Thema 1914 – Tipps für Köln

Und zwar vor allem musikalische Tipps. Muss auch mal sein 🙂

Nächste Woche, am 8.11.2014, gibt es in der Kölner Philharmonie “War work” von Michael Nyman zu hören – ein Werk, in dem Texte August Stramm, David Bomberg, Ernst Stadler, Guillaume Apollinaire, Géza Gyóni, Isaac Rosenberg und Alfred Lichtenstein verwendet werden. Brunnen in Sandwich Christian 96

Am 19.11.2014 singt Anna Prohaska Lieder zum Thema Krieg von Beethoven, Eisler, Ives, Schubert und anderen – ebenfalls in der Kölner Philharmonie.

Das Literaturhaus Köln bietet am 22.11.2014 einen Abend zum Thema »Blickwechsel Musik und Literatur« Krieg und Frieden. Der Erste Weltkrieg an; dazu gehört auch ein Konzert in der Kölner Philharmonie.

Für Liebhaberinnen von Chormusik gibt es dann noch ein kleiner dimensioniertes Konzert in Köln-Dellbrück: Die Kantorei Coro con spirito und die Dellbrücker Symphoniker (hervorgegangen aus einem Eltern-Kinder-Orchester-Projekt im Stadtteil) musizieren am 23.11.2014 in der Christuskirche, Ecke Bergisch-Gladbacher-Straße/Dellbrücker Mauspfad,  unter dem Titel “Dona nobis pacem” Werke von Mauersberger, Kaminsiki, Schütz und Hindemith.

Bücher reden miteinander – und sei es in der Leserin

In ihrem Buch über Geschwister geht Susann Sitzler auf Lebensweisen ein, die ich äußerst befremdlih finde, z. B. das Flirten von Eltern mit den Freundinnen resp. Freunden ihrer jugendlichen oder erwachsenen Kinder. Für das  Buch “Es bringen” von Verena Güntner hat mir der Absatz in “Geschwister” aber einen echten Erkenntnisgewinn gebracht, weil Luis ja gerade durch ein solches Verhalten seiner Mutter in eine Krise gerät. Dass Luis trotz seiner unbedingten Zuneigung und Loyalität gegenüber seiner Mutter ein ziemlich verlassses und

Nein, so linear wie bei dieser Hecke sind Bücher selten miteinander verbunden - aber die untere Verbiindungslinie zwischen den einzelnen Stämmen find ich schon ein gutes Bild.

Nein, so linear wie bei dieser Hecke sind Bücher selten miteinander verbunden – aber die untere Verbiindungslinie zwischen den einzelnen Stämmen find ich schon ein gutes Bild.

einsames Kind *räusper* ist, ist ja mit Händen zu greifen.

Dass die eigene Mutter was mit dem Freund eines Jugendlichen “hat”, ist eine seelische Verletzung, die mir – und sicher auch Ihnen – unmittelbar einleuchtet.

Durch die Darstellung von Susann Sitzler wurde mir aber die Tiefendimension dieser Verletzung so richtig “verständlich” – ich habe das danach nicht einfach so im Gefühl, sondern kann es wirklich verstehen.

Kindheit ist die gefährlichste Epoche im Leben eines Menschen. Im Dampfkessel der Familie können die ärgsten Machtmissbräuche und Übergriffe geschehen. Gleichzeitig nimmt man fast alle Erfahrungen ungefiltert auf und betrachtet sie als Normalität. (Susann Sitzler: Geschwister, S. 246)

In der Auseinandersetzung mit “Brüder” von Hilary Mantel kam eine Lektüreerkenntnis aus “Geschwister” ebenfalls zur Geltung: Die Bindung zwischen Robespierre und Demoulins entspricht einer geschwisterlichen Beziehung, aufgrund der gemeinsamen Schulzeit – wer in der Kindheit Zeit miteinander beim Aufwachsen zubrachte, entwickelt eine geschwisterliche Basis, die auch trägt, wenn sich die  Auffassungen auseinander entwickeln. So erklärt sich die Verrautheit der beiden für mich dann völlig schlüssig – auch wenn die gemeinsame Schulzeit in der Form ein Produkt von Hilary Mantels Phantasie ist.

