen Auftritt, der sich gewaschen hat – da ist nix mehr von der etwas klamaukigen Figur übrig gebleiben, wenn er sich mit einem Bösewicht auf “Wetten unter Gentlemen” einlässt; Kai Focke hat das eindrücklich geschildert.

Die Trappernamen einiger Titelhelden greifen das vertraute “Old …”-Muster auf: “Old Undeath” und “Old Onehand” – für Abwechslung im Wilden Westen der phantastischen Sorte ist gesorgt.

Im Orient haben die Gefahren der Schotts es einigen Autoren angetan: In “Die Weisheit des Hadschi Halef Omar” von Maike Braun spielt es eine Hauptrolle und in “Fata Morgana” von Hans-Dieter Furrer  wird eins erwartet – was Kara Ben Nemsi und Halef dann aber entdecken, ist ein Blick in die Zukunft, die uns nicht mehr so fern erscheint. Wirklich sehr geglückt fand ich die Geschichte um einen Journalisten, Karl May und Halef, in der die Zeitebenen sich unmerklich verschieben: “Das Vermächtnis des Kara” von Jacqueline Montemurri. Thomas Le Blanc scheint sich mehr im Orient heimisch zu fühlen, denn er hat zum ersten Teil des Buches zwei Beträge verfasst – “Merhamehs Tochter” und “Allein mit Qendressa”; er führt u. a. Orks in Mays Kosmos ein …

Nein, ich will jetzt nicht alle 23 Geschichten nacherzählen – wenn Sie sich im Karl-May-Kosmos auskennen, werden Sie Spaß haben.

Thomas Le Blanc (Hg.): Auf phantastischen Pfaden. Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays, Karl May Verlag, Bamberg, 2016, ISBN: 9783780225993

Auch diese Buch hab ich über die Plattform    erhalten.

Wo die Liebe hinfliegt von Tanja Brandt

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgJa, kitschfrei ist das nicht – aber die Fotos von Tanja Brandt haben mir mehr als ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Sie ist Falknerin und Fotografin und verbindet beides miteinander – sie fotografiert ihre Tiere: Steinkauz Poldi, Schäferhund Ingo und die anderen Vögel: Schnee-Eule Uschi, die sibirische Uhu-Dame Bärbel, die Weißgesichtseule Gandalf und den Wüstenbussard Phönix.

Tanja Brand erzählt in ihrem Buch die Geschichte der Freundschaft zwischen Poldi und Ingo – in erster Linie. Da wird durchaus gemenschelt – na gut. Es ist auch klar, dass die Tiere die Kamera gewohnt sind – kein Wunder, wenn man sich die Fülle der Fotos auf der Website anschaut. Die Inszenierung vieler Bilder ist auch sehr deutlich. Letzten Endes sind aber so viele Bilder dabei, die einfach nur schön oder auch sehr witzig sind – mir ist da echt das Herz aufgegangen.

Anrührens sind besonders die Bilder, die eine vertrauensvolle Nähe zwischen so unterschiedlichen Tieren zeigen - der Verlag ha tmir das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Anrührend sind besonders die Bilder, die eine vertrauensvolle Nähe zwischen so unterschiedlichen Tieren zeigen – der Verlag ha tmir das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Neben den Geschichten und Anekdoten rund um ihre tierische Familie vermittelt Tanja Brandt auch Infos zu den einzelnen Gattungen, so dass dem (oder soll ich sagen “meinem”?) Informationsbedürfnis Rechnung getragen wird :-)

Tanja Brandt: Wo die Liebe hinfliegt. Ingo und Poldi – Die Geschichte einer Freundschaft, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2016, ISBN: 978343109696

E-Book zu den Münchmeyer-Romanen

So sah Karl Mays Arbeitstag bei Münchmeyer aus, als er 1875 dort als Redakteur tätig war

So sah Karl Mays Arbeitstag bei Münchmeyer aus, als er 1875 dort als Redakteur tätig war

Meine Beiträge zu den Münchmeyer-Romanen aus dem letzten Jahr habe ich – leicht bearbeitet – als E-Book zusammengestellt. Der Titel ist denkbar schlicht ;-) :  “Die Münchmeyer-Romane von Karl May. Eine persönliche Vorstellung von Heike Baller

Sie finden es hier. Sie können es aber auch unter Angabe der ISBN 978-3-9614-2335-4 im Buchhandel bestellen. Es kostet 3,99 €.

Gedicht zum Tag: Winter von E. Marlitt

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Die Bäume glitzern rings im Eise,
Unheimlich lautlos rieselt Schnee.
Die weichen Flocken decken leise
Der Blumen letztes Todesweh.

