Die Nacht vor Weihnachten von Nikolaj Gogol

Ich bin meiner Freundin so dankbar, dass sie mir den Tipp für die gestrige Lesung in der Lengfeld’schen Buchhandlung gegeben hat: Helge Heynold las “Die Nacht vor Weihnachten” von Nikolaj Gogol und es war großartig.

Was erzählt Nikolaj Gogol?

Im Dorf Dikanka leben

  • der Kosak Tschub mit seiner schönen Tochter Oxana
  • der in Oxana verliebte Schmied Wakula und seine Mutter Solocha, eine Hexe
  • der Gevatter Tschubs und seine Frau, der Weber und seine Frau, der Küster und seine Frau, der Schultheiß, eine Menge junger Mädchen und Burschen

Außerdem wirkt mit: Ein Teufel. Weiterlesen

Der weiße Tiger von Aravind Adiga

Statt selber nach Indien zu reisen, habe ich das Buch von Aravind Adiga verschlungen. Und dabei zumindest theoretisch mehr über Indien gelernt als bei einer Studienreise. Die praktische Anschauung fehlt halt. Und das Erlebnis – Gestank und Duft, Paläste und Slums, altes und modernes Indien nebeneinander.

Was erzählt Aravind Adiga?

Sein Leben? Nein, das von Balram Halwai. In sieben Nächsten schildert dieser in Briefen dem chinesischen Ministerpräsedenten Wen Jiabao, wie er als Sohn eines Rikschfahrers aus der “Finsternis” – den bitterarmen Hinterland – zu einem Unternehmer wurde. Wen Jiabao soll nämlich Bangalore besuchen und das nimmt der weiße Tiger zum Anlass, um klarzumachen, wie es eigentlichin Indien aussieht und läuft. Weiterlesen

Die Europäer von Henry James

Für einen Roman von Henry James ist „Die Europäer“ ein eher schmales Werk – nichtsdestoweniger aber höchst unterhaltsam. Anders als von mir zuerst vermutet, betreibt hier nicht ein Amerikaner ethnologische Studien im alten Europa, sondern zwei Menschen dieser alten Welt haben sich auf den Weg in die neue gemacht: Eugenia und Felix.

Was erzählt Henry James

Diese beiden vertreten ein Europa der Verfeinerung, der Konversation und – das zumindest in den Augen ihrer amerikanischen Verwandten – der lockeren Sitten. Felix ist Maler mit einer buntscheckigen Vergangenheit und heiterem Gemüt. Eugenia, das stellt sich im Laufe der Geschichte heraus, ist in morganatischer Ehe mit dem jüngeren Bruder eines regierenden Fürsten verbunden. Das brachte ihr den Titel einer Baronin ein. Doch nun soll dieser Gatte standesgemäß verheiratet und Eugenia abserviert werden. Grund genug für die beiden mittellosen Geschwister, sich ihrer – hoffentlich reichen – amerikanischen Verwandtschaft zu erinnern und sie aufzusuchen. Weiterlesen

Stoner von John Williams

So ein trauriges Leben – und so erfüllt. Das ist mein Resümee zu dem dritten Roman von John Williams, den ich gerade ausgelesen habe. Dringend zu empfehlen!

Nach Durchsicht der Biographie von John Williams bei Wikipedia war klar, dass einiges in “Stoner” von eigenen Erfahrungen geprägt sein muss. Ich hatte es vermutet. Aber darum geht es tatsächlich nicht. Es gelingt ihm hier eine Lebensbeschreibung, die, ohne je laut zu werden oder plakativ, gefangen nimmt. Fast alles, was ich über das Leben von William Stoner erfahre, sehe ich mit seinen Augen, höre ich mit seinen Ohnren, denke ich mit seinen Gedanken. Einige Informationen gibt es von außerhalb – z. B. was seine Frau Edith macht, als sie nach dem Tod ihres Vaters in ihr Elternhaus reist, um der Mutter beizustehen. Weiterlesen

Cider mit Rosi von Laurie Lee

„Eine der schönsten Kindheitserinnerungen in der Literatur“ steht hinten auf dem Buch mit den hübschen Blumen auf dem Leinencover. Es handelt sich um die Kindheitserinnerungen von Laurie Lee. Ehrlich gesagt, so eine Kindheit möchte ich nicht erlebt haben und wünsche sie weder meine Kinder noch meinen Enkeln. Wieso steht dann dieser Satz auf dem Cover? Und warum habe ich dann das Buch mit großer Begeisterung gelesen?

