Licht aus dem Osten von Peter Frankopan

“Eine neue Geschichte der Welt” verspricht mir der Untertitel. Peter Frankopan will die uns bekannte Weltgeschichte aus der Perspektive des Orients zeigen. Das tut er auch – aber in meinen Augen fehlt da was.

Was im Klappentext am Anfang steht:

Peter Frankopan lehrt uns die Geschichte neu zu sehen – indem er nicht Europa, sondern den Nahen und Mitlleren Osten zum Ausgangspunkt macht. Er erzählt von den ersten Hockulturen und den drei monotheistischen Weltreligionen (…)

löst er in meinen Augen zu kurz ein. Bereits das 11. Kapitel “Wo das Gold lockt – die Eroberung der Neuen Welt” hat seinen Schwerpunkt bei den entstehenden Kolonialmächten. Und ab dem 13. Kapitel “Herrscher der Meere – die Handelsmächte des Nordens” liegt der Schwerpunkt dann doch wieder auf vertrautem Terrain; je später desto mehr auf England. Es folgen noch 2/3 des Buches – Peter Frankopan schildert besonders die Zeiten ab dem 19. Jahrhundert in großer Ausführlichkeit. Und das ist spannend – in dieser Zusammenstellung habe ich über die einzelnen Entwicklungen, besonders Englands, noch nicht wirklich was gelesen; das kann an meiner Interessenslage bei historischen Themen liegen. Auch die detaillierten Ausführungen zu den politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert, die Wichtigkeit der Ölreserven im Persischen Golf und die Konsequenzen der “westlichen” Politik über mehr als 100 Jahre mit ihren verheerenden Folgen bis heute – da habe ich eine Menge gelernt.

Doch mein Interesse war eben genau die Zeit, die etwas kurz wegkommt – die Hochkulturen in, ich sach mal “biblischer” Zeit und die Hochzeit der islamischen Welt mit ihren Errungenschaften in Kultur und Wissenschaft. Der Titel “Licht aus dem Osten” hat mich da wohl etwas gebelendet 😉 Der Blick auf den Originaltitel macht – wie so oft – einiges verständlicher: “Silk Roads” heißt  das Buch – es geht in der Hauptsache um Handelswege. Der Begriff “Seidenstraßen” kommt dann gerade fürs 20. und 21. Jahrhundert wiederholt in Anwendung – Peter Frankopan meint, dass die Verlagerung des Schwerpunkts des Weltgeschehens und -handels wieder gen Osten geht.

Lunar eclipse al-Biruni in Peter Frankopan: Licht aus dem Osten

Die Mondphasen, erklärt vom persischen Gelehrten al-Biruni. DasBild findet sich auch im Buch von Peter Frankopan

Aber zurück zu Mittelalter und Co: Auch wenn ich wusste, dass es “im Osten” wesentlich mehr Luxus und Annehmlichkeiten gegeben haben muss als bei unseren Vorfahren, fand ich es spannend, Peter Frankopans Ausführungen dazu zu folgen. Die große Angst vor den Hunnen und Mongolen – völlig unbegründet, sagt er, denn die hatten an diesem unterentwickelten Europa überhaupt kein Interesse. Es gab keine wertvollen Handelsgüter, die Menschen lebten unter vergleichsweise primitiven Bedingungen; da war nix zu holen. Tatsächlich hat sich das Bild der “unterentwickelten” Orientalen erst viel später ausgebildet – bis in die frühe Neuzeit war der Orient die Gegend mit den verfeinerten Lebensformen, die Quelle für Seide, Gewürze und andere Luxusartikel. Außerdem standen bis in die Zeit kurz vor der Renaissance im Westen Bildung und Künste im Osten in hohem Ansehen.

Peter Frankopan erzählt – er nutzt keine hochgestochene Wissenschaftssprache; klar, er ist ja auch Engländer. Gerade in späteren Teilen des Buches habe ich den Eindruck, dass auch mehr eigene Meinung, ja, politische Statements vorkommen. Ich entnehme diesen Teilen den Wunsch, die aktuelle Lage, die Beziehungen zwischen Ost und West erläutern zu wollen und vor Fallen zu warnen, die diese Beziehungen weiter gefährden können.

Für mich war, trotz der Enttäuschung über den zu kurz gekommenen Teil Mittelalter & Co., das Buch von Peter Frankopan lehrreich und durchaus auch unterhaltsam. Jedes der angerissenen Themen hätte sicher mehr Aufmerksamkeit verdient – eine Weltgeschichte, die noch lesbar sein will, kann das nicht leisten; schon so sind die knapp 750 Seiten plus Anhang (Anmerkungen und Literaturverzeichnis) nichts für mal eben zwischendurch. Insagesamt hätte ich eine größere Ausgewogenheit bei den Zeiträumen – konkret: weniger 19. und 20. Jahrhundert – begrüßt.

Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt, übersetzt von Michael Bayer und Norbert Juraschitz, Rowohlt Verlag, Belin 2016, ISBN: 97838713448334

Ich hab das Buch aus der Stadtbibliothek Köln entliehen.

Blutiges Zeitalter von Lauro Martines

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgDamit man nicht ins Rätseln verfällt, welche Epoche Lauro Martines meint, .erscheint im Untertitel die Zeitspanne 1450-1700. „Europa im Krieg“ lautet dieser Untertitel. Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Wissen Sie welche Kriege in diesen zweieinhalb Jahrhunderten stattfanden, möglichst noch in ganz Europa? Ich jedenfalls weiß das nicht.

Lauro Martines rückt dem Thema Krieg von verschiedenen Seiten zu Leibe. Schon im Vorwort wird deutlich, dass nicht die großen Schlachten und deren Schlachtenlenker im Zentrum stehen, sondern die Umstände und Entwicklungen, unter denen Kriege stattfanden. So war mir nicht bewusst, wie verbreitet fehlende Soldzahlungen waren – und welche Auswirkungen sie hatten. Wirtschaftliche, steuerrechtliche und andere Faktoren beeinflussten nicht nur das Kriegsgeschehen an sich, sondern waren auch maßgeblich bei der weiteren Entwicklungen von Staaten. Weiterlesen

Kampf um Vorherrschaft von Brendan Simms

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x1501.jpgEin Wälzer, gut zu lesen und mit einem spannden Thema: Brendan Simms geht davon aus, dass die Entwicklung von Politik, Machstrukturen, Staaten, Bündnissen usw. in Europa in erster Linie von Deutschland abhing; “Eine deutsche Geschichte Europas” heißt dann auch der Untertitel. Das lag nicht immer daran, dass Deutschland danach strebte, sondern an seiner Lage und seiner langfristigen Uneinheitlichkeit. Die deutschen Lande – so konnte man das ja jahrhundertelang sehen – liegen seiner Auffassung nach halt in der Mitte Europas und alle anderen Akteure gruppieren sich darum, mal mit , mal gegen deutsche Herrscher. Die Kaiserkrone hatte auch einen Glanz, der viele reizte – Heinrich VIII von England zum Beispiel.

Der behandelte Zeitraum ist kein Pappenstiel: 1453 bis heute … Nach einer kurzen Einführung in das Europa um 1450 behandelt Brendan Simms die einzelnen Perioden – mal fast 200, dann wieder nur 60 Jahre umfassend – unter einer gemeinsamen Überschrift:

  • Reiche
  • Sukzessionen
  • Revolutionen
  • Emazipationen

– so heißen die ersten Kapitel. Am Ende jedes Abschnitts gibt er eine kurze Zwischenbilanz – sehr nützlich, um die Fülle an Informationen noch mal sortiert zu bekommen, bevor der nächste Schwung kommt  😉

Map-GermanConfederation

Auf diese Karte mit den Grenzen des Deutschen Bundes (rot) von 1820 kann man die zentrale Deutschlands gut erkennen. 52 Pickup at the English language Wikipedia, Map-GermanConfederation, CC BY-SA 3.0

Brendan Simms ist ganz klar einer, der auf die Außenpolitik schaut (kein Wunder, er ist Professor für internationale Beziehungen), und das eben mit einem ungewohnten Blick. Ob ich nun mit ihm übereinstimme oder nicht – ich habe auf jeden Fall eine spannende Geschichte in der Hand, die auch gut lesbar geschrieben ist – verständlich, mit einem Schuss Humor.

Brendan Simms: Kampf um Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas. 1453 bis heute, übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt, Deutsche Verlags–Anstalt, München, 2014, ISBN: 9783421043979

Der wilde Kontinent von Keith Lowe

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x150.jpgKeith Lowe beginnt sein Buch über die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs mit Erfahrungen, die Angehörige aller am Krieg beteiligten Nationen immer wieder erzählen:

  • zerbombte Städte
  • zerstörte Straßen und Schienenwege
  • vergewaltigte Frauen
  • hungernde Menschen

Das alles habe ich in meiner Familie erzählt bekommen und Sie vielleicht auch. Es gibt auch heute noch eine gewissen Vertrautheit mit dem Thema.

