Wer wir sind und was wir wollen von Philipp Riederle

Wer wir sind und was wir wollen von Philipp Riederle

Erst auf S. 227 konnte ich dem jungen Autor Philipp Riederle richtig von Herzen zustimmen, denn da heißt es:

Schickt uns bitte, bevor Ihr uns das erste Mal auf Viedeospiele, Fernsehen, Internet oder überhaupt Bildschirme loslasst, regelmäßig zum Räuber-und-Gendarm-Spielen in den Wald. Oder zum Schneemann-Bauen. Oder zum Fußball oder Ballett. denn erst, wenn die wichtigen kindlichen Lern-, Sinnes- und Lebenserfahrungen gemacht worden sind, und erst, wenn sich die Abstraktionsleistung zur Unterscheidung von Wirklichkeit und Fiktion entwickelt hat, können Videospiele ein schadensfreies Unterhaltungsmedium sein – ein Unterhaltungsmedium und nicht mehr, wohlgemerkt. (Philipp Riederle: Wer wir sind und was wir wollen, S. 227)

Der vorherige Text hatte zwar auch schon ein paar Erkenntnisse für mich bereitgehalten, aber eben auch eine Menge Kopfschütteln.  Der Abiturient Riederle setzt Dinge voraus, die mir sowohl als Digital Immigrant wie auch als Mutter ein bisschen suspekt erscheinen.

  • Teilweise liest sich das Buch wie eine Werbebroschüre für die Firma mit dem Äpfelchen – besonders am Anfang.(Und nein, ich werde dazu jetzt nichts zitieren!.)
  • Die conditio sine qua non des Immer-online-Seins passt nicht zu meiner Erfahrung mit den Jugendlichen in meinem Umkreis: Denen ist das viel zu teuer.

Die beiden Aspekte schienen mir einen Teil der Argumentation als eine Art Elfenbeinturmgerede eines medial überdurchschnittlich aufgerüsteten Einzelnen abzustempeln. Vielleicht aber ist es ja doch die Zukunft von noch Jüngeren  – möglich ist es.

Dass Philipp Riederle noch sehr jung ist, machen  Aussagen deutlich, die zeigen, dass sein Wertesystem sehr um ihn selber, respektive seine Generation, kreist. Das kann ethisch nach hinten losgehen. „Wir wollen uns an uns selbst orientieren“, schreibt er auf S. 88 – da geht es um Mitwirkung am politischen  Diskurs. Hm.

Was wissenswert ist, orientiert sich bei ihm tatsächlich am Geschmack seiner Generation und an den Belangen v. a. der Wirtschaft. Kein Wunder, schließlich ist er Unternehmensberater. Aber andere Lebensbereiche – auch „Internetbereiche“ – finden bei ihm nicht statt: Kultur, Musik (neben Pop und Rap und Rock), Bibliotheken, Medizin. Da es für ihn immer schon Internet gab, er altersgemäß nur einen Ausschnitt des Lebens kennt, kommt ihm der Gedanke, dass es Sachen gibt, die nicht im Internt präsent sind, offenbar nicht. Dabei kann ich Ihnen versichern, dass es sehr viele Dinge gibt, die Sie im Netz nicht finden werden – das fängt bei Buchtexten an und hört bei alten Katalogeinträgen (Zettelkataloge! Ja, mit so einem habe ich vor zwei Jahren noch zu tun gehabt – ohne ihn hätte ich die nötige Information nicht bekommen) von Bibiotheken noch lange nicht auf*.

Der Blick auf die Social Media ist sehr optimistisch – Philipp Riederle ist nicht nur der Austausch wichtig, der da inhaltlich passiert und der die Welt verändern kann (Arabellion & Co), sondern auch die sozialen Kompetenzen sieht er durch die richtige Nutzung von Facebook, Blogs, Foren  u. Ä. gefördert. Respekt und achtsamer Umgang seien da nötig. Hm, ob alle jungen Leute das so sehen? Ich kenne genug Beispiele dafür, dass gerade in den Social Media – neben wunderbar bestärkendem Umgang, den ich erlebe – auch „Trolle“ ihr Unwesen treiben, gefakte Profile Vertrauen erschleichen und sich gerade solche Menschen vernetzen, die besser in Einzelhaft säßen, um es mal überspitzt zu formulieren. Das kommt im Buch nur am Rande vor.

Jetzt meinen Sie wahrscheinlich, dass ich das Buch fürchterlich finde. Ja, ich habe mich über manches geärgert. Andererseits ist es ja schon spannend, mal einen Blick in die Welt eines Digital Natives zu werfen und zwar eines „Hardcoreexemplars“.  Ich habe durch das Buch eine Menge gelernt. Und ich bin neugierig, was Philipp Riederle in, sagen wir mal 20 Jahren, sagen wird.

Wenn ich im Auto sitzend mal wieder irritiert eine Passage vorlas, meinte meine Begleitung, ich solle das doch nicht so ernst nehmen – das sei doch nur auf Provokation angelegt. Das glaube ich nur bedingt. Ich glaube dem jungen Mann, dass er die Verständigung fördern will zwischen dem, was er als normal empfindet und dem, was ich als normal empfinde. Manchmal musste ich mich aber mit Gewalt daran erinnern, wie unbarmherzig und hochfahrend ein Mensch sein kann, der gerade das Abi in der Tasche hat und meint, alle Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen zu haben. So war ich auch mal. Und so kam mir der junge Mann auch oft vor.

Fazit: Das Buch bietet Informationen zwischen Provokationen – bei letzteren nicht die Ruhe verlieren und immer schön im Blick behalten, dass ein 18-Jähriger zwar viel zu seinem Spezialgebiet wissen kann, aber der Gesamtüberblick dann doch noch fehlt. Dann kann man von dem Buch profitieren.

Und es ist mir sehr klar, dass meine Rezension schwer retro daherkommt. Nun, ich bin halt eine Digital Immigrant und habe gut 30 Jahre lang mehr und vor allem anderes als Digitiales vom Leben gesehen, auch wenn das jetzt meinerseits überheblich klingt. Das kann ich beim Lesen nicht abschalten. Und gegen Ende kommen ja auch ein paar Gedanken, mit denen ich völlig d’accord gehe.

Philipp Riederle: Wer wir sind und was wir wollen, Knaur, München 2013, ISBN: 9783426786116

*Hier macht sich mein Beruf als Rechercheurin bemerkbar – für meinen Recherchedienst Profi-Wissen muss ich noch so manches Mal selbst in eine Bibliothek gehen, um die Informationen zu bekommen, die meine Kundinnen benötigen.

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