Nur zwischen starren Zweigen hangen
Noch rote Beeren, frisch und licht,
Ein täuschend Leben! Rosenwangen
Auf einem Leichenangesicht.

Die gold’ne Sonne strahlt wie immer,
Doch wärmt sie nicht das öde Land.
An Menschenaugen mahnt ihr Schimmer,
Die falsch und treulos man erkannt.

E. Marlitt*

*Ja, ich weiß , dass es sich bei E. Marlitt um ein Pseudonym handelt – aber wer kennt schon die ehemalige Opersängerin und Hofdame Eugenie John?

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage V

Karl MayDie komischen Figuren Mays waren mir immer sehr sympathisch, Ihnen auch?

Im Grunde gehören Sam und Halef auch dazu – vom Äußeren her, mit einer Sprachmarotte versehen, wenn ich mich nicht irre, hihihi und bei Halef kommt der religiöse Zwiespalt immer wieder zum Ausdruck mit seinem Satz „Ich werde dich bekehren, Du magst wollen oder nicht!“

Andere Vertreter sind Hobble Frank und Neger Bob, die kuriosen grau-karierten Engländer, die immer wieder auftauchen mit ihren Spleens oder – eher unbekannt – der Diener Hassan aus der Erzählung „Die Gum“, der den Spiritus aus dem Fässchen mit den Tierpräparaten säuft und meint, damit nicht gegen Mohammeds Gebot zu verstoßen. Nach ein paar gemeinsam erlebten Abenteuern heißt es von ihm:

Hassan

 Ich hatte Hassan wirklich als einen ausgezeichneten Führer kennen gelernt, ein Umstand, welcher mich mit seinem Mangel an Mut zur Genüge aussöhnte. Er kannte nicht nur die Wege genau, sondern verstand es, alle seine Vorkehrungsmaßregeln so zu treffen, daß wir bisher nicht den geringsten Schaden oder Mangel zu leiden hatten. Seine Anhänglichkeit an mich hatte sich nach und nach zu einer ganz erfreulichen Stärke entwickelt, und ich hätte ihm gern mein vollständiges Vertrauen geschenkt, wenn mir nicht eine außerordentliche, beängstigende Aufregung aufgefallen wäre, an welcher er seit einiger Zeit, und zwar nur des Morgens, zu leiden schien. Er saß dann auf seiner Matte, von welcher er nicht aufzubringen war, weinte und schluchzte, lach­te und jubelte in einem Atem, nannte sich bald einen Helden und bald eine Memme, bald einen guten Moslem und bald einen Ungehorsamen, der in die Tschehenna fah­ren müsse. Es war eine Art Wahnsinn, der ihn erfaßt haben mußte und dessen Ursache ich gar zu erfahren hätte.

Die Lösung folgt später:

Ein wunderlicher Anblick bot sich mir dar. Bei den abgeladenen Effekten saß näm­lich, mir den Rücken zukehrend, der lange Kubaschi von Ferkah en Nurab und hielt – mein Spiritusfäßchen an den Mund. Ich führte das sorgfältig in Bastmatten gehüllte Fäßchen bei mir, um in der konservierenden Flüssigkeit allerlei für meine Sammlun­gen bestimmtes Getier aufzubewahren. Es befanden sich in demselben außer den mannigfaltigsten Insekten und Würmern allerlei Amphibien, Vipern, Skorpione, Step­penmolche, Birketkröten, und jetzt saß Hassan, der wahre Moslem, da an der Erde und schlürfte die Sauce, in welcher diese Kreaturen schwammen, mit einem Behagen, als sei er über den Nektar des Olymps geraten. Zugleich bemerkte ich, daß dieser Op­fertrank nicht der erste sei, dem er sich hingab; denn er mußte das Fäßchen gewaltig heben, um noch einige Tropfen aus dem geöffneten Zapfenloche zu erhalten. Jetzt war ich mir mit einem Male über den Wahnsinn klar, an welchem er in jüngster Zeit zu leiden schien: es war nichts gewesen als – Betrunkenheit.

Die Diskussion, die folgt, macht die Araber ein bisschen lächerlich:

So sah Kara Ben Nemsi aus - das vermittelten die Postkarten, die Karl May im Kostüm zeigten

So sah Kara Ben Nemsi aus – das vermittelten die Postkarten, die Karl May im Kostüm zeigten

Die Moslemin, welche sich im stillen dem Genusse des Weines und der Spirituosen hingeben, benennen dieselben mit den verschiedensten Namen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Nach ihrer Logik ist der Wein nicht Wein, wenn er anders heißt.

