Nonna von Thomas de Padova

Und nein, die Nonna von Thomas von Padova lebt nicht in Padua …  (scnr). Sie lebt in Apulien, in einem kleinen Dorf, dass der kleine Thomas in seiner Kindheit in den Ferien besucht hat. Nun ist er wieder da, besucht die Nonna, die Mutter seines Vaters und spürt der Familiengeschichte nach.

Was erzählt Thomas von Padova?

Er schildert seine Familiengeschichte – die seiner Urgroß- und Großeltern, seine eigene und die seiner „Herkunftsfamilie“. Assoziativ hüpft er von Thema zu Thema. Manchmal ist es schwierig die einzelnen Generationen mit ihren Erfahrungen auseinanderzuhalten. Daneben läuft der Strang seines aktuellen Besuchs bei der Nonna – der Corso im Dorf, seine Ausflüge ans Meer, die Landschaftsbeschreibung. Und der Alltag einer alten Frau, die sich nicht beugen ließ vom Leben. Von außen gleicht ihr Leben, nun ja, „einem Martyrium“ wäre zu viel gesagt – aber leicht ist es nicht. Sie kann sich nicht mehr gut bewegen, aber barrierefrei ist die uralte Behausung nun wirklich nicht. Dabei lebt sie in einer anderen Zeit. Das Buch, das ihr Enkel verfasst hat, betrachtet sie unter handwerklichen Aspekten – der Inhalt is erst einmal nicht so interessant. Als sie versteht, dass er es nicht selbst gebunden hat, ist sie enttäuscht. Andererseits: Das Thema des Buches kommt im Laufe der Zeit – auf ihre Weise – in der nächsten Zeit immer mal wieder zur Sprache.

Stacchioddi

Solche Orecchiette hat die Nonna früher selbst gemacht. Das geht nun nicht mehr und Thomas de Padova muss für sie Nudeln kaufen gehen. Luis gris detto move, Stacchioddi, CC BY 3.0

So nach und nach schält sich die Geschichte heraus, wie es zu dieser Familie kam – romantisch ist anders. Ganz anders. Schierer Überlebenswille, das war es, was zur Ehe zwischen Nonna und Nonno geführt hat.

Der dritte Strang, dem Thomas de Padova an den Beispielen seiner Familie folgt, ist die Arbeitsmigration. Schon die Urgroßeltern zogen fort, um ein besseres Leben als in ihrem Dorf zu finden – nach Amerika. Der Nonno von Thomas de Padova wurde in den USA geboren. Zurück in Apulien, mit  Frau und Kind, nun ja: „belastet“, ist auch er weggezogen, um Geld zu verdienen. Nach Deutschland. Sein Sohn tat es ihm gleich. Er fand dann in Deutschland seine Zukunft: Frau und Kinder. Und dann die Scheidung …

Wie erzählt Thomas de Padova?

Schlicht und zwischendurch sehr poetisch.

Das wenige Licht, das noch im Zimmer ist, zieht sich weiter und weiter zurück, bis nur noch ein unauslöschlicher Rest bleibt. (S. 74)

Solche Sprachperlen finden sich einzeln, verstreut im Text. Ich hab mich über jede gefreut.

Ansonsten – unaufgeregte Erzählung von Alltag heute, gestern und vorgestern. Die eher assoziative Reihung der Einzelheiten sorgt immer mal wieder für eine Überraschung – sehr angenehm

Insgesamt ist der kleine Band für mich eine echte Entdeckung – eine Familiengeschichte, eingebettet in die Zeitläufte, ein Blick in den süditalienischen Alltag und das Ganze kreist um den Enkel, der seine Nonna und ihre Geschichte verstehen will und eben die alte Frau, deren Leben den Dunstkreis ihres Heimatdorfes nie verließ. Ein berührendes Buch.

Thomas de Padova: Nonna, Hanser Berlin, München, 2018, ISBN: 9783446258570

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