Ursula und Christian Grawe – ein Übersetzungsproblem bei „Stolz und Vorurteil“

Ursula und Christian Grawe – ein Übersetzungsproblem bei „Stolz und Vorurteil“

Meine Primärsozialisation mit den Romanen von Jane Austen fand durch die Übersetzungen des Ehepaars Ursula und Christian Grawe im Reclam-Verlag statt. Und nun habe ich im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem Stoff rund um meinen Roman „Mister Bennet“ angefangen, noch einmal in den Text reinzuschauen, verschiedene andere Sachen durchzulesen. Und mir ist an einer Stelle etwas aufgefallen.

Es findet sich gegen Ende des Romans, im Kapitel 57. Es geht um den Brief von Mr. Collins an Mr. Bennet, in dem er seinem Verwandten vorwirft, dass er seine jüngste Tochter Lydia mit ihrem Ehemann empfangen hat. Sie war durchgebrannt, hatte Schande über die Familie gebracht und der Pfarrer William Collins ist der Meinung, dass nur eine vollständige Verstoßung die angemessene Reaktion sein könnte. Darüber amüsiert sich Mr. Bennet sehr. Er findet die Haltung nicht christlich; das passt zu seiner Einschätzung des Verwandten. Den Schluss des Briefes referiert er Elizabeth gegenüber in dieser Übersetzung folgendermaßen:

„Der Rest des Briefes handelt nur von dem Wohlergehen seiner geliebten Charlotte und der Hoffnung, dass ich mit der Friedenspalme wedele.“ (S. 397 in meiner Ausgabe von 1984)

Ich hatte an dieser Stelle nachgeguckt, weil ich für eine weitere Geschichte (Spoiler-Alarm!) wissen wollte, wann eigentlich bekannt wird, dass Charlotte schwanger ist. Dass sie es zu dieser Zeit sei, hatte ich in „Mister Bennet“ ja vorausgesetzt, da sie zu Beginn der Handlung ein zweites Kind geboren hat. Das ältere Kind ist da bereits drei Jahre alt.

Die Information steckte an dieser Stelle, das wusste ich noch. Doch in dieser meiner Referenzübersetzung von Ursula und Christian Grawe steht nichts von einer Schwangerschaft oder auch nur eine Andeutung. Wie kam ich zu dieser Überzeugung, da das entsprechende Zitat finden zu können? Und dann hat mich natürlich interessiert, was steht denn an dieser Stelle im Original? Ich zitiere jetzt auf Englisch.

„The rest of his letter  is only about his dear Charlotte’s situation, and his expectation of a young olive-branch.“

leicht krikaturhafte Zeichnung, die einen schmalen Mann in schwarzer Kleidung mit Klerikerhut rund um 1800 zeigt, der die hand einer hell gekleidten Frau mit Sonnenschirm ergreift.
Hier wirbt William Collins um Charlottes Hand, Illustration von Hugh Thompson aus der Ausgabe von 1894

Übersetzungsvariationen

Nun bin ich – auch mit Hilfe von  Kolleginnen aus meinem Netzwerk Texttreff – hingegangen und habe verschiedene deutsche Übersetzungen angeschaut: Wie haben andere den Satz übersetzt?

  • Margarete Rauschenbergers Übersetzung, die ursprünglich von 1948 stammt und 1985 überarbeitet wurde, schreibt:

„Der Rest des Briefes befasst sich nur mit dem Zustand seiner lieben Charlotte und seiner Erwartung eines jungen Ölzweiges.“

  • Helga Schulz übersetzte 1997 für dtv:

„Der Rest des Briefes handelt nur von Charlottes Zustand und dass sie ein Kind erwartet.“

  • Andrea Ott hat übersetzt:

„Der Rest des Briefes befasst sich ausschließlich mit dem Befinden seiner lieben Charlotte und der Aussicht auf einen neuen Zweig am Ölbaum.“

  • Werner Beyers Übersetzung für den Fischer-Verlag lautet:

„Der Schluß des Briefes befaßt sich dann nur noch mit der Lage seiner lieben Charlotte und besagt, daß er das Aufgehen eines jungen Ölzweigs erwartet.“

  • Ilse Krämer übersetzte es 1976 für den  Manesse-Verlag so:

„Der Rest seines Briefes behandelt das Ergehen seiner lieben Charlotte und seine Hoffnungen auf einen jungen Ölzweig.“

Wie man merkt, knallt die Übersetzung von Grawes da ziemlich raus, während die anderen sich ziemlich nah an den Text halten oder in einem Fall direkt die Deutung, nämlich Schwangerschaft, mitliefern. Das Wort „young“ verstärkt in meinen Augen die Deutung, dass es sich um Charlottes Schwangerschaft handelt.

