Volker Weidermann nimmt Mascha Kalékos erste Reise nach Deutschland im Jahr 1956 als Anlass, um über ihr Leben zu schreiben. Der Untertitel macht es deutlich: „Mascha Kalékos und die Reise ihres Lebens“. Was war 1956 los? Es war das Heinejahr: „Vor einem Jahrzehnt starb das tausendste Jahr/ und vor einem Jahrhundert starb Heine“, dichtete Mascha Kaléko in „Deutschland ein Kindermärchen“.
Was erzählt Volker Weidermann?
Mascha Kaleéko, die 1943 nach den Nachrichten über Maidanek und andere KZs ein Gedicht geschrieben hat, in dem sie Nazis wünscht, ans Hakenkreuz genagelt zu werden, konnte sich jahrelang nicht vorstellen, in Deutschland zu publizieren oder dorthin zu reisen. Doch nun fährt sie und sie liebt es. In Deutschland kennt man sie noch. Sie liest im Radio, gibt Interviews und schreibt begeisterte Briefe nach New York an Mann und Kind. Ja, sie kann sich jetzt doch vorstellen, hierher zurückzukehren. Obwohl sie weiß, dass jedes Gegenüber Mitläufer oder Nazi gewesen sein kann, blendet sie das häufig aus, so sehr freut sie ihre Heimkehr. Das Land, die Landschaft, die Sprache. Sie will wieder Fuß fassen, auch als Dichterin. Das sieht auch erst ganz gut aus. Fast ein Jahr bleibt sie. Chemjo, ihr Mann, kommt auch für einige Zeit und sie will ihn überzeugen, dass in Deutschland eine Zukunft für sie sein kann.
Volker Weidermann beschränkt sich nicht auf das Jahr 1956. Er greift zurück, um Umstände zu erläutern und er schildert Mascha Kalékos Leben bis zum Ende. Dabei ist ihm nicht nur die Biografie von Jutta Rosenkranz hilfreich und die von ihr betreute Ausgabe aller Briefe, sondern auch die Begegnung mit Menschen, die MK noch selbst getroffen haben.

Wie schreibt Volker Weidermann?
Anstrengend in vielen Abschnitten. Er weiß viel und will möglichst viel in einzelne Sätze packen.
Kästner, der 1931 den großen Roman über den Moralisten Fabian geschrieben hatte, der das Kunststück fertigbrachte, diese ungeheuer liebenswerten, klugen, welt- und kinderfreundlichen und von Jungen und Mädchen so geliebten Bücher wie Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton zu schreiben und gleichzeitig diese schönen, traurigen, ungeheuer pessimistischen, moralischen Großstadtverse, die so viele Menschen auswendig kennen und die so zuverlässig seelisch verwendbar sind, um eine Einschätzung Kästners zu gebrauchen, dass sie zum Beispiel eine junge verliebte Jüdin im Warschauer Ghetto ihrem frisch angetauten Ehemann abgeschrieben und mit eigenen Zeichnungen versehen geschenkt hat. (S. 82)
Das war ein Satz mit sehr viel Inhalt. Ich finde, mit zu viel Inhalt. Davon gibt es mir ein paar zu viel. Auch ganze Abschnitte, die sein Wissen über die Zeit ins Schaufenster stellen, sind in meinen Augen manches Mal de trop; das ist wohl Geschmackssache.
Trotzdem: Auch mir, die ich ja aufgrund meiner Beschäftigung mit Mascha Kaléko einiges über sie weiß, wissen muss, hat Volker Weidemann durchaus noch Neues zu bieten. Ich schätze allerdings diese Art Biopic in Schriftform zunehmend weniger. Das liegt an mir. Wer über Mascha Kaléko mehr wissen will und vor einer Biografie zurückschreckt, ist mit dem Bändchen gut bedient. Ich empfehle Jutta Rosenkranz‘ Biografie trotzdem mal.
Volker Weidermann: Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2025, ISBN: 9783462008630

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