Laurie Lee beschreibt sein Leben auf dem Land in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts – zu Beginn ist er drei Jahre alt. Das Haus, in das er mit drei Schwestern, zwei Brüdern und der Mutter einzieht, ist alt, feucht, verfallen – und hat einen großen Garten. Weiterlesen

Zufallsbuch #3 Der Erwählte von Thomas Mann

Dafür, dass ich lange Jahre große Schwierigkeiten mit Thomas Mann und seiner Schreibe hatte, hat es “Der Erwählte” recht schnell auf den Stapel der Lieblings- oder wie Kerstin Herbert sagt “Herzensbücher” gebracht. Ihre Fragen dazu lauten dieses Mal:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Wie oft hast du das Buch bereits gelesen? Und wann zuletzt?
  3. Warum ist es ein Herzensbuch?
  4. Wie lautet dein Lieblingszitat aus dem Buch?
  5. Warum hat sich dein Lieblingsmensch genau für dieses Buch entschieden?

Zu Frage 1: Thomas Mann erzählt hier auf seine Art den “Gregorius” von Hartmann von Aue nach. Der Handlungsablauf folgt in erweiterter Weise dem mittelalterlichen Vorbild – sehr inzestuös: Gregorius ist das Kind aus der Liebesbeziehung der Zwillinge Sybilla  und Willigis (das ist eine Idee von Thomas Mann (Nachtrag vom 20.2.2018:Maike Claußnitzer hat es gerade im Kommentar korrigiert: Den Zwillingsinzest gab es schon bei Hartman … ich bitte um Entschuldigung) und erringt später seine eigene Mutter zur Frau (der Mutter-Sohn-Inzest findet sich schon bei Hartmann), mit der er dann zwei Töchter hat. Als dieses Verhältnis offenbar wird, zieht sich Gregorius zur Buße auf einen einsamen Felsen im Meer zurück und lebt dort erstaunlich lange und sehr reduziert. In Rom wird nach einem blutigen Bütrgerkrieg ein neuer Papst gesucht und in einer Vision wird zwei Personen offenbart, es solle der Büßer Gregoris sein.

Thomas Mann gibt sich hier die Art eines alten Erzählers – tut dies aber in so ironischer und sprachspiefreudiger Weise, dass es eine Lust ist, der alten Geschichte zu folgen. Viele Begriffe, zum Beispiel aus der “englischen” Phase der Geschichte (Gregorius wächst auf englischem Boden auf), sind quasi lautmalerisch geschrieben – z. B. “puhr piepl” für die einfachen Leute. Da hat es mir geholfen, einfach laut zu lesen. Die beiden Römer mit ihren Visionen sind auch wunderbar grotesk und rührend.

Zu Frage 2: Auch wenn es ein Herzensbuch ist, gebührt ihm dieser Platz erst ca. 9 Jahre und deshalb habe ich es erst vier Mal gelesen … Das letzte Mal im Zusammenhang mit einem meiner Literaturkreise vor ein paar Jahren – dann aber gründlich 😉

Zu Frage 3: Hab ich ja im Grunde schon bei Frage 1 mit beantwortet – die Sprache ists. Und ich habe als Germanistin mit Studienschwerpunkt Mittelalter einfach ein Faible für die alten Geschichten.

Zu Frage 4: Da gibt es viele, aber hübsch finde ich das hier:

Ich bin der Mann hier und Euer Ehegemahl, wenn auch blödsinnigerweise, und so bestimm’ ich. (S. 176)

Da macht Gregorius seiner Frau und Mutter klar, was zu geschehen hat, nachdem die inzestuöse Beziehung offenbar wurde.

Thomas Mann Der Erwählte Zufalssbuch #3

Tja, die Lesezeichen wieder rauszunehmen habe ich dann vergessen

Zu Frage 5: Mein Lieblingsmensch meinte, dass dies das einzige meiner Herzensbücher sei, das ihm so gar nichts sage. Und außerdem seien da so viel schöne bunte Zettelchen dran … (Überbleibsel der letzten Lektüre vor ca. vier Jahren – für den Literaturkreis …)

Thomas Mann: Der Erwählte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1995, ISBN: 3596294266

 

 

Zufallsbuch #1: Der alte Garten von Marie Luise Kaschnitz

  • Kerstin Herbert Zufallsbuchgenerator LogoKerstin Herbert hat auf ihrem Blog in diesem Monat ein spannendes Projekt: Den Buch-Zufallsgenerator. Jeden Sonntag nennt sie eine Regalposition und das dort gefundene Buch sollen die, die mitmachen, dann vorstellen. Zufallsbuch #1 hat die Position “3. Regalreihe, 28. Buch“. Meine Frage lautet ja dann: Welches Regal …?
  • Eins der drei großen im Wohnzimmer mit den Büchern in zwei Reihen?
  • Eins der drei im Keller?
  • Das im Flur?
  • Oder eins der drei im Arbeitszimmer?