Ein echtes Geschwisterpaar porträtiert Arthur Hochschild in seinem Buch über den ersten Weltkrieg mit dem im Deutschen so unpassenden Titel “Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im ersten Weltkrieg” – Bruder und Schwester (Sir John French und Charlotte Despard), die sich ein Leben lang politisch diametral gegenüber stehen, aber Bruder und Schwester bleiben, fürsorglich und liebevoll.

Kennen Sie das auch, dass gelesene Bücher sich in Ihnen gegenseitig befruchten und Ihre Lektüre sich untereinander beeinflusst? Ich finde es ein tolles Phänomen.

Irgendwann – wenn gerade mal nicht so viele Bücher auf dem Rezensionsstapel liegen -, befasse ich mich auch mal damit, wie Bücher “direkt” miteinander sprechen. Versprochen.

Quiz zu Thema 1914 – Teil II

Heute geht das Quiz zu Thema 1914 in seine zweite Runde. Drei Titel zum ersten Weltkrieg gibt es zu gewinnen (Liste am Ende des Beitrags). Dazu müssen Sie nur eine von drei Fragen per Mail (!) beantworten. Zeit haben Sie dazu bis zum 11.11.2014, 23.59 Uhr. Bitte denken Sie daran, Ihre Postanschrift anzugeben.

Maria Anunciata de Bourbon-Duas Sicílias & arquiduque Francisco Fernando

Franz Ferdinandn als Kleinkind mit seiner Mutter Maria Anunciata de Bourbon-Duas Sicilias

Franz Ferdinand von Österreich-Este war der Thronfolger des greisen Kaisers Franz Joseph; er reiste im Juni 1914 in den slawischen Teil des Reichsgebietes, um einem militärischen Manöver beizuwohnen.

Frage 1: Was für ein Tag war der 28. Juni im Bewusstsein der Serben?

Nach der Ermordung von Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie reagierte die Diplomatie aus Wien mit einer Frage an Wilhelm II, ob man sich auf den Bündnispartner verlassen könne.

Frage 2: Wie wird die Antwort Wilhelms II bezeichnet?

Es gab eine politische Bewegung, die die Vereinigung aller slawischen Völker zum Ziel hatte.

Frage 3: Wie wird diese Bewegung genannt?

Und diese Bücher stehen zur Verlosung:

  • Barbara Tuchman: August 1914, Fischer TB, Frankfurt/Main, 2013, ISBN: 9783596197347
  • Tillmann Bendikowski: Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten, C. Bertelsmann Verlag, München, 2014, ISBN: 9783570101223
  • Adam Hochschild: Der grosse Krieg. Der Untergang des alten Europa im ersten Weltkrieg, übersetzt von Hainer Kober, Klett-Cotta, Stuttgart, 2013, ISBN: 9783608946956

Bitte berücksichtigen Sie, dasss es sich um die Exemplare handelt, die meinen Rezensionen und teilweise auch meinem Vortrag zugrunde liegen: Es sind keine verlagsfrischen Exemplare!

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Seelenfutter vegetarisch von Susanne Bodensteiner und Sabine Schlimm

rp_Bild-Sachbücher-150x150111.jpgWieder ist es Herbst und wieder ist das passende Kochbuch von Susanne Bodensteiner und Sabine Schlimm dazu erschienen: Seelenfutter vegetarisch verspricht nun “Grüne Rezepte, die glücklich machen” 🙂

Und gleich als erstes: Mein Kritikpunkt vom letzten Mal – das mit der schwer lesbaren Schrift, wenn Deko und Schrift dieselbe Farbe haben – ist erledigt! Die farbigen Pünktchen reichen einfach nicht mehr so weit runter und gut ist es.