Ölzweig? Bedeutet bitte was?

Die andere Frage ist: Was bedeutet das denn jetzt eigentlich mit dem jungen Ölzweig? Und dazu gibt es bei einem Subreddit eine sehr schöne Diskussion, wo ein Diskussionsteilnehmer einen entsprechenden Psalmvers ins Spiel bringt. Die Frage des Subreddits: Ist Charlotte schwanger? Die Diskussion ist drei Jahre alt.

„In this context, it means a branch shooting off a tree. It’s a Biblical reference.“ Der Kommentar weist schon auf die Bibel hin, ohne jedoch die Bedeutung eines Olivenzweigs näher zu beleuchten oder eine konkrete Bibelstelle zu nennen.

„An olive branch means an offer of peace or an opportunity for peace. Mr. Collins acted offended by Lizzy rejecting him which caused some friction between the two households, indicating that an opportunity for more goodwill would be helpful. HOWEVER, Mr. Collins was so odious that his absence/offended silence was more like a blessing to the Bennets, which is why Mr. Bennet’s comment about the baby being a young olive branch is meant dryly—it is an opportunity for the two families to connect, but the idea is not very exciting.“

Dieser Kommentar schreibt das Bild vom Olivenzweig Mr Bennet als trockenen Kommentar zu, geht aber auch davon aus, dass es sich um die Nachricht handele, Charlotte Collins sei schwanger. Dabei werden die beiden Bedeutungen des Olivenzweigs als Friedenssymbol und als Hinweis auf Fruchtbarkeit miteinander verknüpft.

Ein in der Regel zugeklappter Kommentar  bringt zur Unterstützung seiner Meinung, dass Charlotte schwanger sei, nun tatsächlich ein konkretes Zitat aus der Bibel:

„Definitely pregnant. Olive Branch is a Bible reference from Psalm 128:3:

‚Your wife will be like a fruitful vine within your house; your children will be like olive shoots around your table.‘“

Ich habe das Psalmzitat überprüft:

Psalm 128., Vers 3: „Deine Frau wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock drinnen in deinem Hause, deine Kinder wie junge Ölbäume um deinen Tisch her.“

Ein weiterer Kommentar in dem Diskussionsstrang weist darauf hin, dass Mr Collins in seinem ersten Brief nach Longbourn den „olive branch“ erwähnt, um das Verhältnis der Verwandten wieder auf friedliche Füße zu stellen, da sein Vater den Bennets eher ablehnend gegenübergestanden habe. Das ist im Kapitel 13. Grawes übersetzen den „olive branch“ inhaltlich korrekt mit „Friedenspalme“.  (S. 69)

Nun ist im Englischen offensichtlich der „olive branch“ in zwei Bedeutungen aktiv, während wir im Deutschen für den Frieden die Friedenspalme haben und den Oliven- oder Ölzweig in sprichwörtlicher Rede gar nicht.

Das „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ von Lutz Röhrich (Herder Verlag, 1994) verzeichnet die Stichwörter „Öl“, „Ölgötze“ und „Ölsardine“. „Olive“ oder „Olivenzweig“ kommt nicht vor.

Auch die Recherche nach „Ölzweig“ oder „Olivenzweig“ im Zusammenhang mit „Frieden“ brachte mir keine Treffer, die auf deutsche Redensarten mit diesem Bild hinweisen. Alle Hinweise zu Ölzweig und Frieden beziehen sich auf das Altertum – die Göttinnen Athene und Eirene, letztere die Friedensgöttin, sind mit ihm verbunden.