»Ma-el-Zat, Wasser der Vorsehung? Wer hat dir den Namen des Getränkes genannt, welches sich in dem Gefäße befindet?«

»Ich kenne ihn, Sihdi. Als die Menschen einst traurig waren, ließ die Vorsehung eine Nuktha, einen Tropfen der Erheiterung, zur Erde fallen; er bewässerte das Land, und nun wuchsen allerlei Pflanzen hervor, deren Saft einen Teil der Nuktha enthält. Darum heißt solch ein Trank, der den Menschen fröhlich macht, Ma-el-Zat, Wasser der Vorsehung.«

»So sage ich dir, daß dies kein Ma-el-Zat, sondern Spiritus ist, der einen noch viel schlimmeren Geist hat, als der Wein, den du nicht trinken darfst.«

»Ich trinke keinen Wein und keinen Spiritus; ich habe die Nuktha-el-Zat genossen.«

»Aber auch diese ist dir verboten!«

»Du irrst, Sihdi; der Moslem darf sie trinken.«

»Hast du nicht gehört, daß der Prophet sagt: ‘Kullu muskirün haram, alles, was trunken macht, ist verboten.’«

Kara Ben Nemsi verlangt dann die Trunkenheitsprobe – das Aufsagen einer sprachlich vertrackten Sure:

»Du hast kein Recht, Sihdi, mir den Surat el kafirun abzuverlangen, denn du bist nicht ein Moslem, sondern ein Christ.«

»Du würdest ihn sagen, doch du vermagst es nicht. Du glaubst, ein Moslem dürfe einem Christen nicht gehorchen; warum bist du dann mein Diener geworden? Du hältst es für kein Verbrechen, das Ma-el-Zat zu trinken, aber daß du es mir gestohlen hast, kannst du nicht leugnen. Der Koran bestraft den Dieb, und auch du wirst deine Strafe haben!«

»Kannst du einen Rechtgläubigen bestrafen, Sihdi? Geh zum Kadi!«

»Ich brauche deinen Kadi nicht!«

Hassan war nur unser Führer, und da die Aufsicht über das Gepäck Sache des Staf­felsteiners war, so wußte der gute Kubaschi nicht, welchen Inhalt das Fäßchen außer dem Spiritus noch hatte. Ich nahm das Messer her. In wenigen Augenblicken waren die oberen Reifen zerschnitten und losgesprengt; ich schlug en Boden auf und hielt dem Menschenwürger nun das übelaussehende und noch übler riechende Gewürm unter die Nase.

»Hier hast du dein Ma-el-Zat, Hassan!«

Er spreizte die Beine aus, warf alle zehn Finger in die Luft und schnitt ein Gesicht, in welchem sich alle in dem Gefäße befindlichen Figuren wiederspiegelten.

»Bismillah, Sihdi, was habe ich da getrunken! Allah inhal el rhuschar, Allah ver­derbe dieses Faß; denn mir ist’s in meiner Gurgel, als hätte ich die ganze Dschehenna hinuntergeschluckt mit zehn Millionen von Geistern und Teufeln!«

May schwankt in seiner Darstellung der Angehörigen fremder Völker zwischen Vor­urteilen ihnen gegenüber – besonders bei manchen Völkern und Glaubensgemeinschaften – wie eben bei der Auslegung des Verbots berauschender Getränke und der Darstel­lung einzelner Figuren aus dieser Sphäre, die dann dem Klischee widersprechen. Er ist keineswegs durchgehend der Überzeugung, dass nun jeder Deutsche jedem Indianer oder jedem Orientalen oder sonstwem überlegen sei.

Sam und der Kantor Emeritus aus "Der Ölprinz"

Sam und der Kantor Emeritus aus “Der Ölprinz”

Wichtig ist ihm die Angemessenheit des Verhaltens – der deutsche Kantor Emeritus aus dem Ölprinz z. B. Ist geradezu eine gefährliche Figur – wenngleich vor allem komisch -, da er sich den Gegebenheiten einer gefahrvollen Reise nicht anzupassen gewillt ist. Ständig muss er gerettet werden … May spart nicht mit Kritik an ihm. Da sind die ungebildeten Westmänner in seiner Begleitung doch wesentlich positiver geschildert.