Ansonsten: Bewährte Qualität. Das erste, was einer der Süßschnäbel der Familie zubereitete, waren die Brownies – so was von lecker! Die Art der Rezeptanleitung ist wirklich praktisch. Die Erläuterungen zu den einzelnen Zutaten lesen sich flüssig und unterhaltsam. Susanne Bodensteiner und Sabine Schlimm haben auch bei diesem Buch ihr Wissen liebevoll und abwechslungsreich präsentiert. Für Freundinnen vegetarischer Gerichte ein gutes Angebot.

So, und jetzt geh ich erst mal die Petersienwurzel-Nocken auf Bierzwiebeln ausprobieren und freu mich auf die Rotkohl-Cremsuppe (eine Farbe zum dahinschmelzen!).

Susanne Bodensteiner und Sabine Schlimm: Seelenfutter, vegetarisch. Grüne Rezepte, die glücklich machen, Gräfe und Unzer, München 2014, ISBN: 9783833841774

Quiz zu Thema 1914 – Auflösung von Teil I

Hier kommt nun die Auflösung des ersten Quizteils:

Zu Frage 1:

Welche Bündnisse gingen europäische Länder im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein?

Die Entente Cordiale  zwischen Großbritannien und Frankreich von 1904 – mit der Erweiterung um Russland im Jahr  1907 als Triple-Entente – und der Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italienvon 1879 waren die beiden zentralen Bündnisse in Europa vor Ausbruch des ersten Weltkriegs.

Zu Frage 2:

Wie wurden die Kriege von 1912 und 1913 genannt?

Erster und zweiter Balkankrieg.

Zu Frage 3:

Mit welchen Äußerungen erlangte Wilhelm II den Ruf, ein auf Expansion ausgerichteter Herrscher zu sein?

Wilhelm II neigte zu plakativen Äußerungen –  “Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser” – hier  ging es um das Flottenprogramm, “Pardon wird nicht gegeben” – das war die berüchtigte “Hunnenrede”, es gab noch viel mehr.

Der Satz “Am deutschen Wesen soll die Welt genesen” wird Wilhelm II zwar oft zugesprochen, stammt aber aus dem Gedicht Deutschlands Beruf von Emanuel Geibel.

Offensichtlich habe ich den Schwierigkeitsgrad der Fragen unterschätzt – ich werde mich bessern, versprochen 😉

Und hier kommen die Gewinner

(da nur zwei Teilnehmer am Start waren, werden nicht die Gewinner aus-, sondern ihnen die Titel zugelost 😉 ):

Martin mit dem Ergebnis

Martin mit dem Ergebnis

Herrn Herzig aus Wien hat Martin das Wien-Buch zugelost: Edgard Haider: Wien 1914, Böhlau Verlag, Wien, 2013.

Archeopterix, dessen Adresse vorliegt, hat das Buch von Gerd Krumeich gewonnen: Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 2014.

Herzlichen Glückwunsch!

Der zweite Teil des Quiz folgt eventuell erst morgen; es wird sowieso ein paar Änderungen im Zeitplan geben, weil ich an einem  anvisierten Auslosungstag völlig offline sein werde.

PS: Was mach ich jetzt mit dem Buch über den Attentäter von Sarajevo (Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo, Residenz Verlag, St. Pölten, 2014)? Hat jemand einne Idee?

Länger als sonst ist nicht für immer von Pia Ziefle

rp_Bild-Unterhaltung-150x15011.jpgIm Klappentext ist von drei Kindern die Rede: Ira, Lew und Fido – Pia Ziefle lässt uns vor allem durch den Blick von Ira und Lew in die Geschichte der drei eintauchen. Und durch den Blick von Evi und Cornelius, die beiden Alten, die die Kindheit von Ira und Fido begleitet haben. Puzzleartig fügt sich im Laufe des Romans ein Bild zusammen, das Bild von Kindheiten voller Verletzungen und Zauber, vom Erwachsenwerden mit einem großen Rucksack negativer Erfahrungen. Dabei aber verliert keiner von den dreien völlig den Lebensmut.

