Gedicht zum Tag – Lob der schwarzen Kirschen von Anna Louisa Karsch

Lob der schwarzen Kirschen

Des Weinstocks Saftgewächse ward

Von tausend Dichtern laut erhoben;

Warum will denn nach Sängerart

Kein Mensch die Kirsche loben?

 

O die karfunkelfarbne Frucht

In reifer Schönheit ward vor diesen

Unfehlbar von der Frau versucht,

die Milton hat gepriesen.

 

Kein Apfel reizet so den Gaum

Und löschet so des Durstes Flammen;

Er mag gleich vom Chineser-Baum

In echter Abkunft stammen.

 

Der ausgekochte Kirschensaft

Gibt aller Sommersuppen beste,

verleiht der Leber neue Kraft

Und kühlt der Adern Äste.

 

Und wem das schreckliche Verbot

Des Arztes jeden Wein geraubet,

der misch ihn mit der Kirsch rot

dann ist er ihm erlaubet;

 

Und wäre seine Lunge wund

Und seine ganze Brust durchgraben:

So darf sich doch sein matter Mund

Mit diesem Tranke laben.

 

Wenn ich den goldnen Rheinstrandwein

Und silbernen Champagner meide,

Dann, Freunde, mischt mir Kirschblut drein

Zur Aug- und Zungenweide.

 

Dann werd ich ebenso verführt

Als Eva, die den Baum betrachtet,

So schön gewachsen und verziert,

Und nach der Frucht geschmachtet.

 

Ich trink und rufe dreimal Hoch!

Ihr Dichter singet im Ernst und Scherze

Zu oft die Rose, singet doch

Einmal der Kirsche Schwärze.

 

Anna Louisa Karsch (1792)

Gedicht zum Tag: Frühlingsglaube von Ludwig Uhlaand

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste, Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland

Gedicht zumm Tag – Herbst von Rainer Maria Rilke

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Gedicht zum Tag – Morgen von Christian Morgenstern

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111111.jpgMorgen

Nun sind die Sterne wieder
von blaßblauer Seide verhüllt,
nun Näh’ und Ferne wieder
von junger Sonne erfüllt.
Ihr weißen Wasser, die ihr
hinab zur Ebne springt,
oh sagt den Freunden, wie mir
das Herz heut singt und klingt.

Christian Morgenstern am 15. August 1896

Gedicht zum Tag – Von den heimlichen Rosen von Christan Morgenstern

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Christian Morgenstern

Gedicht zum Tag – Frühling ist wiedergekommen von Rainer Maria Rilke

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Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele…. Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!

Rainer Maria Rilke
Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil

Gedicht zum Tag: Winter von E. Marlitt

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Die Bäume glitzern rings im Eise,
Unheimlich lautlos rieselt Schnee.
Die weichen Flocken decken leise
Der Blumen letztes Todesweh.

Nur zwischen starren Zweigen hangen
Noch rote Beeren, frisch und licht,
Ein täuschend Leben! Rosenwangen
Auf einem Leichenangesicht.

Die gold’ne Sonne strahlt wie immer,
Doch wärmt sie nicht das öde Land.
An Menschenaugen mahnt ihr Schimmer,
Die falsch und treulos man erkannt.

E. Marlitt*

*Ja, ich weiß , dass es sich bei E. Marlitt um ein Pseudonym handelt – aber wer kennt schon die ehemalige Opersängerin und Hofdame Eugenie John?