Agnes Grey von Anne Brontë

Agnes Grey von Anne Brontë

Es ist ziemlich genau 30 Jahre her, dass ich zum ersten Mal versucht habe, „Agnes Grey“ von Anne Brontë zu lesen. Damals war ich voll frustriert! So eine …

Nein, also wirklich – damals erschien mir Agnes als richtige Heulsuse.

Der zweite Roman von Anne Brontë „Die Bewohnerin von Wildfell Hall“ hat mich dagegen immer begeistert. Also bekam Agnes eine zweite Chance.

Kleiner Trick: Ich habe mit dem Nachwort angefangen …

Was erzählt Anne Brontë?

Die Geschichte einer Läuterung mit Happy End.

Die 18-jährige Agnes, jüngere Tochter eines armen Pfarrers und seiner vornehm und reich geborenen Frau, möchte, in jugendlicher Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, ihr Teil zum Familieneinkommen beitragen. Deshalb sucht sie sich eine Stelle als Gouvernante. Im Rückblick auf ihre eigene Kindheit, ihren Wunsch zu lernen und geliebt zu werden, gibt sie sich der Illusion hin, dass alle Kinder in allen Familien so seien. Doch bereits ihre erste Stelle lehrt sie, dass nicht in allen Familien Lernen, Bescheidenheit und Wohlverhalten an erster Stelle stehen. Sie wird von ihren kleinen Zöglingen, wir würden heute sagen: gemobbt. Diese Stelle behält sie auch nicht lange, gibt aber nicht auf und wechselt in eine neue Familie, deren Töchter bereits Teenager sind. Auch hier geht es nicht nach dem Willen der Gouvernante, sondern nach dem der Schülerinnen.

Anne Bronte
Anne Brontë

Was mich vor 30 Jahren an dem Buch „Agnes Grey“ von Anne Brontë so gestört hat, war die Nachgiebigkeit von Agnes, ihre sehr heruntergefahrenen Erwartungen an die Kinder und Jugendlichen, mit denen sie es zu tun hat, letzten Endes das, was ich als ihre Schwäche ansah.

Dass es am Ende dann doch zu einem, in den Augen ihrer Schülerinnen bescheidenen, Glück brachte, ist nicht so wirklich ihr eigenes Verdienst. Doch das liegt eben auch an den Bedingungen ihrer Zeit. So sehr sie den jungen Pfarrer Weston auch schätzte, war es natürlich undenkbar, mit ihm überhaupt oder gar von sich aus in Kontakt zu stehen.

Wie erzählt Anne Brontë?

Wie oben schon erwähnt, habe ich dieses Mal das Nachwort vorweg gelesen. Sonst hätte ich mich vielleicht wieder aufgeregt. Doch Stefanie Kuhn-Werner erläutert, dass dieser unaufgeregte, beobachtende Stil eine Besonderheit von Anne Brontë ist. Auch ihre stärker ausgeprägte Frömmigkeit, wenn man sie mit ihren Schwestern Charlotte und Emily vergleicht, findet in der Haltung ihrer Protagonistin ihren Niederschlag.

Aufgrund dieser Bemerkung konnte ich mich auf die detaillierten Beobachtungen von Agnes einlassen – und diese sind nicht von schlechten Eltern. Hier schildert sie die jüngere ihrer Schülerinnen – und die kommt in diesem Abschnitt noch gut weg.

Hätte sie der Gattung der Tiere angehört, wäre Matilda akzeptabel gewesen in ihrer Lebhaftigkeit, Vitalität und ihrem Bewegungsdrang, als menschliches Wesen aber war sie ungeheuer einfältig, unmanierlich, gleichgültig und unvernünftig und somit eine Qual für jemanden, der die Aufgabe hatte, ihren Verstand zu entwickeln, ihre Umgangsformen zu verbessern und ihr zu helfen, sich zu schmücken und zurechtzumachen, was sie, im Gegensatz zu ihrer Schwester, wie alles andere auch verachtete.

S. 79

Hier geht es um das Verhalten der jungen Leute und ihrer Freundinnen gegenüber einer Gouvernante, der keinerlei Autorität zugestanden wurde:

Da keiner der obenerwähnten Damen und Herren jemals von mir Notiz nahm, war es sehr unangenehm, neben ihnen herzugehen, so als ob ich hören wollte, was sie sprachen, oder wünschte, für einen der Ihren gehalten zu werden, während sie über mich hinweg- oder an mir vorbeisprachen; und wenn ihr Blick beim Sprechen zufällig auf mich fiel, war es, als schauten sie ins Leere, als sähen sie mich nicht oder wollten um jeden Preis diesen Anschein erwecken.

S. 124

So ’ne Art Fazit

Anne Brontë schildert auch die Szenen, in denen sie selbst körperlicher Gewalt ausgesetzt wird, in diesem nüchternen Ton. Der ist ziemlich entlarvend. Nachdem ich das, mithilfe des Nachworts, einmal kapiert hatte, konnte ich es auch goutieren. Die Darstellung der eigenen, so viel besseren Eisntellungen allerdings kann schon mal nerven – ein bisschen selbstgerecht, vielleicht. Das erinnert an ihre „Schwester im Geiste“ „Jane Eyre“ – die kommt ja auch eher etwas selbstgerecht daher. Aber die Absicht des Buches ist ja auch im weitesten Sinne eine erzieherische – andere junge Frauen auf die Fallen und Gefahren im Gouvernantenberuf hinzuweisen und den einzigen Ausgang: Immer die Ruhe bewahren, die eigenen Wertvorstellungen hoch halten und bescheidene Ziele in der Erziehung der anvertrauten Kinder zu setzen.

Noch stärker als bei dem vergleichbaren Romane ihrer Schwester Charlotte, „Jane Eyre“, wird hier die herbwürdigende Situation als Gouvernante spürbar. Und da sich Anne Brontë auf diesen einen Aspekt beschränkt, wird er umso deutlicher. Charlotte hat später mit „Der Professor“ und „Villette“ ungleich komplexere Romane rund um das Thema geschaffen – die Demütigungen, denen eine Gouvernate ausgesetzt war, ist hier in „Agnes Grey“ von Anne Brontë das Schwerpunktthema.

Anne Brontë: Agnes Grey, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Stefanie Kuhn-Werner, Reclam Verlag, Ditzingen, 20202, ISBN: 978315205938

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