Pia Ziefle erzählt keine “Von A nach B”-Geschichte, sondern lässt Vergangenheit und Gegenwart ineinander fließen, zeigt die Momente, wo im Einen das Andere spürbar wird. Und wechselt dabei immer  wieder die Perspektive, von ira zu Lew, zu Evi und – kursiv abgesetzt – zu Cornelius. Kleine Andeutungen sind im Text  versteckt, die sich später als wesentlich erweisen.

Ich fand es nicht schlimm, dass ich die nicht immer direkt mitbekommen habe, denn das Faszinierende an der Erzählweise von Pia Ziefle ist, dass sie fast schwebend Stimmungen erzeugt. So kann ich mich in die Geschichte ziehen lassen, den Erinnerungen und Nachsinnereien von Lew und Ira folgen und dabei erkennen, dass das Leben nicht geradlinig ist.

Enrico Pollastrini - Il gioco della buchetta

Kinderspiele – auch sie sind Teil der Geschichte von Pia Ziefle

Worin bestehen die Verletzungen, wollen Sie wissen? Hm, ohne zu viel verraten zu wollen: Eltern, die ihre Kinder lieben, sind nicht immer so verlässlich, wie Kinder das suchen und brauchen. Und das kann sehr unterschiedlich aussehen: Eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, ein Vater, der seine Tochter sehr liebt und auf Distanz hält, Eltern, die auf einmal verschwunden sind, eine Mutter, die irgendwann weggeht.

Verschiedene Lebensumtände prägen den Geschichten der drei ihre Stempel auf: Serbien als Herkunftsland, die DDR mit ihrer Einstellung gegenüber Republikflüchtlingen, eine westdeutsche Kleinstadt

Sie sehen: Das ist keine Mal-eben-Durchlesen-Lektüre. Es ist ein Buch der leisen Töne, die Aufmerksamkeit fordern und die einen Sog entwickeln, wenn man sich auf sie einlässt.

Pia Ziefle.: Länger als sonst ist nicht für immer, Arche Verlag, Zürich, 2014, ISBN: 9783716027158

Gedicht zum Tag: Auf eine holländische Landschaft von Nikolaus Lenau

Auf eine holländische Landschaft rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x150111111111111.jpg

Müde schleichen hier die Bäche,
Nicht ein Lüftchen hörst du wallen,
Die entfärbten Blätter fallen
Still zu Grund, vor Alterschwäche.

Krähen, kaum die Schwingen regend,
Streichen langsam; dort am Hügel
Läßt die Windmühl ruhn die Flügel;
Ach, wie schläfrig ist die Gegend!

Lenz und Sommer sind verflogen;
Dort das Hüttlein, ob es trutze,
Blickt nicht aus, die Strohkapuze
Tief ins Aug herabgezogen.

Schlummernd, oder träge sinnend,
Ruht der Hirt bei seinen Schafen.
Die Natur, Herbstnebel spinnend,
Scheint am Rocken eingeschlafen.

Nikolaus Lenau

Ich will meine Mami! von Martin Wadell und Patrick Benson

Der Satz war eine ganze Zeitlang bei uns “Kult”: rp_Bild-Kinderbücher-276x3003-150x150.jpg

“Ich will meine Mami!”, weinte Flo.

