Kleines Lexikon der Engel von Heinrich Krauss

Da habe ich nun also Ende Februar mein aktuelles Lieblingsbuch bei der Gemeindeveranstaltung vorgestellt – und schwupps fällt mir in der Bibliothek das kleine Lexikon der Engel von Heinrich Krauss in die Hand. Bei Ewald Arenz geht es ja schließlich auch um Engel. Und als ich den ersten Eintrag las, hab ich so gelacht, denn der erste Eintrag lautet „Abbadon“. Bei Arenz ist Abbadon ein aus der Hölle verbannter Dämonenfürst in und der Bruder von Erzengel Jehudi. Weiterlesen

Herr Müller, die verrückte Katze und Gott von Ewald Arenz

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDie Schrift des Titels ist so unter zwei Katzenaugen gesetzt, dass ich unwillkürlich an die Grinsekatze von „Alice im Wunderland“ denken musste – minimalistisch und hintergründig. Was Ewald Arenz da erzählt, hat seinen Schwerpunkt allerdings weniger bei der Katze als bei den Erzengeln Jehudi und Uriel und dem Dämonenfürsten Abaddon.

Der himmlischen Verwaltung ist beim plötzlichen Tod Herrn Müllers dessen Seele – tja, verloren gegangen. Und da das nicht sein kann, steht, wenn diese Seele nicht schnell gefunden wird, der Weltuntergang bevor; das ist Jehudi völlig klar. So macht er sich auf die Suche. Seine Verbündeten:

  • sein Bruder Abaddon, seines Zeichens gefallener Engel, Dämonenfürst und aus der Hölle an die Antarktis verbannt
  • John, ein etwas trotteliger, ehemals mittelalterlicher Mönch, den die himmlische Verwaltung überfordert
  • die zu steter Wanderschaft verurteilten Seelen von Abu und Mohammad
  • Pauline, die Freundin von Herrn Müllers Tochter Helena
  • Theresa, eine auf Pinguine spezialisierte Biologin

Die Erzengel, der Dämonenfürst und die Seelen von Abu und Mohammad legen eine Tour de force hin, sowohl im Hinblick auf Ortswechsel als auch auf Humor. Ewald Arenz hat eine sehr nachvollziehbare Version des Himmels in Hamburg1 angesiedelt – mit computerisierter Verwaltung von Geburten, Sterbefällen und Gebeten, mit Heiligen, Mächten und Gewalten und verstorbenen Seelen auf der Durchreise vor der nächsten Inkarnation.

Es sei schon verraten, dass Herr Müller sich in einer Katze, genauer gesagt in einem kleinen Kater, reinkarniert. Dank Martin Luthers Gebets-Register erfährt Jehudi von diesem in einem Kindergebet geäußerten Wunsch; nun hat er wenigstens eine Ahnung davon, wonach er suchen muss.

Ewald Arenz springt zwischen den unterschiedlichen Handlungsorten munter hin und her:

Da ich das Cover zum Thema gemacht habe, hier ein Bild davon

Da ich das Cover zum Thema gemacht habe, hier ein Bild davon

  • Nürnberg
  • Hamburg
  • Hamburg1 – dort sitzt wie gesagt der Himmel
  • Antarktika
  • Prag
  • einige Orte in Frankreich, einschließlich Paris

und damit auch zwischen den verschiedenen Innensichten der handelnden Personen, pardon: Menschen, Seelen, Heiligen, Erzengeln und Abaddon. Und nicht, dass Sie meinen, die nicht-menschlichen Figuren seien von allem Irdischen ab; die Franzbrötchen im Schanzenviertel üben eine starke Anziehungskraft auf John aus. Und Jehudi liebt Gin Tonic. Abaddon hat sich in seiner jahrmillionenlangen Verbannung mit Pinguin-Weit-Wurf befasst – erinnert Sie das nicht an was?

Falls Sie sich fragen, was Gott im Titel zu suchen hat: Er hat auch seine zwei Auftritte 😉 Und letztlich entzündet sich die Frage nach der Apokalypse genau an Seinem Dasein. Es gibt gewisse Grundfesten für die Existenz von allem und durch das scheinbare Verschwinden von Herrn Müllers Seele kommen grundlegende Fragen auf … Aber psst, mehr wird nicht verraten.

Erzengel Uriel verfolgt eine andere Strategie als Jehudi und hofft mit Hilfe Helenas, der Tochter von Herrrn Müller, zum Ziel zu kommen. Dazu sucht sie das Mädchen in einem Park auf und was dann geschieht, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Nur die Vögel hatten beschlossen, im Chor zu singen, weil sie schon seit vielen Generationen kein Erzengel mehr gesehen hatten und sich nicht mehr erinnern, wie Jubilieren genau ging, aber auf keinen Fall irgendetwas falsch machen wollten. (…) Die Vögel begannen mit einem neuen Lied. Es hörte sich an wie eine etwas poppige Version von Großer Gott, wir loben Dich, aber schließlich war es ja Frühling. Eine Holztaube kopierte nicht ungeschickt einen Basslauf. (…) Die Vögel waren zu Geh aus mein Herz übergegangen. In einer Bossa-nova-Version. Vier Blaumeisen tanzten in einer exakten Reihe nebeneinander im Apfelbaum und trillerten ziemlich überzeugend ihre Interpretation einer Sambapfeife.  (S. 83-84)

Können Sie sich vorstellen, wie sehr ich bei dieser Stelle gegrinst habe? Und davon gibt es noch einige andere. Ewald Arenz hat einen durchaus eigenen Humor.

In einem Statement der Leserunde bei LovelyBooks hat Ewald Arnez geäußert, dass es ihn gereizt habe, das Leben aus Sicht einer Katze mit menschlichem Bewusstsein zu schildern. Das war der Keim für dieses Buch. Nach meiner Einschätzung hat er sich von dieser ersten Inspiration insofern weit entfernt, als dass sie zumindest nach meiner Lektüreerfahrung nicht das Zentrum des Buchs bildet. Bei allem Humor und manchmal auch Klamauk outet sich Ewald Arenz als durchaus bibelfester und nachdenklicher Autor (das mit dem bibelfest ist nicht ganz überraschend, denn er stammt aus einer Pfarrersfamilie).

Insgesamt habe ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen – und das nicht zum letzten Mal.

Ewald Arenz: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott, ars vivendi Verlag, Cadolzburg, 2016, ISBN: 978386916219