Tricontium von Maike Claußnitzer

Tricontium von Maike Claußnitzer

Na, das wurde aber Zeit, dass ich endlich mal den ersten Band der Reihe rund um Ardeija, Herrad und Wulfin von Maike Claußnitzer gelesen habe. Eins spricht schon mal für die Reihe – ich hatte an den Folgebänden und Geschichten durchaus Freude, auch ohne diesen ersten Band zu kennen.

Was erzählt Maike Claußnitzer?

Eine unglaublich verwickelte Geschichte, wenn man überlegt, wie viele Personen, Handlungsstränge und Zeit- oder Erinnerungsebenen hier verflochten sind.

Grob nacherzählt …

Geht nicht; ich habs versucht 😉

Also was zu den einzelnen Personen:

  • Herrad, Richterin in Aquae Calicis, soll die tricontinische Mark als Richterin übernehmen. Das Grenzland soll so gesichert werden. Wer weiß, wann die Barsakhanen wieder zuschlagen. Doch da ist nix, alles verwaist, selbst ihr Vorgänger, Honorius, ist nicht auffindbar – sie kehrt zurück nach Aquae Calicis. Dort bekommt sie das Amt der Hochrichterin – vorübergehend und von Männern, denen sie nicht traut. Ihre Erinnerungen: Kindheit in der Nähe von Mons Arbuini – das Straflager mit Zwangsarbeit – und eine Reise in den Süden mit Placidia Justa, einer lebenslustigen und ehrgeizigen Frau.
  • Ardeija, Hauptmann in Herrads Wache, aufgewachsen mit einer Mutter, die ihren eigenen Kopf hat und deren Partner, seinem Stiefvater, der inzwischen nicht mehr lebt.
  • Wulfila, als Dieb gebrandmarkt, nach einem Urteil von Herrad, weil er ein Huhn und ein Seidenhemd gestohlen hatte; zur Zeit der Handlung ist das fünf Jahre her; sein damals noch in den Windeln liegender Sohn Wulfin hat einiges mitgemacht.
  • Wulf, Wulfilas Vater, den Wulfila vor einiger Zeit aus Mons Arbuini freigekauft hat. Ein begnadeter Koch.
  • Placidia Justa, Herrads Freundin aus alten Tagen, die sich als Vögtin in Aquae Calicis niederlässt – am Königshof, wo sie bisher tätig war, ist zu viel Umbruch; der König ist nach einem Attentat gestorben.
  • Theodulf, der Schwertmeister Asgrims, der Ardeija gefangen nahm, als er sich, nach Asgrims Meinung unberechtigterweise, mit Waffen auf seinem Land befand. Theodulf hat sowohl mit Asgrim als auch mit Ardeija seine eigene Geschichte.
  • Dann gibt es noch die Männer, die im Krieg vor sieben Jahren aktiv waren, in der Schlacht von Bocernae Schlimmes erlebten oder wie der Herr von Ardeija, Gudhelm, dabei zu Tode kamen. Er mischt sich als Geist ins Geschehen ein.
  • Eine wichtige Figur ist Gjuki, Ardeijas kleiner Drache, dessen Feuer dabei helfen kann, Geister sichtbar zu machen.
  • Asgrim, Herr auf Brandhorst, und Graf Ebbo von Corvisium haben eigene Pläne.

Ein Schatz wird gesucht. Magier haben wirkungsvolle Auftritte. Und Totgeglaubte leben länger … das alles verflochten mit Politik und Geschichte – immer wieder wird auf die Römer verwiesen, von denen auch einer als Geist mit von der Partie ist. Und der Krieg, die Schlacht von Bocernae – das ist das zentrale Ereignis, von dem viele Handlungsfäden in die Geschichte führen.

Ehrlich – ich bin völlig fasziniert, wie komplex die Beziehungen zwischen den Personen sind, wie sie sich im Laufe der Zeit ändern. Glaubte ich bei den anderen Büchern noch, einzelne Personen seien „jetzt“ dazu gekommen – nein, sie haben schon in Tricontium ihren Auftritt.

Maike Claußnitzer behält alle Fäden in der Hand und schürzt und entwirrt ihre handlungstreibenden Knoten souverän.