Sebu, Lea und Flo erleben zum ersten Mal in ihrem jungen Eulenleben, dass Mami nicht da ist – und das mitten in der Nacht!  Sie suchen nach Erklärungen – aber die Angst hat sie fest im Griff. Nur Flo, der kleinste, kann das laut sagen – wie ein Refrain folgt nach jedem Erklärungsversuch der großen Geschwister sein “Ich will meine Mami!” Ich hab das Bilderbuch so oft vorgelesen, dass nicht nur der Nachwuchs es fast auswendig konnte – ich konnte es auch 😉 Das Schöne an der Sprache von Martin Waddell in der Übersetzung von Rolf Inhauser ist nämlich, dass sie fast lyrisch daherkommt – mit Binnenreimen, mit gutem Rhythmus, mit immer wiederkehrenden Sätzen (neben “Ich will meine Mami” noch “Die Eulenkinder dachten nach. Eulen denken nämlich viel. “).

Die Bilder von Patrick Benson vermitteln die Gefühle der alleingelassenen Kinder sehr gut – besonders beeindruckend ist das Bild, auf dem Eulenkinder fast nur noch als weiße Flecken in einem dunklen Wald zu erkennen sind. Oder die Gesichter am Anfang, als sie feststellen, dass Mami nicht da ist. Und dann natürlich die Seite “Und da kam sie” – man spürt die große Eule fast durch den Wald schweben.

Eine wunderbare Geschichte, sehr liebevoll. Und als Mutter hat mich der letzte Satz immer sehr gefreut:

“Und ich habe meine Mami lieb”, sagte Flo

🙂

Martin Wadell und Patrick Benson: Ich will meine Mami!, übersetzt von Rolf Inhauser, Verlag Sauerländer, 1999, ISBN: 3794135946

Thema 1914: Tolkien und der erste Weltkrieg von John Garth

rp_Rubrik-Biographie-300x2001.jpgManchmal passen Lektüren einfach zueinander. Das Buch von John Garth ist natürlich in erster Linie eins darüber, wie der Große Krieg, wie der erste Weltkrieg in England und Frankreich genannt wird, die Mythologie von J. R. R. Tolkien beeinflusst hat.  Ich habe es aber quasi unmittelbar nach dem Kleinen Etymologicum von Kristin Kopf gelesen – und das hat sich als Glücksfall erwiesen, denn so konnte ich der Begeisterung des jungen J. R. R.  Tolkien viel besser folgen.

John Garth schildert, wie der Junge und junge Mann Tolkien sich mit Sprachgeschichte, mit Morphologie, mit Semantik und Lautverschiebungen befasst, bis dahin, dass er so um 1915 eine eigene Sprache  – Qenya – entwickelt. Es ist nicht seine erste, aber die am besten durchdachte und entwickelte, mit eigenen Lautgesetzen, mit Regeln und einer eigenen Entwicklungsgeschichte, analog zu dem, was zwischen Indogermanisch und Englisch liegt. Dazu liest er vorzugsweise alte, bis sehr alte Text; in seiner Prüfung etwas mit Shakespeare zu tun zu haben, ist ihm eindeutig zu modern … zu seiner Lieblingslektüre gehörte u. a. die finnische Sagenwelt, die im 19. Jahrhundert Elias Lönnrot als Kalevala zusammenstellte.

Angerthas mit Buchstaben

Schriftbeispiel aus Mittelerde -bearbeitet von Lómelinde (ebenfalls ein Name aus der Sprache von Mittelerde. Ein Beispiel dafür, wie detaliiert, eben wissenschaftlich, Tolkien die Sache anging.

John Garth folgt J. R.R. Tolkien den ganzen Weg über bis in den Krieg und darüber hinaus. Er schildert seinen Freundeskreis, deren Reaktionen auf seine ersten Schritte als Sprachschaffer und Autor. Erst gegen Ende seines Studiums findet Tolkien die ihm gemäße Form, die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision mit seinem Faible für alte Geschichte, für Feen, Kobolde und Drachen – in der Erschaffung einer eigenen Mytholgie, verbunden mit der Sprache Qenya.