Doch Keith Lowe geht weiter und tiefer ins Thema hinein. Zum Einen weitet er den Blick über West- und Mitteleuropa hinaus aus, hin in den Osten und Südosten des Kontinents, Regionen, deren Erfahrungen aus der Zeit zum großen Teil erst seit den 90er Jahren zugänglich für die Wissenschaft sind. Und zum Anderen geht er den Motiven und Hintergründen für die Greueltaten der Zeit detailliert nach.

Wer hat wann und warum andere Menschen ungebracht, gefoltert, vertrieben?

  • Menschen, die aus den KZ und Arbeitslagern befreit wurden, wollten Rache.
  • Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter ebenso
  • Widerstandskämpfer und Kollaborateure gerieten aneinander
  • Soldaten, die Greuel durch die Besatzungsmächte erlebt hatten, rächten sich ihrerseits

Darauf aufbauend schildert er die ethnisch begründeten Säuberungen – nach der späten Kriegs- und der Nachkriegszeit hatte Europa sein Gesicht verändert: Vorher multiethnische Regionen waren nun ethnisch “sortiert”. Der Weg dahin bestand aus Vertreibungen und Massakern. Dazu gehören nicht nur die Vertrteibunge deutschstämmiger Menschen in Tschechien und der Slowakei oder in Polen, sondern auch Auseinandersetzungen zwischen Serben, Kroaten und anderen Völkern auf dem Gebiet Jugoslawiens, Umsiedlungen von Serben und Ungarn in den jeweiligen Grenzgebieten, Umsiedlung innerhalb der neuen Staatsgrenzen Polens und vieles mehr.

Eure Schuld

Solche Plakate zeigten den Deutschen im Sommer 1945 die Greuel der KZs

Den Abschluss bildet das Kapitel über die Bürgerkreige, die dem zweiten Weltkrieg in manchen Gegenden folgten und teilweise jahrelang andauerten.

Sie sehen, die Kapitel bauen aufeinander auf und Keith Lowe verweist gern vor und zurück, betont an anderer Stelle bereits Erwähntes noch mal und macht so seine Argumetation transparent und  nachvollziehbar. Er nimmt mich als Leserin mit hinein in seine Gedankenfolge, denn er nutzt gern und in mehrfacher Hinsicht das “Wir”:

  • für die Alliierten, besonders die Briten, zu denen er sich selber zählt
  • für die Historikerinnen, die die verschiedenen Bereiche bearbeitet haben
  • für die Menschen, die lange nach der geschildeten Zeit ein Bild von ihr haben, beruhend auf Erzählungen, Überzeugungen, Propaganda und nationalen Mythen

Es ist also einerseits ein gut lesbares und verständliches Buch, das Informationen zusammenträgt, die in solcher Form selten so zusammengefasst wurden. Die Argumentation, wie schon erwähnt, ist klar, nachvollziehbar und wenn man sich die Mühe macht, den reichen Anmerkungsapparat zu berücksichtigen, auch belegbar. Andererseits ist der Inhalt des Buches streckenweise nur schwer erträglich, denn Keith Lowe schildert die Greueltaten auf allen Ebenen, nimmt Augenzeugenberichte hinzu und mutet mir damit ganz schön was zu:

  • die Lage in den KZs und Arbeitslagern der Nazis, einschießlich der Todesmärsche gegen Ende des Krieges
  • die Lage der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter
  • die Situation derer, die feindlichen Truppen in die Hände fielen
  • der Hunger in den zerbombten Städten
  • die Racheakte gegenüber Kollaboratuerinnen und Kollaborateuren (übrigens wurden die Frauen, die ein Liebesverhältnis mit dem Feind unterhielten stärker “bestraft” als die Männer, die Geschäfte mit ihnen machten …)
  • die Folgen der zerbombten Infrastruktur – aufgrund zerstörter Schienenwege und Straßen konnten die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Kriegsheimkehrer und die Kriegsgefangenen der Alliierten nicht versorgt werden
  • die Situation in den Lagern der Alliierten
  • die Lynchjustiz allerorten

Antisovjet russian partisan hunters 1942

Eine Gruppe von antisowjetischen Partisanenjägern, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Sie hatten nach dem Krieg Repressalien zu befürchten.

