Maike Claußnitzer im Interview

Maike Claußnitzer ist eine liebe Kollegin, die sich immer wieder als kundige Kommentatorin in meinem Blog betätigt – ich freu mich immer sehr über ihre Anmerkungen. Sie ist aber auch Autorin und ich habe im Spätherbst ihr Buch “Rattenlied” gelesen. Das fand ich so faszinierend, dass ich bis 2 Uhr nachts dran blieb. Vor einiger Zeit hatte ich bereits den Band “Greifen, Grabraub und Gelichter” erhalten – und bis zum “Rattenlied” nicht aufgeschlagen … Obwohl ich nicht die große Fantasy-Leserin bin, haben mich die Bücher in den Bann geschlagen. Maike Claußnitzer hat eine Mischung von Realität und Fiktion geschaffen, die ich lesenwert finde.

Nach der Lektüre von “Rattenlied” konnte ich Maike Clausnitzer ein paar Fragen stellen, die sie mir beantwortet hat. Voilà:

Liebe Maike, „Rattenlied“ war mein erster Kontakt mit Deiner Fantasy-Welt – zu meiner Schande sei es gesagt, denn „Greifen, Grabraub und Gelichter“ stand hier ja schon ein Weilchen rum … (Die Lektüre habe ich dann ganz schnell nachgeholt). Wie würdest Du Deine Welt beschreiben?

Die Welt, in der meine Geschichten spielen, ist im Grunde genommen unsere gewohnte Welt, wie sie irgendwann zwischen Spätantike und Wikingerzeit hätte sein können, wenn es Fabelwesen, Gespenster und einen Hauch von Magie gäbe und einige (kultur-)historische Entwicklungen anders verlaufen wären als in Wirklichkeit. Abgesehen davon, dass man bei einem Besuch dort damit rechnen sollte, Drachen oder Trollen über den Weg zu laufen, wird man also auch viel Vertrautes finden – von römischen Ruinen über Zitate aus antiken Texten bis hin zum Christentum.

Hat sie einen eigenen Namen, wie bspw. Tolkiens „Mittelerde“?

Die Welt selbst hat keinen speziellen Namen, sondern ist für ihre Bewohner einfach „die Welt“ oder „die Erde“ – wie für uns. Der zentrale Handlungsort ist ein alternatives Frankenreich, genauer gesagt dessen nordöstlicher Teil, der wie in der Realität Austrasien heißt.

Wie findest Du Dich dort zurecht? Sind alle Völker und Gruppen immer dort, wo Du sie angesiedelt hast?

Wenn sie das wären, würde es garantiert friedlicher zugehen … Spaß beiseite: Da ich mich im Großen und Ganzen am frühmittelalterlichen Europa orientiere, ähneln bestimmte Siedlungsräume den historisch überlieferten. So spielt der Kontrast (und nicht selten auch Konflikt) zwischen sesshaften Kulturen und eurasischen Nomaden ebenso eine Rolle wie Wikingereinfälle aus dem skandinavischen Bereich. Neben ganzen Menschengruppen kommen auch Einzelpersonen geographisch weit herum, ob nun absichtlich als Fahrende, Söldner und Kaufleute oder eher unfreiwillig als Gefangene und Sklaven.
Um den Überblick zu wahren, hilft eine ganz normale Karte aus dem historischen Atlas mit entsprechenden fiktiven Ergänzungen. Damit ich mich an den einzelnen Handlungsorten beim Schreiben nicht verirre, fertige ich manchmal Karten- oder Grundrissskizzen an.

Du bist in Sachen Mittelalter beschlagen – welche Elemente hast Du aus dem echten Mittelalter in Deine Welt übertragen?

