Von Bismarck bis Hitler von Sebastian Haffner

Von Bismarck bis Hitler von Sebastian Haffner

In diesem Jahr ist naturgemäß viel mit „80. Jahrestag“ – der Beginn der Naziherrschaft ist 80 Jahre her. Bei dieser Besprechung ist es eher ein etwas verwaschener Zeitpunkt, der mich animierte, das alte Werk von Sebastian Haffner hervorzuholen: Im Sommer ’33 hatte das Hitler-Regime eine erste „nationale Sammlung“ vollendet. Die –  großenteils freiwillige! – Gleichschaltung der Medien, der Zulauf in die Partei, der Rückzug der bürgerlichen Parteien – die gesamte Stimmung war nach Haffners Meinung im Sommer ’33 optimistisch. Hitler versprach, sein Wort zu halten – die Ereignisse sprachen dafür, dass positive Änderungen im Gange waren, die dem leidvollen Verlauf der Weimarer Republik ein Ende setzen würden.

Woher nun diese Stimmung des „Wir wollen gar keine Demokratie“, „Demokratie ist nichts für unser Land“ stammte, legt Sebastian Haffner auf den vorhergehenden 220 Seiten dar – beginnend mit der, nein nicht der Reichsgründung 1871, sondern mit der politischen Entwicklung nach 1848. Seiner Meinung nach war in dem neu gegründeten Deutschen Reich von Anfang an der Wurm drin – so strahlend wie es die Geschichtsschreibung will, war das 1871 nicht. Und Bismarck hat im Grunde nichts gänzlich Neues erfunden – eine deutsche Einigung gab es im Rahmen der 1848er Revolution und des Paulskirchenparlaments schon mal – nur ganz kurz, aber spürbar. Hinzu kommt, dass die Bismarckzeit wirtschaftlich nicht erfolgreich war – erst die Zeit unter Kaiser Wilhelm II brachte den Menschn in der Breite größeren Wohlstand und Fortschritt.

Wie nun die politischen Kräfte in Europa schon Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Gedanken an einen Krieg umgingen, warum das als legitimes politisches Mittel galt, das alles stellt Sebastian Haffner gut lesbar und mit Überblick dar.

Auch die Zeit nach 1945 behandelt er. Was mir nicht klar war. Es wurde noch weit in die Nachkriegszeit hinein, die Möglichkeit des Fortbestehens des Deutschen Reiches diskutiert. Sebastian Haffner stellt die einzlenen Phasen vor und zieht seine Schlüsse. Bitte bedenken Sie: Das Buch erschien erstmals 1987! Nicht nur Sebastian Haffner war überzeugt, dass es spätestens nach dem Helsinki-Abkommen von 1975 keine Aussicht auf Wiedervereinigung der dann gleichberechtigten beiden deutschen Staaten gab. Er erläutert sogar die Gründe für seine Haltung. Das liest sich im Jahr 2013 natürlich ganz anders. Auch das Nachwort von 1990 ist heute noch lesenswert. Die Bedenken gegen eine zu schnelle „Vereinigung“ war damals gegen die Euphorie der Zeit gesprochen und haben sich als wahr herausgestellt.

Manchen Stellen merkt man noch an, dass es sich eigentlich um gesprochenen Text handelt – im Nachwort erläutert er die Entstehungsweise des Buchs; ein Teil entstand nach Protokollen von Diskussionen mit Arnulf Baring  und Volker Zastrow, ein anderer wurde aus Vorträgen zusammengestellt. Ich finde, dass diese Anflüge von Mündlichkeit das Verständnis sehr fördern. Die Materie ist sehr kompliziert – dann noch „komplizierte“ Schrift- oder gar Wissenschaftssprache? Nein, danke. Die Gefahr verschwurbelter Sprache ist allerdings beim Journalisten Sebastian Haffner nicht wirklich groß. Das Buch mag von 1987 sein – lesenswert ist es heute auf jeden Fall immer noch. Sebastian Haffner interpretiert Personen und Ereignisse auf seine Weise, erläutert seine Sicht und Meinung. Man mag damit nicht übereinstimmen, vielleicht sind manche seiner Interpretationen inzwischen „überholt“, weil in den letzten 25 Jahren Dokumente auftauchten – aber spannennd und informativ sind seine Interpretationen auf jeden Fall.

Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, Knaur, München, 2009, ISBN: 9783426781821

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