Hinzu kommen die politischen Differenzen; obwohl die Westalliierten mit der UdSSR gemeinsam Nazideutschland besiegt hatten, war von vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Konservativen und Kommunisten keine Rede – das zog sich durch bis in die unteren Ebenen der Kommunen; der Widerstand der kommunistischen Kämpferinnen und Kämpfer wurde diskreditiert, Rechtsgesinnte kamen schnell wieder in Amt und Würden; ehrlich gesagt hat mich die Schilderung der politischen Zwiste der Zeit (1943-1950 ist der Berichtszeitraum) mit ganz anderen Augen auf Don Camillo und Peppone blicken lassen …

Auch in diesen politischen Konflikten floss reichllich Blut, sie waren Anlass für Bürgerkriege und politische Gewalt in Griechenland, in Rumäniern und in den osteuropäischen Ländern, die sich großenteils nicht friedlich als Satellitenstaaten der UdSSR einrichteten. Aber auch Frankreich und Italien wurden der politisch motivierten Gewalt nicht verschont.

Alles in allem also eine fordernde Lektüre auf diesem Gebiet; das Verdienst von Keith Lowe besteht darin, dass er das Prozesshafte dieser Zeit und ihrer Greuel deutlich macht und dabei die verschiedenen Faktoren, die in privaten Erzählungen unverbunden nebeneinander stehen, in Zusammenhang setzt und manche politische Entscheidung zu Beginn des Kalten Krieges verständlich macht. Ein durch und durch empfehlenswertes Buch.

Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950, übersetzt von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783608948585

Diese Besprechung gehört in die Reihe zu Thema ’45.

1815 von Thierry Lentz

rp_Bild-Sachbücher-150x150111111.jpgThierry Lentz stellt alle Protagonisten des Wiener Kongresses ausführlich vor – was mich dabei wirklich verblüfft hat: Alle Delegierten damals waren bis auf ein paar Ausnahmen noch ziemlich jung. Und so nimmt es nicht wunder, dass auch die amourösen Eskapaden der Minister, Sekretäre und Monarchen eine Rolle spielen, wenn Thierry Lentz das Geschehen von Herbst 1814 bis Juni 1815 erlebbar macht.

Die Amouren kommen da erst nach einer ganzen Weile, denn die Vorbereitungen des Kongresses, die Zusammenstellungen der Delegationen, die Zuständigkeiten der Einzelnen und die Ziele der vielfältigen Konferenzen, Gespräche und Debatten erläutert er en detail. Dass das Bonmot “Der Kongress tanzt” nicht zutreffend war, wird mir als Leserin sehr schnell deutlich. Weiterlesen

Thema 1945 – steht quasi vor der Tür

Sie erinnern sich: Erste Bücher zum Thema “100 Jahre Erster Weltkrieg” erschienen bereits im Herbst 2013. Bekanntestes Beispiel: “Die Schlafwandler” von Christopher Clark.

Ähnlich sieht es mit dem Ende des zweiten Weltkriegs aus, das sich nächstes Jahr zum 70. Mal jährt – auch da gibt es schon was 😉 Es wird dann eventuell zwei Rezensionsreihen parallel geben: weiterhin “Thema 1914” und ab Ende Oktober “Thema 1945”. Ja, die ersten Titel habe ich schon in Arbeit 😉 . Und ab morgen wird es auf der Buchmesse wohl noch weiterer geben.

Auf WikiCommons ist dieses Bild zu finden: Winston Churchill winkt der MEnge zu, die sich in Whitehall versammelt hat. Soeben hat er im Radio den Sieg über Nazideutschland bekannt gegeben. http://commons.wikimedia.org/wiki/World_War_II?uselang=de#mediaviewer/File:Churchill_waves_to_crowds.jpg

Auf WikiCommons ist dieses Bild zu finden: Winston Churchill winkt der Menge zu, die sich in Whitehall versammelt hat. Soeben hat er im Radio den Sieg über Nazideutschland bekannt gegeben. http://commons.wikimedia.org/wiki/World_War_II?uselang=de#mediaviewer/File:Churchill_waves_to_crowds.jpg

Einen umfassenden Überblick habe ich noch nicht, was die Neuerscheinungen zum Thema betrifft, aber mein erster Eindruck sagt: Es ist nicht so viel wie zu “100 Jahre erster Weltkrieg” (wie ja auch “75 Jahre zweiter Weltkrieg” nicht so viele Wellen geschlagen hat).

Ein zweites Thema, das in historischen Sachbüchern ab Herbst vorkommt, ist das Jahr 1815 – 200 Jahre Wiener Kongress und seine Folgen für die europäische Staatenordnung nach Napoleon.

Ich bin gespannt, zu welchem Thema es am Ende mehr Rezensionen hier geben wird. Wagen Sie eine Prognose?

Krieg von Ian Morris

rp_Bild-Sachbücher-150x15011.jpgDas Buch von Ian Morris trägt einen provokanten Untertitel: “Wozu er gut ist” – der Krieg nämlich. Gerade zur Zeit ein unpassender Gedanke beim Blick auf Syrien, Irak, Sudan und  – für uns näher dran – den Ostteil der Ukraine, nicht wahr?