MonasterboiceCrossKnot Schmuck in den Geschichten von Maike Claußnitzer

Solche Knotenmuster kommen als Schmuckelemente in den Geschichten von Maike Claußnitzer immer wieder vor

Die erste Idee zu einer Geschichte, die vor diesem besonderen Hintergrund spielt, ist mir vor Jahren bei der Lektüre eines Artikels über archäologische Funde aus der Merowingerzeit gekommen. Mittelalterlich ist bis zu einem gewissen Grade also die materielle Kultur, allerdings ergänzt um ein paar moderne Zutaten. So haben z. B. Tee und Papier ihren Weg weitaus früher in mein Austrasien gefunden, als sie historisch in Europa nachzuweisen sind.
Vor allem aber faszinieren mich als Germanistin natürlich Texte, und so haben sich Motive aus allen möglichen Literaturgattungen von der Heldenepik bis zur geistlichen Dichtung in meine Geschichten eingeschlichen, aber auch die Tücken mittelalterlicher Urkunden, der Wert symbolischer Gesten oder das Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.
Oft greife ich bestimmte Details aber auch etwas augenzwinkernd auf (so sind die Fluchstangen, die im „Rattenlied“ vorkommen, von der „Neidstange“ inspiriert, die in der mittelalterlichen „Saga von Egil Skalla-Grimsson“ beschrieben wird, sind aber in Ausführung und Intention nicht ganz so furchteinflößend).

Frauen spielen in Deinen Geschichten starke Rollen – ist das Deine Form von Utopie?

„Utopie“ ist zu viel gesagt. Insgesamt ist die geschilderte Gesellschaft alles andere als ideal, doch was die Gleichberechtigung und vor allem deren selbstverständliche Akzeptanz betrifft, hat sie dem realen Mittelalter und auch uns tatsächlich etwas voraus. Diese Haltung als Normalität und nicht als fernes oder gar umstrittenes Ideal zu zeigen, ist mir wichtig. Denn die gerade in der Fantasy nicht seltenen Emanzipationsgeschichten über eine tatkräftige Persönlichkeit, die aus einer starren Geschlechterrolle ausbricht, haben einen entscheidenden Nachteil. So gut gemeint sie auch sein mögen, sie untermauern indirekt die Annahme, Vorurteile und Diskriminierung seien naturgegeben und eine Frau (seltener: ein Mann) müsse erst einmal beweisen, dass es sich lohnt, im Einzelfall von der althergebrachten Einschätzung abzurücken. Und das ist keine Sichtweise, die irgendeinem Menschen guttut.

Also, diese letzten Sätze finde ich so was von toll! Ich stimme Dir voll zu.

Greife oder Greifen – wie lautet der korrekte Plural? Schildere doch bitte mal, wie sie genau aussehen und was ihre Eigenschaften sind. Zwei Sorten kenne ich – die kleinen Sperlingsgreife(n) und die Steppengreife(n).

Karlsruher-Greif Maike Claußnitzer Buch Greife

Da sieht man mal, wie man sich irren kann – für mich waren Greife bisher immer rein “vogelig” – da habe ich bei Maike Claußnitzer noch was dazu gelernt Ikar.us, Karlsruher-Greif, CC BY 3.0 DE

Der Duden kennt beide Pluralformen, ich habe mich in meinen Geschichten für „Greifen“ entschieden.