Hobble-Frank

Zu den Persönlichkeiten, die häufiger auftauchen, aber eher eine komische Rolle haben gehört Hobble Frank im Wilden Westen. Er wirkt nicht durch seine Ausstattung komisch, nein, – oder soll es zumindest nicht – oder doch? Urteilen Sie selbst:

Einen eigentümlichen Anblick bot sein Begleiter. Dieser war ein kleiner, schmächti­ger Mann, dessen Gesicht von einem dichten, schwarzen Vollbarte umrahmt war. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, welcher mit hohen Achselbuffen, Batten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses letztere Kleidungsstück stammte wohl aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damals wurde ja ein Tuch fabriziert, welches für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien. Freilich war der Frack außerordentlich verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löch­lein darin zu bemerken. Solchen alten Kleidungsstücken begegnet man im »far West« sehr oft. Dort geniert es keinen, ein altmodisches Habit zu tragen, denn bei den dorti­gen Verhältnissen gilt der Mann mehr als das Kleid.

Auf dem Kopfe trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgend einer Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da seine außer­ordentlich breite Krämpe sehr gut gegen Sonne und Regen schützte, so hatte sich der jetzige Besitzer gar keine Skrupel gemacht, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben.

Die Kleidung wirkt natürlich komisch, auch wenn May ihre Zusammensetzung schlüssig zu erläutern scheint. Sie soll auch komisch wirken.

Aber das eigentlich komische Merkmal des Hobble-Frank ist anderer Natur.  Seine Einstellung zum Leben, seine Sprache (sächsisch …), seine missverstandene Gelehrtheit – und gerade die letztere hat die Funktion, den Ich-Erzähler als umfassend gebildeten und vernünftigen Menschen ins rechte Licht zu rücken. Auch andere Begleiter in der Gruppe können sich so in diesem Punkt positiv von Frank abheben wie hier z. B. der dicke Jemmy in „Der Sohn des Bärenjägers“:

„Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie’s in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – -«

»Kastor und Pollux heißt es!« fiel Jemmy ein.

»Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagd­hunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Den­noch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt’ ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach’.«

Mays komische Elemente sind sehr oft sprachlicher Natur – Sams „Wenn ich mich nicht irre, hihihih“, das er sich im Laufe der Zeit aneignete (in Old Firehand hat er es noch nicht so penetrant …), Dick Hammerdulls „Doch, ob er vom Osten kommt oder vom Westen, das bleibt sich gleich; wenn er nur kommt, dann haben sie ihn“ oder die Sprachmarotten englischer Lords; so hat in den ersten Auftritten Lord Lindsays, des graukariert gekleideten Engländers, die Art, in unvollständigen Sätzen zu reden und dabei den Abenteueraspekt einer Sache zu loben, durchaus komischen Effekt:

 »Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden – nachlaufen – tot­schießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«

Die Anzahl solcher Sprachmarotten ist riesig in Karl Mays Werk – ein probates Stil­mittel, um Figuren unverwechselbar zu machen; ähnlich wie die ausgefallene Klei­dung.

Lord Lindsay, den ich eben zu Wort kommen ließ, macht im Laufe der Geschichten eine Entwicklung mit – nicht nur, dass er zunehmend in vollständigen Sätzen spricht; auch sein Verständnis von Amusement ändert sich, er wird mehr und mehr ein Freund, ein ernstzunehmender Reisegenosse.

Freundespaare

Hier sehen den dicken Jemmy und den langen Davy in "Der Sohn des Bärenjägers", gezeichnet von D. Douglas

Hier sehen den dicken Jemmy und den langen Davy in “Der Sohn des Bärenjägers”, gezeichnet von D. Douglas

Mit den Auftritten von Dick Hammerdull und dem dicken Jemmy eben bei den Sprachmarotten sind wir schon bei der letzten Gruppe angekommen: den paarwei­se auftretenden Gefährten.

In der Regel haben sie ein untergeordnete Rolle in der jeweiligen Reisegruppe – einzeln arbeitende Helden wie Old Surehand sind renom­mierter. Aber sie sorgen für Erheiterung, da sie komplementär angelegt sind. Der dicke Jemmy und der lange Davy, Humple-Bill und Uncle Gunstick, die zwei ver­kehrten Toasts und die beiden Snuffles, ein Brüderpaar, das mittels ausgeprägter Riechorgane zu diesem Namen kam.

Einer ist lang, der andere dick, einer redet gern und der andere schweigt. Sie haben meist festgelegte Dialogmuster, die, wie May erläutert, dem langen Zusammensein geschuldet sind, aber eigentlich in den Bereich der komischen Sprachmarotten gehören.