Die Bibel kennt den Ölzweig, wie in der Geschichte um Noah, eher als Zeichen von Fülle und Zukunft. Ich kann also die Zuordnung der Taube mit dem Olivenblatt im Schnabel  („Sie kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel.“ 1. Mose 8, Vers 11) erst einmal nicht als Friedenssymbol sehen. Es ist eher ein Bild der Hoffnung: Es gibt trockenes Land und darauf wächst eine wichtige Kulturpflanze des Mittelmeerraums.

Es gibt Interpretationen, in denen das Olivenblatt im Schnabel der Taube, das oft auch als Oliven- oder Ölzweig übersetzt wird,  ein Friedenszeichen zwischen Gott und Menschen sei, die Strafe der Sintflut sich nicht wiederholen werde. Ein Vorausgriff auf das, was Gott nach der Rettung Noahs und aller Wesen aus der Arche sagt:

„Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1.Mose 8, Vers 21-22)

Gut, also die Aussage vom Menschenherzen klingt nicht so sehr nach Frieden, finde ich. Aber sei‘s drum – es wird wohl manchmal so gesehen, dass es sich um ein Friedensangebot handelt … Ich steig da jetzt nicht tiefer in die theologische Diskussion.

Das frühe Christentum kannte die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel als Friedenssymbol – sagt jedenfalls die englische Wikipedia. Im englischsprachigen Raum hat sich der Olivenzweig als Friedenssymbol durchgesetzt; das kann man in vielen Bereichen sehen. Im Deutschen sehe ich dazu keine Parallele.

Olivenzweig oder Friedenspalme – warum ich Ursula und Christian Grawe nicht folgen kann

Zurück zu „Stolz und Vorurteil“ und der Übersetzung der Grawes. Ich finde die Friedensmetapher tatsächlich etwas weniger wahrscheinlich, obwohl ich sonst auf Grawes Übersetzung sehr, sehr schwöre.

Dass bei ihrer Übersetzung ziemlich eindeutig keine Schwangerschaft von Charlotte vorliegen soll –  „Der Rest des Briefes handelt nur von dem Wohlergehen seiner geliebten Charlotte und der Hoffnung, dass ich mit der Friedenspalme wedele.“ – hat mich offenbar nicht daran gehindert, genau so eine Schwangerschaft bei ihr anzunehmen und diese Stelle als Referenz dafür abzuspeichern. Wahrscheinlich weil ich inzwischen das englische Original gelesen hatte.

Weshalb ich das mit der Friedenspalme nicht so überzeugend finde, liegt an der Situation, die in dem Brief behandelt wird.

Darin tadelt ja der Geistliche Collins seinen Vetter Bennet dafür, dass er das verworfene Paar Lydia und George Wickham in seinem Haus empfangen hat. Er hat ihm quasi gesagt, er solle diese Tochter aus seinem Herzen reißen und er dürfe sie nicht empfangen. Und er müsse sie zwar lieben, aber er dürfe sie nicht empfangen. Lauter so ein Quatsch. Collins halt …

Und in dem Zusammenhang finde ich es sehr schwierig zu denken, dass selbst William Collins, in all‘ seiner Verschwurbeltheit, erwarten würde, der, den er da gerade so tadelt, hätte ihm ein Friedensangebot zu unterbreiten. In seiner Verschrobenheit und in seinem Überlegenheitsgefühl als Geistlicher hat er einen in seinen Augen vernünftigen Tadel ausgesprochen und wendet sich dann anderen Dingen zu – z. B. Charlotte und ihrem Ergehen.

Ich bin weiterhin der Meinung, dass Charlotte schwanger ist. Sorry, Ursula und Christian Grawe.

Published byHeike Baller

Bis zum Morgen schmökern, Kissen nass weinen, bei der Bahnfahrt mal eben los gackern – das alles und noch einiges mehr bedeutet Lesen für mich. Naja, die Nächte lese ich nur noch selten durch, da melden sich doch zu penetrant die erwachsenen Bedenken in Sachen „Wecker am Morgen“ … Aber in der Bahn können Sie mich immer mal wieder grinsend oder kichernd erleben. Mit einem Buch vor der Nase. Da ich außerdem gerne mit anderen über das, was ich gelesen habe, diskutiere, habe ich dieses Blog gestartet. Leselust, das ist es, was mich antreibt, immer neue Bücher zu kaufen, zu leihen und vor allem zu lesen. – Vorlesen tu ich übrigens auch gern.

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