Der Sperlingsgreif (Gryps passerinus) ist ein in Mitteleuropa weitverbreitetes Fabelwesen, das den greifentypischen katzenähnlichen Körper, vogelartige Flügel, einen gefiederten Kopf mit Federohren und einen kräftigen Schnabel aufweist. Die Spannweite ausgewachsener Exemplare übersteigt selten 30 cm. Fell und Gefieder sind zumeist bräunlich bis sandfarben, haben aber bisweilen einzelne weiße Partien. Wie alle Angehörigen der Gattung Gryps ist der Sperlingsgreif ein opportunistischer Allesfresser. Als klassischer Kulturfolger nistet er oft in oder bei Gebäuden. Das Gelege besteht meist aus zwei bräunlich gesprenkelten Eiern. Der Volksglaube sieht im Sperlingsgreifen einen Glücksbringer, dessen Anwesenheit den Menschen Gutes verheißt.
Sein größerer Verwandter, der Steppengreif (Gryps scythicus), ähnelt ihm in Körperbau und Färbung, ist mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 50 cm jedoch beträchtlich größer und verfügt über einen greifvogelhafteren Schnabel. Die scharfen Krallen sind einziehbar. Sein Jagdtrieb ist stärker ausgeprägt als der des Sperlingsgreifen. Zu seinem Beutespektrum zählt neben Mäusen und Schlangen auch das scheue Birkenhörnchen (Sciurus magicus). Sein Lebensraum erstreckt sich von Osteuropa bis nach Zentralasien. Berichte über Steppengreifensichtungen in Mitteleuropa sind vermutlich auf Irrgäste oder Gefangenschaftsflüchtinge zurückzuführen und kein Beleg für eine Verlagerung des Verbreitungsgebiets nach Westen. Die Abrichtung von Steppengreifen zur Jagd soll unter Skythen und Sarmaten üblich gewesen sein, ist aber bisher nicht hinreichend durch archäologische Funde nachgewiesen.

Welche Bücher haben Dich so beeinflusst, dass Du ihnen Anregungen für Deine Welt verdankst?

Den Einfluss der mittelalterlichen Literatur habe ich ja oben schon angesprochen, doch genauso erwähnenswert sind Märchen und Sagen, ob nun bekannt oder nur von lokalem Interesse. So geht der Geist im Wacholder im „Rattenlied“ auf eine Geschichte über den Totengrund in der Lüneburger Heide zurück, ein wacholderreiches Tal, in dem es spuken soll.
Wichtig sind daneben Rosemary Sutcliffs historische Romane, die ich als Kind und Jugendliche sehr geliebt habe und die oft ebenfalls den Übergang von der Antike zum Mittelalter thematisieren. Der Hinweis auf Tolkien darf bei mittelalterlich inspirierter Fantasy natürlich nicht fehlen, aber auch Susanna Clarkes „Jonathan Strange & Mr Norrell“ ist ein Roman, der mir gezeigt hat, wie gut die Verbindung aus historischer Welt und magischen Elementen funktionieren kann, obwohl er mit den Napoleonischen Kriegen eine ganz andere Epoche zum Hintergrund hat.
Hinzu kommen alle möglichen Sachbücher zu geschichtlichen und archäologischen Themen. Besondere Erwähnung verdient „Colonia – Stadt der Franken“ von Carl Dietmar und Marcus Trier. Hier habe ich viele Anregungen gefunden, wie man sich die Entwicklung einer Römerstadt in nachantiker Zeit vorstellen kann.

Kommt da noch mehr?

Das will ich hoffen! Im Moment ist eine Fortsetzung meines ersten Romans „Tricontium“ geplant, in der aber auch ein paar Figuren aus dem „Rattenlied“ vorkommen, und auch einen neuen Band mit kürzeren Erzählungen aus derselben Welt wird es bestimmt früher oder später geben.

Vielen Dank für die Antworten, liebe Maike.

Das sind die beiden Titel, die hier zugrunde liegen:

  • Maike Claußnitzer: Rattenlied, BoD, Norderstedt, 2017, ISBN: 9783746013039
  • Maike Claußnitzer: Greifen, Grabraub und Gelichter, BoD, Norderstedt, 2015, ISBN: 9783739220130

Außerdem gibt es noch:

  • Maike Claußnitzer: Tricontium, BoD, Norderstedt, 2016: ISBN: 9783739239743

In der Stadtbücherei Köln finden sich “nur” Titel, die Maike Claußnitzer übersetzt hat.

Übrigens: So sieht das mit dem Interview dann auf meinem Desktop aus:

Interview Maike Claußnitzer Desktop Dokumente

Das Internview haben Maike und ich schriftlich geführt – die Reimerei auf dem Desktop habe ich erst spät entdeckt 😉

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