Sie sind tüchtige Westleute, um Mays Worte zu benutzen, wenngleich nicht überragend – das bleibt, wie sollte es anders sein, dem Ich-Erzähler vorbehalten. Hier treten Jemmy und Davy erstmals auf:

Sie waren von sehr verschiedener Körpergestalt. Weit über sechs Fuß hoch, war die Figur des einen fast beängstigend dürr, während der andere bedeutend kleiner, dabei aber so dick war, daß sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel angenommen hatte.

Es ist ein typischer Auftritt bei May – und erinnert er Sie nicht an wen? Don Qui­chotte und Sancho Pansa standen bei den beiden Partnern wohl auch Pate.

So eine Art Fazit

Gefährten von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi haben verschiedene Funktio­nen; in allererster Linie dienen sie der Bestätigung für die Überlegenheit des Ich-Er­zählers. Sie haben oft eine unterhaltsame Seite. Wenngleich sie dem Helden immer unterlegen sind – ohne sie wäre er nichts! Er braucht sie, um belehren, seine Fähig­keiten ausspielen und seine Kräfte beweisen  zu können. Ein einsamer und damit schweigsamer Held ist keine gute Figur für Spannungsgeschichten. Und deshalb ist weder Old Shatterhand noch Kara Ben Nemsi je länger  allein unterwegs. Übrigens erweisen sich viele der Gefährten in der weiten Welt als Deutsche, die das Schicksal in die Prairie oder in die Wüste getrieben hat – Hobble-Frank mit seinem Sächsisch ist da das markanteste Beispiel, aber auch bei den paarweise auftretenden Gefährten, ist manches Mal ein Deutscher dazwischen. Krüger-Bei führt seine Herkunft ja aschon im Namen vor sich her – einerseits auch er eine komische Figur, andererseits aber auch der Protagonist eines sozialen Aufstiegs. Diese vielen Deutschen in seinen Büchern beotnen den Aspekt, der Karl May offensichtlich sehr wichtig war – nicht nur sein Alter Ego ist überlegen, Deutsche im Allgemeinen zeigen mehr Mut, Standhaftigkeit und Ehrlichkeit als andere. Bis der Held selbst auftritt, sind diese Männer idR gut imstande, die angemessenen Reaktionen auf Gefahren zu zeigen. Aber kaum ist Old Shatterhand da, müssen sie ins zweite Glied und fangen an, Fehler zu machen …

Winnetou I-Film – ein paar Anmerkungen

Karl May

Ob er gerne Diplom-Ingenieur gewesen wäre?

Wie bereits gesagt: Ich bin keine besonders große Cineastin – Film als Medium liegt mir nicht so. Trotzdem habe ich jetzt mal in die Verfilmung der Winnetou-Geschichten von RTL reingeschaut.

Dass die Story so gut wie nichts mit dem Buch zu tun hat – geschenkt. Das war bei den Klassikern aus dern 60ern auch in vielen Teile so. Nicht so extrem, aber auch die waren nur an Karl Mays Geschichte angelehnt. Es gibt aber ein paar Sachen, die mich echt gestört haben:

  • In einem Gespräch mit Nscho-tschi sagt Karl May, er glaube nicht an Götter, sondern an die Vernunft. Das widerspricht Karl Mays Selbstdarstellung in allen seinen Büchern diametral (ob er nun tatsächlich so fromm war …? Immerhin hat er auch geistliche Musik geschrieben (ich hab davon 2012 mal was im Chor gesungen))
  • Die als gebrochen rüberkommende Sprechweise von Winnetou, Intschu-tschuna und Nscho-tschi lässt besonders Winnetou gegenüber Karl May als unterlegen erscheinen – und gerade das ist er ja nicht. Auch der Boxunterricht passt nicht in das Original-Muster von Karl May, der sich als Schüler Winnetous verstand (zumindest am Anfang) und später einen Freund auf Augenhöhe

Eher lustig, weil an Mays eigene Hochstapeleien erinnernd, ist die Idee mit dem Diplom-Ingenieur – dumm nur, dass es den Titel erst ab 1899 gab ;-) und andererseits die Erschließung des Westens in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts zugrundeliegt. Authentizität als Ziel in allen Ehren, aber dann bitte historisch korrekt. Dieser grobe Schnitzer lässt mich an den  anderen “historich korrekten” Elementen dann auch zweifeln

  • die Situation auf dem Bau
  • die provisorischen Siedlungen
  • die Riten der Indianer usw.

Dabei ist eine solche historische Authentizität bei einem Phantasieprodukt wie Mays Reiseerzählungen andererseits natürlich Blödsinn.