John Garth zeichnet weiter nach, wie die Erfahrung des Kriegs auf Tolkien wirkt und weist nach, dass die andere Welt, die Tolkien sich da erschafft, seine Reaktion auf die Erfahrungen des Großen Kriegs sind. Dabei nimmt er Bezug auf die Freundschaften, die sich aus der Schulzeit bis in die Nachkriegzeit halten, er zeichnet die Lektüre Tolkiens nach – alle Einflüsse, denen Tolkien von Jugend bis Kriesgende 1919 ausgesetzt war. Und erst hier – im zweiten Teil des Buches und nach rund 200 Seiten – gerät Tolkien selber ins Kriegsgeschehen, erlebt er das Frontgeschehen, Grabenkrieg, besonders die grausame, blutige Schlacht an der Somme.

Ein erhellendes Buch – mit EInblicken in die Kriegserlebnisse junger Engländer, die an anderen Stellen nicht so ausführlich dargestellt werden. Vielleicht eher was für Spezialisten – insgesamt aber ein gut lesbares, interessantes Buch.

John Garth: Tolkien und der erste Weltkrieg. Das Tor zu Mittelerde, übersetzt von Birgit Herden und Marcel Aubron-Bülles, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783408960594

Das kleine Etymologicum von Kristin Kopf

rp_Bild-Sachbücher-150x150111.jpgDas ist ein Buch das mehr als nur ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert hat: Kristin Kopf ist nicht nur ausgewiesene Fachfrau für Sprachgeschichte, sondern auch eine sehr erfolgreiche Sprachbloggerin. Und in ihrem Buch, “Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache”, verbindet sie beides.

Nach dem ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis dachte ich :”Prima, so ein Stöberbuch.” Nix da. Es empfiehlt sich sehr, das Buch schön von Anfang bis Ende zu lesen, denn Kristin Kopf baut die einzelnen Kapitel sorgfältig aufeinander auf. Und ich verspreche Ihnen: Es macht Spaß!

Als Leserin folge ich ihr auf der Fahrt über den Sprachfluss – das ist das Bild, mit dem sie das Buch beginnt. Maiandros hieß der Fluss, der dem Mäandern Pate stand – geschlungen in vielen Windungen eine Strecke zurücklegend. Das tue ihr Buch, sagt Kristin Kopf über das

Der Fluss Mäander gab u.a. auch typischen Mustern in der griechischen Kultur seinen Namen. Illustration aus Meyer's Konversationslexikon von 1885-90 http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8e/Meyers_b11_s0021_b1.png

Der Fluss Mäander gab u.a. auch typischen Mustern in der griechischen Kultur seinen Namen. Illustration aus Meyers Konversationslexikon von 1885-90 http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8e/Meyers_b11_s0021_b1.png

Etymologicum – und in desesen Verlauf ist von Klippen, Untiefen, Stromschnellen, von Nebenarmen, von anlanden und schippern die Rede. in diese Bilder packt Kristin Kopf in der ersten Hälfte des Buches die Entwicklung der Sprache – nicht nur aber vor allem der deutschen -, samt den Entwicklungen bei ihrer Erforschung.

Auch sonst sind ihre Schilderungen sprachgeschichtlicher Phänomene – Lautveschiebung, Verstärkung, Ausbleichung! – sehr lebendig. Bei der Einführung der hochdeutschen Lautverschiebung habe ich in der Straßenbahn laut gelacht:

Als einzige germanische Sprache hat das Deutsche an der Sache Spaß bekommen und noch eine zweite Lautverschiebung veranstaltet. (…) Und weil’s beim ersten Mal so schön war, machten viel der zuvor beteiligten Laute wieder mit  – (…). (S. 54) (Hervorhebung durch die Autorin)

Wer sich für die Entwicklung der deutschen Sprache (und ihrer Verwandten) interessiert, tut mit dem Buch von Kristin Kopf einen guten Griff: Sachkenntnis gut strukturiert und unterhaltsam dargeboten. Chapeau, Frau Kopf.

Kristin Kopf: Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache, Klett-CVotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783608913415

Die heutige Rezension gehört in die Blogparade “12 Bücher in 12 Monaten“.