Was Ian Morris nun in seinem Buch macht, ist schon faszinierend: Er schreibet einerseits eine Geschichte des Kriegs – von der Antike bis heute. Dabei springt er aber – andererseits – in den Jahrhunderten munter vor und zurück, um einzelne Aspekte zu belegen.

Grundannahme seines Buches ist, dass der Anteil der Menschen, die in einer Gesellschaft gewaltsam – durch Krieg oder Verbrechen – zu Tode kommen, ein Indiz dafür sei, was der Krieg an Nutzen bringe: Nach einem Krieg konsoldiert sich demnach eine Gesellschaft oder ein Staat und bringt den Überlebenden und ihren Nachfahren mehr Sicherheit und Wohlstand. Je größer ein solcher Staat oder eine Gesellschaft, desto geringer ist der Anteil der gewaltsam zu Tode gekommenen Mitglieder. Bezugsgröße: auf 1000 Mitglieder der Gesellschaft.  Ian Morris zieht dazu die Geschichte und Theorien der Anthropologie heran. Zwei Grundthesen stehen sich hier gegenüber:

  • Der Mensch ist im Urzustand böse und gewalttätig und kann nur durch eine übergeordnete starke Instanz (Leviathan) gezähmt werden
  • Der Mensch im Urzustand ist friedlich – Gewalt kommt von außen herein; bei den Naturvölkern ist der Kontakt mit der westlichen Zivislisation der Ursprung für Gewalt. Weiterlesen

Thema 1914: Der erste Weltkrieg von Bruno Cabanes und Anne Duménil

“Eine europäische Katastrophe” lautet der Untertitel des von Bruno Cabanes und Anne Duménil herausgegebenen Bandes – es versammelt 72 Beiträge von neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zemanta Related Posts Thumbnail

Einzelne Ereginisse bilden den Ausgangpunkt für die knappen Artikel, die jeweils einen Aspekt des Kriegs behandeln: Frauen als Kämpferinnen oder als Opfer, Auswirkung des Kriegs auf die Kunst oder auf die Sprache in den Schützengräben, Kostenfaktor Krieg und industrielle Mobilmachung an der Heimatfront, um nur einige zu nennen.

Auch der Zeitrahmen, den die Autorinnen und Autoren abhhandeln, ist interessant: Der erste Beitrag geht zwei Jahre zurück – die Balkankriege 1912 gehören schon in das Szenario, das dem ersten Weltkrieg den Weg bereitete. Weiterlesen

Verschwundene Reiche von Norman Davies

Etrurien – schon mal gehört. Tolosanisches Reich – nie gehört. Savoyen – doch ja, da klingelt was. UdSSR – klar. Ruthenien – klingt nach einem Agentenroman aus den 20ern.

Das alles sind verschwundene Reiche. Sie alle lagen in Europa. Norman Davies’ Buch trägt den Untertitel: Die Geschichte des vergessenen Europa. Insgesamt 15 “Verschwundene Reiche” stellt er vor. Es gbt aber viel mehr: Im Nachwort weist er auf eine englische Wikiepdiaseite für verschwundene Reiche hin, die 207 davon für Europa auflistet – das sei noch zu niedrig gegriffen, meint er. Wenn man mal schaut, wie viele Duodezfürstentümer allein in Deutschland verschwunden sind, kann mans fast glauben 😉 Zemanta Related Posts Thumbnail

Das Buch ist gut geeignet, um ein bisschen zu stöbern. Alle Beiträge folgen demselben Muster: Weiterlesen

Die Zugvögel von Erika Mann

Der Fund vom ersten Band dieser kleinen Kinderbuchreihe von Erika Mann in Dellbrück war Anlass, das Buch selbst noch mal zu lesen.

Wie in der Verlagsankündigung im Schneiderbuch zu lesen, besteht die Reihe aus vier Teilen. Sie schildern, wie Till Petersen ein Zugvogel wird, wie das Leben in diesem Knabenchor abläuft und – in den beiden letzten Teilen – die Europafahrt des Chores. Und hier kommt dann eben die Sache mit der Horizonterweiterung ins Spiel: Es werden Städte und ihre Sehenswürdigkeiten geschildert, klar. Aber auch Begegnungen mit Menschen in England, Holland, Schweden oder Italien. In dem Zusammenhang ist besonders die Szene in Holland sehr nett, in der einige Zugvögel ein paar holländischen Kindern helfen, dem Polizisten zu entkommen. Manuel für Kinderbücher von Heike Baller
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