Insgesamt hat man da eine Wild-West-Abenteuer-Geschichte gedreht, die sich bestimmter Namen bedient, mit dem Original aber nichts zu tun hat – und das nur, weil in den 60ern mit Pierre Brice und Lex Barker Ikonen dieses Themas erwuchsen; von dem Mythos wollte man wohl profitieren. Der Rückbezug auf diese alten Filme wird ja regelrecht zelebriert:

  • Musikzitate
  • Mario Adorf, der wieder mitspielt (in einem der beiden folgenden Filme auf Winnetou I)
  • Marie Versini, die ehemalige Nscho-tschi-Darstellerin, die Karl May im Zug vor den ach so gefährlichen Indianern warnt
  • Gojko Mitić, der zu DDR-Zeiten als Indianer die Prärie durchstreifte und später als Winnetou-Darsteller Pierre Brice in Bad Segeberg ablöste

Ob die krude Geschichte ohne die Namen Winnetou und Old Shatterhand funktionieren würde – eher unwahrscheinlich, denn “klasische” Wildwest-Geschichten sind nicht so ganz zeitgeistgemäß. Ich bin also alles andere als überzeugt von diesem Film :-)

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage IV

Karl MayHalef, Sam und natürlich erst recht Winnetou, sind Gefährten des Ich-Erzählers, die immer wieder auftreten.

Sam und Halef vereinen dabei zwei Funktionen auf sich: Einerseits sind sie ernstzunehmende Freunde, auf die sich die Ich-Figur im Großen und Ganzen verlassen kann – na gut, ihnen passieren gelegentlich Fehler aufgrund von Selbstüberschätzung; dann müssen sie von Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi befreit werden und alles ist wieder in Ordnung. Aber sonst sind sie verlässlich und selbständig

Andere Figuren tauchen nur in einer Geschichte auf, z. B. Old Surehand. Im Grunde ein ernst zu nehmender Westmann, kommen er und Old Shatterhand zuerst in Kon­takt, weil Old Surehand befreit werden muss – er ist in der unterlegenen Position. Der Erzähler schildert eine beeindruckende Persönlichkeit:

Ich hatte bald Licht genug, meinen neuen und berühmten Bekannten zu betrachten.

Da lag er jetzt vor mir, ruhig schlafend, ein wahrer Riese von Gestalt. Seine mäch­tigen Glieder waren ganz in Leder gekleidet, doch so, daß die von der Sonne gebräunte Brust unbedeckt blieb. Sein langes, braunes, seidenweiches Haar lag wie ein Schleier bis auf den Gürtel herab, und selbst im Schlafe, während dessen doch sonst das geistige Leben aus den Zügen zurückgetreten zu sein pflegt, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck jener Energie, ohne welche ein guter Westmann undenkbar ist. Grad so, wie ich ihn hier liegen sah, hatte ich ihn mir vorgestellt, allerdings, weil er mir so beschrieben worden war; denn es ist keineswegs richtig, sich jeden namhaften Westläufer als eine solche Figur vorzustellen. Wer das thut – und das geschieht aller­dings sehr häufig -, der fühlt sich dann später, wenn er den Betreffenden zu sehen bekommt, meist sehr enttäuscht. Berühmte Jäger von so riesiger Gestalt habe ich nur zwei gesehen, Old Firehand und Old Surehand. Man macht ja oft die Erfahrung, daß körperliche Hünen ein wahrhaft kindliches Gemüt besitzen und aller Kampfeslust und Kampfesfertigkeit ermangeln, während dürftiger gebaute Menschen sich lieber zerreißen als in die Flucht schlagen lassen. Doch soll dies natürlich keineswegs als Regel gelten. Das Leben im wilden Westen ist der Bildung voller Körperformen nicht günstig, doch schafft es eiserne Muskeln und Sehnen wie der Stahl.

Es war Zeit, die Schläfer zu wecken; ich that es, und als Old Surehand sich aufrich­tete, konnte ich erst richtig sehen, in welcher Harmonie die einzelnen Teile und Glie­der seines Körpers zu einander standen.

Es handelt sich also beim rein Äußerlichen um eine sehr positive Schilderung, sogar schon mit ein paar Interpretationen versehen. Aber letzthin bleibt ein Mensch übrig, der nicht so vollkommen ist, wie Old Shatterhand himself.