(Die rein fachbuchmäßig ausgelegten Buchregale meines Mannes lasse ich mal außen vor.)

Schwierig. Ich habe eins im Wohnzimmer gewählt, in dem genug Bücher in der ersten Reihe stehen und so wurde es: Marie Luise Kaschnitz, Der alte Garten.

Kerstin Herbert hat zum Zufallsbuch #1 auch ein paar Fragen:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Hast du das Buch schon gelesen? (Wenn ja, fandest du es? Wenn nein, warum nicht?)
  3. Wie hat das Buch den Weg in dein Regal gefunden?
  4. Wie lauten der erste und der letzte Satz?
  5. Wie viele Bücher umfasst deine Bibliothek insgesamt?

Zu Frage 1: Es nennt sich Märchen, ist auch eine Art Kinder-Entwicklungsroman und öko ist es außerdem 😉 : Zwei Kinder geraten in dem alten Garten in die unterirdischen Gefilde und bekommen mit, wie was im Garten lebt und wächst. Ihre Einstellung iat am Ende anders als am Anfang. Ist eine nüchterne Beschreibung eines sehr poetischen Buchs. Ich erinnere mich besonders an eine Szene am Anfang, als die geschrumpften Kinder den Weg durch eine Tulpenzwiebel versperrt sehen. Mit ihrer Kenntnis um die Schichten einer Zwiebel beginnen sie, die Schichten abzutragen, um so das Hindernis zu beseitigen – bis ihnen die Tulpenzwiebel klar macht, dass das weh tut. Märchen, ich sagte es 😉

Und damit bin ich bei Frage zwei: Ja, ich habe es gelesen und fand es wunderschön. Marie Luise Kaschnitz hat eine sehr poetische Sprache.

Zufallsbuch Der alte Garten Marie Luise Kaschnitz

zart gezeichnete Pflanzen und Tiere aus “Der alte Garten” von Marie Luise Kaschnitz – A. L. 1983

Zu Frage 3: Das weiß ich nicht mehr genau, aber es war noch zu Schulzeiten, vor 1983. Ich habe es damals meinem Mann geliehen und er hat mir ein Bild dazu gezeichnet (so haben wir das Jahre lang gemacht: Wenn wir voneinander Bücher liehen, lag bei der Rückgabe ein passenden selbst gemaltes Bild drin).

Frage 4:

Das Buch beginnt mit:

Mitten in der großen Stadt liegt ein sehr alter Garten. (S. 7)

Und es endet:

Aber das sagen alle Mütter, obwohl sie es im Grunde besser wissen (S. 183)

Zu Frage 5, die der Aufgabe beigegeben ist: Wie viel Bücher umfasst die eigene Bibliothek? Also im Wohnzimmer sind es rund 1200, im Keller rund 700, im Flur so 150, und im Arbeitszimmer 490. Macht in Summa: 2540 – so round about. Die, die darauf warten, in den offenen Bücherschrank zu wnadern habe ich jetzt nicht mitgezählt.

Marie Luise Kaschnitz: Der alte Garten. Ein Märchen, suhrkamp taschenbuch, Lizenzausgabe des Claasen Verlages, Düsseldorf, 1975.

Stolz und Vorurteil – als Graphic Novel

Die Graphic Novel ist ein starker Trend geworden – teils adaptiert sie literarische Stoffe, teils erschafft sie eigene Inhalte mit hohem Anspruch. Ich hab nicht viel Erfahrung mit der Gattung Graphic Novel, musste mir aber zumindest den Ausschnitt von „Stolz und Vorurteil“ ansehen, den der Galiani-Verlag in seiner Ausgabe des „Graphic Canon“ veröffentlicht hat.

