Thema 1914: Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus und Anton Holzer

Der Optimist: Es ist gewiß gefährlich, wenn Kinder mit Granaten spielen.

Der Nörgler: Und die Erwachsenen, die desgleichen tun, hüten sich nicht einmal, mit Granaten zu beten! Ich hab ein Kreuz gesehen, das aus einer verfertigt war. (Die letzten Tage der Menschheit (1. Akt,, 29. Szene), S. 52)

rp_Bild-Sachbücher-150x1501.jpgSo was fällt nur einem Dichter ein? Nein, nein, auch wenn die Passage aus dem Drama von Karl Kraus stammt, ist es irgendwann so gesagt oder geschrieben worden – von jemand anders. Karl Kraus hat sein Drama 1922 als Buch veröffentlicht (vorher war es in “Die Fackel” zu lesen). Grundlage dafür war das, was er in den Kriegsjahren an Äußerungen sammelte:

 

  • von Passanten
  • aus Zeitungen
  • aus öffentlichen Verlautbarungen
  • aus Briefen

– er hat nichts erfunden, “nur” zusammengestellt. Aber er war eben Karl Kraus – also entstand ein entlarvendes, bitterböses Antikriegswerk.

“Die letzten Tage der Menschheit” ist im Laufe der Jahre etwas in Vergessenheit geraten, oder wurde, so sagt es Anton Holzer im Vorwort, v. a. symbolisch verstanden. Es war aber nie symbolisch gemeint.

Ludwig in Lemberg

Eine Postkarten”idylle” nach der Schlacht von Lemberg – auch so ein Bildokument, das Karl Kraus gesehen haben könnte

Nun hat der Fotohistoriker Anton Holzer einen informativen Bildband vorgelegt. Darin stellt er neben einzelne Szenen aus “Die letzten Tage der Menschheit” Fotos, die auch Karl Kraus zwischen 1914 und 1918 gesehen haben könnte – v. a. Zeitungsfotos, aber auch Privatfotos. Anton Holzer verfügt selber über eine Sammlung, die er hier genutzt hat. Hinzu kommen erläuternde Abschnitte zu einzelnen Aspekten des ersten Weltkriegs wie

  • Frontberichterstattung – da werden auch die Figuren des Dramas mit ihren realen Vorbildern in Verbindung gebracht
  • Propaganda
  • Kriegsgefangene

Sie bekommen hier nicht das gesamte Dramas Karl Kraus’ zu lesen. Da ist sicher auch die im Literaturverzeichnis genannte Taschenbuchausgabe handlicher. Sie bekommen mit diesem Buch einen Überblick über Bilddokumente zum ersten Weltkrieg, sachkundig kommentiert von Anton Holzer und bitterböse in Szene gestzt von Karl Kraus. Man kann das Buch von vorne bis hinten lesen, muss es aber nicht. Anton Holzer bringt mit diesem Band noch mal ein paar Aspekte ins Bild-Bewusstsein, die sonst beschrieben werden. Und er gibt Anlass, das Drama von Karl Kraus mit neuem Blick zu lesen – nämlich als Zeitdokument.

Anton Holzer (Hg.): Die letzten Tage der Menschheit. Der erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus, Primus Verlag, Darmstadt, 2013, ISBN: 9783534248124