Old Surehand Karl May Sascha Schneider

Nein, dieses Deckelbild von Sascha Schneider stellt nicht Old Sure- oder Old Shatterhand dar, sondern einen Engel, kampfbereit und vom allsehenden Auge Gottes überwacht. Solche Illustrationen enstanden später, als Karl May sich dem Edelmenschen verschrieben hatte und von reiner Abenteuerliteratur nicht mehr viel wissen wollte.

Er ist nicht gläubig – ein wichtiges Thema gerade in den Old-Surehand-Bänden und hat an zentralen Stellen nicht den richtigen Durchblick (denken Sie an die Entlarvung des Schurken und der Mutter) – wie alle Gefährten des Erzählers, mögen sie noch so klug und kraftvoll daher kommen. Den Mangel an Glauben nimmt Old Shattterhand ihm zwar nicht übel, aber seine Belehrungen sind nicht so ganz ohne:

Also betet, Mr. Surehand, betet! Aber denkt ja nicht, daß es sofort helfen muß! Betet in Gedanken, in allen Euren Worten und in allen Euren Thaten! Hättet Ihr mehr gebetet, so wäre Euch der Helfer längst erschienen!«

»Das ist viel, sehr viel gesagt, Mr. Shatterhand!«

»Jawohl; aber ich weiß, was ich sage. Ein altes Kirchenlied sagt:

»Mit Sorgen und mit Grämen
Und selbstgemachter Pein
Läßt er sich gar nichts nehmen;
Es muß erbeten sein!«

Jedes Kind sagt dem Vater seine Wünsche; hat nicht auch das Erdenkind dem himmlischen Vater seine Liebe und sein Vertrauen dadurch zu beweisen, daß es von Herzen zu ihm spricht? Wird ein Vater seinem Sohne eine gerechte Bitte abschlagen, die er erfüllen kann? Und steht die Liebe und die Allmacht Gottes nicht unendlich höher als die Liebe und Macht eines Menschen? Glaubt es mir: Wenn der große Wunsch, den Ihr im Herzen tragt, überhaupt zu erfüllen ist, so wäre er schon längst erfüllt, wenn Ihr an Gott geglaubt und zu ihm gebetet hättet!«

»Was wißt Ihr von der Größe meines Wunsches?«

»Ich ahne es.«

»Wieder Ahnung!«

»Pshaw! Ahnungen sind innere Stimmen, auf die ich immer achte. Ihr habt mir damals im Llano estacado gesagt, daß Euch der Glaube an Gott durch unglückliche Ereignisse verloren gegangen sei. Soll ich da nicht ahnen, daß Ihr Euch nach dem Ende dieses Unglücks sehnt?«

»Richtig! Ich dachte, Ihr quältet Euch als Freund in Gedanken damit ab, mir die Ruhe wiederzugeben, welche ich verloren habe!«

»Was würden Euch meine Gedanken helfen? Die wahre Freundschaft bewährt sich durch die That, und wenn Ihr mich in dieser Beziehung einmal braucht, so habt Ihr gar nicht nötig, mich erst darum zu fragen.«

Als Old Surehand dann wieder auf eigene Faust seinem Geheimnis nachjagen will, nimmt er die Andeutungen seines klugen Freundes nicht ernst:

»Hört, Mr. Surehand, Ihr rechnet noch mit denselben Ziffern, mit denen Ihr gerechnet habt, als Ihr Euch von Jefferson-City aus auf den Weg machtet. Inzwischen aber ist manches geschehen, und die Verhältnisse haben sich geändert. Der ›General‹ ist da, und es ist – –«

»Pshaw!« fiel er mir in die Rede. »Den fürchte ich nicht! Was geht der mich überhaupt an?«

»Vielleicht mehr, als Ihr denkt!«

»Gar nichts, ganz und gar nichts, Sir!«

»Nun, ich will mich da nicht mit Euch streiten! Ferner sind die Utahs da.«

»Mir gleich!«

»Und der Medizinmann der Komantschen ist auch da!«

»Der ist mir erst recht gleichgültig!”

Klar, dass der gute Mann bald wieder in einer Klemme hockt und Hilfe benötigt.

Und weil er nicht da ist, entgeht ihm eine sehenswerte Szene. Kolma Puschi sagt:

»Meine Brüder haben mir einen großen Dienst erwiesen; ich danke ihnen! Ich werde mich freuen, sie einmal wiederzusehen.«

»Will mein Bruder Kolma Puschi schon fort?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er.