Drei Vignetten schwarz-weiß, im Kreis angeordnet mit keltisch anmutenden Verzierungen als Unterngrund: Ein Wolf mit Augenkklappe, ein Schild mit Drache, ein altes Buch mit Tintenfass udn Federkiel
Drei verschiedene Vignetten, die abwechselnd die Kapitelanfänge schmücken. Copyright: saje design, Sameena Jehanzeb

Wie erzählt Maike Claußnitzer?

Mit viel Sprachwitz. Ihr Stil ist sehr aktiv – und kreativ. Ein paar Beispiele:

 … und sah die Angst, umsonst geträumt zu haben, in einem sehr zufriedenen Lächeln ertrinken, …

Ende 26. Kapitel – in meinem E-Book-Reader habe ich keine Seitenangaben)

Am Anfang des 24. Kapitels beschreibt Maike Claußnitzer den Eingang zum Häuschen von Paulinus, Herrads altem Lehrer:

Der kleine und reichlich angeschlagene steinerne Löwe, in dessen Maul ein wohl von einem übermütigen Vorüberkommenden zurückgelassener Wacholderzweig steckte, hatte das Gartentor noch nicht bewacht, als Herrad ihren magister iuris zuletzt besucht hatte. Er musste die Zeit, in der sie sich in Tricontium aufgehalten hatte, zu einem seiner Plünderungszüge durch die herrenlosen Trümmerfelder der Stadt genutzt haben. Vor zwanzig Jahren war er auf die gleiche Weise zu der kopflosen Nymphe gekommen, die ihre Reize neben den drei Stufen zur Schau trug, die zur Tür des kleinen Hauses hinaufführten …

Anfang 24. Kapitel

Ich sagte ja schon, dass Gjuki immer mitspielt:

Ardeija hatte Gjuki, der mittlerweile seinen Bauch und vier klebrige Drachenbeinchen leidlich gesäubert hatte, hochgehoben und streichelte ihm den Rücken, was wahrscheinlich ebenso sehr seiner eigenen Beruhigung wie der Steigerung von Gjukis Wohlbefinden diente.

kurz vor Ende des 14. Kapitels

Eine Besonderheit – Geschlechterrollen

Wie Maike Claußnitzer schon in ihrem Interview gesagt hat, hat sie sich eine spätantike Welt nach ihrem Gusto zusammengezimmert. Es gibt Tee und Papier und Frauen füllen Rollen aus, von denen sie in der realen Welt Europas bis ins 20. Jahrhundert nur träumen konnten. Richterin und Vögtin z. B.

Auch in Beziehungen lassen sie sich nichts sagen. Herrad erzählt an einer Stelle, wie ihre Mutter, die Zolleinnehmerin im Turm bei Mons Arbuini, ihren Mann bekam: Er saß wegen Zollverstößen ein, gefiel der Amtsinhaberin aber so gut, dass sie ihm die Strafe gegen eine Eheschließung erließ.

Wenn wir „Konkubinat“ hören, assoziieren wir in der Regel „ein (mächtiger) Mann und Nebenfrau(en)“. In der Welt von Maike Claußnitzer geht das auch anders rum. Dann ist es keine Konkubine, sondern ein concubinus – ein Geliebter, der, dem Glossar, am Ende entsprechend eben als „männliche Konkubine“ zu verstehen ist.

Placidia Justa hat auf der Reise mit Herrad, einige Jahre vor der Handlung, sich durchaus für hübsche Männer interessiert. Und ist auch jetzt attraktiven Männern zugewandt.

In der Geschichte „Eine gelbe Rose“ ist der Aufwand, den ein Bräutigam zu seiner Hochzeit zu treiben hat, das Thema – „mann“ musste schon was tun, um positiv und attraktiv zu erscheinen.

Maike Claußnitzer geht also hin und dreht die uns geläufigen Rollen einfach mal um. Das gefällt mir sehr. Vor allem, weil sie es nicht mit dem Holzhammer tut, sondern der Eindruck so nach und nach entsteht – es ist selbstverständlich.

Ich hatte also Freude beim Lesen.

Maike Claußnitzer: Tricontium, BoD, Norderstedt, 2013, ISBN 9783741246968 (E-Book)

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