Wien und das Ende der k.u.k.-Zeit – zwei Bücher, zwei Frauen

Wien und das Ende der k.u.k.-Zeit – zwei Bücher, zwei Frauen

Anna Sacher

Sagt Ihnen der Name Anna Sacher was? Mir sagte er nichts, bis ich das Buch von Monika Czernin gelesen habe: „Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel“. Die Geschichte einer, nein, der Hoteliere im Wien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Das bekannteste Bild von Anna Sacher zeigt, verknüpft mit einem Blick aufs Hotelportal, auch der Titel: Eine selbstbewusste Frau vom Ende des 19. Jahrhunderts mit zwei Hunden. Nach Aussage der Autorin ziert dieses Bild auch den Eingangsbereich des Hotels Sacher in Wien – dem Reich dieser Frau.

Monika Czernin hat nicht einfach eine Biographie der Anna Sacher geschrieben, sondern quasi die einer Epoche. Den einzelnen Kapitel ist als Überschrift eine Jahreszahl und eine Aussage mitgegeben:

  • 1892 – Anna Sacher trauert, mit Anstand und nicht ohne Stolz
  • 1900 – König Milan von Serbien weilt lieber im Sacher als daheim
  • 1912 – Erzherzog Franz Ferdinand unterschreibt auf einem Tischtuch

Diese Kapitel enthalten eine romanhaft geschriebene Form der Geschichte von Anna und Eduard Sacher, angereichert mit Fakten zum Zeitgeschehen: Politik, Kultur, Finanzwelt – die Großen aller Bereiche gingen ins Sacher. Und Monika Czernin verdeutlicht das Warum.

Franz Sacher 1865 Vienna
Franz Sacher war Annas Schwiegervater und Erfinder der Sachertorte
Dabei kann sie auf bisher unveröffentlichtes Material zurückgreifen, denn sie ist selber mit einem der Gäste und Förderer des Hotels Sacher verwandt.

Die Mischung von Fast-Fiktion und echten Fakten lässt sich gut lesen, ist unterhaltsam und informativ – nicht nur in Bezug auf Anna Sacher und ihr Hotel, sondern auch und gerade zu den turbulenten Zeitläuften, in denen sie wirkte. Das kann ich also nur empfehlen, wenn Sie sich fürs Fin de Siècle in Wien interessieren.

Marie Festetics

Eine andere Frau, die mit dem Wien dieser Zeit und der k.u.k-Monarchie verbunden wird, wie keine Zweite, ist Kaiserin Elisabeth. Im Residenz-Verlag ist nun ein Band mit Tagebuch-Aufzeichnungen, nein nicht von Sisi, sondern von einer ihrer Hofdaemen erschienen: „Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics“, Untertitel „Kaiserin Elisabeths intimste Freundin“.

Sissi&Franz
Bei dieser Porzellanmalerie kann man erkennen, dass Elisabeth von österreich eigentlich helles Haar hatte. Marie Festetics beklagt in ihrem Tagebuch, sie seien „zu dunkel pomadisiert“.
Hm. Klappentext und Pressematerial rühmen Marie Festetics als schöne und kluge Frau, die in ihren Tagebüchern ungeniert ihren Gedanken und Analysen der Hofgesellschaft Raum gibt. Was mich daran interessierte, war die Zeitzeugenschaft dieser Hofdame. Die Herausgeberinnen Gudula Walterskirchen und Beatrix Meyer versuchen im Vorwort deutlich zu machen, worin die Schwierigkeiten der Lektüre dieser Diarien liegen: ein Gemisch mehrerer Sprachen, eine Vielzahl von Namen und Titeln und vor allem die Fülle des Materials – die Tagebücher umfassten etliche Bände, würden sie komplett publiziert. So haben die beiden thematische Schwerpunkte zu setzen versucht:

  • Wer war Marie Festetics?
  • Am Hof der Kaiserin
  • Reisen und Flucht in die Welt

heißen einige der Kapitel. Die Texte aus den Tagebüchern sind mit erläuternden Texten der Herausgeberinnen und reichlich Fußnoten versehen. Leider wird die Lektüre dadurch nicht wirklich vereinfacht, denn zusammengehörige Tagebuchpassagen werden auseinandergerissen, die chronologische Reihenfolge der Einträge wird nicht beibehalten. Die Zwischentexte können das leider nicht wirklich ausgleichen. Auch Zeittafel, Stammbaum und Register, die beim Zuordnen helfen sollen, erfüllen den Zweck nicht vollständig.

Zum Text selber: Als ich anfing, die Texte der Gräfin selber zu lesen, fühlte ich mich sehr an ein Buch aus meiner Kindheit erinnert: Arme schöne Kaiserin : Elisabeth von Österreich von Erwin H. Rainalter – inhaltlich und von der Sicht aufs Geschehen aus ist das nach meiner Erinnerung völlig identisch: Elisabeth ist das arme Opfer, unverstanden, melancholisch, schön, anbetungswürdig. Marie Festetics‘ Blick ist genauso, völlig unkritisch gegenüber Elisabeth, dafür umso misstrauischer gegenüber den anderen bei Hof.

Ein schwieriges Buch also, diese Tagebuchzusammenstellung.

Die vorgestellten Titel:

Monika Czernin: Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel, Knaus Verlag, München 2014, ISBN: 9783813504347

Gudula Walterskirchen und Beatrix Meyer (Hg.): Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics. Kaiserin Elisabeths intimste Freundin, Residenz VerlagSt. Pölten, 2014: ISBN: 9783701733385

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