»Warum will er sich so schnell von uns trennen?«

»Er ist wie der Wind: Er muß dahin gehen, wohin er soll!«

»Ja, er ist wie der Wind, den man wohl kommen fühlt; wenn er aber fort ist, weiß man nicht, wohin er ging. Mein Bruder mag wieder absteigen und noch eine Weile bei uns bleiben, denn ich habe notwendig mit ihm zu sprechen!«

»Mein Bruder Shatterhand mag verzeihen! Ich muß fort!«

»Warum scheut sich Kolma Puschi so vor uns?«

»Kolma Puschi scheut sich vor keinem Menschen; aber das, was seine Aufgabe ist, gebietet ihm, allein zu sein.«

Es war eine Lust für mich, Winnetou in das Gesicht zu sehen. Er ahnte, was ich vorhatte, und freute sich innerlich auf die Wirkungen, welche mein Verhalten hervorbringen mußte.

»Mein roter Bruder braucht sich nicht lange mehr mit dieser Aufgabe abzugeben,« erwiderte ich; »sie ist bald gelöst.«

»Old Shatterhand spricht Worte, welche ich nicht verstehe. Ich werde mich entfernen und sage meinen Brüdern Lebewohl!«

Schon hob er die Hand, um sein Pferd anzutreiben; da sagte ich:

»Kolma Puschi wird nicht fortreiten, sondern hier bleiben!«

»Ich muß fort!« entgegnete er mit aller Bestimmtheit.

»Well, so sage ich nur noch das Wort: Wenn mein B r u d e r Kolma Puschi fort muß, so bitte ich meine S c h w e s t e r Kolma Puschi, daß sie noch hier bei uns bleiben möge!«

Zufällige Informationsbröckchen und wilde Assoziationen haben Old Shatterhand enthüllt, was Old Surehand sucht, wer Kolma Puschi ist und wie Apanatschka da rein passt. Am Ende gibt es eine Familienzusammenführung und die Bösen sind tot.

So sieht "Old Surehands" Anfang in der Handschrift seiens Autors aus

So sieht “Old Surehands” Anfang in der Handschrift seiens Autors aus

Böse gesagt, fungiert der tolle Westmann Old Surehand als Aufgabengeber für den Haupthelden.

Merkwürdigerweise habe ich Karl May den Besserwisser und Allroundkönner Old Shatterhand – oder auch Kara Ben Nemsi – nicht übel genommen, obwohl der ja nun wirklich eine Nervensäge gewesen müsste … Naja , gerade in Old Surehand geißelt er an einer Stelle sich selbst und Winnetou für eine Unachtsamkeit:

Der klügste Mann begeht zuweilen eine Dummheit, und vielleicht grad dann, wenn er alle Veranlassung hat, klug zu sein. So auch wir! Von den andern will ich schweigen, aber daß wir beide, Winnetou und ich, diese Flasche unbeachtet ließen, das war eine geradezu unverzeihliche Nachlässigkeit von uns. Die leeren Konservenbüchsen hatten ja nichts zu sagen; aber die Flasche hätte unsere Aufmerksamkeit erregen müssen. Hätte sich Branntwein drin befunden gehabt, nun, so wäre er eben ausgetrunken und die Flasche dann fortgeworfen worden; aber es war Wasser drin gewesen, Wasser! Man hatte sie also nicht des Brandy wegens, sondern als Wasserflasche mitgenommen, sie als Feldflasche benutzt, welche man füllt und in die Satteltasche schiebt, um da, wo es kein Wasser giebt, seinen Durst löschen zu können. Im wilden Westen ist oder war wenigstens damals eine Flasche eine Seltenheit; sie wurde nicht weggeworfen, sondern aufgehoben. Auch diese hier war nicht weggeworfen, sondern vergessen worden; das hätte uns eigentlich unser kleiner Finger sagen müssen. Wenn der Besitzer, den Verlust bemerkend, umkehrte, um sie zu holen, so mußte er uns entdecken. Das war es, was wir uns hätten denken sollen und woran wir doch nicht dachten. Ich kann mich noch heut über meine damalige Unachtsamkeit ärgern. Die Folgen traten freilich sehr prompt ein!

Stadtbibliothek Köln

Auch hier heißt es wieder: Signatur 22.4. May und Sie bekommen, wenn nicht sie nicht entliehen sind, alle angeschafften Bände aus dem Karl-May-Verlag (bei den Wild-West-Geschichten sind meines Wissens alle da – bei den Münchmeyer-Romanen fehlte da schon mal was ;-) ).

Wer weiß, vielleicht plant RTL ja auch eine Verfilmung dieses Stoffs. Wenn Sie den Film im BR am 6.1.17 verpasst haben sollten, können Sie sich mit diesem Trailer zur Verfilmung von 1965 amüsieren.