Thema 1914: Es ist Frühling und ich lebe noch von Marcel Atze und Kyra Waldner

Thema 1914: Es ist Frühling und ich lebe noch von Marcel Atze und Kyra Waldner

Der das sagte, war kurz danach tot …

Marcel Atze und Kyra Waldner haben in diesem Band Zeugnisse aus dem Handschriftenbestand der Wienbibliothek zusammengestellt. Tagebücher, Briefe , Korrespondenzkarten und Fotografien haben die beiden durchstöbert – herausgekommen ist ein Blick auf den ersten Weltkrieg von ganz unterschiedlichen Menschen, die die Folgen des Kriegs  an der Front – mal im Osten, mal im Westen -, in Wien oder in Gefangenschaft erleben und festhalten; drei Beispiele:

  • der Tagebuchschreiber Karl Wallner war Artillerieoffizier und notierte alles, was ihm „im Feld“ widerfuhr – Lazarettaufenthalte und Urlaube wurden nicht berücksichtigt. Die unbequemen Schreibsituationen führen zu unordentlicher Schrift, was er regelmäßig zu entschuldigen bittet. Die mangelnde Information der Truppe ist bei Karl Wallner ebenfalls ein Thema – Zeitungen an der Front lesen, wie es ein Plakat suggeriert: unmöglich.
  • Briefe des 1914 sechsjährigen Hans Weigel schildern das Leben eines Kindes, das den Vater vermisst und – bevor es selber schreiben kann – der Mutter die Briefe an den Vater diktiert. Hans Weigel musste sechs Jahre lang auf das Wiedersehen warten, denn der Vater war in Sibirien gefangen. Er schildert dem Vater nicht nur den Stundenplan in der Schule, sondern berichtet auch von seinen Noten. Einige der über 60 erhaltenen Karten und Briefe sind abgebildet – ebenso einige der Antworten des Vaters.
  • die schlimmen Gesichtverstümmelungen und ihre Folgen schildern Marcel Atze und Kyra Waldner anhand der Geschichte von Stefan Jadzyn, der infolge einer Blutvergiftung die Verletzung nicht überlebte; viele Soldaten aber überlebten diese Blessuren. Im zugehörigen Kapitel finden sich Abbildungen von Gipsbüsten mit solchen Verwundungen aus dem Wiener Zahnmuseum und Fotos vernarbter Gesichter.

Razglednica kaverne na Krnu
Slovenischer Bunker bei einer der Isonzo-Schlachten.
„Von Aufzeichnen bis Zensieren. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in Infinitiven“ lautet der Untertitel des Bildbandes; nun alle 26 Buchstaben des Alphabets sind nicht berücksichtigt, das Panorama ist aber breit gefächert: Neben „Gefangen“, „Sterben“ und „Verweigern“ finden sich auch „Komponieren“, „Dichten und „Lieben“. Frontgeschehen, das Leben in Wien, Bettelkorrespondenz einer adligen Lazarettleiterin – Marcel Atze und Kyra Waldner erzählen die Geschichten der Menschen, die da aus der historischen Anonymität treten, lebendig und teilweise anrührend. Manche der Geschichten enden ein bisschen unvermittelt – das ist der Quellenlage geschuldet. Manchmal hätte ich gern gewusst, was aus der erzählten Geschichte geworden ist.

Die vielen Abbildungen von Tagebüchern, Tagebuch- und Briefseiten vor allem, von Fotos und auch Plakaten, von Formularen und Karikaturen illustrieren die Geschichten, die gut lesbaren Schilderungen der Autorin und des Autors lassen die Menschen dahinter lebendig werden.

Marcel Atze und Kyra Waldner (Hg.): „Es ist Frühling und ich lebe noch“ – Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in Infinitiven, Residenz Verlag, St. Pölten, 2014, ISBN: 9783701733361

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