Die Zeichnungen waren für mich erst mal etwas gewöhnungsbedürftig – diese ganzen miteinander streitenden Muster auf Kleidung und Wänden erinnerten mich zu sehr an die 70er … 😉 Die Graphikerin Huxley King beschreibt ihre Art der Arbeit gerade in dieser Hinsicht wie folgt:

Ich habe mich von der Leidenschaft der Georgianischen Periode für klassische griechische und römische Formen inspirieren lassen. In den Gesichtern der Figuren finden sich nicht zufällig Anleihen an griechische Statuen. (…) Das (die Bildmontagetechnik von Terrence Boyes, d. V.) machte es möglich, mehrere Schichten an Mustern übereinanderzulegen und sie z. B. für die Kleider der Mädchen zu verwenden. (S. 32)

Graphic Novel "Stolz und Vorurteil" Titelblatt Predigtsammlung

Marys Lektüre – wer will, kanns hier nachlesen: https://archive.org/details/sermonstoyoungw00fordgoog

Mary ist besonders deutlich zu erkennen mit ihrer strengen Frisur – bei einem „Portrait“ von ihr hält sie einen Band mit „Fordyces Predigten“ vors Gesicht, einer Sammlung von Texten, extra für junge Frauen geschrieben, also genau die Lektüre, die später Mr. Collins für empfehlenswert hält. Der hätte mich ja als Figur in einer Graphic Novel auch interessiert … Aber hier liegt nur ein Ausschnitt vor. Bei den anderen Schwestern muss ich schon genau hinschauen, um die Unterschiede in Kleidung und Frisur zu entdecken. Schön ist die Darstellung Mr. Bennets, als er seinen Besuch bei Bingley erklärt – Huxley King zeigt hier nur seine Hand, die seine Pfeife hält. Für mich strahlt das genau diese Ruhe aus, die er gegenüber den Ausbrüchen seiner Frau behält.

Der Aufbau der Seiten ist in dieser Graphic Novel oft sehr symmetrisch. So reagieren die Frauen des Hauses ja mit Erstaunen auf seine Eröffnung – dargestellt mit zwei angeschnittenen Ansichten von Frauengesichtern  von vorn (Mrs. Bennet und Jane), dazwischen ein Bild mit Mr. Bennet zwischen zwei Gesichtern mit aufgerissenem Mund im Profil. Auch hübsch die Seite, wo das Bild mit Mrs. Bennets Reaktion quasi wie ein Portrait an der Wand schräg oberhalb von Mr. Bennet platziert ist, der gerade eine längere Rede hält. So eine Graphic Novel verlangt also nicht dem Lese-, sondern dem Sehvermögen was ab.

Genau dieses 2. Kapitel der Graphic Novel gibt es auch auf Youtube.

Huxley King und Terrence Boyce: Stolz und Vorurteil, Das 2. Kapitel, in: The Graphic Canon. Band 2: Von “Tristram Shandy” über Jane Austen bis “Dorian Gray”, hg. von Russ Kick, Galiani-Verlag, 2015, ISBN: 978-3869710792

Das Buch findet sich auch in der Stadtbibliothek Köln.

Die Besprechung gehört in meine Reihe „beloved Jane“ zum 200. Todestag der Autorin im Sommer dieses Jahres.

PS: Das Einfügen des “Klassiker”-Rubrikenbildes hat mir jetzt richtig Spaß gemacht 😉

Zitatsammlungen von Jane Austen

Eine Autorin, die für ihren Witz, ihre Ironie und ihre Beobachtungsgabe gerühmt wird, ist natürlich eine Quelle für Zitate. Also gibt es zu Jane Austen solche handlichen Büchlein, die, thematisch sortiert, ihre Worte verbreiten.

Mein Liebling ist ja das “Jane-a-day“, von dem ich mindestens einmal pro Woche was bei Twitter einstelle (immer zum Datum, da wird nicht gepfuscht). Außerdem denke ich, dass ich daran länger als fünf Jahre Freude haben werde 😉

“Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen”

Im Insel-Verlag ist gerade ein sehr handliches kleines Büchlein erschienen: “Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen” heißt es. Die Übersetzungen, die ihm zugrundeliegen, stammen alle ebenfalls aus dem Insel-Verlag – kommen mir also manchmal etwas unvertraut vor (das kann den Blick aufs Original nur schärfen!). Weiterlesen

Die schöne Cassandra von Jane Austen

2012 erschien die Sammlung der gesammelten Jugendwerke von Jane Austen erstmals auf Deutsch – in der mir sehr vertrauten Übersetzung von Christian und Ursula Grawe (ich bin mit den Reclambändchen der Werke Austens sozialisiert).

Die Texte entstanden in der Teenagerzeit von Jane Austen, zwischen 1786 und 1793 und dienten der abendlichen Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis. Insgesamt 27 Werkchen – im Umfang zwischen einer halben Seite und einer Novelle von ca. 50 Seiten – hat Jane Austen offensichtlich selber zusammengetragen, denn sie finden sich in drei Heften, säuberlich geschrieben und mit „Band 1-3“ bezeichnet, sorgfältig aufbewahrt. Ja, die Hefte wurden sogar regelgerecht vererbt – sie kamen im Testament vor.

Aber was erzählt sie denn nun? Weiterlesen